Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 8
- Date
- 1919-01-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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lebendigen Gott treu geblieben sind, ist gar nicht gering, die in Herzenseinfalt und oft in bitterster Armut sich ihres Gottes erfreuen, in wirklicher Überlegenheit über des Alltags Nöte stehen, ihres Heiligen sicher. Und durchaus nicht zuletzt unter jenen, die der Überlieferung, der »Gesetzestreue« nicht treu blieben, aber desto treuer der wahren und eigentlichen Überlieferung Jißraels. Wer wird zu zweifeln wagen, daß Gustav Landauer, der wahren eigentlichen Überlieferung größere Treue hielt, als die meisten Rabbinen der Gegenwart zusammengenommen? Da gibt es »Orthodoxe«, deren rechter Weg in der Tat kein anderer ist, als der des Gottes Mammon, die täglich Gott mit ihren Taten, mit ihrem Wesen und Gebaren lästern, ihm sich aber gefügig machen wollen durch einige Ausübung mehr des magischen Rituals. Nein, es vermag sie nicht reinzuwaschen. Besinnen wir uns doch, blicken wir doch um uns, welche Wandlung ist in uns vorgegangen. Ein Vermögen in fremden Valuten ist unser Gott! Die Winkelbörse ist unser Tempel, das schmutzigste Schiebertum ist unser Gottesdienst, Tingl-Tangl, Pferderennen, Schmuck, Zimmereinrichtung, erschleichhandelter Fraß — unsere Gottfreude. Ja! Wir haben nun völlig vergessen, daß das Menschenleben nur ein kurzer Traum ist, unser Leib den Würmern; wir haben unser Leben eingerichtet, als ob wir ewig wären — und träumen gräßlich. O »koscher und trephe!« wie schlau — scharfsinnig sind wir doch zu unserem Gott. Wie seltsam, daß er sich dessen nicht erfreut und mit Pogromen dankt. Geld ist uns höchster Maßstab des Lebens geworden, Geld entscheidet, läutert, heiligt, macht »anständig«, tüchtig; vertrauenswürdig ist wer Geld hat, verehrungswürdig wer Geld hat, nachahmenswürdig wer Geld hat — und Gott, der reichste Börsenjobber, manöyiert auf der Börse, daß die Welt in ihren Fugen kracht. Wir haben vergessen, daß es Schabbath gibt. Kiddusch ja Fische ja, »Kugel« ja, und meinetwegen auch Schabbathgebet — aber dem »Geschäft« gegenüber gibt es keinen Schabbath. Und gerade ausschließlich nur gegen die Geschäftigkeit ist uns der Schabbath geschenkt worden. Welcher von unseren Schiebern holt am Schabbath »das Buch« hervor, um in geruhiger, lauterer Muße sich für einen Augenblick dem lebendigen Gott hinzugeben? Feiertage ja. Haskarah! — In der »Neuen Freien Presse« ist die Ankündigung zu lesen. Wir Juden sind so pietätsvoll — übrigens- 237