Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXX (1925)
- Issue
- Heft 71 (8.9.1925)
- Date
- 1925-09-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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- Seite 608 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 71 Das neue Nalionallondsdirekloriam Wir haben bereits im Leitartikel der vorigen Nummer die Frage des neuen Direktoriums des K. IC L. gestreift. Nachstehend geben wir einen bemerkenswerten Artikel über diese Frage wieder, den wir der ,,Wiener Morgenzeitung" entnehmen, und als dessen Autor „Michael" zeichnet. Wir glauben annehmen zu dürfen, daß sich hinter diesem Pseudonym einer der bewährtesten Mitarbeiter des Kcren Kajemcth verbirgt / Unmittelbar nach dem Zionistcnkongrcß hat sich ein Ereignis vollzogen, dessen Bedeutung von keinem um das Wohl der Bewegung besorgten Zionistcn übersehen werden darf. Arn 31. August um 6 Uhr mergens schloß der Kongreß seine Pforten und um 5 Uhr nachmittags trat das neue Aktions-ComitG zusammen. Eine seiner wichtigsten Agenden nun war die turnusmäßige Erneuerung des NationaTfondsdirektoriums. Von den neun Direktoren des Keren Kajemcth Wsrael waren diesmal bloß drei der Neuwahl nicht unterworfen, und zwar Israel Matz (New York), Hermann Struck (Haifa) und A. van Vriesland (Jerusalem). Von,den sechs übrigen Dft-ektorcn wurden vier wiedergewählt: M. M. Ussischkin (Jerusalem), Agr. J. Wilkansky (Tcl-Awiw), Dr. Artur Hantkc (Berlin) und S. Schocken jun. Zwickau i. Sa.). Hingegen traten an Stelle der Herren Adolf Böhm (Wien) und Prof. Dr. Otto Warburg (Tcl-Awiw) nunmehr die Herren Bcrl Katzndson (Tcl-Awiw) und Rabbi Mcir Berlin, bisher New York, fortab Jerusalem. Diese Neuwahl liegt in der Linie der natürlichen Entwicklung, welche im Herbst 1922 mit der Uebersicdlung des Keren-Kajcmcth-risracI-Hnuntburraus vom Haag nach Jerusalem eingesetzt hatte una seither auch das Schwergewicht des Direktoriums immer mehr nach Ercz-Israel zu verlegen sucht. Waren dort schon letzthin fünf Direktoren ansässig, so werden es fortab sechs sein, und da Herr Schocken einen großen Teil des Jahres drüben zubringen dürfte, sogar ihrer sieben. Ausschlaggebend für den Wechsel gerade dieser bestimmten Personen war offenbar auch noch ein anderes Moment, welches zur Nachdenkli:hkeit stimmen muß. An den Platz zweier Fachmänner treten zwei Politiker. Wer den Kongreßverhandlungcn gefolgt war, hätte das nicht erwarten dürfen. Dieser Kongreß hatte, von den schwachen Ansätzen in Karlsbad abgesehen, zum ersten Mal den Willen des durch die Landsmannschaften repräsentierten Zentrums gezeigt, sich gegen die vorwiegend parteipolitischen Postulatc der Fraktionen durchzusetzen. Gegen die sozialistischen Gruppen links und gegen dcni orthodoxen Misrachi rechts. So wurde der Einhcitsschekel beschlossen, 60 waren Bcstrebungen im Zuge, die neue Exekutive homogen, d. h. nur aus Vertretern des Zentrums zu bilden. Und kaum hat der Kongreß geendet, setzt sich das Prinzip parteimäßiger Vertretung — und dazu in recht extremer Weise — gerade bei einer Institution durch, die wie keine andere dem Partcigctricbc entrückt sein sollte! Der erste Fraktionsvertreter im Kcren-Kajcmcth-FIsracl- Dircktorium war der Misrachist Hcrsch Farbstein gewesen. Bei der Aktions-Comitesitzung in Wien vom Dezember 1921 wurde als Gegengewicht gegen rechts, dessen Vertreter fortab Prof. Struck wurde, von links Agr. Wilganskv durchgesetzt. Gerade seine damalige Wahl bildet den Schlüssel zur Lage von heute. Um das Mandat der Linken haben sich nämlich die beiden rivalisierenden Arbeiterparteien Poalc Zion und Hapocl Hazair beworben. Da nun Wilkansky als Kandidat der letzteren (übrigens mit Hilfe der Misrachi) durchdrang, waren seither die Poale Zion nicht saturiert, also unzufrieden, Jetzt haben sie endlich ihren Mann, Katznelson, durchgesetzt, der als ein Führer der Achduth Haawodah (das sind im Wesen die palästinensischen Poale Zion) bekannt ist und zurzeit als Redakteur des neuen Arbeitertagblattcs „Hadawar" tätig ist. Wenn es aber zwei Linke im Direktorium gibt, kann und darf doch der Misrachi nicht ruhen, bis es dort auch zwei Rechte gibt! So wurde denn Rabbi Berlin hinzugewählt. Das ergibt zusammen vier in Erez-Israel wohnende Direktoren, welche fraktions/ugeherig 6ind, so daß sie unter den sechs bis sieben palästinensischen Direktoren die Mehrheit bilden. Bei dieser Sachlage wird es wohl schwer zu vermeiden sein, daß sich bei den Beratungen des Direktoriums das Parteimäßige stärker vordrängt als bisher. Gewiß ist es den Mitgliedern des Aktions-Comitds nicht leicht gefallen, so vortreffliche Männer wie Böhm und Warburg fallen zu lassen. Für Böhm, der seit fünf Jahren als Direktor dem Nalionalfonds diente, sprach seine hohe, besonders nationalökonomische Bildung. Hat doch Böhm — von seiner stets regen Anteilnahme an den laufenden Arbeiten des Direktoriums abgesehen — durch eine Anzahl von Broschüren und unzählige Artikel, welche bei gemeinverständlicher Darstellung von ernster Sachlichkeit getragen waren, so vieles zum Verständnis des Nationalfonds und vor allem seiner sozialpolitischen Segnungen beigetragen! Prof. Warburg gar wirkte seit Gründung des Keren Kajemcth vor bald 25 Jahren als Direktor und war neben Wolffsohn der erste Govcmor, d.h. der Vertrauensmann der zionistischen Exekutive im Direktorium. Ueberdics ist er als x Leiter der Versuchstation in Tcl-Awiw ein Fachmann auf kolonisatorischem Gebiete par cxcllence. Und beide Männer sind wegen ihrer vortrefflichen Charaktereigenschaften, nicht zuletzt wegen ihrer Bescheidenheit, allgemein geschätzt und beliebt! Aber sie sind keine Politiker, für welche der Einfluß einer Fraktion oder einer starken -Landsmannschaft entscheidend in die Wagschale fiele. Böhm lebt im kleinen Oesterreich, dessen Zionistische Organisation überdies schwach und zerklüftet ist. Und Warburg hat durch seine Uebersicdlung nach Palästina den engen Zusammenhang mit seinen deutschen Landslcutcn verloren. Gegen solche Gründe kommen Fachkenntnis, Arbeitsfreude und zionistische Hingabe nicht auf Wahrlich, wir treiben Raubbau mit unseren Besten Kräften! Zum Gluck handelt es sich um Männer, die in ihrer Uncigennützigkeit dem Volksschatz ihre Mitarbeit trotz allem nie versagen werden. Es ist kein Grund, über dieser Neuwahl den Kopf zu verlieren. Doch es bleibt ein ernste» Symptom, und unsere Freunde werden gut daran tun, zu wachen, daß die Interessen des allen Zionistcn gleich teuren Keren Kajemcth 1'Isracl nicht von parteimäßigen Bestrebungen überwuchert werden Michael. ' Das SosWn-ProJckt Wir haben Dr. Soskin wiederholt in der „Jüdischem Rundschau" das Wort zur Propagierung seines Kolonisationsplanes gegeben. Wir sind dafür, daß jeder Versuch der uns vorwli.-tsbringen kann, gemacht wird. Doch soll auch die Kritik gehört werden. Der Umstand, daß die Exekutive Herrn Dr. Soskin veranlaßte, in einer noch ungeklärten Mischung von Referat und Diskussionsrede seine Ansichten dem Kongreß vorzutragen, veranlaßte uns, Herrn J. Wilkansky, den Leiter der Versuchsstation, als Sachverständigen um seine Meinung zu befragen. Herr Wilkansky wies darauf hin, daß er seine Meinung mit allen Begründungen und Tabellen schon im Jahre 1918 in seinem Buch „Badweih" dargelegt habe, später in einem zweiten Buch „Midoth" und ein kurzer Extrakt daraus ist jüngst in englischer Sprache unter dem Titel „The transition froro primitive to modern agriculfurc in Palästinc" in den Publikationen der Palcstinc Economic Society erschienen. Herr Wilkansky steht bekanntlich (vgl. seine Aufsätze, die z. B. in der „Arbeit" im vorigen Jahrgang deutsch erschienen eud) auf dem Standpunkt der extensiven Wirtschaft als einem notwendigen Uebergang zur intensiven gemischten Wirtschaft, die nach seiner Schätzung späner eine sehr große Zahl landwirtschaftlich angesiedelter Juden ernähren kann. Seinen Ausführungen entnehmen wir folgendes: Es muß auffallen, daß Fragen der Wirtschaftsform plöizlich zu Klassen- und Parteifragen werden. Die Tomate ist kein Adel, gegen den wir uns wenden, und der Weizen kein Proletarier, für den wir eintreten. Es handelt sich um sachliche Fragen, die sachlich erörtert werden müssen. Die anbaufähige Fläche Palästinas ist nicht homogen, sondern man muß fünf Bodenklassen unterscheiden, nämlich Boden, der sich eignet entweder für bewässerte oder für trockene Baurr.kulturen oder für „Dry Farming" oder für gemischte Wirtschaften oder cndlicn die bewässerte Zone für allgemeine Kulturen. Jede Bodenart verlangt ihr besonderes System, wenn man rentabel auf ihr wirtschaften will, und selbst ein Kongrcßbcschluli kann nicht Boden der einen Art in solchen der anderen Art verwandeln. Der Boden für bewässerte oder trockene Baumkulturcn erstreckt sich mit Unterbrechungen längs der Küste, von Oaza bis Basarea, ein schmaler Streifen zwischen den Dünen und dem schwereren sandigen Lehmboden, Bewässerte Kulturen sind dort möglich, wo man Wasser in Tiefen bis 20 Meter findet und auf diesem Boden können Orangen und Gemüse gebaut werden. Trockene Kulturen, dort, wo das Wasser zwischen 20 und 40 Meter tief liegt, können durch Wein, Olive und besonders Mandel rentabel ausgenutzt werden. Für die gemischte Wirtschaft als dritte Form kommt der daran anschließende sandige Lehmboden in Betracht, der schwer zu bearbeiten ist. Findet man auf ihm Wasser in Tiefen von CO oder 70 Meter (was eine direkte Bewässerung selbst kleiner Gemüsegärten schon ausschließt), so kommen Oliven und Bananen, bzw. Getreide und Futterbau in Be* tracht. In dem an das Gebirge grenzenden Teil, wo Wasser sogar erst in Tiefen von 50 bis 200 Meter vorkommt, ist jede Baumkultur unmöglich und der Ackerbau bleibt allein übrig. Die Zone für allgemein bewässerte Kulturen findet sich zerstreut im Lande, auf ihr wird bisher Weizen und Durra gebaut, nach weiteren Amcliorationcn und neuen Versuchen, die eine Tradition erst schaffen müssen, kamen Futterbau, Banane, Gemüse in Betracht. Die fünfte Zone für Dry Farming findet sich im Süden von Gaza bis Ber Scba, sie ist durch sehr geringe Niederschläge gekennzeichnet u:id es bedarf auch hier neuer Versuche. Das ist der Boden Palästinns, in jüdischem Besitz aber sind an bewässerbarem JBoden nur rund 20000 Dunam bei Pctach Tikwah, im Emek. Daganiah und Bcnjamina. % Prozent unseres Bodens ist schwerer Boden und kann auch in Zukunft nicht bewässert werden. Die Wassertiefe gestattet nicht einmal Gcmü;cbau für den Haushalt (Wiihclma muß z. B. auch im Sommer Gemüse kaufen). Der Boden ist noch dazu erschöpft, so daß nicht einmal Futterpflanzen gedeihen, Oliven- und Feigenkulturen haben vielleicht eine Zukunft, wenn gewisse Fragen durch Versuche gelöst sind, d. h. daß die gemischte Wirtschaft ebenso wie in Wiihclma auch für uns durch die Natur des Bodens vorgeschrieben wird. Diese Wirtschaftsform kann bis zu Erträgen von £ 6 pro Dunam angebaut werden. Soskins Vorschläge kommen nur für einen kleinen Prozentsatz des Bodens und für einen noch kleineren Teil des jüdischen Bodens in Betracht und das von ihm jetzt vorgeschlagene Maß von 10 Dunam pro Familie haben wir in Palästina für solchen Boden schon vor Jahren festgestellt. Ich kann, schloß Herr Wilkansky, hier nur ganz oberflächlich aus einen Teil der agrartrehnischen Probleme eingehen, an anderer Stelle werde ich darauf ausführlicher zurückkkommen, ebenso wie «ut die damit zusammenhängenden Fragen, wie Absatz, Markt usw. fach Palästiaa „vcrbanl" Moskau. (J.T.A.) Neun Moskauer Zionisten, die vor kurzem zu dreijähriger Verbannung nach Circassien verurteilt worden waren, wurde nunmehr erlaubt, nach Palästina zu gehen. Vier derselben, Minna Mordcchowitsch, Kriansky und die Geschwister Brcslofsky, befinden sich gegenwärtig im Moskauer Butyrki-Gcfängnis in Haft; sie werden die Reise nach Palästina antreten, sobald die Visa eintreffen. Vier weitere Verurteilte, Samuel Rothstein, Esther Krassinskaja, Rosa Schargorodskaja und Etkin, sind bereits nach Circassien gebracht worden. Sie werden demnächst von dort die Rückreise nach Odessa antreten, um sich von dort nach Palästina zu begeben. Der neunte Häftling, Gnessin, verbleibt m Circassien. Es verlautet, daß auch allen anderen Zionisten, die nach Sibirien und dem Ural verbannt worden waren, erlaubt werden wird, nach Palästina auszuwandern. Moskau. (J. T. A.J Vic offiziell mitgeteilt wird, sind im Monat Juli d. J. aus Rußland über den Hafen von Odessa nach Palästina 900 Personen ausgewandert. Die Orlent-Aosslellong in Tel-Awlw Jerusalem. (J. T. A.) Die Vorbereitungen für die demnächst in Tcl-Awiw zu eröffnende Ausstellung des Nahen Osten gehen ihrem Ende entgegen. Die meisten Bauten und Pavillons sind bereits fertiggestellt. In allen Ländern des Nahen Ostens, insbesondere in Syrien und Aegypten, bringt man der Ausstellung großes Interesse entgegen. Der amerikanische Orden der Söhne Zions (Orden Sons of Zion) hat dem Ausstcllungskomitee große Unterstützung zuteil werden lassen. Die Paliistina-Abtciluiig wird einen «ehr großen Raum in der Ausstellung einnehmen. Man erwartet Tausende Besucher aus dem Auslände. Die Ausstellung wird einen eigenen Pavillon für hebräische Literatur haben, dessen Einrichtung und Leitung Chaim Nachman Bialik anvertraut wurde. In dieser Aus- Stellung werden sämtliche hebräischen Bücher, Journale, Broschüren, Flugschriften und sonstigen Druckwerke ausgestellt sein, die in Palästina und fn allen. Undern der Welt gedruckt wurden. - London. (J.T.A.j König Fcisui des Irak, der zwecks Konsulticrung von Aerzten nach London gekommen ist, nahm die Einladung des Mr. E, S. Kadoorie, während des Aufenthalts des Königs in London Gast in seinem Hause zu sein, an. Di« T ü r k e i deren Interessen in Palästina und Aegypten seit acht Jahren durch Schweden vertreten werden» hat beschlossen, noch in diesem Jahre eigene Vertretungen' in Kairo und Jerusalem zu errichten. Eine Gestalt aas dem französischen Ztoalsnuu Von Sylvain Cahn, Paris. Der französische Zionismus hat mit dem eigcntir- Zionismus sehr wenig zu tun. Soweit es einen fran^o'»;-'^'"<• Zionismus überhaupt gibt, ist er eine Bewegung der Hu-• '* <h tat. altjüdischcr Solidarität, öder auch ein den ak*'vDe r jüdischen Problemen angepaßter Ausdruck der Me-Tr'""' rh ' und Bürgerrechte aus der großen Revolution. Mari -Vcr 6ich vor Augen halten, daß es auf französischem Territr!; r W .' zwei Zionismen gibt: den der Eingewanderten und d'e'n'H Mß Ä-: Autochthonen. Wir sprechen heute vom Zionismus *t* " n-'-1"' Autochthonen; er geht, auch in seinen besten, auch in s*."^ r'-tior e literarischen Vertretern, über die Möglichkeit der Schal«'"! - %:cd eines zu nichts verpflichtenden jüdischen Kulturzentruin * *it d< Palästina nicht hinaus. 5 V 311 \j ' Man kann 6agen, daß es einen autochthonen ira-,. sehen Zionismus nach der vollen Bedeutung des Wortes gibt, wenigstens unter den autochthonen französischen C nicht gibt. Es lebt jedoch ein autocluhoner franzö^.. Zionist, aber er ist kein Jude. Er ist auch nicht mehr Cfcrr Er ist ein aus orthodoxem KathoJizismus dem universel'» Judaismus nahegetretener Essayist und Redner: Ai* Pallicre. r,: Aimc* Pallicre ist eine geheimnisvoll anziehende, mfrwürdig aufrüttelnde Erscheinung im müden, blassen fral zöfischen Judentum des zwanzigsten Jahrhunderts, f Wunder, das sich mitten in der Stadt Paris auftut. Vc einer assimilierten, zerfallenden, abfallenden Judenhcit erst«- ein Prophet, hicht aus dem Schöße dieser Judenhcit, sonci von weither kommend, aus katholischen Seminarien u- Konfesslonalcn, ein Prophet, der die jüdische Idee mit einf Stolze und einer Geschlossenheit proklamiert, die seine jo; sehen Zuhörer geteilt lassen zwischen entflammter Rühru- und erschütterter Ironie. Aime Palliare stammt aus Lyon, dem katholischen Vier- Lyons. Auf dem Kloster- und Kapellenhügel Fourviere der neue Prophet geboren. Eine fromme Mutter, eins ht lieh illustrierte Üord-Bibel von epischen Dimensionen &t 1,' standen seine Kindheit. Er träumte von der Jungfrau Mj-f 7 o und wußte sich, zur Herzensfreude seiner Mutter, t>-p Ü1C hehren Beruf des Geistlichen versprochen. Seine erste Kc-fe munion war ein Fest des Herrn in der reinsten Kindtrsc'.f aItars> Bis in 6Cine Jünglingsjahre blieb die Richtung v:| *ar c Airnd Palliares religiösem Leben — und darin cntspir.rf- <>! sich sein gesamtes Geistes- und Gefühlsleben — einig -I fest. Einmal, in seiner frühesten Jugend, auf der Schulbl-fk",Uc saß er neben drei kleinen Jungen, die man Cahen na.-*'1 rr\n^ . . — . - - i Schlei' Und : iHftCI üchcr glaub diese: Leere' Klar» i recht Abgn A leben' üchke C d.imr wahr!, reise Syn.if g'iosit junge der Man Livor in d< der S und i crbai; dm i cndKi Seine und Liic \ der'! am s Mosi um < Zaun Aber Ll!H,TC l'aliier Quai Sr H.ild Denn rcklan. nfoph'' lind dunkli immer lu-lic und die am Tag, der dem schönen Sonntag vorausjivfj plötzlich das Schreiben verlernten und um keinen Prcit 61 kleinste Stückchen Papier zerreißen konnten. Aber an tirrj Donnerstag im Herbst, als Aim6 Pallicre 17 Jahre alt vj] geschah n, daß das Volk Israels, das für ihn bisher ei-j historische und längst abgetane Erscheinung war, leben:;] mitten in sein Leben trat. An einem Donnerstagabend im Herbst ring Air] Pallicre mit einem Freund auf dem Quai Tilsit in Ly: spazieren. Auf dem Quai Tilsit steht die Synagoge '(•: Juden von Lyon. Der Freund wußte, daß an jenem T:; die Juden ihr großes Büß- und Betfest feierten. Er zog d: jungen Alme" mit sich. Mit eincmmal standen sie mitten den Hebräern, in der feierlichen Stunde des Neilagcb-j Und Aimd Pallicre, der viele Jahre spater die Gefühle je:: Stunde mit zögerndem Erstaunen zergliedert, stellt fest, ei. damals ein entscheidender Eindruck in seine Seele eint;;' Kein religiöser Eindruck. Ein noch nicht religiöser Eindra:'» Aber das umwälzende Bewußtsein: die Juden leben, i Juden warten. Damit war der unerahnten Zukunft der Keim gelegt. Di Jüngling Alme* Pallicre ging hinweg und wußte nich davon. Aber er beschloß, nebräisch zu lernen. Alme" Pallicre ist ein Gläubiger und ein Verklagt Für ihn ist die weise wägende und bestimmende Vorsehtkein leeres Wort. Die Vorsehung gab ihm zu jener Zeit c Buch in die Hand, das aus der Intellektuellen Wißbe;. ein schon tieferes, umfassenderes Verhältnis zum Juritr,:, machte: „CeVcinonlcs ei coustumes qui s'observent i. jourd'huy parmv les Juifs, traduites de l'Italien de Ii: de Modene, Rabbln de Venisc, par le sieur de Simonviü .einem Zeitgenossen Ludwig XIV. Vor Pallicre erstand das jüdische Ghettodasein in sc::.: warmen, starken Gläubigkeit. Schon rührten Hcimatne^'" den noch überzeugten Katholiken. Am Jörn Kippur t' folgenden Jahres ging Alm6 Pallicre ohne Freundes!: in die Synagoge. Er verstand die Zeremonien und folgte O Gebeten. Immer wieder, in seiner Autobiographie, betont Pa!:?' die gänzliche Absichtslosigkeit, die durchaus unbew.:' Folgerichtigkeit seiner religiösen Entwicklung. Sein Leh:"|. der Abbe" Neyret, übertrieb die Bedeutung der religü'i Schwärmereien eines jungen Mannes, der noch nicht 'I geringsten daran dachte, seine angeborene, tief erfaßte R:Jgion zu verleugnen, oder gar gegen eine andere, wenn a-"| als verwandt anerkannte, einzutauschen. Der Dogma!>:* im Abbe" Neyret mißdeutete die mystischen, aber von kU'f'f Verstand überwachten Bedürfnisse der jungen Seele, i-l Abbe Neyret repräsentierte die katholische Kirche, so * ■ der junge Pallicre sie in den nächsten Jahren immer wie''* vor »ich findet, ihre argwöhnische, eifervolle, doktr;:.' GeUtcsengc. Die Flucht davor trieb ihn aus der Kir": Die Suche nach dem Gegenteil führte ihn in den Vorder Synagoge. Es ist merkwürdig, daß man, um dem schleichri" Uebcl in Palliares Seele entgegenzuarbeiten, ihn einem i> tauften Juden, dem Abb6 Augustin Le'mann anvr:rJ-.-; Merkwürdig, und in Pallicreschem Sinne ein gottgc^'C" Zufall, daß Abb«! L£mann, Professor des Hebräischer an katholischen Fakultät, seinen Schutzbefohlenen mitnahm :■ seinen Vorlesungen über Bibclexegcse. In jecem Satz. Diskussion fand Pallicre neue Argumente für seine fn* s« noch unbewußten aufrührerischen Theorien. Noch immer kam ihm auch nur von fern nicht der ^; danke, sein Christentum aufzugeben. Aber er lernte Judentum in seiner großen, freien Schönheit lieben, die ältere Schwester neben die jüngere, das kathoi* Dogma, zunächst nicht als überlegen, aber als gleich*«-; setzen, suchte, fast absichtslos, sein Heil in einer hc!'.^ umspannenden Synthese. Er blieb ein Christ, aber J. nächsten Jörn Kippur ging er in die Synagoge, ein Map1 in der Hand. Pallicre nennt den jungen Menschen jener Ze;t ■■ rhr£ticn h6brair.ant, einen Ticbralslcrendcn Christen Weg zum christlichen Hebräer war noch weit. So groJ ^; noch die Selbstgewißhcit des gläubigen Katholiken, so . aber auch schon das Verwandtschaftsgefühl des tastend suchenden Juden, daß er zwar nach den Beschreibung«. Hon de Modene ein Paar Tcfillim sich verfertigte und aber diesem Akt keinerlei symbolische Bedeutung &f;"". Der Kampf des jungen Pallicre nach Vfr'aiirhci., seiner passiven, oft ganz hilflosen Ehrlichkeit, ist m u Schilderungen des gereiften Manne« gar rührend z" Rührend, wie die Mutter die Tcfillim entdeckt, der Mutterbrust weinend, der junge Mann mit g^l'y, Glaubenswillen an diekatholische Kirche sich ansen».*. wie er selriem neuen Beichtvater, dem Dominikaner w voll reinen Eifers sich offenbart. Vor«; sich und A;lr, find, Aum