Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXX (1925)
- Issue
- Heft 79-80 (9.10.1925)
- Date
- 1925-10-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 669 iber wunll unddcij Am 12- Oktober beginnt Vor den Lemberger Gest dic ^L-orencn die Verhandlung gegen Stanislaus S t e i - iadustrieC0^ dcr nach dem uns vorliegenden Anklageakt der ■? c^jberger Staatsanwaltschaft angeklagt ist „des ver- ^senb^'^hten Meuchelmordes und des Verbrechens gegen brichtSprengstoffgesetz". Unseren Lesern ist aus den 3 L"C:^.ifachen Veröffentlichungen über die Angelegenheit •^"^ •i.'jjTcr bekannt, daß dieser beschuldigt wird, am 5.Scp- '^^..^• Ofcr 1924 ein Attentat gegen den Präsidenten der :- Crilf ■•ischen Republik in Lemberg ausgeführt zu haben. k^Fab man ^e PcrsönIicnkcit des Angeklagten und die i'dcr Zi?H -leitumstände des Attentates in Betracht zieht, so c in eiiic^ man von vornherein zur Uebcrzeugung gelangen, :run£ urifg die Beschuldigung gegen Steiger widersinnig ist. )cklarsib|.;i:rzieht man sich der Mühe, und liest das über t. i'jjjjg Seiten umfassende Aktenstück der Anklage auf- M-;ksam durch, so gesellt sich zur Uebcrzeugung von I' Unschuld des Angeklagten noch das Gefühl der HajiKp-pörung, daß es in einem europäischen Staate mög- "ft " ist, auf Grund derartiger fadenscheiniger, vorlogc- Ein Jsisüzskandal daß; ^Cr Ei:gegenstandsloser Behauptungen und Schlußfolgcn-aiidcriH.': .';^ cjncn Menschen eines derartig schweren Vcr-!clVUUSn fechens zu beschuldigen und ihn über dreizehn Monate i °Es f l Untersuchungshaft zu halten. Wenn man ferner in 't zur Erlitt z'c^*» daß m ^cn dem eigentlichen Stcigcrt werde; %cß vorangegangenen Prozesse gegen Jäger, Glascrl;nn und Genossen dic verbrecherische Rolle des Lcirciaucr der Lembcrgcr Polizei, Lukomski, und des aus Jcr.$:icreuchungsrichtcrs im Steiger-Prozeß, Rutka, zur inün^starä^tcn Evidenz bloßgelegt wurde, und daß diese gcciue Ah-p.ntcn zwei Exponenten der polizeilichen und richtcr- :dfrFo' ''fn Gewalt noc^ inimcr ü""cs Amtes walten, und •«"clc^c-Vi Stcigcr-Prozcß als Aktcure auftreten werden, so wird ich grc;!c.'.'■•cai restlos klar, daß der am 12. Oktober .beginnende ""'-zeß gegen Stanislaus Steiger nicht anders als eine ■rbrccherischc Justizkomödie bezeichnet werden kann, ■j Nach dein Anklageakt sind von der Staatsanwälten1 61 Zeugen, Sachverständige des Schießfaches und Graphologie und überdies zahlreiche Funktionäre der 'iiischcn und Kriminalpolizei aufgeboten, um in 3 :hcnlang andauernden Verhören dic willkürliche Kon- •jktion des Staatsanwalts von der Schuld des Juden .-.iger zu stützen. Es muß nämlich festgehalten werdaß dieser Prozeß nicht dem Studenten Stanislaus j'ger, sondern dem Juden gemacht wird und daß Polizei» verhetzte polnische öffentliche Meinung und ins- Yq Sondere die polnisch-nationaldemokratischc Partei mit id«?2$a Mi^cln am Werke sind, um eine Verurteilung ^> Juden herbeizuführen. Dic Affäre Steiger hat in *i:cm Zeitpunkte eingesetzt, als dic Spannung zwischen jj'skhcr Gesellschaft und der Judcnheit in Polen ende Zu'-'-:raus groß war. Damals lag es in der Richtungslinic wahrerer polnischen Politik, den Zwischenfall des Attentates ■I! 4?a;Ü.f: verschiedene Zwecke auszunützen. Es handelte sich J^J^.ininj, ein Damoklesschwert gegen dic Juden und c*n n e nlr^nunisten zu schmieden und von vornherein von der I}iun,c.-f*:zig richtigen Spur, die übrigens von den Ukrainern hp.L.f;^st gezeigt wurde, daß das Attentat eine Folge s mu i; gespannten Beziehungen zwischen Polen und "■•rainern sei, abzulenken. Polnische Staatsräson wollte V der ganzen Welt den abgrundtiefen Gegensatz chen Polen und Ukrainern vertuschen und darum :te der Attentäter kein Ukrainer sein. Die vom jvienhaß getriebene Lemberger Polizei setzte ganz im £äte alter zaristischer Methoden alle Hebel in Berum Je; um v erhebe: sich dahi eine 0 Türkise! Juden : dijcraa1 Abord; in diese Seinr: cabsichiL en seinr :m er ' Distrikte;. dj Schuld des- Juden Steiger zu konuiem ver- . . °' ... ... v> , .. . 7 ±- l ach so! ,aercn ur»d die polnischen Behörden begünstigten erden.";.!-* fahrlässige Duldung das Treiben der Lemberger Polizei, weil es mit den politischen Absichten der polnischen Zentralstellen parallel lief. Mittlerweile haben sich aber dic Verhältnisse in Polen einigermaßen geklärt. Zwischen Juden und Polen ist eine sogenannte Verständigung erzielt worden. Auf Seiten der Ukrainer ist auch ein Ruhebedürfnis nach dem erbitterten Kampfe gegen die polnische Staatsgewalt festzustellen. Der mehrere Wochen währende Prozeß gegen Jäger, und Genossen, der mit einem Freispruchc der Angeklagten endigte, hat dargetan, daß die Beschuldigung gegen Steiger auf sehr schwachen Füßen ruht — trotzdem soll jetzt in Lemberg der Prozeß Steiger wochenlang verhandelt und sollen' alle Leidenschaften der Judengegner aufgestachelt werden. Wir haben seinerzeit in diesen Blättern darauf , hingewiesen, daß dic Angelegenheit Steiger eine Art polnischer Drcyfus-Affärc ist. Dic Affäre Steiger ist keine Provinz-Angelegenheit Polens, sondern sie tangiert das Rechtsbewußtscin der gesamten gesitteten Welt. Dic Durchführung und der Ausgang dieses Prozesses werden einen Maßstab für dic Beurteilung der kulturellen und zivilisatorischen Verhältnisse in Polen darstellen. Dic Oeffcntlichkcit wird den Verlauf des nun beginnenden Prozesses mit großer Aufmerksamkeit verfolgen. M. W. Die Krise in der polnisch-indischen Verständigung (Von einem gelegentlichen Korrespondenten.) Warschau, 4. Oktober 1923. Im Trozcß der polnisch-jüdischen Verständigung ist eine Krise eingetreten. Dic „Verständigung" ist in Form eines „Gcscllsehaftsvertrages" abgeschlossen worden. Rousseau liättc. seine Freude daran. Das demokratische Prinzip, wonach Regierung und Bürger ihre Pflichten und Rechte aus der Verfassung schlechthin abzuleiten haben, wurde üb'cr den Haufen geworfen und eine solenne Vertragsform gewählt, dic vor aller Welt — am Vorabend der Abreise des Ministers Skrzynski nach Amerika — den polnisch-jüdischen Frieden, vielmehr aber das jüdische Dorado in Polen bekunden sollte. Restlos war und i.t die jüdische Bevölkerung für eine Verständigung. Der Kampf der Grünbaum-Gruppc und der Hitachduth war nicht gegen das Prinzip, sondern gegen dic Form dieser Verständigung und gegen dic listige Kskompticrung der Verständigung durch dic polnische Regierung gerichtet. Schon nach einigen Monaten sollte es sich zeigen, daß dic Regierung eine Hand dem „jüdischen Kolo", als Repräsentanten der jüdischen, nationalen Minderheit in Polen reichte, dic zweite aber, zur Faust gehallt, zum Schlage bereit hielt. Bald nach der „Verständigung" kam dic Ausführungsverordnung zur Einziehung der Schänkerkonzessioncn. Es hieß, daß das bezügliche Gesetz (eine Verordnung des Reichs-, PräsidentenI) novelliert und das Inkrafttreten der Verordnung auf Jahre hinausgeschoben werden .sollte. Wenngleich dic Ausführungsverordnung manche Milderung aufweist, so ist doch dic Vorbereitung zur Einziehung der Konzessionen in vollem Gange. Tauscndc Familien werden brotlos werden. Privilegierte Ausnahmen müssen — vom Finanzminister bestätigt werden. Also wiederum der demoralisierende Protektionsweg l Wie in russischen Zeiten. Dann kam ein weiterer Schlag. Der Kultusminister, Herr Stanislaus Grabski, dessen zweideutige Rolle in der Verständigung vielleicht schon dic nächsten Monate verraten werden, hat eine Verordnung erlassen, wonach Geschichte und Geographie in den Privat schulen der Minoritäten in polnischer Sprache gelehrt werden müssen. Das bedeutet eine Einschränkung des bisherigen Zustande*. Eine Delegation der deutschen, weißrussischen, litauischen und jüdischen Minorität aus Wilna erschien bei Herrn Stanislaus Grabski, mußte aber mit leeren Händen nach Hause zurückkehren. Hierauf leistete sich Herr Grabski eine Tat, wie sie selbst vor der Verständigung undenkbar wäre. Die Lemberger Universität führte zynisch für dic jüdischen Studenten auf der juridischen Fakultät den Numerus clausus ein! Diese Fakultät galt bisher als dic immune, weil hier unmöglich „technische Raumschwicrigkcitcn" vorgetäuscht werden können, da dic juristischen Studenten dic Vorlesungen zum großen Teil zwar inskribieren, jedoch nicht besuchen. Nun kam das Pikante, das sich vielleicht ein Stolyphi g<sleistct hätte. Der Dekan der juridischen Fakultät in Lemberg gab bekannt, daß in diesem Jahre nur für G00 Studenten Platz sei Hiervon für Polen 60 °/o, für Juden, Ukrainer insgesamt 40°/o! Es meldeten sich aber nur etwa 40 °/o Polen, aber auch zirka 40 °/o Juden 1 Bei Einhaltung der Prozentnorm wäre etwa nur dic Zahl von 420 erreicht gewesen. Der Herr Dekan erklärte trotzdem: es werden nur 20% Juden der angemeldeten Polenzahl aufgenommen, obwohl 000 Plätze frei und nur 4S0 besetzt waren. Dic medizinischen Fakultäten haben überall den Numerus clausus eingeführt. Nirgends mehr als 10 p,'o (Krakau), in Warschau nur S «'/o, weil hier der jüdische Prozentsatz der Bevölkerung 34 °/o ausmachtll Selbst zur Zeit Nikolaus II. war dic Prozentnorm hier — 10 p;o! Auf dic Handelsakademie in Warschau wurden auf 63$ nur 36 jüdische .Studenten aufgenommen, also etwa 5n/i (»o! Die landwirtscluft. liehe Akademie nimmt überhaupt keine Juden auf. Via facti. An der jagvcllonischen Universität in Krakau haben sich insgesamt kaum 60 n/o Hörer im Vergleiche zum vorigen Jahre inskribiert, aber trotzdem ist der Numerus clausus an der medizinischen Fakultät aufrecht erhalten gcblicScn. Desgleichen in Wilna 1 All dies nach der Verständigung l Als sich eine Delegation des „Kolo zydowskic" über diese unerhörten Maßnahmen bei der Regierung beschwerte, war Herr Skrzynski, der Taufpate der Verständigung, über den Treubruch des Herrn 'Grabski entrüstet, Herr Stanislaus Grabski rang dic Hände und erließ sofort eine Verordnung, daß ein Numerus clausus aus nationalen oder religiösen Gründen unzulässig sei — aber erst nächstes Jahr. Der diesjährige Numerus clausus und dic Prozentnorm blieben aufrecht. Die Begnadigung des Kultusministers kam nach — Vollstreckung des Urtcilcsl Dic nationaldcmokratische Partei, deren illustrer Anführer der Herr Kultusminister ist, hat an alle ihre LokaJgruppca auf Grund eines obersten Beschlusses ein vertraulich« Zirkular erlassen, in dem ausdrücklich dic „Verständigung" als ein diplomatisches Manöver hingestellt wird, das Polen bereits Nutzen brachte und noch b'ringcn wird. Keinesfalls bedeute sie Abkehr vom antisemitischen Kampfe. Dic Tolonisierung der Städte, der wirtschaftliche Kampf gegen die Juden, der Numerus clausus müssen mit allen Mitteln unentwegt, rücksichtslos bis zum Siege ausgekämpft werden. VertraulichI Nicht für dic Presse bestimmt — heißt es in diesem famosen Zirkular der Partei des Verständigungsministers. Wohlgcmcrktl Dic Nationaldcmokratcn verfügen über mehr als 100 Sitze im Sejm und können jede Regierung stürzen. Das Zirkular wurde durch ein radikal-demokratisches Blatt, den „Glos prawdy" (Stimme der Wahrheit) ans Licht gebracht. Derselbe Herr Stanislaus Grabski hielt unlängst in Lemberg in einer Konferenz von nationaldcmokratischen Univcrsitätshiirern einen „Inforrnationsvortrag". Dic Konferenz hat hierauf ihren früheren Beschluß, mit allen zu Gebote stehenden Mitteln für den Numerus clausus zu kämpfen, feierlichst erneuert 1 Einige Monate früher hat Herr Stanislaus Grabski versprochen, seinen Einfluß zur Dämpfung des Antisemitismus in seiner Partei zur Geltung zu bringen. So sieht nunmehr die Wirklichkeit aus. Der Herr Ministerpräsident Stanislaus Grabski hat in den letzten Tagen zur Sanierung der wirtschaftlichen Lage einen hundertgliedrigen Wjrtschaftsrat eingesetzt. Vier Plätze fielen den Juden bzw. Repräsentanten jüdischer Berufsorganisationen zul Vier auf Hundert! Wobei dic Juden im Handel und Gewerbe den Hauptfaktor ausmachen. Bei ärarischen Lieferungen bleiben dic Juden wie früher nicht berücksichtigt. Dic Stundung mancher Stcucrcintrcibungcn im Lande wird vorbereitet, nicht aber in den Städten, obwohl gerade das wirtschaftliche Gebiet eines der wichtigsten war, in denen die Verständigung laut Versprechen und Vereinbarung das Morgenrot einer Gleichberechtigung bringen sollte. üur: war: Ulla- £ch immer es r.:;:' iders Flieden, $■• in SCilKT reicher, dic 0cfind dem er Dichter ictrifii mau ihn |kcs, ie S: daß aVf tißt nicht, dic sie lichowski srkenaun; r sei; %<\i ver jüdische tsabor.r.crcssanicf. ■ Tocp* r Rcpro- Hcrnaii" &bsohn und viele Politische Literatur \ Im Getriebe des politischen Alltages ist es immer wieder ~\ Nutzen, über Wesen und Sinn der Politik überhaupt Zudenken und dic politische Willcnshandlung, dic poli- ' . Zwecksetzung, im Lichte der Erkenntnis richtiger . zu überprüfen. Politik ist, philosophisch gesehen, ein;i: der Ethik; nicht nur der Erfolg darf — wie man gc-;n!glich annimmt — für ihre Beurteilung maßgebend sein,; ■•rtern die dem politischen Handeln zugrundeliegende;v;-riung und Entscheidung. Daher ist es sehr zu begrüßen, der durch seine geisteswissenschaftlichen Publikationen kannte Verlag Mcycr & Jessen den letzten Band der Walter Strich herausgegebenen ausgezeichneten Jahr- »Die Dioskurcn" den „Grundideen des po- £:lschcn Lebens der Gegenwart" widmet. Der >v"cl »st allerdings, wie der Herausgeber selbst weiß, nicht 1 :i gerechtfertigt, da dic Sammlung keineswegs erschöpfend (.Ur"d wichtige Probleme wie Sozialismus, Demokratie, ^,;;i0nalismus usw. nicht behandelt werden. Trotzdem ist aber .Buch auch in seiner vorliegenden Gestalt eine wertvolle ^.Jwcrunjj der politischen Literatur. Der erste Aufsatz des V;"« „Idee und Interesse in der politischen Geschichte" von?i.rt «iczlcr ist ein wichtiger Beitrag zur Metapolitfk — er r.;lnclclt einen Gegenstand, über den sich Rechenschaft zu §..?a gerade auch von praktischer Bedeutung ist. Nicht der i 'tfc*te von Idee und Interesse wird hier vor allem betont, ^V?!i,hrc einseitige Abhängigkeit. Manche der hier •Vbtstclltu, Thesen erscheinen uns fast wie auf den Zionisp' fjemünzt. Ein zweiter philosophischer Aufsatz, „Politica '' i-T' voa Be"cdctto Crocc, ist leider im Druck völlig un- ';>i, verschmiert (in dem sonst gut und sorgfältig gc- ■•ttniu1 Band)- Der ehemalige Justizministcr Gustav Rad- 4;cCh untersucht dic „Problematik der Rcchtsderen drei Komponenten, Gerechtigkeit, Zwcckmäßig- '•'n a Sicherheit des Rechts, einander widerstreiten und v, Ausgleich in der Praxis des Lebens finden müssen. Von ■[ ^Pezicllcrcn Arbeiten (es ist tinmöglich, alle zu nennen) "SP Wir MOC'1 cincn Bcitraff von Hcrriot, dic interessante 'n h *-udwiff Oppenheimers über „Die geistigen Grund- *rncs.Anarchismus*', ferner Bernhard Braubachs Aufsatz •.'•Jaseicich dcs Politischen im Katholizismus" und schließlich .„* Kohns Arbeit „Dic politische Idee des Ju-;rberV ~~ identisch mit den zwei ersten Kapiteln der iitna.T8 besprochenen Broschüre; hier werden dic religiösen J »«gezeigt, die auch dic politische Form und das Schicksal des Judentums bestimmt haben, seine politische Vorstcllungswclt entscheidend gebildet haben. — Ein Aufsatz über dic russische Staatsidoc scheint uns etwas aus dem Rahmen des Buches zu fallen. — Das hohe Niveau, das für dic „Dioskuren" charakteristisch ist, macht diesen Band zu einem wertvollen Faktor politischer Bildung. Der politischen Bildung, geistigen Durchdringung politischer Bczichungsproblcmc in ihrer Vielseitigkeit dient auch ein anderes Sammelbuch des gleichen Verlages, „Deutsche A k a d c in i c r c d e n", herausgegeben von Walter S t r i c h+). Es ist ein origineller und lohnender Gedanke, den der Herausgeber Iiier durchgeführt hat: Er stellte zwanzig der bedeutendsten akademischen Reden, beginnend mit Schillers „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte" bis zu Wilamowitz' Neujahrsrede 1<X)0 zusammen, aus verschiedenen Gebieten zwar, aber doch innerlich einheitlich durch dic Tendenz geistiger Beleuchtung des Lebens, zu der besonders dic Geschichte führt. Für uns besonders interessant ist dic Rede von Ignaz von Döllingcr (1SS1) über „Dic Juden in Europa" dic eine gedrängte Zusammenfassung des äußeren jüdischen Schicksals während 2000 Jahre Europa gibt, und sich scharf gegen den Antisemitismus wendet, wenn er auch gerade das moderne Judenproblcm kaum streift. Dieser große Liberale spricht übrigens auch von seinen jüdischen Zeitgenossen stets als der „jüdischen Nation" — eine gute Illustration für die Natürlichkeit eines solchen Begriffes, der später von den Liberalen (unter jüdischem Einfluß) aus dem Sprachgebrauch verdrängt wurde. In das zentrale politische Prob'em führt die Rede von Rümclin über „Politik und Moral", eine Abgrenzung der Politik gegenüber der Privatmoral, aber auch gegenüber dem nackten Machiavcllismus. Durch ein charakteristisches Stück Ist Trcitschkc vertreten, der das Evangelium der Gewalt predigt und dic Gefahr der Demokratie schildert. Von den übrigen Reden, dic auch völkcrnsychologisches Material sind und die deutsche Geistigkeit in ihrer Stärke, aber auch ihre Grenzen zeigen, erwähnen wir liier nur noch Grcgomvius (loW) der, fußend auf Humboldt, ein kosmopolitisches Ideal vertritt, wobei aber dic nationalen Individualitäten erhallen bleiben sollen; und Trocltsch, dessen Vortrag über „Religion und Wirtschaft" nicht nur historisch analysiert, sondern auch Zukunftspcrspcktivcn eines „christlichen Sozialismus" entrollt. Troeltsch erwähnt auch die „enorme wirtschaftliche Bedeutung" des Judentums, dic nicht nur, wie Sombart meint, auf seine Anlage und dic Egenart seiner Religion, sondern ») Preis 4,50 Mark, auch auf sein historisches Schicksal zurückzuführen ist Demselben Problem der Auseinandersetzung von Politik und Religion, von geschichtlicher Gebundenheit und transzendentaler Freiheit sind auch dic fünf Vorträge von Trocltsch gewidmet, dic unter dem Titel „Der Historismus und seine Uebcrwirulung" (im Pan-Vcrlag Rolf Heise, Berlin 1024, eingeleitet von Friedrich von Hügcl-Kensington, 2,50 Mk.) erschienen sind. Hier spricht er (ähnlich wie Rümclin) dic_ Anschauung aus, daß zwischen Machiavcllismus und reinem Spiritualismus der Ausgleich, das praktische Kompromiß gesucht werden muß. Doch liegt seiner Auffassung das Wissen zugrunde, daß eine religiöse Erneuerung, eine Wiederherstellung organischer Gcmcinschaftsbindungcn dem geschichtlichen Handeln seinen Sinn geben muß. Von der praktischen Seite untersucht den Gegensatz zwischen Ethik und Politik Max Weber in seinem Vortrag „Politik als Beruf" (enthalten in Max Webers „Politischen Schriften", herausgegeben von Marianne Weber, Drei Maskcn-Vcrlag, München. — Dieses Buch, das auch hochinteressante Briefe Webers enthält, ist eine wahre Furul^rube politischer Gedanken, zugleich ein I>okumcnt jim-stcr deutscher Geschichte.) Die absolute Ethik — ..Gesinmif:^- ctliik" — kennt nur das unbedingte Gebot, ohne Riicksicht auf dic Folgen, während der ..Vcrantwortun^.-iethiker" auch für dic Folgen einstellt. Nur scheinbar Ut in der Politik ,.(iosinnuiigscthi'k" das höher zu bewertende Verhalten; in Wirklichkeit führt sie nur zu Schwärmerei, dic den bittrra Realitäten des Lebens nicht gewachsen ist. Der Politiker muß vielmehr mit voUcm Bewußtsein der Folgen handeln und sicli von der Verantwortung für das Ganze leiten lassen. Tut er dann eine revolutionäre Tat, so wiegt diese viel schwerer als dic meist nicht dauerhafte revolutionäre Begeisterung der blinden Verteidiger von abstrakten Prinzipien. (Fortsetzung folgt.) In Jerusalem wurde die zweite Spielzeit des hebräischen Theaters am lb. September mit der Aufführung des amerikanischen Lustspiels „Die Sintflut" von Berger, das in Tcl-Awiw bereits erfolgreich gegeben wurde, eröffnet. Mit Beginn des jetzigen Semesters wird au der tschechischen Karls-Univcrsität in Prag, und zwar beim Seminar für semitische Philologie, dessen Direktor Prof. Dr. R. Ruzicka ist, ein Lektorat für Neuhebräisch errichtet. Zum Lektor wurde Rabbiner Prof. Dr. Isidor Hirsch bestellt.