Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 8
- Date
- 1919-01-01
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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ZEITGEMÄSSE BETRACHTUNG In dem Grade, in dem die zionistische Organisation ihre Tätigkeit auf die Galuthpolitik ausdehnt, weiß das Verlangen der Theoretiker den Zionismus als eine der modernen nationalpolitischen Bewegungen unter so vielen gleichen zu erklären. »Der Zionismus als nationale Volksbewegung orientiert sich im Wesentlichen (!)... an der allgemeinen politisch-Ökonomischen Nationalitätentheorie,« sagt Heinrich Margulies in seinem Buche. Auch andere Nationen hätten eine nationale Diaspora, der Zug der Entwicklung gehe nach Ausmerzung des Landbegriffes und Hinwendung zu einem Personalitätsprinzip in der Nationalitätentheorie, siehe die Auffassung Renners. Die Nationswerdung ist nach diesem ein ganz allgemeiner Vorgang, siehe das Erwachen der »geschichtslosen Nationen« ■ Ruthenen, Slowaken usw. Die Juden machen »in einer zwanzigjährigen Epoche der Nationswerdung« dieselben Entwicklungsstufen durch wie diese usw. Heiliger Achad haam! Umsonst hast du dich jahrelang bemüht, uns klar zu machen, daß wir kein Volk vom Range der Litauer, Slowaken usw. sind, sondern eine bestimmt charakterisierte Nation mit einem durch Jahrtausende angesammelten Kulturgut und einem spezifischen Wesen. Wir sind wahrlich nicht geschichtslos wie jene, die jahrhundertelang in Adelsfrohn gehalten, erst jetzt zum Nationsbewußtsein erwachen. Wir erwachen nicht zum Nationsbewußtsein, sondern wir ringen um den Erwerb und die Erneuerung dessen was wir von unseren Vätern ererbt. Warum sind wir überhaupt noch da? Warum gibt es überhaupt noch eine Judenfrage? Wäre die »politisch-ökonomische« Lage die ausschlaggebende, dann hätte Marx mit seiner Auffassung recht gehabt, dann hätten wir mit der Kommerzialisierung der Welt verschwinden müssen. Doch nicht nur das Woher unserer Nationalitätenfrage, sondern das Wohin läßt jenen Versuch, unser spezifisches Problem so lange platt zu wälzen, bis es sich dem »allgemeinen Schema einpaßt« als eine aussichtslose Übung erscheinen. Es ist nicht einmal wichtig, daß dieses Schema die Trennung des Nationsbegriffes vom Landbegriff enthält. Überflüssig nachzuweisen, daß unsere Diaspora nicht gleicht den zerstreuten Spittern autochthoner Völker in aller Welt. Vielleicht wird einmal eine Annäherung an diese Form eintreten, wenn das Palästinazentrum ausgebaut sein wird. Vielleicht — das beträfe aber immer nur das Formale, nicht das Wesentliche. Das Wesentliche! Wann endlich wird mann einsehen, daß Politik bloß eine notwendige Voraussetzung der Selbstbehauptung ist, daß sie aber an sich nicht das Wesen des sich Behauptenden ist; daß umgekehrt noch ihre Form von diesem Wesen mitbestimmt wird. On mange pour vivre, mais on ne vit pas pour manger. Darum verschone man uns endlich mit der berühmten Antithese : Politik versus Geist. Politik ist kein Selbstzweck, sondern nur ein Mittel, traurig, daß es nötig ist, dies so oft zu sagen. Allein der Einfluß der »allgemeinen ökonomisch-politischen« Lage auf den Geist! Die Überbautheorie; darauf hat schon vor 25 Jahren Birnbaum geantwortet, der heute als Eideshelfer für die »Volkspolitik in der Galuth« beschworen wird. In seiner »Jüdische Moderne« (1896) kann man nachlesen, 250