Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXX (1925)
- Issue
- Heft 76 (25.9.1925)
- Date
- 1925-09-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2652691-2652762--17731-3528636- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 647 Leon Chasanowitsch : tric * In dem Dorfe Valchovcc bei Tjacowo in Karpathoiüc (!■; rußland i»t am 17. September der bekannte jüdische sirk'" Schriftsteller und Arbeiterführer Leon Chasanowitsch i de < c5ncs P'ötzn:ncn Todes gestorben. ■i fn:, \ ^«wartet und plötzlich trifft uns die Nachricht vom ■eri;'! -de Leon Chasanowitsch. Für alle, die ihn kannten und in-1,ir s1,1"^11' 's* cs kaum zu fassen, daß dieser vitale j | luftige Mann so plöt/lich dem Leben entrissen wurde, '" ' dieses Leben \oll ratloser Arbeit und vielfältiger Intcr- ,0"''i;;-rn so ja" enden konnte. 3"1(;,' j Leon Chasanowitsch. der .im 5. Oktober ISS'2 in einer .Cirr -inen Stadt in der Nahe Wilnas geboren wurde, gehörte t 'nfcllo» zu den interessantesten Erscheinungen der jüdischen ft:rs<;; J.HcitersclufL Trotz, seiner Jugend zählte er bereits seit "isc!'.;: l\n Jahren zu den führenden Figuren des jüdischen Lebens. sö&riC entstammte einer frommen Familie, die ihm eine gute uxV'$ ^i-cli- Erziehung angedeihen ließ. Schon in seiner Jugend ...'0c■„,';)..'l-fo>ierte vr sich auf das tiefste für die Leiden und Pro- •>vc der jüdischen Arbeiterschaft. Dank seinen außerordent-?'r''. \:n fnhigkcitcu und seiner Intelligenz wurde er bald einer "'H führen der jungen Poalc-Zion-Bcwegung, für die er in ::nVcr tV',;,,scr Arbeit zwanzig Jahre lang tätig war. iilcii.li den meisten Führern der nissischen Arhcitcr-;cn -,»c£urtg miiHto auch er bald vor den Verfolgungen der .-. fischen Polizei flüchten und den größten Teil seines!• -bcn> im Exil zubringen. Im Jahre 1908, kaum in? Ausgelangt, nahm er regen Anteil an der von Dr. Nathan l'rnbaum nach Czcrnowicz einberufenen jiddischen Sprachjjjj-.J? r.iercnz. Nach kurzer Tätigkeit in der österreichischen Pcalc- ■i' - -fi.^n-Partci ging er nach Argentinien, um die Verhältnisse 3 jüdischen Kolonisten, über die in Europa völlige Unkcnntj^V/''.'•. herrschte, kennen zu lernen. Bald ging er mit der ihm m'(vi'fncn Energie daran, den Kampf für die Rechte der Kolo- .j„;:,':' ßcgcu die lca-Vcrwaitung auf/tinehmen. Doch die ^'.',' - 3 war mächtiger als er. ♦ Schon nach seinem ersten Auf- \\':.'.''■ ::cn in Argentinien denunzierte sie ihn bei der argentinischen '■)!), :ifri">£ a's Anarchisten; er wurde verhaftet, nach längerer; .'jupnishaft ausgewiesen und aus Argentinien abgeschoben. Europa zurückgekehrt, veröffentlichte Chasanowitsch in rcn;.' bischer und deutscher Sprache sein Material unter dem O-v^j':?!; „Die Krise der jüdischen Kolonisation in Argentinien d, t 5 P.: von In: der Bankerott der Ica-Vcrwalfuug", das ungeheures •...fsrhen hervorrief. Es war die stärkste Widerlegung der ' -nnfärbenden Berichte, die die Ica-Vcrwahung über die der Kolonisten veröffentlichte. Seit dieser Zeit gehörte Kampf gegen die lea zu einem Teil seiner Lebensaufgabe; j-licfi keine Gelegenheit vorbeigehen, um ihr Vcrwaltungs-; 'tem zu brandmarken. Frisch in Erinnerung ist noch •mc Rede über die Kolonisation in Argentinien, die er auf Karlsbader Wclthilfskonfercnz 1924 hielt. \ Chasanowitsch — zum Teil bekannt unter seinem Schriftplcrnarnen „Kassricl" — gehörte zu den begabtesten ".Mi/isten und Organisatoren der Poalc Zion. Er war lange Redakteur des „Jüdischen Arbeiter" in Lemberg, später > „jüdischen Kämpfer" in New York. Als Sekretär des ' cltvcrbandcs Poalc Zion betrachtete er cs als seine Haupt- .i^bc, Beziehungen mit den Führern der internationalen; riuitcrbewegung anzuknüpfen, um bei ihnen Verständnis;.: die Probleme der jüdischen Arbeiterschaft zu wecken. :-,c Anerkennung, die die Poalc Zion bei der sozialistischen '-crnationalc gefunden haben, ist in hohem Maße seinem :-kcn zuzuschreiben. Während seiner Tätigkeit für den ' u^rband Poalc Zion bereiste Chasanowitsch wiederholt .'cerika, Canada und England. Sein unruhiger Geist ließ nie lange an einem Orte bleiben. Er war immer rastlos '.erwegs, um für seine Partei zu wirken und zu werben. cic;r;.jjibt kaum eine größere jüdische Siedlung, die er nicht!cn c ./-.-urht, keinen Kampf für die Rechte der jüdischen Massen,;;!i:u'-yi dem er nicht aktiv teilgenommen hätte. Der Krieg überraschte ihn in Wien, wo er zusammen nyv'v. dem \erstorbenen Ber Borochow das Verbandsbüro der sc;- : ■ ilj 7j011 jcjtctr> iy wurde als feindlicher Ausländer intcr- :-r, doch gelang cs ihm, bald zu cutkommen. Er ging n '"■■ii Amerika und nahm hier hervorragenden Anteil an der ':; Ionisierung der jüdischen K o n g r c D b c w c g u n g. v,cr er nach dem Haag und nach Stockholm, wohin Verbandsbüro der Poalc Zion verlegt wurde. 1 lie ar- "•'ietc er mit an der Herausgabe des Buches ,,Dic Juden ~ Kriege", das als Denkschrift des Wcltvcrbandcs der Poalc 'n an die sozialistische Internationale gerichtet wurde. Nach :'n Kricjj veröffentlichte er zusammen mit Leo Motzkin die "'rrrssantc Dokumcntcusammlung „Die Judenfrage q"cr Gcgcn- '->'". Als die ersten Nachrichten über die Judenpogrome ' Polen und in der Ukraine nach dem Kriege nach Europa!"cn, sammelte Chasanowitsch sofort alles erreichbare Ma- und veröffentlichte dieses in jiddischer und französischer ."•sehe. Diese erste Veröffentlichung über die Greuel in jJn und der Ukraine haben in der ganzen Welt un- /Ws Aufsehen hervorgerufen und erneut die öffentliche .-taerksamkeit auf die Lage der Juden in Osteuropa gelenkt, fy'c Krisis der Poalc-Zion-Bcwegung und ihre Spaltung ächten es mit sich, daß Chasanowitsch in den letzten Jahren " der Partei, der er ein Leben lang gedient hatte, nicht mehr mitarbeitete. Neben seiner ausgedehnten publizistischen ':i^eit wandte er sich nunmehr den Arbeiten für die Zuh'""2; der Juden zu produktiver Arbeit zu. Er bereiste für ('«sclIschaft „Ort" Karpatho-Rußland und widmete sich ■ * HinnrtUn .! ~. V : . 1 «. \ / Ä* ........ ~ A tsw «■ ■ 1 ri «r r\\ t fi t irll r n iites atnr If^ici 2c:;:r: ididatc: '), c- 'hii^abr dnn Ziele der Verbesserung der wirtschaftlichen;I2C drr dortigen Juden. Mitten in dieser Arbeit, in einem /;"Ir* gottverlassenen Nest Karpatho-Rußlands, erreichte ihn :r Tod. Der Lebensweg und fod dieses merkwürdigen Mannes :':hcn etwas tief tragisches an sich. Eine Tragödie, die im ,unseres Volkes begründet ist und die über das Schicksal J finzclnen Menschen hinausgeht. Chasanowitsch war trotz '"1rr akii\rn Arbeit für dir Poalc-Zion-Bcwegung fast immer!n Außenseiter. Seine Begabung und sein Temperament ,'*rrn zu j»roß für die immerhin begrenzte Wirkungssphäre :"'rr judischen Arbeiterpartei. Im jüdischen Leben, wo die ™u»„:? Jfr Verhältnisse allzu großer Aktivität und allzu großem Kanrl.'.j ranE natürliche Grenzen setzt, mußte er immer wieder; r.:r.: •:.. nc" eigenen Weg gehen, um der inneren LInruhe, die ihn ,c, v \ 'aMloscr Arbeit trieb, folgen zu können. Sein früher Tod 'finem Dorfe Karpatho-Rußlands, fern von seiner Familie, i:io-L;',. " Uocr alles liebte, fern von den Menschen, die ihn -i n" und schätzten, ist svmbolisch für sein ganzes Leben, o.; 'rr.Ku»closc und ewig Wandernde mußte fern und unbekannt i(.J,n.',;«|;ikeit mitten in seiner Arbeit sterben. Das tragische i- Nthick, das über der 'jüdischen Arbeiterbewegung zu walten r -,'f('.ln| und ihre besten'Kräfte im jugcndliehrn Alter hinweg- ^r. i' lv 'lllt auch sein Leben brsiegclt. Sein Tod ist ein starker ■ &: 1 Ulr die jüdische Arbeiterschaft, für die gesamte jüdischr..vitcn: -Ii :t ynaI« Bewegung, nicht zuletzt für die jiddische Publizistik, tngsr.::.-f °rCn her orragendsten Vertretern er zweifellos gehörte. *:;-::• - Sch. R. hrl)^!- __ [enanate % thjfM0? ^. September verschied in Leningrad (früher Petcrsf in dtln Altcr VOn 37 Jahrc» Jcr Professor der Mathematik | QCr Leningrader Universität, Fridman. Sagcclcare uzi Werknselster Ein Brief aus T c 1 A w i w. Jeder, der in einem der jungen palästinensischen Betriebe beschäftigt ist, bekommt zahlreiche Anfragen von jüdischen Ingenieuren aus Europa, die sich über die Arbcitsmöglichkciten in Palästina erkundigen. leider muß die Antwort in den meisten Fällen negativ ausfallen. Was zunächst Chemiker betrifft, so ist Palästina für absehbare Zeit reichlich versorgt und die bereits im Lande befindlichen Chemiker haben in vielen f ällen nicht einmal die Möglichkeit in ihrem Berufe zu arbeiten.' Wir hoffen zwar alle, daß die chemische Industrie in Palästina einmal eine große Rolle spielen wird, aber das ist eine Frage der Zukunft und selbst dann dürfte der schon vorhandene Stock chemischer Ingenieure ausreichen. Man sollte nicht vergessen, daß das Land und seine Industrie klein und die Möglichkeiten, wenn auch gewiß nicht zu verachten, schließlich beschränkt sind. Dies gilt für alle Arten von Ingenieuren, vielleicht mit einziger Ausnahme von Bauingenieuren, die mit Rücksicht auf die starke Bautätigkeit noch die besten Aussichten und Möglichkeiten haben. Was aber die anderen betrifft, so müssen und können sich manche ihr Feld selbst schaffen. Es gibt verschiedene industrielle Möglichkeiten, die mit mehr oder weniger Kapital und viel Kenntnissen und Erfahrung ausgenutzt werden können. Am allcrwichtigstcn sind die letzteren. Der größte Teil der hier einwandernden 'Ingenieure besteht aus Leuten, die entweder die Hochschule gerade absolviert oder sieh nur eine geringe Erfahrung in industriellen Betrieben Europas oder Amerikas angeeignet haben und nun kommen sie her und möchten womöglich gleich einen leitenden Posten. Dic>c Einstellung ist natürlich ganz unmöglich und wird im Lande sehr bald auf eins richtige Niveau reduziert. Die Dinge sind in Palästina überhaupt nicht so leicht, sogarfür solche, die eine reiche ausländische Erfahrung mitbringen, da wir cs hier mit ganz spezifischen Verhältnissen zu tun haben. Wie sollte ein junger Mann, der weder das Land noch seinen Beruf gründlich kennt, Anspruch auf einen besonderen Posten haben? Dies muß einmal gesagt werden um vielen Leuten Enttäuschungen zu ersparen. Der richtige Weg ist entweder nach beendetem Hochschulstudium sich in Betrieben Europas gründlich praktisch auszubilden und dann zu versuchen ins Land zu kommen, oder aber, wenn dies möglich ist, zunächst das Land und seine .Möglichkeiten kennen zu lernen und dann nach Europa sich praktisch auszubilden fahren. Sehr wichtig ist hierbei die psychologische Einstellung, daß man nämlich bereit sein muß in Palästina zunächst einmal jede Arbeit zu machen, wenn man in seinem Berufe nichts finden kann. Sonst ist cs am besten gar nicht herzufahren. Es ist aber zu bedenken, ob jemand, der in der palästinensischen Industrie arbeiten will, überhaupt eine technische Hochschule absolvieren muß. Es i>t eine merkwürdige Erscheinung, daß, während die jüdischen Ingenieure in den Straßen Tel- Awiws arbeitslos herumlaufen, keine einzige halbwegs größere Fabrik besteht, in der nicht mehrere ("bristen als Werkmeister usw. beschäftigt wären. Und zwar durchaus nicht deswegen, weil man nicht lieber Juden anstellen würde, sondern weil keine da sind. Es gibt in Palästina mindestens dreißig Christen, die in jüdischen Fabriken beschäftigt sind und von denen sicher keiner weniger als '20, manche bis -10 Pfund monatliches Einkommen haben. Das sind für Palästina schöne Gehälter. Es muß aber gesagt werden, daß diese Leute meist Deutsche und Schweizer, ihr Fach großartig verstehen. Es kommen zwar ständig Juden aus Polen, die sich als Werkmeister, Monteure usw. ausgeben, aber meist völlig versagen. Erforderlich sind gute sowohl theoretische als auch praktische Kenntnisse. Im Textilfach, das meiner Ansicht nach die besten Aussichten hat. ist z. B. die Absolvierung einer Fachschule und mehrjährige praktisch^ Arbeit in Fabriken notwendig. Freilich ist auch dann noch nicht verbürgt, daß man einen Posten im Lande bekommt, aber die Wahrscheinlichkeit ist viel größer. Hier in Palästina, wo man sparen muß und einer womöglich alles können soll, ist vor allem vollkommene Kenntnis der Maschinen, so daß man sie auch evtl. aufmontieren kann, ferner auch Beherrschung cW Fabrikation, theoretisch und praktisch erforderlich. Natürlich werden wir Juden noch lange den Schweizern nachstehen, die an Tüchtigkeit und Kenntnissen unerreicht sind, aber gerade die Schweiz muß unser Vorbild auf dem Felde der Industrie sein. Wir werden niemals in billigen Massenartikeln mit Deutschland wetteifern können, aber wir können Qualitätsware herstellen und dafür einen etwas höheren Preis verlangen. Wir Juden leinen leicht und ich habe Beispiele cresehen, daß ungelernte Arbeiter ganz erstaunlich schnell eine gar nicht einfache Arbeit erlernt haben. Aber es handelt sieh darum, nicht bei Halbwissen und Malbkönnen stehen zu bkiben, wie es unsere Gefahr ist, sondern si;h gründliche und womöglich vollkommene Kenntnis des Faches anzueignen. Derartig ausgebildete Leute werden imstande sein, die palästinensische Industrie in die Höhe zu bringen, übrigens gilt dies mutatis mutandis nicht nur von der Industrie, sondern auch von der Landwirtschaft. Vielleicht wäre cs eine Aufgabe der Zionistischen Organisation, die ja bisher für die Industrie wenig tat. diese Dinge zu organisieren. Ganz, besonders könnten die jungen Leute in Deutschland, die in ihrem Lande eine so große Industrie und ein vorzügliches Gewerbeschulwcsen haben, sieh im Hinblick auf die palästinensische Industrie ausbilden. Sogar so mancher fertige Ingenieur täte gescheiter, noch cinm Werkmeisterkursus zu machen, statt ohne weiteres auf seinen Titel hin nach Palästina zu gehen. Es. ist übrigens charakteristisch, daß es in Europa selbst Werkmeistern usw. heute besser geht als Ingenieuren, soweit cs diese nicht zu technischen Leitern in einem Betrieb bringen. V. G. Trl-Aviv als FistobnlzaLnolcapnikt Jerusalem (J. T. A.) Die Verwaltung der palästinensischen Eisenbahnen hat mit den Stadtverwaltungen von Tel- Awiw und laffa ein Arrangement getroffen, in F.rfolg dessen die r.isenbahnverwaltung dir Verpflichtung übernahm, eine Eisenbahnlinie von Kalkilich nach Tel-Awiw zu bauen. Nach Fertigstellung dieser Linie wird der Eisenbahnknotenpunkt Ludd aufgehoben und Tel-Awiw zum Hauptknotenpunkt der palästinensischen Eisenbahnen erhoben. Durch die neue Linie wird die Verbindung zwischen Jaffa und Haifa einerseits und Jaffa und Jerusalem andererseits sehr verbessert. Die Linie schafft auch einen Verkehr zwischen Tel-Awiw und den Kolonien in Judäa. Die Wiener Frauea-Koclercaz Von Dr. Mirjam Scheuer. Wir können der nachfolgenden launigen, wenn auch scharfen Kritik Raum geben, da sie von einer Frau stammt, der gegen Damen ein starkes Wort erlaubt ist, das bei Männern als Vorurteil gedeutet werden könnte. Im übrigen dürfen wir auch in dieser Kritik nichts anderes sehen als den unbändigen Wunsch, cs besser zu macheu. Red. Wenn Frau H. H. Thon in der ,.J. R." Unterlassungssünden der IM. I'rauenkoiifcreiu tadelnd aufzahlt, wenn Frau Anita Cohen gesteht, daß diese Konferenz, ihr eine gelinde Enttäuschung bereitet habe, wenn vo:i ernster zionistischer Seite der Frauenkonferenz, der Vorwurf gemacht wird, sie habe sich zu wenig mit der Frage der weiblichen Immigration befaßt, — dann ist es doch nötig, ein offenes Wort zu sprechen, das aus Prestigegründen* gerne unterdrückt worden wäre. Aber vor solchen irrigen Acußcrungcu ist Schweigen nicht am Platze und so erkläre ich offen, um allen entgegengesetzten Behauptungen ein für allemal vorzubeugen: diese Fraucnwcltkonfcrcnz, auf die sich alle genannten Autoren beziehen, hat nicht stattgefunden. Lassen wir uns nicht länger täuschen. Wir kenne:) die Berichte: „Im l'eslsaale des Gremiums begrüßten Wei/nunn, Sokolow usw. usw. die Frauen...... Wcizmanu mit Bewunderung......Konferenz tagte unter Teilnahme von sechzig Delegicrtinncn......wichtige Beschlüsse — cs ist ja alles nicht wahr. Es hat keine Konferenz stattgefunden. Es ist wahr, daß der Festsaal des Gremiums zu solch einem Zweck vier Tage lang gemietet war und cs ist auch wahr, daß der ganze zionistische Olymp sich in die Eröffnungssitzung niederließ. Aber sonst nichts vorgefallen. Es ht nicht wahr, daß eine Konferenz stattgefunden hat, und erst recht nicht, daß sie von jemandem geleitet worden sei; und schon gar nicht, daß sie irgendwelche Entschlüsse gefaßt hat. Daraus erklärt sich zwanglos, das Bedauern der palästinensischen Fraucuvcrbändc, deren „Moaah" durch Frau Thon neulich hier sprach, daß die Konferenz sich nicht mit ihnen verständigen konnte. Daraus erklärt sich, daß Frauen, die von dieser Konferenz viel erwarteten (und auch solche, die wenig \on ihr erwarteten', enttäuscht waren; daraus auch schließlieh, warum sie sich nicht mit verschiedenen schwierigen Themen beschäftigt hat: sie war nicht da. Sic fand nicht statt. Des Kaisers neue Kleider! Es ist das sehr schade. Denn cs gab verschiedene wichtige Themen, über die man sich auf dieser Konferenz klar zu werden erhoffte. Vor allem ist ja das Programm dieser sogenannten Fraucnwcltorganisation so ausdrucks- und inhaltslos, ihr Charakter so unbestimmt, ihre Struktion so amorph, daß man gern über die Schaffung eines prinzipiellen Programms gesprochen hätte; und hiervon hätte man den Nutzen gezogen, endlieh zu festen Grundlagen der Propagandatätigkeit zu gelangen; dann wäre man imstande gewesen zu erfahren, in welchem Verhältnis diese Sonderorganisation zur Z. O. steht; hieran anknüpfend wäre es sehr notwendig gewesen, das Verhältnis zu den nichtzionistischen Palästinaverbänden zu besprechen; auch das Verhältnis zu den zionistischen Paläbtinavcrbänden hätte, wie man schon aus Frau Thons Acußcrungcu in der „J. R." ersieht, besprochen werden müssen. — Und statt all dem fand die Konferenz nicht statt? Sic fand nicht statt. Ich muß es wissen, denn ich war dabei. Vier Tage lang vollzog sich im Festsaal des Wiener Gremiums eine langgcdchntc ungeordnete Plauderei. Bei dieser wurde viel Himbccrwasscr gereicht und cs wurden heftige Dialoge geführt, wie das bei Damenuachmittagcn manchmal vorkommt. Sonst ereignete sich nichts. Wir haben schon dreimal die aufdringliche und anmaßende Art erlebt, in der diese angebliche Fraucnwcltkonfcrcnz sich neben den Kongreß setzt, um sich einen wirkungsvollen Hintergrund zu schaffen, — wie die Unke des Aesop neben den Löwen, — und die Kongrcßbcsuchcrinuen dadurch vom Kongreß weg in Sitzungen lockt, die das Mcdusenantlitz. völliger Unzulänglichkeit zeigen; aber so arg wie diesmal war es noch nicht gewesen. Die früheren beiden ..Konferenzen" waren kraftlose redliche Versuche. Das, was diesmal geschah, war der routinierte Versuch, nichts zustande zu bringen, — der vollkommen gelang. Die kaltblütige Routine in der Kunst des völligen Versagcus, ist das einzig Erstaunliche dabei gewesen. Entsetzt sahen sich die sechzig Delegicrtinncn an, da sie nicht verstanden, was vor sich ging. Worte, Projekte, Verständnis, das war alles heillos verwirrt wie beim Turmbau zu Habel. Und wie Nimrod saßen die Damen der englischen Organisation, die angeblich präsidiert haben, oben und deuteten manchmal an, daß sie sprachlich nicht gewachsen sucn. Da gingen die versammelten Völker konsterniert und verblüfft auseinander. fliese nicht stattgefundene Konferenz, die jeder und niemand gesehen hat, dieses Gewand ohne Trager. hat aber einen Eindruck des Grauens vermittelt, den wir *ch\vcrer verwinden werden, als den Mangel der erwarteten Beratung. Um vorzutäuschen, daß sie stattfinde, hatte man sich eine Menge Gebärden ausgeliehen, Gebärden, die nun leer und fleischlos agiertey, Kongreßgebärden: so lag u. a. eis „Bericht" vor, in seiner Ausstattung sklavisch dem der Zionistischen Exekutive an den Kongreß nachgeahmt; so bekamen die „Delegiertinnen" Konferenz-„mappen". die sich von denen des Kongresses nur insofern unterschiede;:, daS statt Vorschlägen und Mitteilungen, leeres Löschpapier drinlag (symbolische Unterscheidung!); so auch bezeichnete man das Problem des Kulturverbandcs als — Parallele zur Jewi>h Agency! so erklärte das „Präsidium" in „Kommissionen" zu Themen, über die man noch gar nichts wußte, wenn seine „Resolution" nicht ohne Acndcrung angenommen würde, werde cs das als „Mißtrauensvotum" bezeichnen: kurz c> war ein schreckliches Doppelgangcrtum. verzerrtes winziges Spiegelbild c'i<".....'•" iA';"<-" Originales. Und man wußte nicht, wovor einem am meisten graute, ob vor der Unzulänglichkeit oder vor der Eitelkeit, die ihr eigenes Fiasko gar nicht merkt, oder vor der Hoffnungslosigkeit, die sich in diesen krampfhaften Gcbär<lm .iu;druc!.tc. Sind Fraucnkonfercuz.eu notwendig? Vielleicht ja, dann werden noch sehr viele stattfinden müssen, bis die Veranstaltcr des Wiener Schattenspielen wissen, wie man so etwas macht. Vielleicht auch nein; diese Gewißheit wäre die Erlösung von einem fürchterlichen Albdruck.