Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 8
- Date
- 1919-01-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Um kein Titelchen wird die Schuld der Mörder durch Sünden des Gemordeten geringer. Wir aber, die Opfer, dürfen uns eicht selbst täuschen: unsere Sünden sind in Wahrheit nicht gering. Diese großen Leiden dürfen an uns nicht vorbeigehen, ohne innere Einkehr und Umkehr, ohne Besinnung auf unsere eigene Schuld zu bewirken. Verfolgen wir unsere Wege zurück, forschen wir ihnen nach. In Zeiten großer Plagen und Leiden pflegte sonst das jüdische Volk immer zu allererst sein eigenes Leben zu prüfen, ob es die schwere Prüfung nicht verschuldet hat. Sollte gerade unser Geschlecht rein von jeder Sünde sein, ein Geschlecht von lauter Gerechten? Halten wir nicht inne im Anklagen der Schuldigen, aber suchen wir alle auf — und zu diesen gehören auch wir, die Opfer. Unsere Schuld besteht darin, daß wir uns vom lebendigen Gott abgewandt und dem Widersacher — Erfolg, dem Aftergott — Mammon nicht allein gebückt, sondern unsere Seele ganz dargebracht haben. O wir Kurzsichtige, noch immer haben wir nicht gelernt, daß niemand uns früher und mehr schaden kann, als diese unsere Abkehr von Gott, vom wahren Gott, der sich durch verschiedene Kapparoth nicht leicht begütigen läßt; daß kein Mensch uns früher anklagen kann, bis es unsere Taten früher tun; daß keine Gewalt früher über uns flacht bekommt, bis sie ihr unsere Taten einräumen. Der »alte Jißrael« lebt noch, o ja! Sogar in den Großstädten des Westens -sind seine Spuren zu finden. Allerdings muß man sie erst suchen. Nicht auf den Kais, Boulevards, in den Kaffeehäusern, nicht im Theater und Tingl-Tangl, wo Hatikwah gespielt wird, ist er zu finden, nicht in den neuausgestatteten »Salons« der Schieber, nicht dort, wo man sonst Juden zu finden pflegt, dort am allerwenigsten. Nicht einmal in den Tempeln und in den Kabarettsräumen, die für die »hohen Feiertage« in Tempel gegen Eintrittsgeld umgewandelt werden. Aber zuweilen sehen wir in den elendsten Großstadtstraßen eine gedrückte, schäbige, abgezehrte Judengestalt, von der die Schechinah in ihrem lauteren Glanz strahlt. In elendster Verbannung hat dieser Jude Züge von Gottes Ebenbildhaftigkeit behalten. In seinem armseligen Kaftan dient er nicht dem Teufel; der Mammon ist sein Herr nicht, er ist nicht von seinen Lüsten besessen. O gewiß, die Zahl derjenigen, die dem 236