Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXX (1925)
- Issue
- Heft 76 (25.9.1925)
- Date
- 1925-09-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. W JÜEDISCHE S<ite 640 ISeir limir^Bl "Hr^ Drei Geschichten ate An.! Die folgenden, frei erfundenen Geschichten midrasch-ähnlichcn Charakters sind einem werdenden Buch entnommen, in den ein junger zionistischer Kreis seine Anschauung auf konkrete Art ausspricht. Im Einstrom der Geschlechter. Einer von den Vorfahren des Jacob Kaiisch, ein großer Pibbi. hattc in das erste Buch der Familienchronik geschrieben: In der vierten Generation nach mir wird es nötig sein, daß «ich alle Glieder der Familie zusammentun und einen aus ihrer \(jttc auswählen, dessen Weisheit groß genug ist, daß er alle Nachrichten ordne und kläre, die sich in den Büchern dieser Chronik ansammeln werden." Das Los dieser Aufgabe war auf Jacob Kaiisch gefallen. Und er erfüllte seine Pflicht getreu dem Willen seines Vor- 'ihren, bis er im dritten Jahre seiner Arbeit überdrüssig iurde. Da legte er die Bücher in einen Winkel, und wenn nun Rechenschaft von ihm forderte, antwortete er: „Wichtiger ß zu erforschen, was in alten Geschichten steht, ist es, daß jedes Geschlecht etwas Neues beginne und weiter fortschreite aus dem Dunkel der Vergangenheit." Aber von dem Tage an, da er die Bücher der Chronik fortlegt harte, lag eine schwere Last auf seiner Seele. Ephraim aber, sein Sohn, saß oft stundenlang über den ilirn Folianten, die seltsamen Geschichten zu enträtseln. Einmal, als Jacob Kall&ch nach langer Zeit wieder die Chronik hervorgeholt hatte, brach ein Feuer im Ort aus, und ''^tv'jcas Haus des Jacob Kaiisch war von großer Gefahr bedroht. -Vi'.i fch-icH packte er die Bücher zusammen und stürzte aus dem j Limmer, um sich zu retten. Da rannte Ephraim hinter ihm her, :.ect°3i riS ihm die Bücher aus dem Arm, lief in das Arbeitszimmer ifr'^ I des Vaters zurück und legte dort die Papiere genau so auf 'wc- - i cen Tisch, wie er sie vorher 'hatte liegen sehen. Dann ging (äCij ü langsam die Treppe hinunter, und sein Vater sah, sprachlos u | vor Schreck und Verwunderung, wie sich seine ganze Gestalt | verändert hatte, und sein Antlitz war wie naefe einer großen J Erhebung. | Am Abend, als sich die Verwirrung gelegt hatte, saß ] Jacob Kaiisch nachdenklich an seinem Arbeitstisch und bc- I trachtete das Buch der Chronik. Da bemerkte er plötzlich, jda8 zwei Seiten des Buches, die vorher zusammengeklebt ■hatten, durch die Hitze des Brandes voneinander gelöst waren, und er fand folgende Eintragung auf einer der beiden Seiten: i „Zur Zeit des großen Pogroms saß mein Bruder Jizchak, | der Thoraschrcibcr, in seinem Arbeitszimmer, als plötzlich I die Gendarmen in das Haus drangen, um ihn zu verhaften: j es war ein Befehl ausgegeben worden, alle angesehenen ) Juden sollten hingerichtet werden. Jizchak bat, man möge \ ihm noch zwei Minuten Zeit lassen. Danach aber folgte | er den Stadtdienern ohne das geringste Anzeichen einer i ' Erregung ins Gefängnis. i' ' Als seine Frau in das Zimmer trat, sah sie, daß aut seinem Arbeitstisch Ordnung gemacht war, als ob er sofort weiterarbeiten wollte: das Pergament war zurechtgelegt, das Tintenfaß war frisch gefüllt, eine neue Feder war gci spitzt, das Sandfäßchcn war voll — alles so, als ob über- .-..'1.. haupt nichts .geschehen wäre. . rr; Zwei Stunden später wurde Jizchak unversehrt wieder 'jj aus dem Gefängnis entlassen." J Als Jacob Kaiisch das gelesen hatte, küßte er seinen Sohn Ephraim; und von diesem Tage an war die Bedrückung 6 von ihm gewichen, und er vollendete, was ihm von seinem ß Vorfahren aufgetragen war. Carl Frankenstein. EM Das Glück der Welt. Warum ist Glück nur am Anfang-und am Ende der Tage? 3 Und warum wurden die Geschlechter der Mitte des Glücks 3 sieht gewürdigt? j Es gibt zwei Arten von Menschen: Die einen sagen: Weh air, hätte ich doch in den Tagen des Paradieses gelebt, so t brauchte ich den Tag meiner Geburt nicht zu verfluchen! — I Denn die Tage des Messias können mir kein Nutzen sein, \ i* Or>it mir den Baum d<-s ewigen Lebens vorenthalten hat. : Die anderen sagen: Welch Glück, daß ich die Freuden , Paradieses nicht gekostet habe. Wie süß werden mir die : Freuden des Messias sein! Rcb Schlomoh ben Jescha erklärte: Als Adam und Eva dem Paradiese vertrieben wurden, da nahm Gott das - Glück» welches in den Tagen der Sättigung überflüssig war, '■jid verteilte es auf die Tage der Dürre. Daher kommt es, . w8 die Menschen nur manchmal ahnen, was Glück ist. : Woher nimmt aber dann der Messias am Ende der Tage «s Glück für die ganze Welt? "j Vor seiner Ankunft geht der Messias als Bettler durch iJlIt Zeiten: jeden Menschen bittet er um etwas Glück und f*'t diesem Ueberfluß ans den Jahren der Dürre, den er den lachen abgetrot/t hat, begluckt er das Geschlecht seiner U2C- Alice Jacob-Loewenson. in er rrair' Israel ben Akcda. j Es ist nur den wenigsten in unserem Volke bekannt, uß es einen Rabbi gibt, dessen Name nicht nach dem j^jen seines Vaters oder seines Lehrers genannt wird, Jjidern der den wunderlichen Namen Israel ben Akeda*) ra?T- Seine Vorgeschichte ist folgende. Als unser Vater Abraham das Messer hob, seinen Sohn; Isa; zu schlachten, wurde es finster um Isaac, und es 5fl,t, :t__. r . i -1 _________1_______ _1_ jKsdian ihm, was seinem Vater zuteil geworden war, als; 5 der Ewige das erste Mal opfern hieß, um ihn wissen kssen das Geschick seiner Nachkommen; dort heißt es Il52l.iv t-;r (d vjcsuiitK meiner rNacnKommcn; uuu jjcjui »;. ß [rcs?hith 15, 12): „Da nun die Sonne untergegangen war, i: LI Clr> Vcrscnkungs-Schlummcr auf Abram; rnd siehe, Sri icn» croße f"instcnJ's überfiel ihn." Warum aber _ Recken, da es doch der gleiche Vcrscnkungs-Schlummcr < i^T1?) war, in den Adam getaucht wurde, als sein Atem * j.s Lebens sich verdoppelte und bis zu der Stelle in ihm 5 Wnt"drang, aus der Eva geschöpft wurde? Abrains : j,^'"" war der Schrecken Isaacs, den sein Vater damals ' vlr ,0r.aUs durc»lebtc; denn als er hinging ihn opfern, $chm ^aum »n 'nm. Isaacs Schrecken oder eigenen ^nmrrz um den Sohn zu empfinden: er hatte Gottes Stimme v »ich. ohne Maß und Grenze groß werden lassen, daß Gr!rü,mn.,tc icdc Stimme seines Samens von Geschlecht zu; schlecht. 5{iinmbcr. da geschah es, daß in Isaac selbst diese Ubf Samens auferstand, in dem Augenblick, als ihr tnl? immer getilgt werden sollte. Und in dem Vcr- LckI 26-Schlummcr verdoppelte sich auch Isaacs Atem des Ub< :?ibs't - -.....mimer verdoppelte sich auch Isaacs Atem des ">s, und die Geschlechter der Nachkommen versuchten von Wf 3US scincm Leihe herauszudringen. In dieser Stunde ft'rit dic Sparen der Dienstengcl, und Michael, der große >^jndjsracls Göttlichkeit vor dem Herrn, sprach: „Soll Truj'jt Mit dem Worte akcda « Bindung bezeichnet die ,n die „Opferung" Isaacs. dieser Tag nicht der Vater der Tage sein für unser Volk? Soll er nicht fruchtbar sein und sich mehren? Siehe, Isaacs Same steigt hinunter zum Staub am Meer; auf, daß er werde wie die Sterne des Himmels!" Und Michael sandte seine Tochter, unerkannt zu empfangen von Isaac, als sein Same in seiner Bindung die Freiheit fand. So wurde Rabbi Israel ben Akcda gezeugt. Israel ben Akcda wurde keines irdischen Daseins teilhaft neben Esau und Jacob. Schon diese beiden Söhne Isaacs wären beinahe zuviel gewesen, um Gottes erstgeborenem Sohn den Weg der Einung zu öffnen. Israel ben Akcda aber blieb in der Nälic des Herrn, und nur von Zeit zu Zeil schlägt sein Geist unerkannt seine Augen auf unter den Menschen, immer dann, wenn ihr Atem des Lebens sich verdoppeln will an einem Tage der Bindung. Nach dem großen „Schma" an einem Jörn Kippur drängte sich cliz Gemeinde um ihren Rabbi und fragte ihn: „Warum wira das Wort „Ich bin der Ewige euer Gott" von der Gemeinde gesungen? Was haben wir da getan? Wie durften wir das?'' Der Rabbi versuchte es zu erklären, aber alle seine Deutungen nahmen mc nicht als Entschuldigung hin, daß sie sich Sabbath um Sabbath angemaßt hatten, zii sprechen als wären sie die redende Gottheit selbst. Da der Rabbi die Furcht Israels sah und da ein Schrecken des Herrn auch ihn befiel, wagte er es, hinter den Vorhang zu treten und im Angesichte der Thora Gott zu befragen. Als er wieder hervortrat — nach Stunden, in denen das Beten der Gemeinde sich /.u verzweifeltem Toben gesteigert hatte — glaubten sie, einen fremden Lehrer vor sich zu haben, und seine Gestalt war größer und strahlender als ihnen je ein Rabbi erschienen war. Und er hob an zu danken dem Herrn nach der Weise des Hohenpriesters, wenn er heil, ohne Unfall den Weg ins Allerhcjligstc — hinein und heraus — überstanden hatte; es dankte der Rabbi, als hätte er selbst das Blut des Opfers gesprengt und der Gefahr der sich nähernden Gottheit ins Auge gesehen. Dann schwieg er lange und sprach: „Die Thora des Herrn tut Wunder noch heut. Sic ist noch heut der Werkmeister Gottes auf Erden. Ich bland im Dunkel des Heiligtums, und plötzlich leuchteten vor mir — wie in der Luft schwebend — Lettern und Worte auf, golden glühend, aus den gebundenen Rollen der Thora her, durch ihren Mantel, durch Edelsteine, Krone und Glöckchcn durch wurde mein Blick gebannt von dem Glimmen der Schrift/eichen. Und ich las: „Da rief ihm ein Engel vom Himmel zu und sprach: Abraham, Abraham!" Ich erschrak ob des Wortes „ein Engel vom Himmel": hat Gott unseru Vater Abraham in seiner höchsten Stunde, nach seiner äußersten Liebestat, nicht für würdig erachtet, die Stimme Gottes selbst zu vernehmen? Hat er für ihn nur irgend einen seiner ltotcn gehabt? Und wie sollte ich dann, ich Vcrdicnslloscr, Armseliger, der ich Gott gar nichts /u bringen gehabt habe mein Leben lang, würdig sein eines Blickes von oben? Da gab ich es auf, jene furchtbare Frage Gott vorzulegen, um dcrctwiilen ihr mich ins Heiligtum aussandtet, und neigte mein Haupt vor den glühenden Zeichen, die mich befragten. Und ich stand, Antwort zu geben: denn ein Geheimnis der Lehre erhob.sein, Angesicht auf mich und wartete, daß ich seine Kotten ihm abnehme. Und ich sann und sann: Warum ein Engel vom Himmel? Warum hat Gott seinen Freund und Geliebten, den er selber Prophet und Vater aller Volker genannt hat, den Fügten der Elohim, mit dem der Ewirjc sich beraten über sein Richteramt, den Segen für alle Geschlechter des Erdbodens, ihn, der da bereit stand, ihm sein Kind auszulöschen, in dem seine ganze Zukunft, sein Erdenwerk, seines Lebens Wert und Bestimmung, ja, aller Welt Segen enthalten war, — warum hat Gott ihn für diese unendliche Tat nicht geehrt mit der Gegenwart all seiner Herrlichkeit? Und es geschah mir, daß ich vergaß, wer ich bin, und Gott erhöhte meine Seele zurück durch die Zeiten und ließ sie zugegen sein dort, wo Abraham über Isaac lag, um das Opfer zu schließen. Und .siehe, da war mehr als die Schrcliinah, mehr als die Fcuersäulc über dem Stiftszelt, in der Gottes Name war, mehr als das Wolkendickicht, das den Tempel erfüllte. Da war ein Mensch, der zum Gipfel der Welten geworden war, weil sein Wille sich dorther türmte, wo der Wille des Herrn wuchs, und weil kein Trieb s o u ri t hclnc Flügel mehr regte. Da war das Abbild des Schöpfers vom Ursprung her, in dessen Herzschlag der Atem des Ewigen selbst — sich erweiterte. Abraham war ganz und gar zum Ort Gottes geworden. Siehe, so konnte Gott nicht ihm — gegenüber erscheinen." Als die Gemeinde den Rabbi so sprechen hörte, ging ein Schauer durch ihre Reihen. Und der Rabbi fuhr fort: „Da wußte ich das, warum der I lerr nur einen Engel seine Stimme erschallen Hell. Denn die Bindung des Menschen ist, wenn man so sagen dürfte, zugleich eine Bindung des Ewigen. Darum heißt es: Die Herrlichkeit Gottes wird gesegnet von Seinem Ort aus." Da durchbebte den ganzen Raum die Erinnerung an den Sang: „Gleich dem azurnen Zelt, gespannt in den Höhen, war des Priesters Gestalt. Gleich den Blitzen, die zucken aus dem Schimmer der Himmelsgestalten, war es des Priesters Gestalt. Gleich dem Diadan, geschlungen um des Königs Stirn, war des Priesters Gestalt. Gleich der Huld, die erstrahlet auf dem Antlitz d« Bräutigams, war des Priesters Gestalt. Gleich dem Sterne, der glänzet im äußersten Osten, war des Priesters Gestalt." Und der Rabbi fuhr fort: „Da stand ich wieder im Dunkel des Heiligtums und sprach: Thora des Herrn, die du vor den Welten geschaffen warst, beweise mir, was ich gesehen habe, damit mein Denken mir glaube. Und es erglommen mir abermals goldene Lettern durch allen Zierat der gebundenen Rollen hindurch, und ich las: „Es erhob Abraham seine Augen vud er sah, und siehe — hernach war ein Widder da!" Erst sah er den Widder, und dann war er da? Abrahams Augen haben den lebenden Widder hervorgerufen — also befand sich In Abraham — Gott. Und wer bewies mir da?; weiter? Abraham! Seine Rede erglomm mir zum dritten Mal: „Es nannte Abraham den Namen dieses Ortes: . . . G.ott sieht!" Da erstarrte die Gemeinde, denn sie sahen den Widder, sie selbst. Und der Rabbi fuhr fort, zu reden von Adam: „Warum heißt es: Gott brachte die Tiere zum Menschen, um zu sehen, was er zu sich hin rufen würde . . .? Gott wollte es sehen? Wußte er es nicht vorher? Allein — Adam war damals doch ein Teil von Gott selbst, und was Adam aus Gott heraus tat und schuf, das tat und schuf in ihm —■ Gott!" Da streckte die Gemeinde ihre Hände aus, und es rauschte vor ihren Augen, sie sahen Wölfe bei Lämmern wohnen, AA Eä Pardel bei Böcken liegen und einen Knaben Kälber zusammen mit Löwen weiden. Und ihre Hände stießen an die Gewölbe des Raums, da wurde es dunkel vor ihnen, Wolken erwürgten die Welt, Angst überfiel sie: da aber durchfuhr sie ein heißer Strom und sie hörten aus ihrer Mitte die Propheten, die Gott genommen zu seinen Lippen, aus denen hervor« stürzt der Spruch, als wäre ein Loch in der Welt, durch das der Ewige brüllte. Doch der Rabbi fuhr fort zu reden vom Sinai, an dem unsere Seelen gestanden: „Als Gott den Berg am Ende über uns stülpte, wie ein feuriges Faß, hingen wir mitten darin, und die Flammen der Stimme durchrasten den Körper uns, und wir hinten einander, zusammengeschmolzen, ein einziger siedender Ghitiiug des Gott-Kraters, Eins wie Gott selbst, wir waren sein reißender Mund, und als er abermals seinen Namen uns rief, da war er nicht mehr im Himmel, nicht mehr im Berg, da brach es aus uns: —" Hier schrie die Gemeinde wie ein einziges überirdsches Wesen: ..Ich bin der Ewige, euer Gott!!" Der Rabbi aber erschrak und breitete beide Arme «tu» antwortend: „Hier, hier bin ich . . . Israel ben Akeda." Erwin Loewcnson. Reiibeni (Ucber den Roman von Max Brod) Von Sch. Gorelik. Historische Romane oder historische Dramen stehen im allgemeinen in keinem besonders guten Ruf, mögen sie auch noch so unterhaltend und spannend sein. Und nicht mit Unrecht, denn bei dieser Art von Literatur handelt es sich immer letzten Endes um einen belletristischen Kommentar zu einer Persönlichkeit oder Epoche, deren Hauptzüge schon von anderen beschrieben worden sind, nämlich von den Geschichtsschreibern, von den Chronisten. Alle Mühe, z. 8., die ein Romain Rolland sich gibt, um Danton zu gestalten, wird mit weniger Dankbarkeit und Anerkennung aufgenommen werden, weil die interessantesten Monologe dieses größten Tribunen der französischen Revolution nicht Romain Rolland sondern Danton selbst improvisierte. Und dasselbe gilt, wenn jemand einen Roman aus dem Leben eines Napoleon oder eines Ferdinand Lassalle schreiben will. Für das Interessanteste hat schon die Geschichte längst gesorgt, und für den Dichter, der dieses Material bearbeiten will, bleibt wenig Möglichkeit, schöpferisch zu sein. Man kann nicht aus Napoleon einen Feigling oder unbegabten Fcldhcrrn machen ebensowenig wie aus Herzog Alba einen sauften Menschen. Alles ist schon da. Festumrissen. Ganz anders verhält es sich aber mit einer historischen Persönlichkeit, von der auch der Chronist nur Andeutungen gemacht hat, mit einer Persönlichkeit, die in ein Dunkel gehüllt geblieben ist, und um deren Wcscuszüge vieie sich vergebens den Kopf zerbrochen haben. Hier ist für den Dichter, der dieses Dunkel beleuchten will, viel dankbare Arbeit. Hier kann er Bedeutendes leisten, hier kann er zum ersten Male eine historische Figur schaffen und ihr Leben und hohen Inhalt verleihen. Ein solcher historischer Roman ist dann originelle Schöpfung und hat das Recht, eine ernstere Aufmerksamkeit zu beanspruchen. Max Brods letztes Werk „Reubcni" gehört zu dieser zweiten Kategorie der historischen Romane.') Aus dem Dunkel der jüdischen Geschichte hat er den mysteriösen, abenteuerlichen David Reubcni, den Messias des sechzehnten Jahrhunderts hervorgehoben und ihn mit großer Ucbcrzcugungskraft gedeutet und gestaltet. Denjenigen, die aus den paar Seiten bei Graclz, die dieser Episode gewidmet sind, etwas über Reubcni wissen wollten und nur wenig erfahren konnten, ist jetzt;:rho|fen. .Bei Gractz heißt e* im Anfang: „Ein au*, dichtem Dunkel heraustretender Manu aus fernem Ost" und es folgt die Erzählung von diesem aus „fernem Ost" stammenden Reubcni, der an einem Tage des Jahres 1522 auf einem Segelschiff in Venedig angekommen ist, angeblich aus der weiten Wiistt* Chabor, wo die von den zehn vciloreuen Stämmen der Kinder Israel, die des Reuben, Gad und Manassc als selbständiges im Kriege geübtes Volk, regiert von einem König Joseph, leben. Er, David, der Bruder des Königs, ist als Gesandter gekommen, um mit den Großen der Welt, mit dem Papst und König von Portugal Verhandlungen wegen gemeinsamer Bekämpfung der Türken zu führen mit dem Endziel, sie aus Palästina zu vertreiben. Erzählt wird dann von der großen seelischen Aufregung unter der Judenheit Italiens und den Mar.uiiieu Spaniens und Portugals, von den Hoffnungen, die aufgetaucht sind, und von den bitteren Enttäuschungen. Das jjauze Unternehmen, trotz der ersten großen diplomatischen Erfolge, die der Sar Reubcni beim Papste und beim portugisischen Hofe erzielte, endete mit dem Scheiterhaufen der Inquisition für den heldenhaften Jünger Rcubcnis, Solomo Molcho, einstiger Hofmann und Maranr.c, und mit dem Martertode des Reubcni selbst in den Kerkern Spaniens. In der Geschichte hat die Märtyrergcstalt Molcho* seinen Herrn und Meister ganz zur Seite geschoben. Alle Sympathie des Forschers wie des Lesers galt ihm, Molcho, Reubcni aber ist als Abcntcucrcr, als Interessanter Halbbetrüger gestempelt worden, als einer der vielen falsche:: Messiasse, die immer am Horizont erschienen, wenn d:e Leiden des Volkes unerträglich wurden und als einziger Trost gegen diese Leiden die Sehnsucht aufkam nach einem Erlöser und die Hoffnung, „daß die Zeit gekommen ist und nahe ist das Ende......" Max Brod hat in seinem Biuhc eine Rehabilitation Rcubcnis vorgenommen und uns einen tragischen Helden, der Großes, vor allem aber Neue* wollte, 5tatt cir.es vermeintlichen Betrügers und leeren Phantasten, gezeigt. Er hat ihn in den Vordergrund gestellt. Allerdings mußte er im ersten Teil des Buches die Biographie Rcubcnis schreiben bis zu einem plötzlichen Auftauchen In Venedig mit einer Fahne und einem Schwert. Und diese Biographic ist Dichtung, nicht Wahrheit. Er führt uns nach Prag, wo Reubcni seine Jugend und Kindheit verlebte, in eine der ältesten schicksalsrcichen jüdischen Gemeinden, als Sohn des gottesfürchtigen, gelehrten Thoraschrclbers Simson Lerne!. Dort sah er die frommen, heiligen Männer, er sah aber auch all die Erniedrigungen, all die Ohnmacht. Und um eine Vertreibung der Judenheit Prags abzuwenden, mußten Mitte« und Wege •J Bei Kurt .Wolff, München 1025.