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Jüdische Rundschau · 1925-10-09 · Heft 79-80 (9.10.1925) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXX (1925)
Issue
Heft 79-80 (9.10.1925)
Date
1925-10-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Seite 673 3 :0 70/80 .זא 1ÜEÜISCHE RUNDS’CnXO iälii-1 Jabolinsky (Zum deutschen Souderheft des ״Raßwjet“.)' Von Dr. Gustav Krojanfccr Jabotinsky hat Aufsätze aus den Jahren 1922—1925, eigene jC <!ic seiner politischen Freunde,, in einem deutschen Sonder- *cft״ des ״Rnßwjct“, erscheinen lassen. Al>cr einen Mann ^,jabotinsky muß man reden hören. Um den Namen jjfjcs Mannes ist im Guten wie im Bösen ein Klang, dessen jlerkmift dein kaum verständlich sein wird, der nur den Schriftsteller liest, so weit er wenigstens in diesem Rahmen sich darstcllt. Man muß ihn reden hören, wichtiger noch: man muß ihn gesehen haben. Auf der Tribüne steht ein untersetzter Mann, dessen Kopf leichthin an eine Bulldogge erinnert, ln deiner Haltung liegt etwas ungemein Kraftvolles und Selbstbewußtes, vor allem Selbstbewußtes. Er scheint auf 'Beifall wjc auf Widcrspruchskundgcbungcn mit einer souveränen Erhabenheit, beinahe Verachtung hcrabzuschcn. Und in dieser Haltung liegt durchaus nichts Gewolltes; sic entspricht offenbar seinem Wesen. Das ist der jüdische Korse, denkt man; •'ס; י hat man ihn sich immer gedacht. Sicher liegt schon in;;1 :;ל ^cscr Haltung ein wesentlicher Teil seiner Wirkung. Mau bur;; wcjß zwar noch nicht, ob ein Fürst dahintersteckt, aber der!. ::׳ Masse des hörenden Publikums genügt schon die Geste, jjjC von vornherein dem Wort einen besonderen Nimbus , i verleiht. Dabei dürfte sein Wort schon an sich hinreichend h,'3 sein, eine Menge mitzureißen. Er soll in der russischen c 1; ״ jpraclic ein Wortkünstler von Rang sein und noch manche d u n ~; andere Sprache besser beherrschen als das Deutsche. Er!י!:" j {*herrscht das Deutsche auch tatsächlich nicht korrekt, aber cs muß wohl so sein, daß die Sprache an sich ihn beherrscht ׳ und daß er deshalb noch das für ihn sprödeste Material lc' £;! wie mühelos in seine eigene, eigenwillige und dabei in hohem ""1j Maße bestrickende Form zwingt. Getrieben wird das alles -.! durch ein großes und starkes Temperament, das schon immer; etwas Bestechendes hat und das in dieser Verbindung von gefestigter Sicherheit und ausbrcchcndcr Entladung nicht nur li;..;: einen geschickten und wirkungsvollen, sondern tatsächlich ״roßen Redner ausmacht. Gewiß gellt ein Hauch von Leidenschaft und Willen , ״ , :uch durch seine Aufsätze. Aber der Schriftsteller ist im j£:C': Gegensatz zum Redner keineswegs groß genug, um durch die b;f£ i form auch den Inhalt in eine bedeutendere Sphäre zu heben. Y;,;\ ׳ Aus den vorliegenden Aufsätzen wenigstens spricht nichts fii;;::21 :־; die durchschnittliche Fälligkeit eines schriftgewandten In- 1;cllektucllcn. Während also der Hörer in dem ursprünglichen ££ i Gefühl der Bejahung erst unsicher wird, wenn der Verstand r:0':, cs zu prüfen beginnt, steht der Leser ganz unvermittelt "ss;. : vor dem nackten Inhalt eines Programms, das sich rein als t Taktik, und noch als diese recht schnell als reichlich dürftig A׳: . : hcrausstcllt. 1 jr:;; Ob Jabotinsky 31un überhaupt ein Programm hat, das ח G’; mehr als Taktik ist, ob hinter seiner Taktik die Strategie 1c;: u1cr Persönlichkeit steht, aus deren Zentrum Anschauung, . ^J. Gesinnung und Gedanke notwendig und einheitlich fließen,;cht aus diesen Aufsätzen wenigstens direkt nicht hervor, c •T; ::: ihnen ist nur von der Taktik der Bewegung die Rede. vo£ l'nd obschon ein Schimmer will letzten Traum eigentlich c: ׳,j auch schon auf dem ersten Weg liegen müßte, wollen w ir ,»*'S uns anständig an das halten, was er sagt, statt zu bemängeln, 'i was er nicht sagt. Was er sagt, kann mit seinen eigenen Worten in dem (C^fl einen Satz ziisainmcngcfaßt werden: ״Der Zionismus ist und cs y.' bleibt eine politische Bewegung, stellt und fällt mit der polijelia:• ,hohen Methode/‘ Und fn diesem Sinne wird nun gezeigt, ' >:: i wie sehr alle wirtschaftlichen Aufgaben der Kolonisation von j politischen Vorbedingungen abhängig und wie wenig diese * bei uns gegeben sind. Deshalb fordert er. Er fordert von der ־■: Mandatarmacht Ländereien für die Besiedlung; er fordert von : זר eine protektionistische Wirtschaftspolitik und Entwicklung : '0n Landwirtschaft und Industrie; er fordert von ihr eine; ״!nere Verwaltung, die in jeder Beziehung das jüdische o'cmcnt als den Träger der künftigen Majorität bevorzugt, ör fordert vor allen Dingen die Errichtung einer ״eisernen i 1^nd“ gegen die Araber, das heißt die Befestigung einer; olleren Macht von Bajonetten, da die Araber freiwillig die; Erlangung einer jüdischen Majorität doch niemals zulassen 1 'iirden. Diese Bajonette aber fordert er von uns, die wir flit eigenem Blut für unsere Sache cinzustclicu hätten. Er Ordert, aber er klagt auch an. Seine Anklage richtet sich?^cn die Mandatarmacht, die viel geschehen lasse und sc d: jaches tue, um die proklamierte jüdische Heimstätte in ihrem Werden zn hindern; seine Anklage richtet sich ebenso gegen zionistische Bewegung, die im politischen Ziel lau und 'erzagt geworden sei und sich mit den kleinen Erfolgen der Praktischen Arbeit zufrieden gebe. ( Gegen seine Forderungen ist wenig zu sagen. £s stellt ‘ar jeden außer Zweifel, daß gewisse politische Vorbedin- ^”Ken, die uns heute noch fehlen, nicht nur wünschenswert, . ( i0r‘dcn1 wirklich für die Zukunft unerläßlich sind. Es mag a!1n 1 tua: höchst zweifelhaft sein, ob das Heil wirklich gerade a:1uc: s!ה <jcn wn £״ffja״d verlangten Staatsländcrcicn liegt — ein a:;r,i Ncn.r׳cr wie Ruppin schätzt ihre Bedeutung außerordentlich 111,1!::■r; ein , aber daß man Massen nicht auf die Dauer eine sehr weitgehende staatliche Unterstützung kolopari; ״isicrcn kann und daß man in tausend Fragen auf eine wohlir d.'.y ׳,tsLintc Regierung angewiesen ist — das sind eigentlich; *C1nc sehr abgründigen Weisheiten. Und sic werden nicht ilc',.Vj [l!1npl mit besonderer Gründlichkeit vorgetragen. Man merkt r] 1י י jeder Zeile, daß hier über Fachfragen kein Fachmann f.;:J . ein Kenner weder der Kolonisationsgcschichtc noch , c: politischen Ockonomic überhaupt, sondern ein Politiker, L״c : ל e!Jc'Vc>Es zum Beleg hcranzicht, was dem Gebildeten ohnehin ^jufig ist. Seine Forderungen haben überdies alle den מ" * dr a״ jene Rezepte im Kochbuch zu erinnern׳, bei ir״״'' j '"״ן cs. heißt: ״man nehme“ und bei denen cs dann nur £;'r/ i c’ drirauf ankommt, zu wissen, woher man nehmen soll. £ i ]3^otinsky wird cs wahrscheinlich wissen, denn woher; Ab cr s0״s* ^as zu s0 erbitterter Anklage ablcitcn? ei!!::: Cr vcrschwcigt cs aus undurchsichtigen Gründen. In ,‘•Cm Heft \on 127 Seiten sind der Frage, mit welchen Mitteln au[ England cimvirkcn könnten, wenige Zeilen gewidmet. Mc״mössc eine nur politische Offensive cinsclzen, deren « ■?n »,eine Energie und einen Elan aufweisen, wie 3och ״‘c in der Geschichte der jüdischen Kundgebungen“. *י• Uli VJV 'UilUUv ULI jllUliklKU lt ״tnkt dabei an Massenpetitioneu, an einen gut vorbcrclfir,eVÜn^ fc>crhch aufgemachten alljtidischcn Kongress, an L״• mb'n3tion beider Methoden und ״allerlei andere Kom- 11onen“. Schon steigen Pul>crtätsträumc von Macht herauf, wir sehen das Tor za den lockendsten Möglichkeiten geöffnet, da überläßt cr schon alles weitere unserer eigenen aufgeregten Phantasie. Es handle sich für ihn um das Prinzip, nicht um die Form. Aber was für ein merkwürdiger Irrtum! Würden wir die Staatsländerei ablchncn, gegen eine uns günstige Zollpolitik Sturm laufen, Maßnahmen der Verwaltung zu unserer Förderung sabotieren wollen? Nein, cs handelt sich gerade um die Form, tun dies Wie, das nicht, wer ein ganzes Buch als Ankläger füllt, mit einigen höchst nichtssagenden Zeilen abtun darf. Nicht das Prinzip scheidet uns, sondern die Form. Wir anderen nämlich glauben nicht, daß die Politik der Anfang der Dinge ist, sondern daß i!1r Anfang in Tatsachen liegt, die dann zum Gegenstand der Politik werden. Wir glauben, daß wir mit jeder neuen Siedlung in Palästina, mag das Tempo auch hinter unserer Ungeduld Zurückbleiben, auf Eng* land einen viel tieferen Eindruck machen werden als mit einer Massenpetition. Wir haben nichts gegen einen alijüdischen Kongreß, wenn er sieh zustande bringen läßt, aber wir versprechen uns von 100 000 Dunam ncucrworbcucu Landes wesentlich mehr. Wenn die politische Konjunktur uns augenblicklich ungünstig ist, so können wir sie nicht mit Pathos günstiger gestalten, aber wir können sic durch Tat* Sachen beeinflussen. ,.Wir haben nie“, so hat gerade in diesen Tagen der englische Außenminister Chamberlain gesagt, ״Regeln des Handelns für alle Fälle festgesetzt. Wir sind immer vom Besonderen zum Allgemeinen fortgeschritten, und unsere Freiheit verdanken wir dem weisen Grundsatz der Kompromisse“. In diesen Worten ist wirklich Englands politischcs Denken zutn Ausdruck gebracht. Es trägt den äugenblicklich bestehenden Verhältnissen sehr vorsichtig Rechnung. Mit jedem Stück clor von Jabotinsky verachteten Kleinarbeit sind wir dabei, einen neuen Tatbestand zu schaffen, der nach dem ״weisen Grundsatz der Kompromisse“ neue Regeln des Handelns zur Folge haben wird. Das Ganze ist der alte Unterschied zwischen dem, was wir vor dem Kriege ״praktischen“ und ״politischen“ Zionismus nannten. Dabei liegt der Unterschied natürlich nur in der Betonung. Auch dem praktischen Zionisten wird cs nicht cinfallcn, die politische Arbeit vernachlässigen zu wollen. Aber Politik ist für ihn die Kunst des Möglichen, während sic für Jabotinsky das Kunststück des Unmöglichen zu sein scheint. Es ist bezeichnend genug, daß auch vor dem Kriege die praktischen Zionisten stark im Ucbcrgcwicht waren und daß trotzdem zur gegebenen Zeit der bedeutendste politische Erfolg errungen wurde, den die Bewegung überhaupt zu verzeichnen hat. Das hat seinen Grund ganz einfach darin, daß die Praktiker keineswegs so unpolitisch sind, wie sic von der Opposition gern hingcstellt werden; vor allem aber darin, daß ihnen die praktische Arbeit selbst die Möglichkeit, auf vorhandene Positionen hinzuweisen, überhaupt erst die Vorbediugung für den politischen Erfolg gegeben hat. In einem einzigen Punkt wird Jabotinsky konkret. Da gellt er vom Prinzip bereitwillig und sogar sehr ausführlich zur Form über. Es handelt sich um die Araberfrage und die Form ihrer Lösung heißt: jüdische Legion. Die Araberfrage ist ein Problem für uns, die Legion nicht. Es mag der Zeit* punkt kommen, wo cs zwischen den Anhängern einer so militaristischen Methode und der sicher stark überwiegenden Zahl der Gegner eine Auseinandersetzung geben wird, die im Gegensatz zu den höchst theoretischen und prinzipiellen Erwägungen, die man heute daran knüpfen kann, sich sehr lebhaft und aktuell gestalten mag. Heute machen schon technisch-praktische F.rwägungon den ganzen Vorschlag zu einem akademischen ,Thema. Er ist für uns interessant nicht so als Weg wie für die Erkenntnis von Jabolinskys Persönlichkeit. Er macht diesen Vorschlag ja nur scheinbar unter anderen; cr ist in Wahrheit sein ״ausschließliches Thema“; cr ist sein cctcrum ccnsco, wobei dem ,.,cctcrum“ nur sehr wenig vorausgeht. Dabei wirkt cr und will auch wirken als ein Realpolitiker, der die Sache des ״heiligen Egoismus“ iin Gegensatz zu den verwaschenen Ideologien humanitärer Träumer verficht. In Wahrheit ist gerade dies ein romantischer Traum, wenn auch kein schöner. In Wahrheit paßt dies Stück .״Realpolitik“ ausgezeichnet zu jener illusionistischen Politik, deren Vorschläge in ״einer Energie und einem Elan wie noch nie“ sich erschöpfen. Wüßte mau cs nicht schon ohnehin aus manchem Streich seiner Vergangenheit, cs würde einem auch so deutlich, daß unsere Sache liier von einem Romantiker und Abenteurer aufgegriffen wurde, der die schönen Eigenschaften nationalen Stolzes, entschlossener Kampfbereitschaft und mutigen Opfersinns mit phantastischer Zügellosigkeit und einer wilden Kraft verbindet, die nicht durch das Zentrum der Persönlichkeit gebändigt wird. Er beruft sich auf Iler/I; sehr zu unrecht. Den beherrschte die Sache, Jabotinsky die Form. Will sagen: cr hat den Schwung und den Elan, den Mut und die Opfcrbcrcitschaft einen großen Zug und ungemein viel Talent, aber nicht den sachlichen Inhalt, der aus dein Kern der Persönlichkeit kommt und sich nun all dieser Fähigkeiten bedient, indem cr sic beherrscht und bändigt. Er ist ein wundervolles Gefäß, aber der Inhalt kommt ihm \״on außen. Deshalb ist cr kein Führer, und man muß sich gegen seine ausschweifende Begabung zu schützen verstehen. Aber man muß auch verstehen, sic gegebenenfalls zu nutzen, denn cr ist ein Kerl, und inmitten all unserer kleinen Größen, die sich zum Verwechseln ähnlich sehen, gehört cr zu den ganz Wenigen, die ein Gesicht haben. Debsow über die erweiterte Jewish Agcaey Prof. Simon Dubnow richtete an die Jüdische!Telegraphen-Agentur ein Schreiben, worin cs heißt: ״Es wäre sehr traurig für den realen Zionismus, würde er ewig eine Parteisachc bleiben und nicht zu einer Volkssachc werden. Parteiisch kann der idealistische oder utopisiischc Zionismus bleiben, der prinzipiell den CTaluth negiert und das Heil nur von einem ״judcnslaat“ erwartet. Jedoch der konkrete Zionismns, der folgende zwei Ziele erstrebt: 1. Schaffung eines gesunden wirtschaftlichen Bodens für einen Teil unseres Volkes durch Kolonisation in unserem historischen Lande und 2. Schaffung eines nationalgcistigcn Zentrums in diesem Land, als einer Quelle reiner nationaler Kultur für die gesamtc Diaspora, — ein solcher Zionismus gehört dein ganzen Volke, und an seiner Verwirklichung müssen alle diejenigen arbeiten, in deren Herzen der jüdische Funke noch glimmt. Ich sehe in der erweiterten Jewish Agency den ersten Schritt auf dem Wege von dem parteiischen zum Volkszionismus, und das ist der größtc Sicg einer nationalen Bewegung, daß sic aus der Parteiwiege heraus:■ wächst und ein Bestandteil des Volkslebens wird,“ Die ״Umsicd&na“ der rcssiscliea Jadea Von Dr״ Werner Senator Herr Dr. Paul Nathan hat sich in der letzten Zeit zweimal in der C.V.-Zcitung über die Ostjudcnhi’fc durch Umsiedlung und Kolonisation geäußert. (C.V.-Zcitung Nr. 35 und 40.) Herr Dr. Nathan eröffnet seine Ausführungen mit dem Titel: ״Palästina-Kolonisation- Ostjudeiiliilfe“, mit einem Angriff auf den Zionismus. Er greift einen für diesen Zweck zurecht gemachten Zionismus an, wenn er den Anschein erweckt, als ob der Zionismus behauptet, heute oder morgen die ökonomische Lösung der Judenfrage in Palästina zu geben. Wenn aller daun Herr Dr. Nathan in seinem /weilen Artikel ,,Umsiedlung der Juden in Rußland“, sich darüber beschwert, daß die Zionisten in parteimäßiger Beschränktheit in ״seinen“ Vorschlägen ein Manöver gegen den Zionismus sehen, so ist darauf zu erwidern, daß gerade die deutschen Zionisten in ihren verantwortlichen Personen wiederholt und lange bevor Herr Dr. Nalhan seine Artikel veröffentlicht hat, sieh positiv zu einem Projekte geäußert haben, das zwar nicht die Lösung der Judciifragc bedeutet, das aber die lkrufsumscimhUing und ökonomische Konsoüdiening jüdischer Massen fordert. Herr l)r. Nathan spricht dann von der Verwirklichung ,,seiner“ Pläne, der Umsiedlung und Ausbreitung der jüdisehen Massen Rußlands, vom Ansicdlungsrayon aus über ganz Rußland bis an den Stillen Ozean. Ja, er träumt auch von einer Einwanderung des polnischen und rumänischen Judentums nach Rußland. Eine Tatsache, die für den objektiven f>curtciler mindestens zurzeit erheblich illusorischer ist, als die "immerhin sehr real vorhandene jüdische Einwanderung nach Palästina von jetzt 40 000 Menschen im Jahre. Und Herr D1\ Nathan bezeichnet die Ausiediuiig von 6 003 jüdischen Familien in Süd- und Weißrußland und die geplante Fortsetzuug dieser Umschichtung und Kolonisationspniitik als den Beginn der ״Umsiedlung des russischen Judentums“. Und hier heißt es die' Dinge klar zu schauen und auf das richtige Maß zimiekzuführen. Wenn Herr Dr. Nathan der Ansicht ist, daß der Ansicdhmgs• rayon für die jüdischen Massen des Ostens eine unerträgliche Erschwerung ihrer ökonomischen Lage darsteile und daß eine Erleichterung dieser Lage cintrctcu wird, wenn dieser Ansiedlungsrayon gesprengt wird, dann spricht er nur eine Banalität aus. Seit dem Kriege hat die Erweiterung des Ansiedlungsrayons und eine große Biimcnwandcriuig der russischeu Juden statfgefunden, und es ist sehr möglich und sehr erwünscht, daß dieser organische Prozeß der Binnenwanderung, der die eben so organische Erscheinung der Auswanderung parallel läuft, sich fortsetzt. Aber cs ist ebenso klar, daß diese Binnenwanderung mir den einen konsolidierenden Einfluß auf die ökonomische Lage des Ostjudentums ausübcu kann, wenn cr mit einer Bcrufsunischiehtung verbunden ist, denn gerade eben die Ausschaltung, bzw. Verminderung der Beclcutung des Händlcrtums im Sowjctrcichc ist das gefährliche .Moment für die ökonomische Existenz, der russischen Judenheit. Diese ganze Entwicklung vollzieht sich von innen heraus organisch, und sic kann niemals mit dem irreführenden Wort ״Umsiedlung“ bezeichnet werden. Sic ist keine Sache, die ,.gemacht“ wird und für die bei dem deutschen Judentum Propaganda gemacht werden müßte. Und nun kommt Herr Dr. Nathan und bringt den Gedanken der Umsiedlung der 3 Millionen russischer Juden und fügt auch noch die polnischen und rumänischen Juden hinzu, zusammen mehr als 6 Millionen, und erzählt uns, daß die Amerikaner begonnen haben, dieses Problem zu lösen, erzählt uns das in demselben Augenblick, in dein er auf die Kleinheit Palästinas, auf seine Unfähigkeit zur Lösung der östlichen Judciifragc hin weist! Wir können diesen Gedanken- Sprung nicht mitmachcn. Uns die Perspektiven einer mügliehen organischen Entwirkhuig zu zeigen (wobei siel! bei Dr. Nathan noch recht viel Illu-ioiieu mit entschleichen), und uns daun ein begrenztes, in seiner Art überaus wichtiges Unternehmen als die Verwirklichung der erhofften Entwick- Imig liin/ustellcn, das heißt die Dinge verwirren und falsche Vorstellungen, gefährliche Illusionen erwecken. — Und damit erweist er den Leitern des Joint einen schlechten Dienst. Der Joint hat aus seiner zehnjährigen i liifstätigkeit gelernt, daß konstruktive und kolonisatorische Probleme für Massen nicht so leicht und nicht so schnell zu lösen sind. Die Absicht des Joint ist es niemals gewesen und ist cs auch heute nicht, die Millionen russischer, polnischer und rumänischer Juden ״umzusicdchi“. Die verantwortlichen Führer des Joint haben die Wichtigkeit Palästinas für die Lösung auch der ökonomischen Schwierigkeiten des östlichen Judentums cingeschcii. Aller sie sind auch der Ansicht, daß Palästina heute ein Mittel ist, um die ökonomische Lage der östlichen Juden zu erleichtern; innere Kolonisation, Berufs- Umschichtung, Stützung des Handwerks und Hilfe für ein gesundes jüdisches Lehen auch in kultureller Beziehung, smd ein zweites Mittel. Und es gibt ein drittes, auch ein Tcilmittc!, d. i. die jüdische Auswanderung nach anderen Ländern. Nebenbei bemerkt, absorbiert Palästina heute von der jüdischen Vorkriegsauswanderuug von 100000 Menschen 4״'׳(׳, von der Nnchkriegsauswaudcrimg die jetzt ungefähr (h>000 bis 70000 Menschen betragen mag, 50—601י׳/י. Das amerikanische Judentum wird sehr zufrieden sein, und wir mit ihm, wenn cs gelingt, im Laufe der nächsten Jahre 20 —30000 jüdische Familien in Rußland anzusicdeln oder in den Ansicdlungcn zu einer gesunden Existenz zu verhelfen. Und wir müssen verlangen, daß Herr Dr. Nathan die Begrenztheit auch dieses IMancs — wir waren sehr zufrieden, wenn cs möglich wäre, größeren jüdischen Massen zu einer ökonomischen gesunden Existenz auf diese Weise zu verhelfen — seinen Lesern genau so mitteile, \y1e cr ihnen die ״winzige Klein h eit und nicht sehr umfassenden wirtschaftlichen E x i s t c;1 z:in o g« lichkciten Palästinas“ darstcllt, wenn er seinen 10sern einen Begriff von den ökonomischen und nationalen Problemen des Ostjudentums geben will. Wir sehen in dem Unternehmen des Joint kein Konkurrenz.imtcrncluncn für Palästina. Wir glauben, daß die wachsende Einwanderung nach Palästina ihrerseits zu einer ökonomischen Lösung der Judciifragc im Oster, beigetragen hat und weiter tmd mehr beitragen wird. Wir sehen aber eine Gefahr darin, wenn von jüdischen Politikern, die gegen angebliche Illusionen des Zionismus gekämpft haben und kämpfen, illusionäre Behauptungen aufgesteilt werden, soweit cs sich um andere national wichtige Unternehmen handelt, zumal, wenn solche Behauptungen im Gegensatz zu den ausdrückliche!! Erklärungen der tfi'hebcr dieses neuen Kulouisationsplaucs und ihrer Vcrwirklichcr stehen. Eines freilich muß mit aller Klarheit ausgesprochen werden: Wir sehen in der Kolonisation Palästinas zwar nicht die baldige vollständige Lösung der ökonomischen Judenfrage, wohl aber sind wir —im Gegensatz zu Herrn Dr. Nathan — überzeugt, daß nur ein jüdisches Palästina als nationale Kraftquelle die Kräfte ausstrahlcn wird, die die nationale Frage des jüdischen!Volkes lösen können. — Die Sowjctregicrung prüft gegenwärtig, wie J. T. A. meldet, die Statuten eines zu schaffenden Palästina-Auswanderungsamtes für Rußland.

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