Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 8
- Date
- 1919-01-01
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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wie die ökonomische Geschichtsauffassung nur ganz allgemein erklären kann, daß bestimmte Phasen der Wirtschaftsentwicklung ähnliche kulturelle Erscheinungen zeitigen. Aber die spezifischen Unterschiede der auf gleicher Entwicklungsstufe stehenden Erscheinungen (fränkischer Ritter, arabischer Retter, Hans, Walther von der Vogel weide) kann jene Theorie, auch wenn siekdurchaus richtig wäre, nicht erklären. Das Spezifische des jüdischen Seins wird durch keine »allgemeine politisch ökonomische« Notwendigkeit erklärt. Aber dieses Spezifische ist es, um das es uns geht. Geschichte des Zionismus, meine sehr verehrten Herren! Nach Achad haam und Birnbaum laßt uns Heß beschwören, den größten, den wir hatten, der noch immer nicht entdeckt ist, so viel man ihn auch lobt. Das innerste Wesen des Judentums erschließt er uns. Der Geschichtsplan in den heiligen Schriften setzt die Einheit des Menschengeschlechtes als Aufgabe und Ziel der geschichtlichen Entwicklung. Dies der Sinn des Prophetismus, der für Heß die gemeinsame Quelle für Sozialismus und Zionismus war. Zionismus ist die Aufgabe des jüdischen Volkes, die Einheit seines Lebens und seiner Lehre, das heißt seines Geistes herzustellen, um für jene Entwicklung den Weg zu bereiten. Bei Herrn Heinrich Margulies aber sind die Propheten nichts anderes, als antike — Sozialpolitiker . . . Und Pinsker, Herzl > > Gemach! Pinsker, dem frühen Aufklärer geht es um die Gleichwertung der Juden, Herzls Ausgangspunkt war die verletzte Menschenwürde im Juden. Sein Zionismus, der Königsgedanke eines adeligen freien Judentums. Alles andere war Theorie, Konstruktion, wahrscheinlich richtige, aber in der ganzen Ahnengalerie des Zionismus finden wir keine >allgemein politisch-ökonomische« Gleichwalzer. Pinsker und Herzl sehen auch das ökonomisch-soziale Judenleid nicht als litauisches oder slowakisches, sondern als etwras spezifisch Jüdisches an. Bis hierher ist gar nichts über das >Politisch-ökonomische« selbst gesagt worden. Damit stimmt's nämlich am allerwenigsten. Es ist ja Gemeinplatz; wir haben keine Bauern und keine normale Wirtschaft, das, gerade das haben die Litauer und Slowaken, oder die Möglichkeit dazu. Wir sind in der ganzen Welt zerstreut und an zwanzig Nationen assimiliert. Das sind die Litauer und Slowaken nicht. Wir sprechen zwanzig Sprachen nur nicht die eigene, jene nur die eigene, usw. Jeder zionistische Mittelschüler weiß das. Als die Bilu auszogen und die späteren Pioniere, da folgten sie einer inneren Stimme und sie wurden nationale Helden. Die >allgemein politischökonomische Lage« war auch für die westlichen Juden gegeben. Aber jene allein waren vom dreimal verpönten Geist angetrieben und ihren Taten verdanken wir den heutigen Erfolg. Politik und Geist sind keine Gegensätze. Gegensätze sind Machtpolitik und jüdischer Geist. Die Juden konnten und können glücklicherweise keine Machtpolitik treiben! Wo sie es versuchten, folgte politischer Untergang. Ihre Eigenart: daß sie bei solchem Untergang den Geist, ihren Geist gerettet haben. Sinnen und Trachten erschöpfte sich nicht in einem politischen Ziel; und dies hat sie bewahrt. Im Zionismus handelt es sich nicht um eine Addition: Politik plus Geist, Gesellschaft plus Gemeinschaft, denn jüdischer »Geist« ist keine abstrakte Qualität (auch Politik läßt sich mit »Geist« — in diesem Sinne betreiben), sondern ein bestimmter Gestaltungswille. Ohne 251