Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXX (1925)
- Issue
- Heft 74-75 (18.9.1925)
- Date
- 1925-09-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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;.j Nf.74/75 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 633 'AtCl;. LIiemMir-Bo!<s}f$e ih ' :hb- Die Braut des Narren Von Oskar Baum. (Nachdruck verboten.) f)a gab es noch Menschen, die behaupten, Karpe hätte finen Grund gebäht, so alle Fassung zu verlieren! Nicht ',f daß Alma nicht zu Hause war, saß da ein Mann! i i nicht nur, daß er da saß, hatte er seine Füße von Vr' ' "h restreckt auf einem zweiten Stuhl liegen und las das ""'■"^liRC Buch,' aus dem hier die Bibliothek bestand. Das C rt' r nicht etwa die Bibel, sondern ein einfältiges Bilderbuch *''!'!< Almas Kindheit, das sie in ihrer Habe überall mit ^''"',J|, 'schleppte, weil sie sich so sehr darauf freute, es "lü.': "Uul ihren Kindern in die Hand zu geben. Es war i"to etwas außerordentlich Intimes, das für einen Fremden -cr/i'-fiulich keinerlei Interesse hatte. vit!'* Haben Sic etwas dagegen einzuwenden?" fragte der cn d--frfindc erstaunt, indem er vom Buch aufsah, während Karpe dunklem drohendem Gesicht dastand und ihn von - Lm Ende zum anderen maß, man konnte am ehesten d do- ' i" von rcchts nadl links' da dcf Ma"n bcmahe *lach JuH^j^^j^ komm^ meine Braut zur Hochzeit holen," sagte q: We sehr kurz, „können Sie mir vielleicht sagen, wo sie C' J; „Ich würde Ihnen raten, von dieser Zeremonie Ab- 1M ..Dd zu nehmen," sagte der Fremde. A'-:-]*1 Karnc geriet sehr rasch in Hitze, man konnte ihm alles nv!gliche zutrauen. „Wovon?" fragte?r. k:,;]"Kennen Sic mich?" erkundigte sich der Mann gc- -trii Fr nahm noch immer seine Füße nicht von dem — ' weiten Stuhl herunter. Er hatte sorglich ein Papier unterrk?t. „Ich erfuhr erst gestern von der Verlobung, war als -legierter verreist." . , , ,; Karpe kannte ihn nicht, aber er konnte sich denken, wer '"-war: Bcrwcsohn, der Narr aus der benachbarten Nicder- ":-:'«ung, der dreimal mit Alma verlobt gewesen und dreimal i.'.:h endlosem zärtlichem Umgang,- täglichen Abendlichen und vertrauten Wanderungen sich zurückgezogen i "jf.ibcn Sic sich schon wegen Ihrer Kinder gestritten?"! :-tc Bcrwcsohn plötzlich und sah ihn ernst an. : "„Weswegen?" Karpe würdigte ihn nicht gern seiner 'rnvunderung, aber er konnte nicht anders; er mußte wohl ',;<ch gehört haben! j „Wegen der Erziehung der Kinder," sagte Bcrwcsohn, 'ob"und in welchem Umfang ihnen europäische Bildung •irubringen sein würde, ob es uns wichtig ist, daß sie :mal etwas von Dante und Beethöven und Shakespeare =sen oder ob sie besser Bauern wie eben Bauern sonst : trden sollten. Ob, wenn wir alle Fehler unserer einstigen Ziehung vermeiden wollen, nicht auch die Vorzüge unserer Ausbildung in Wegfall kämen? Und vor allem: wie der;;:o(le Schwung, der uns durch den begeisterten Wechsel - rrcs Lebens von innen her wärmt und trägt, auf sie zu ' -ertragen sein wird, damit sie nicht einfach nur praktisch ''■/sken lernen und alles wieder im Stich lassen, was wir :itr aufgebaut haben und ein leichteres Leben suchen!" : Karpe dachte, er mache sich' einen guten Tag aus ihm. .'Vom redete er jetzt von diesen Dingen, die ja für die weihe- ::!rn Abendberatungen der Kwuzah einen würdigen Stoff -;rben könnten, aber zwischen ihnen in diesem Augcn- .;;k doch wahrlich nicht am Platze waren! j „Dadurch ging unsere Verlobung in die Brüche," er«!-Vte Berwcsohn, „haben Sic miteinander über derlei nie -rr Ansichten ausgetauscht? Machte Ihnen das keine Sorge?;-Dann bestand Ihr Verlöbnis gar nicht zu recht! Worüber •rächen Sic denn überhaupt?" Karpe hätte nicht angeben können, worüber sie in r kurzen Zeit ihrer Verlobung miteinander eigentlich gc- "ochen hatten. Sic hatte ihn nach seiner Familie daheim :;:ragt und nach seinem ehemaligen Leben. Es kam ihm der "dacht, daß sie damit jedem anderen Gesprächsgegcn- :-d vielleicht ausweichen wollte, obgleich sie ihm von fr gelösten Verlobung alles in voller Offenheit und auch >< von dem Manne erzählt hatte. .Niemand weiß eigentlich, wie man es mit den Kindern '"li'n wird," sagte Berwesohn traurig, „in den clemm- ^n Grundfrageri bestehen die gegensätzlichsten Auffingen. Und da sollte man hingehen und eine Familie -nden? Wie könnte man da eine ruhige Minute haben?" Karpe wandte sieh zum Gehen. ..Bleiben Sic doch! Wir erleichtern es ihr damit. Sie 'd *oh! schon gehört haben, daß ich hier bin; zuletzt :d sie sich ja doch Mut fassen und kommen." Karpe war schon bei der Tür; es war, als ob er "tt hörte. •Fürchten Sic sich, mit mir hier gemeinsam auf sie zu tftrn?" Der Mann stand auf. K'arpe sah ihn vor Verachtung gar nicht an und schien- *'!f hinaus. , Aber er war seiner Sache durchaus nicht so sirher, als er Jfn Ansehrin gab. Ts kam ihm nun nicht so un-; 'yKrhcinlich vor, daß sich Alma nur mit ihm verlobt Hochzeit so rasch angesetzt hatte, um den Narren jawimvingcn. So etwas konnte er von ihr glauben! diesem Menschen hatte er die sonderbarsten Dinge l";"^- Er machte sich lächerlich mit allerhand Spleenen,!, f!nrm Reinlichkeitswahn und seelischer Skrupclhaftig- ';.' ■'< ^durch er als Arbeiter In der Gemeinschaft nicht eben . '"v'"l Ichtetc. Er vertrödelte alle Zeit und kam immer . ^t. Aber was er tat. das glänzte von vorbildlicher "d'iclifceit, und wenn er an einer Beratung teilnahm, "'^n alle aufrichtiger. Es war nicht immer das klügste, \ rr riet, aher jeder Gedanke, jedes Wort blitzte von '^rhclt und Ehrlichkeit. .,.K^Pc begriff nicht, warum man ihn immer mit so ./.''■["cm Beiklang ,.Dcn Narren" nannte und ihn alle aac7.u verehrten. F.r begriff es um so weniger, als? n der Kolonie sehr streng im Urteil war und ihn . \dc er sehr wohl wußte, vom ersten Augenblick an ^leiden konnte. Er fand allerhand Begründungen dafür. „ Wahrheit aber war, daß in solch einer lebendig zu- ^«Erwachsenen Gemeinschaft, wo wenige Menschen .^Sfsrtzt in allen großen und kleinen Dingen auf einangewiesen waren, das Wesen, die Züge eines Cha-;.' £ durch alle Schichten der absichtlichen oder uni,cn Verkleidung rasch sichtbar wurden. Unwillküri!t? ctcn und stärkten sich hier die besten Egen-?• da sie das Einvernehmen erleichterten, wurden lt ™ aber auch selbstverständlich. Karpe gelang es hier .'!cn großen Helden und vielbcwundcrten Führer zu V cr es von 7X1 Hause her gewohnt zu sein <'.lt" ^c.r Arbeit nahm er eine recht , untergeordnete •d nicht nur durch seine geringen Erfahrungen *cr">ge körperliche Widerstandskraft; er. hatte nicht Üut i<' a Vi:-'!tn tJ .Her den rechten Willen, erkannte man bald, und das empfand er als persönliche Beleidigung. Er mochte daheim in der Werbe- und Vercins3rbcit durch einige Redegewandtheit und gefällige Manieren geglänzt haben. Daß er Ernst gemacht hatte und hierher gekommen war, läßt sich wohl nur als unaufhaltsames Weiterschwingen seiner zündenden Redewendungen erklären; cr wurde ein Opfer seiner eigenen Bcredtsamkcit. Wie war es denn nur gerade zwischen ihr und Karge dahin gekommen? Darüber hatten sich auch schon vor diesem Tage viele den Kopf zerbrochen. An einem Abend, als die Hit/e eines unerträglichen Tages abbrach, und empfindliche Kühle der Schatten über die Ebene zog. stand Alma* hinter den Hecken am Rande der Straße, endlose Fläche vor sich, die die Dämmerung immer mehr wie mit Rauch überzog; sie wartete. Aus den Fenstern des einzigen Steingebäudes zur Seite drangen die erregten Stimmen der Debattierenden: Die Sichah, der diesmal auch die Frauen zugezogen waren. Eine der jungen Mütter konnte sich nicht entschließen, ihr Kind nach der festgesetzten Zeit auch nachts fern von sich in der Gemeinschaft der anderen zu belassen. A*lma war es einsam zu Mute, sie fühlte sich manchmal so schwach unter diesen starken tapferen Mensch:n, und hatte kein Recht, in ihrem Rate mitzusprechen. Da war Karpe zu ihr getreten, der als Neuling der Sichah nicht beiwohnen konnte. Sic schämte sich vor ihm, daß sie hier stand und wartete, auf einen Mann wartete, von dem doch jeder mit Sicherheit wußte, daß cr nicht kommen würde; und daß cr ihre Tränen sah. Aber cr -— nicht etwa, daß er mit schonungsvollcm Schweigen darüber hinwegging; sie konnte merken, daß cr sie verstand. Mit Ergriffenheit sprach er von den zauberhaften wohltätigen Mächten des Alleinseins, von dem gottesdienstzarten, kaum sich selbst bewußten Ausklinken von Gedanken, Wünschen, Träumen. Er rezitierte Verse berühmter Dichter, die dazu paßten. Die süße Lächerlichkeit des Gefühlsüberschwangs war unter den Menschen hier die Idee und Glauben nicht mit Worten, sondern mit Lehen und hart zupackender Tat zahlten, als Verschwendung und Kinderkrankheit verpönt, als Theater verachtet. Karpe war der Mann, zu verstehen, wie dies junge Geschöpf, aufgerissen von Schmerz und gekränktem Stolz, verlassen unter den kräftigen Menschen war, wo jeder ganz selbstverständlich in sich verschluckte, was es Schweres oder Böses für ihn gab. Oh. wie er alles erriet, was sie nicht auszusprechen, kaum zu fühlen wagte, und so schön in klingende Worte zu bringen wußte, daß man beinahe stolz darauf war, es zu empfinden. Er verklärte es wie ein Dichter. Alma war als drittälteste einer kinderreichen Familie aufgewachsen; min hatte nicht viel besondere Beachtung und Hingabe an sie verschwendet. Eine ungehobene Menge von Zärtlichkeit und Liebeshunger lag tief in ihr eingesperrt und wartete. Und nachdem sie sich aus der öden Enge der Kontorarbeit daheim hierher in eine lebendige Gemeinschaft geflüchtet hatte, war sie an die spröde Herbheit eines unerbittlichen Ringers um Ehrlichkeit und Reinheit geraten. So ließ sie sich vom unbc;timirrten Nebel empfindsamer Schwärmerei gern einmal umschmeicheln. Und der Erfolg und die Andacht seiner Zuhörerin lockte Karpe immer weiter vorwärts. Mit all den Enttäuschungen, die Karpe im Lande der heiligen Begeisterung die nüchterne Arbeit und nüchternen Menschen, die gleichmäßige, unfeierliche Anstrengung bedeutet hatten, versöhnte es ihn jeizt vorübergehend, daß ein Mädchen, das wegen seines anmutigen Wesens, seiner Schönheit und seiner umsichtigen, tüchtigen Arbeit bei allen hoch im Anscheu stand, ihn, kaum er angekommen war, wählte. Es war deutlich zu merken, daß man ihn beneidete und viele Almas Entscheidung einfach nicht fassen konnten. Und die herankommende Hochzeit wurde, wiewohl man mit derlei Förmlichkeiten hier sonst wenig Aufhebens machte, in der kleinen Welt eine gewisse Sensation. Als Karpe durch den hellen Morgen ging, Alma, zu suchen, gingen ihm alle diese Dinge nochmals durch den Kopf. Er suchte sie vergeblich überall: In der Küche, bei den Kindern, im Gemüsegarten, im Geflügelhof — eben noch sei sie dagewesen, hieß es immer! Es war, als fliehe sie vor ihm. Zuletzt führte die Spur in ihr Zimmer zurück. Sie wartete dort auf ihn, sagte man, sie sei eben hineingegangen. Er wollte ihr dahin nicht nachgehen; es hatte keinen Sinn; er wußte im voraus, was kommen würde. Aber cr ging dann doch hinein. Sie stand mit Berwcsohn da; sie schienen kein Wort miteinander zu wechseln. Aher sie strahlte vor Glück. Sic dämpfte nur mit Mühe ihre Empfindungen, um ihn nicht zu kränken. Würde er es ihr verzeihen, fragte sie zaghaft und wagte nicht mit ihren ausgestreckten Händen ihn zu streicheln. Es wäre ein Verbrechen, sagte sie, auch gegen ihn — wenn sie der Wahrheit, der ursprünglichen Wahrheit ihrer Empfindungen Gewalt antun wollte. Aber selbstverständlich mache sie alles von seiner Einwilligung abhängig. Auch er sei ihm eint Erklärung schuldig, sagte Berwcsohn, er hab<* natürlich nicht Alma, sondern sich auf die Probe stellen wollen. Ehe cr so etwas wie eine Ehe unternahm, wolle er sich prüfen. Er sei mit seiner Prüfung auch eigentlich noch nicht zu Ende, aber wenn sie ihn so mit dem Revolver zwinge —-! Es war nicht recht von ihr, doch was sollte man mit Frauenzimmern machen? „Gewissenhaftigkeit und Glaube läßt sich nicht vereinigen," sagte Alma still, „das sieht cr nun ein. Das sahen wir nun alle ein. Man muß ein bißchen gewissenlos sein, ein bißchen wahnsinnig, vielleicht sogar vor Vertrauen und Mut, sonst liebt einen Gott nicht!" Karpe erklärte sich durchaus nicht einverstanden. Er bestand auf seinem Recht. Er bisse nicht so mit sich umspringen — seine Ehre! sagte er und überdies wiege seine Liebe doch wohl die Liebe seines so wankelmütigen Menschen auf! Er wollte nicht verstehen, daß es hier auf seine Entschließung nicht mehr ankam. „Was verlangen Sic von ihr?" fragte Bcrwcsohn, „soll sie aus Gefälligkeit bei Ihnen bleiben?" Alma mühte sich sehr, zwischen den beiden Frieden zu stiften. Sic erklärte Karpe, wie «ehr sie sich ihm gegenüber schuldig fühle; aber cr werde doch nicht wollen, daß sie aus Pflichtgefühl, aus Gewissenhaftigkeit die Seine werde. M ..... As> An dem Verhalten der Freunde und Genossen an diesem Tage merkte Karpe, wie gering man seinen Wert hier veranschlagte, und wie die Wirkung der Persönlichkeit, die Naturkraft der Empfindung, hier höher in Ocltung standen als festgelegte förmliche Abmachungen. Und das war der Grund, sagte Karpe, weshalb er nach Europa zurückkehrte. Er hatte sieh das Gemeinschaftsleben in der neuen Heimat ganz anders vorgestellt. Er sagte nicht gerade, daß cr mit den Einrichtungen und dem Geist der Kolonisicnuig unzufrieden sei. wenn man ihn fragte, aber er schwieg beharrlich, sobald man «.ich bei ihm, als dem Sachverständigen, in einer Gesellschaft nach den Zuständen und der Zukunft Palästinas erkundigte. Man erriet, daß seine vornehme Natur ihm verbot, der Sache zu schaden, daß er es aber andererseits nicht über sich brachte, gegen seine Ucberzcuguug zu sprechen. So ging er als ein stummer böser Geist zwischen den Freunden und Feinden. Die Zweifler und Gehässigen rühmten seine charaktervolle Art, seine Wahrheitsliebe und die Schärfe seines selbständigen, ungetrübten Blickes. Der Enlgelstignng entgegen Von S c h. G o r c 1 i k. In seiner bewunderungswürdigen Lebcnsgcschicht« erzählt Salomon Maimon von seiner Ankunft in Berlin. Als cr dort von einem Gönner, der auch polnischer Landsmann war, gefragt wurde, was cr wohl in Berlin suche und anzufangen gedenke, gab Maimon die Antwort, er sei nach Berlin gekommen, um „Mcimik Bechochma" zu sein (um sich in den Wissenschaften zu vertiefen). Er wurde verstanden und gut aufgenommen; denn einen besseren Grund konnte man nicht angeben. Er wurde auch von Moses Mendelssohn aufgemuntert, war es doch dasselbe Ziel, das den Dessauer seinerzeit an das Roscnthalcr Tor gebracht hatte. Es war das 7.<c\ und der Hauptinhalt aller Juden während der Galuth-Pcriodc. Ob mau in den Woloschiner Jcschiboth gesessen und über den Tahnudfolianten gewacht hat oder in den Bcruer und Züricher Universitäten studierte, es war immer dasselbe „Mcimik Bechochma" sein. Wer das Glück hatte, vor dreißig Jahren in Wilna oder Kowno oder in einer Stadt der Ukraine zu leben, weiß, daß das schlichteste jüdische Haus eine kleine Akademie war. Der Vater vertiefte sich in den frommen Büchern, und die Kinder, dem Fortschritt huldigend, stärkten Seele und Geist an weltlichen Werken. Aber Vater und Söhne, im scharfen Ideenkampf - stehend, waren „Meimik- Bechochma"-Menschen. So blühte die jüdische Geistigkeit. Und so konnte es geschehen, daß in Podolicn in einem Dorfe der Jude eine Schänkc hatte, aber dabei wie ein Rcmbrandt- Judc aussah. Sein Antlitz strahlte von Gcistigfccit Er war ein „Mcimik-Bcchochma"-Mcnsch, trotz der Schänkc. Tausendjährige Tradition der Geistigkeit! Sic durchdringt die Erinnerung der bezaubernden Großmutter Glücke! von Hameln. Und sie ist ausgeprägt auf der Stirn eines' Einstein, der mich immer an einen Eiferer von der Woloschiner Jcschibah erinnert. Nun, diese Tradition ist im Sterben. Es vollzieht sich seit längerer Zeit ein Prozeß, der eine neue Epoche ankündigt, eine Epoche der Enfgcistigung des jüdischen Volkes. Es wird bald vorbei sein mit dem scharfen jüdischen Intellekt. Kein „Hui", kein „Charif" mehr. Am stärksten vollzieht sich dieser Prozeß unter der amerikanischen Judenheit. Dort herrscht eine galoppierende Schwindsucht des Geistes. Nur die Zeitung ist noch die einzige Kulturnahrung. Dcmpscy und das Ford- Auto haben das Buch aus dem jüdischen Hause in Amerika längst verdrängt. Der Bücherschrank ist nur noch ein Möbelstück. Niemals fast sieht man ihn geöffnet. Fest verschlossen und tot steht cr da, nur die älteren Mitglieder der Familien, in deren Seele noch Reste der Sehnsucht nach dem Leben „dort" schlummert, sitzen rund um das Grammophon und lauschen andächtig den alten Weisen des Chasou Joselc Rosenblatt oder den jüdischen Liedern, die der Operettensänger Ludwig Satz so gefühlvoll vorträgt Nirgends so sehr wie in Amerika habe ich die kulturelle Bedeutsamkeit des Grammophons zu würdigen gelernt. Konservierte „Jüdischkeit" auf der Grammophonplattc____ist fast der einzige Trost in der Ocdc der Assimilation. Die Bequemlichkeiten der ungewöhnlichen Zivilisation, die Technik, der billige hochmütige Optimismus, das sind die Güter, die man sich angeeignet hat. Die vier Millionen Juden in Amerika haben, was Aeußcrlichkeiten anbetrifft, Erstaunliches geleistet. Eine physisch überaus starke Generalion ist herangewachsen, aber eine Innere Leere macht das Leben dort für einen wahrhaften Kulturmenschen unmöglich. Alles zielt auf ein rasendes Tempo des Emporstcigcns, des Sich-durchsctzens. Und man ist emporgestiegen, man hat sich durchgesetzt In praktischen Dingen. Der Schneider in New York ist nicht mehr der, den Morris Rosenfeld besungen hat. Er lebt besser als ein jüdischer Großkaufmann in Polen. Aber seine Seele, die vor 20 Jahren, als Rosenfeld sein Schicksal so betrauert hat, noch voll von Erinnerungen, von Sehnsucht war, ist ausgetrocknet. Dasselbe gilt auch für den Arzt, den Ingenieur, den Anwalt. Beleidigende Interesscnlosigkeit an allem, was mit Abstraktem, Inteilcktueilcm verbunden ist. Ein demonstratives Abwenden vom Buche. Versucht man mit einem Akademiker von etwas Fernem, Abstraktem zu sprechen, zeigt cr gleich eine Müdigkeit, eins Schläfrigkeit, fast den Ausdruck physischen Schmerzes. Der jüdische Intellekt ist in Amerika zusammengeschrumpft Eine physische Renaissance, aber eine geistige Degeneration ohnegleichen. Die Assimilation in Deutschland während der Mendelssohn-Epoche hat die jüdische und die Weltkultur bereichert. Unvergeßliche Gestalten, wie Heine, Borne, die Rahcl, die Henriette Herz sind aus ihr hervorgegangen. Gractz und die vielen anderen Gelehrten, die die jüdische Wissenschaft auf eine hohe Stufe gebracht haben, wären ebenfalls ohne diese Haskala-Bewegung unmöglich, die übrigens eine Fortsetzung der alten jüdischen Tradition'der Geistigkeit war. Die jüdische Assimilation in Amerika aber, die als Tauschobjekt für die alte jüdische Kultur nur die Bequemlichkeiten des Lebens, den Segen der Technik nimmt, ist fruchtlos, ist verheerend für den jüdischen Geist Es gibt nichts Trostloseres als den Abend im jüdischen Amerika. Am Jage, ist tnan voller Eifer beim Emporsteigen, beim All-