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Jüdische Rundschau · 1925-09-18 · Heft 74-75 (18.9.1925) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXX (1925)
Issue
Heft 74-75 (18.9.1925)
Date
1925-09-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Kr..74/75 JÜEDISCHE RUNDSCHAU Seite 633; seine Einstellung ist die eines Kindes und sie bringt mit sich, daß er alles aus der Sphäre des Absoluten vraushebt in die Sphäre des Spiels und in dieser unwesent- •'•hen, sclbstgczimmcrten Welt nun herumtändclt, mit seinem;'Lnfn Leben, mit dem der andern, mit allem was heilig Ist. > * Die unbegrenzte Hingabe an den Sport, die der Nicht- J ü£)e kennt — M. S. spricht immer nur vom westlichen Nicht-; ,jfn> ohne diese Einschränkung weiter zu erörtern — ist;,r S. das charakteristische Merkmal aller gcscllschaft- ■'rhen Einrichtungen der gojischen Welt. Das Zentrum, : das sie sich ordnen, ist der Krieg, der für den Nichtigen vor allem der höchste Sport ist. Die frenetische Lust, £r freudige Heroismus, mit dem er sich in den Krieg stürzt, .jtvedsen, wie sehr er ihm ein Ausleben bedeutet. Das gleiche sportliche Prinzip des Wettstreits, das dem ' fv'riepc zugrunde liegt, dieselbe Grausamkeit, die nichts gegen .; 4C Vernichtung des Konkurrenten hat, wenn sie nur im Rahmen der Spielregeln geschieht, dieselbe begrenzte Menschlichkeit regiert auch das ökonomische Leben der nichtj jüdischen weit. Unbeschwert sieht der Nichtjudc in den Hl:- to' Sicher v: [tn rr Igeu:". tn, ä. Tic ub::::- in i, Nie:. k An-; Ttf. die Zukunft. Sein Gottesdienst mit seinen Kastciun-! -cn und seinen kindlichen Vergötterungen ist auch nur eine ', \it Sport und ahnt nichts von dem verzweifelten Ringen; Juden um die Vereinigung mit Gott. Seine reiche jüinst ist so recht ein Ausdruck seines unerschöpflichen öieliriebs, aber auch seine Wissenschaft mit ihrem hart- -ickigen Verfolgen von Problemen, „die doch unwesentlich : liad für die moralischen Grundfragen des menschlichen fjjseins" (!) ist erklärlich nur als ein geistiger Sport. Und rin Opfer seines unbarmherzigen Sportinstinkts war zu allen Zeiten der Jude, eine leichte Beute für seine Jagdbegicrdc. Niemals hätte der Jude diese Welt aufbauen können, die rjc des Nichtjuden ist, diese Welt des Kriegers und Sportssanns, des Gentleman und des Höflings, diese Welt voll Gesang und Tanz, voll Phantasie und Spiel, voll unerhörter :ivih':-atorischer Leistungen und voll der unerträglichsten tthischen und sozialen Widersinnigkeiten. Der Jude steht dieser Welt gegenüber wie ein Erwachsener einem Spiel von Kindern, wissend, düster, die Jahrtausende der Geschichte, die er allein von ihnen allen an sich hat abrollen ichen, in seinem Blick. Von der Last der Probleme dieses Daseins gebeugt, von der Verantwortlichkeit für den Sieg des Absoluten bei jedem Schritt erfüllt, hat er nur ein verächtliches Achselzucken für das ganze kindliche Getue um ihn. Als ein Spielverderber wird er daher von den Tonjrßebcndrn dieser Gesellschaft gehaßt. Als solcher Ist er ihnen verleidet. Selbst wenn er, wie es seit dem lct/tcn lahrhundcrt geschieht, sich ihren Spielen zugesellt, empfinden sie ihn nicht als einen richtigen Spielgefährten. Denn?b der Jude sich dazu hergibt, Krieger oder Snortsmann, jehrittmacher im wirtschaftlichen Kampf oder Kavalier zu sein, nie ist er mit seiner ganzen Seele dabei. Immer fühlt man den Vorbehalt seines eigentlichsten Seins heraus, dem er nur aus dem Wunsche, sich seiner Umgebung anzupassen, Zwang antut. Wo immer der Nichtjudc daher den Juden in seiner Milte sieht, fühlt er ein Unbehagen. Da er ihm auf sein geistiges Niveau nicht folgen kann, so cxzcllicrt er ihm Ztrjcnübcr auf einem Gebiete, auf dem der Jude wehrlos ist — auf dem der physischen Kraft. Und wenn man einen Maßstab haben will, wie niedrig der geistige und moralische Standard der nichtiüdischcn Gesellschaft ist, dann nag man an die Lüge denken, die sie über den Juden in allen Jahrhunderten fabriziert hat und weiter sich nicht schämt, in die Welt zu setzen. Der ungebildete Jude wäre rieht imstande, von einem Nichtjuden solch himmelschreienden Unsinn zu glauben wie Millionen von Nichtjuden sich über den luden, einreden lassen. Es besteht keine Hoffnung, so schließt M. S., daß zwei <o entgegengesetzt gerichtete Naturen sich jemals versöhnen, ineinander verschmelzen könnten. Das Höchste, was sie erreichen könnten, ist einander zu verstehen. Der einzige Weg zu einer wirklichen Annäherung wäre die Vermählung fier beiden augenscheinlich biologisch verschiedenen Arten — <ystematischc Zwischenheirat. Aber das hieße die nichtjüdische Welt genau um das jüdisch machen, als jüdische Elemente in ihr aufgelöst würden und gerade das würde sie um keinen Preis zulassen, selbst wenn der unwahrscheinliche Fall eintreten könnte, daß die Judcnheit sich in ihrer Gänze zu einer solchen Sclbstzcrsetzung hergäbe. Angesichts dieser unerbittlichen Tatsachen könnten Juden Nichtjuden nichts anderes tun, wie bisher, Seite an S'ite miteinander fortzuwandern, auseinandergehalten durch; fjnen mannenden Abgrund. Nur werde der Antisemitismus •inleicht, wenn er sich des Wesens des Gegensatzes bewußt geworden sei, andere Ausdrucksformen finden. Dem Juden aber gebe sein grundsätzliches Anderssein jji den Augen M. S. erst das Recht zur Behauptung seiner Sondcrcxistenz. Denn wäre der Jude nur eine Wiederholung &r anderen Völker, wäre sein Anspruch auf ein Heimatland, *<f eine eigene Kultur und Gesetzgebung nur begründet in ' Aehnlichkeit mit den anderen Völkern, dann wäre es Wahnsinn von ihm, seinen Sclbstbchauptungskampf fortzusetzen, sich selbst zur Qual und den anderen Völkern zum Ärgernis. Das Bewußtsein allein, kein bloßer Additions-; laKtor zu den nichtiüdischcn Völkern zu sein, habe dem . Mcn die erstaunliche Kraft gegeben und werde sie ihm Juch weiterhin geben trotz aller Zerstreuung und Verjüng nicht unterzugehen im Schmclztiegel der Zeiten. So endet der feine junge Geist des 20. Jahrhunderts, dtr M. S. unzweifelhaft ist, mit Hintansetzung aller wissen- ^haftlichcn Erkenntnisse von vier Jahrtausenden dort, wo c* naive Geschichtsauffassung der Bibel begann — mit JCin Märchen von der Einzigkeit des jüdischen Volkes, v°n seiner Auserwählthcit als des Volkes Gottes. . Jedoch dieselben Propheten, die M. S. immer wieder *njcrt als die Inkarnation des unverfälschten jüdischen Genius «nd deren messianische Traume er als so bezeichnend anfür dl«: Einstellung des Juden zur Welt, wissen •^nts mehr von dieser kindlichen Ucbcrhcblichkcit. Im Geentert, und M. S. führt es selber paradoxerweise rühmend sie verkünden die Verbrüderung aller Völker am Ende?tr Zeiten, die Ausgießung des Geistes Gottes über alles ' üctidc Fleisch. Der Gedanke an eine polare Gegensätzlichst zwischen dem jüdischen Volk und den anderen Völkern "mochte ihnen auch schwerlich zu kommen zu einer il ' tWo d»c Könige Israels nicht zurückstanden hinter „"} fürsten anderer Völker, an niedrigstem Götzendienst rJJ ar£stcn Lastern, an höfischem Prunk und infernalischer fr3'Jsamkcit, und wo es das Volk durch seine tiefe Vcr- , mmenheit seine von sittlichem Pathos erfüllten Mahner deür Wic btcts zu Rufcrn in dcr Wüstc verurteilte. Nicht l, Gedankengang derjenigen, die er selbst als die echtesten Kon n -dcs Judentunis anführt, ßetzt also M. S. mit seiner öun^Cp/iotn dcs Jüdischen Volkes als einer Ausnahmccrscheij.j.^j; S°N nun nicht vielleicht verwischt werden, daßdas ■Q-che Volk infolge seiner Loslösung von heimatlicher Hen u^ seiner eigenartigen Geschichte, schmerzlichen rV^Sestoßcnwerdens unter den anderen Völkern, bestimmte ■ s>w crzu?e entwickelt hat, die ihm ein ganz ausge- &n?Cncs QcP"ge geben. Es soll auch M. S. als Ver- P0rz\ «n/rcrcchnct werden, daß er. eine neue glückliche <Ufi a , dicse Eigenart gefunden hat. Es ist unleugbar, * Q*s jüdische Volk durch seine Leidensgeschichte eine ernstere und pathetischere Einstellung zur Welt gewonnen hat als die unter normaleren Bedingungen zur Entwicklung gelangten nichtjiidischcn Völker. Aber deswegen den Juden zum einzigen Dimer der Absoluten unter den Völkern zu erheben, zum alleinigen Goltcstrtger, geht zu weit. Nur derjenige wird das fertigbringen, für den die Völker eine einheitliche gesellschaftliche Mar.se sind. Zieht man aber jene Teile der Völker in Betracht, deren Schicksale dem des jüdischen Volkes verwandt waren, ihre unterdrückten, geknechteten, so lange völlig recht- und wehrlosen Schichten, dann wird man eine auffallende Aehnlichkeit ihrer Psyche mit der „jüdischen" feststellen können. Die Kctzerbcwcgungen aller Jahrhunderte haben gewiß mit nicht geringerer Leidenschaftlichkeit für das Königreich Gottes auf Erden gerungen als das von den Propheten inspirierte Judentum, das doch praktisch jahrhundertelang geschwiegen und sich fast jeder Einwirkung auf seine umgebende Welt bc- 6eben hat. Und die auf nicht religiöser Basis erwachsenen!mwälzungshewcguugen der neueren Zeit hat die nichtjüdische Welt gleichfalls aus sich allein geboren. Man vergesse doch nicht, daß es nicht viel mehr als ein Jahrhundert ist, seitdem der Jude am öffentlichen Leben teilnimmt, und man wird doch nicht behaupten wollen, daß der Kampf für Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit erst seit daher datiert. Angesichts dieser und ähnlicher Tatsachen aber zu behaupten, wic dies bei unsern nationalen Schriftstellern jetzt so vielfach Mode geworden ist, daß der Jude der einzige wahre Gottesgcsan-itc und Gottesstreiter sei, ist eine Zurechtstutzung der Wahrheit, die zwar denjenigen luden, der sie für bare Münze nehmen kann, zu moralischen Großtaten zu beflügeln vermag, die aber schädlich wirkt durch den Dünkel, den sie gibt und in dem das jüdische Volk leider so wenig wic ein anderes bestärkt zu werden braucht. Geltend zu machen jedoch, wic sichs M. S. leistet, daß die Bestrebungen für soziale Gerechtigkeit bei den jüdischen Völkern nicht ernst zu nehmen seien, weil beispielsweise die deutsche Sozialdemokratie Disziplin und Organisation für ihre Ricscnmasscn einhalte, was für M. S. bereits Degradierung zum Spiel ist — und well sie zu Zeiten die Form über den Inhalt gestellt hat, das läßt die Objektivität des Verfassers in sehr zweifelhaftem Lichte erscheinen. M. S. wird nicht aufrecht erhalten" können, daß nicht auch im Judentum vielfach die Form den Inhalt in abstoßender Weise überwuchert hat und daß nicht auch der Jude es zu allen Zeiten getroffen hätte, sein tägliches Leben jenseits von dem zu führen, was er in seinem religiösen Leben hochstellte. Der Jude verleugnet eben auch in seinen Fehlern so wenig wic in seinen Tugenden die Eigenheit, die unter gewissen Voraussetzungen seiner Spc/ies zukommt — der Menschheit nämlich. Seine Psyche unterliegt denselben Bedingungen wic die aller anderen Völker und in gleicher Weise. Und so wenig die Besonderheit, die dem jüdischen Volk durch sein historisches Schicksal angezüchtet wurde, wegdiskutiert werden darf, so wenig verbannt sie ihn auf eine isolierte, unerreichbare Höhe, um die ewig feindlich das Meer der nichtjüdischen Völker tost. Zuweilen macht es sich aber M. S. auch gar zu leicht, eine Besonderheit herauszukonstruicren, wo gar keine besteht. So ist es eine arge Zurcchtbieguug der geschichtlichen Tatsachen, wenn er die religiöse Kultur der alten jüdischen Welt und ihre messianischeu Träume gegenüberhält der heidnischen Welt des jungen Hellcnentums mit ihrer Sinneufreudigkeit, und ihren Götterdichtungen, ihrer Erfülltheit von Krieg und Spiel und ihrer platonischen Utopie des vollkommenen Staates. Sic zu messen an der religiösen Glut und dem heiligen Eifer der reinen christlichen Lehre und des von ihr erfaßten Lebens der Völker, wic es sich logischerweise gehörte, gäbe freilich ein weniger ver/errtes Bild des Nichtjudcntums als es M. S. in seiner falschen Perspektive sieht. L)ic Wissenschaft aber wegen ihrer Bczichungslosigkeit zur Moral als eine andere unernste Aetißcrung der sportstollen nichtjiidischcn Welt darzustellen, wirkt ebenso unverständig und lächerlich, wic M. S.' Behauptung, daß weder Platos^ gedankenvolle Dialoge über das Wesen der Gerechtigkeit das ethische Gefühl zu erwecken imstande wären, noch der kategorische Imperativ Kants, „dieser Pegel der Trivialität der gojischen Welt", nach M. S. den geringsten sittlichen Anstoß zu geben vermöchte, daß aber auch der Taube höre und erzittere, wenn der Prophet statt aller weiteren Begründung donnere: „So sagt der Herr!" M. S. geht nicht weiter darauf rin, warum er unter der nichtjüdischeu Welt, der er die jüdische gegenüberstellt, nur die westliche Zivilisationssphäre, die gojisene Welt verstanden wissen will. Freilich die Erklärung liegt auf der Hand. Der Antisemitismus ist eine Giftpflanze, die nur in der gojischen Luft gedeiht. In der orientalischen Welt ist er eine unbekannte Erscheinung, soweit er nicht in unseren Tagen durch englische und französische Antizionistcn zu den Semiten selbst, zu den Arabern getragen wird. Es ist dies gewiß eine Tatsache, die zu denken gibt. Ist es aber wirklich der sportsmannischc und Kindlich verspielte Zug^ der westlichen Welt, der ihren Antisemitismus zur Folge hat? Die Völker, die dem wildesten und blutigsten Antisemitismus auf dem Gewissen haben, die Russen, Polen Rumänen und Ungarn haben wohl am wenigsten sportsmännischen Geist. Umgekehrt ist der Antisemitismus in der angelsächsischen sporterfülltcn Hemisphäre am müdesten. Auch wird man nicht lange zögern, der orientalischen Welt eine größere Kindlichkeit im vergleich zur okzidcntalcu zuzusprechen. Demnach sollte auch sie den Juden als einen Dorn im Fleisch empfinden. Aber es scheint nur eine ganz bestimmte Mischung von Kindlichkeit mit anderen Elementen zu sein, die antisemitisch reagiert und nur ein ganz gewisser Prozentsatz Sportlust, der antisemitisch wirkt. Es müßte also demnach noch ein ergänzendes Buch soziologischer Chemie zu Samuels Buch verfaßt werden, um seine These zu Ende zu führen. Ein hoffnungsloses Beginnen, von dieser Seite her dein Antisemitismus auf die Spur zu kommen. Sein Wesen ist aus solchen Faktoren wohl kaum zu erklären. Es ist vielmehr als eine Acußerung primitiver Stammcsidcologie anzusehen, die alles Andersgeartete — und wenn es nur nach Kost una Tracht verschieden ist, — mit feindseligen Augen betrachtet und womöglich blutig bekämpft. Solche Acußcrungcn primitiver Völkerpsvchc finden wir in allen Jahrhunderten der Geschichte und in der Gegenwart mehr als wir vor dem Krieg für möglich gehalten hätten. Daß sie so konzentrisch gegen den Juden gerichtet erscheinen, kommt daher, weil er als einziger in großen Massen und als fühlbarer Konkurrent im wirtschaftlichen Leben unter allen christlichen Völkern verstreut wohnt, während er Im Orient nicht nur verschwindend an Zahl ist, sondern auch ökonomisch noch nicht unliebsam empfunden wurde. Die Konzeption M. S. vom jüdischen und gojischen Wesen erscheint nur auf den ersten Blick genial und packend. Bei näherem Zusehen erkennt man, daß sie nur deswegen täuschen kann, weil sie zwei tatsächlich bestehende Einstellungen zum Leben zeichnet Nur geht der Schnitt zwischen ihnen nicht wie M. S. ihn führt auf der niederen Ebene: Juden und Oojim, sondern auf der höheren zweier verschiedener Menschcmtvpcn, Angehöriger rweier verschiedener Klassen — und kulturschlchten. M. S. gibt selbst die Tatsache zu, daß zahlreiche Juden in ihrer Lebenscinstcllung sich so echt; ihrer gojischm .Umgebung angepaßt hätten, daß ein Unterschied gar nicht zu merken sei. Er behauptet zwar, es wäre ersichtlich, wie fremd dem Juden im Grunde diese Mauserung wäre, daran, daß dieser alles so überspanne, was er nachzuahmen fiirh bemüßigt fühle, .vom Patriotismus •angefangen bi* 7iim Sports« fanatismus. Er räumt aber andererseits ein, daß es viele Christen gäbe mit der Einstellung, (Ii: er als spezifisch jüdische definiert hat. Nur stellt er in diese:; Ausnahmen keine Widerlegung seiner Theorie. Ein Voik habe eben den Charakter seiner Mehrheit und die Tatsache, daß aus 1000 Mitgliedern einer ethnologischen Gruppe eine Majorität in ganz spezifischer Weise reagiere, berechtige den Soziologen von bestimmten Volksmcrkmalen zu sprechen. Die Völker selbst trügen diesen Tatsachen Rechnung durch die Pauschalurteile, die sie übereinander abgäben. Anstatt nun diese schädliche, die gegenseitige Verständigung unterbindende Pauschalbcurtcilung zu bekämpfen, stimmt M. b. selber in sie ein. Dabei führt" er einen doch selbst zu der Feststellung, daß der Unterschied zwischen den Nationen nicht ein fundamentaler, sondern ein gradueller sei, d.h., daß von 10T) )unrn vielleicht 600 die Einstellung des reifen Menschen zum Leben haben und nur 400 die Einstellung des kindlichen Typus um in seiner Terminologie zu sprechen. Unter den gojischen Völkern hingegen wäre das Verhältnis umgekehrt. Damit fällt aber wohl M. S. Diagnose einer grundsätzlich verschiedenen Artung der beiden Völkergruppen ineinander zusammen und ebenso seine unheilvolle Prognose eines unüberbrückbaren Gegensatzes zwischen ihnen in der Vergangenheit, Gegenwart und aller Zukunft. Und der frappanteste Beweis dafür ist wohl das Vcr. laugen des jüdischen Volkes, seine Individualität auf gleiche Weise zu manifestieren wie es ailc anderen Völker getan haben — in einem selbständigen, staatlichen Gemeinwesen. Jedoch sein angeblich so hochentwickelter Sinn für das Absolute wird es nicht bewirken können, daß das neue Palastinn gleich als das messianische Reich der sozialen Gerechtigkeit geboren werden wird. Dieses wird nur soweit Wirklichkeit werden können, als es in der übrigen Welt zum Durchbruch gelangt, als es das Gesetz kommunizierender Gefäße, das auch für die soziologische Welt gilt, zuläßt. Nicht eine völlig andersgeartete Psyche sondern ökonomische Faktoren sind es, die die Affinität der Völker an die alten unvollkommenen Formen ihrer gesellschaftlichen 'I raditiou erklären und die sie daran hindern, die großen sittlichen Forderungen, die in ihnen allen leben, in der äußeren Welt zu realisieren. Die Konstruktion M. S. ist unannehmbar und muH entschieden zurückgewiesen werden. Es ist wahrlich au der Zeit, daß die ewigen göttlichen Gemeinsamkeiten der Volker und ihre Einheit im Geiste aufgezeigt wird, statt daß der geistige Kriegszustand zwischen ihnen verschärft und das Trennende in ihnen betont wird. Das jüdische Volk ist nur eine der Offenbarungen des Geistes der Schöpfung und wie es dessen Grundgedanken interpretiert hat, das vor allem ist an ihm bedeutsam. Das schildern heißt, seine Eigenart umreißen, es heißt aber auch gleich/eilig, seine Verwandschaft mit den anderen Völkern nachweisen und dem Antisemitismus seine ideologischen Wurzeln abgraben. Zu behaupten jedoch, daß das jüdische Volk <:incn Wahnsinn begehen würde, sich in einem endlosen Martyrium so zähe zu bewahren, wenn es nur ein Additionsfaktor zu den anderen Völkern wäre, erscheint so sinnlos wie irgend einer seltsamen Blume, die ein eigenes Erdreich braucht, um sich zu entfalten, ihre Existenzberechtigung abzusprechen und ihren Anteil an der erhöhten Wirkung des ganzen Flors zu leugnen, weil sie nur eine unter vielen ist und einige ihr das eigene Stückchen Boden nicht gönnen wollen. . Trotz aller, Kritik jedoch, die M. S. Buch verdient, man möchte diesen amerikanischen Beitrag zur Antinomie des Juden nicht missen. Denn er mußte wohl einmal geschrieben oder zumindest doch gedacht werden, so wie ein schillernd**, kunstreiches, aber schädliches Insekt auch geschaffen werden mußte, als notwendiges Ucbcrgangsglied zu einem höheren Typus der Erscheinungen. Nur Nachfolger mag es keinen finden, der in dieselbe Kerbe schlägt. Vielmehr mögen die Besten des jüdischen Volkes daran mithelfen, die Reste des Ghcttodascins von ihm zu nehmen, die ihm noch allzuviel anhaften und aus denen ihm vielfach eine falsche Beurteilung nic.htjüdischcr Völker und eine Sclbstbcspi^gelung kommt. Voller stolzen Sclbstbcwustscins zu sein für das, was im jüdischen Volke groß, edel und schön ist, das ist das gute Recht des luden, aber falsche Liebe zu ihm ist a. ihm aus seinen Untugenden einen Kranz zu winden, wic M. S. es vielfach tut. Freilich nicht wuchtig genug kann die Anklage sein gegen die unsäglichen Greuel und die ungeheure Blutschuld, mit der sich die christlichen Völker in allen Jahrhunderten gegenüber dem jüdischen Brudervolkc beladen haben und das flammende Kapitel der „Abrechnung" in M. S. Buch wird man dem so unschuldig gemarterten Herzen des Juden zugute halten müssen. Aber zweckmäßiger w.irc es, als mir Verzweiflungsschreien: Memmen, Räuber, Mörder Ihr! an die Adresse der christlichen Völker zu enden, sie aufzurufen zur Sühne des am Juden' begangenen durch hilfreiche Mit.vHiit an dem Aufbau seiner palästinensischen Heimat — eine Verpflichtung, die einzelne von ihnen voll brennender Scham, und heißrr Wiedergutmachungsinbrunst bereits erfaßt hahen. Der Chassldismus. wie er Ist Von S. A. Horodezky, Berlin. I. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts finden wir in S a f e d , dem Zentrum der jüdischen Mystik in jener Zeit, die; beiden typischsten und zugleich voneinander verschiedensten K'nbbalistcn: Rabbi Mose Kordowcro und Rabbi Isak Lurja (Ari). Der erste stellt die Fortsetzung und das Ende der sephardischen Kabbala dar, der zweite Fortsetzung und End? der aschkcasischcn. Bei dem ersten entfalteten sich jene tiefgeistigen und erhabenen Gedanken über Gott und die Schöpfung, die Seele und den Menschen, welche die theoretische, sephardischc Kabbala beschäftigten, und bei dem zweiten entfalteten sich alle Gedanken über das Tun des Menschen und seine Mittel, über das Fasten und die Askese und über die Ablötung des Lcbcnsgefühls, von denen d;e praktische aschkcnauischc Kabbala voll ist. Der erste behandelte als sein Geheimnis die erhabene Frag," der scpii .rdischen Kabbala, Gott und seine Beziehung zur Schöpfung, Gott mit allen Fragen, die sich an ihn knüpfen, war der Mittelpunkt seiner Gedanken, und dem zweiten war der Mensch und sein Verhältnis zu Gott der Grund und die Wurzel seiner Betrachtung. Der erstcre vertiefte sich vorzüglich in die oberen Welten, die Wohnungen der Engel und Seraphim, „der tausend und abertausend Myriaden'4 und der zweite sann über das „Ende", über den Messias, über die Erlösung Israels nach. Dem ersten war der Gedanke das Wesentliche, dem zweiten — die Tat. Und diese beiden Kabbalistcn lernten und lehnen an eines) Orte und zu einer: Zeit; lernten und, lehrten und er.

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