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Jüdische Rundschau · 1925-08-14 · Heft 64-65 (14.8.1925) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXX (1925)
Issue
Heft 64-65 (14.8.1925)
Date
1925-08-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr.«*/65 JÜEDISCHE: RUNDSCHAU Seite 557 ■rhe" ^■\f^r''er~\n~?l. Sf* f r'V&fw (IV^n^^^ vt~*\ 'H^^/a'.. f-Q.'^??)*?* j**iA\ M im^^M- Eu3-TuSiiii^üLaCilSp ml JcLuac \frJd&/&l)' \aun« i i sine : ffl auf l icßlich! unren, .'" Staats- \ achen '■■ ibbath \ flauer und ''; Und ^' Paläl\ eher |i än in *:j starr.- p icrunp Eweck g Auf | siedelt p 'Xiv. i CI1<Jf An- % die f;fa§lÄiWM§€llÄ \ BM$rv*(?k<* ■ T^ST-^r^rtv-^fS wsr»^ k^/äw $ "'.' »w^wüüUu^ a^aUw^ii^iliwiiüJ fc&ilucä ß^l^Uuiuii^iy' i ■ . Von Hoscs-Calvary (Erschienen im HACHINUCH, Jahrgang S7, Heft 2 und 3, ubersetzt Vom Verfasser)! p:oe W&cncfciiBS wi£ac töa Dr. Narlia DaDer, ecr als ossär esst Srer^ä eSses.{S^sa li^2crz5^sng;s^s ez&ü. 1 ■Kl? Bacaurch tj cm',", |!hus [] Mani- [ Wpcn t isclicr p Mtunj | ito [. Heien? ftbe-;■ Meli [ und f: u die enden 1 Bhan-; wir- :»jre r ver¬ Cohn ispan, zun Studurch Hajet Indäi f idria, Ad, ' 'den { and r .: f . [ Mae, r. tarn •ird t ttid [ Jade foen S tage fc.w (Schluß) 8. rjje Stimmung einer einzigen, seelisch verbundenen Oemclnha(t von Zöglingen und Erziehern, in der die Mädchen empfin- L, daß wir alle Gefährten, daß ihre Sorgen unsere Sorgen °;nd, daß <Icr große Gefährte dem kleineren aus der Tiefe seines Herren* mitteilt, daß er sich In ihrem Wachstum bereichert fühlt — <inc solche Stimmung konnte nur entstehen, wenn die Mitarbeiter bereit waren, ihre ganze Kraft in den Dienst des Heimes zu stellen. Und wenn ich heute, da ich auf die Xjbcit eines ganzen Jahres zurückschaue, die Empfindung habe, daß das Jahr reich an Arbeit und reich an Hoffnung war, *'n Janr inneren Glückes, und ciij wenig von Erfolg Ce<;cgnct, so bedeutet das, daß unter den Mitarbeitern sich Menschen befanden, die seelisch den Mädchen verwachsen wrcn, die ihre ganze Persönlichkeit dem Aufbau des Heimes graben. Allein die Bedingungen zu einem harmonischen Erzichcr- (trfis waren von Anfang nicht gegeben. Wir mußten Mitarbeiterinnen aufnehmen, die vorher in den Anstalten" des U'aisenratcs mitgearbeitet hatten, tüchtige ordnungsliebende Renschen, die in einer Gemeinschaft der Großen ihren Platz vohl ausgefüllt hätten, aber die Kinder hemmten sie dadurch, daß sie sie in Abhängigkeit von sieh hielten, daß sie ihnen keine Verantwortung übertrugen, daß sie den Kindern alles einteilten, so daß das Kind ein Oanzcs nicht mehr sah. Wir teilen auch Erzieherinnen, denen die ganze Angelegenheit der EmVfiung gleichgültig war, und auch sie neigten natürlich rat Schablone. Aber die meisten Mitarbeiter waren auf unserer Seite, empfanden die Notwendigkeit einer Erneuerung der Erziehung, widerstrebten ihr jedenfalls nicht. Trotzdem gab es in der Arbeit Hemmnisse, die aus Gegensätzlichkeiten innerhalb unseres Kreises entstanden.' Es handelte sich nicht um Fragen des tatsächlichen Handelns, sondern um die formale Demokratie: die Majorität der Mitarbeiter verlangte, daß alle Arbeit auf Grund von Majoritätsbeschlüssen geleitet werde. Ich gehöre keineswegs zu den Gegnern der Demokratie, und doch war ich nicht geneigt, sie als Grundlage unserer Arbeit anzuerkennen. Ich hatte mc'ic Gründe dafür. Zunächst waren wir noch nicht jene einheitliche Gemeinschaft, die ohne Reibungen hatte arbeiten können: Unterschiede des Temperaments, cht scharfer Ton und ähnliche äußere Gegensätze führten zuweilen zu ernsten Streitigkeiten. Außerdem halte ich die Demokratie für berechtigt in einem Parlament oder in einer Gemeinschaft, in der die Mitarbeiter den Vorsitzenden wählen oder seinen Rücktritt verlangen können, aber man kann nicht einen Leiter zwingen wollen, in 6einem Amte zu bleiben und prinzipielle Beschlüsse auszuführen, die im Gegensatz zu seinen eigenen Grundsätzen stehen, besonders verboten die Vorbedingungen unserer Arbeit eine solche Lösung, da der Waisenrat, der mich gewählt hatte, ausdrücklich die ganze Verantwortung mir auflud und mir erklärte, daß ich mich ihm gegenüber nicht auf Majoritätsbeschlüsse meiner Mitarbeiter stützen könne. "Darum verlangte ich von den Mitarbeitern das Recht des Vetos oder die Befugnis, zuwcjjcn über Fragen nicht abstimmen zu lassen. U'je gesagt, hc/ogen sieh diese ganze Inhalten nur auf das formale Recht; an wichtigen tatsächlichen Ge.gcnt»ät;:en gab fs nur einen einzigen, die Forderung der Mitarbeiter, über Anstellung und Entlassung eines Kollegen durch Majoritätsbeschluß zu entscheiden. Diese Konflikte hemmten uns dadurch, daß sie unsere Zeit und unser Denken in Anspruch nahmen, die wir für wichtigere Dinge hätten verwenden können, sowie durch die Tatsache, daß die Mehrheit sich über die undemokratische Gesinnung der Leitung bei dem Waisenrat beklagte, dessen Verhältnis zu mir, damals ohnedies gespannt genug war. 0. Woher kam diese Spannung zwischen mir und dem wni'.rnrat, der dorb zunächst auf meinen Vorschlag zur Gründung des Lander/iehungshejms mit Freuden eingegangen War? W« ist überhaupt der „Waitenrat für Palästina?" 5eine meisten Mitglieder sind keine Vertreter paläsh'nen- ^cher Kreise, sondern entweder vom Joint gewählt oder Mitglieder kraft eigener Verantwortung. Die Geschäfte leitet Fräulein Berger und in den Angelegenheiten von Shcfeja stand vielfach Herr Mohl zur Seite. Es sitzt in ihm ein Vertff'er der Arbeiterorganisation. Ein Vertreter des Misrachi 5jß darin und trat aus. Die Vertreter des Nationalratcs *ratca aus, als Fräulein Borger ihnen nach gewissen Konten mitteilte, daß *ir keine Sitzung mehr einberufe, sondern d'c strittige Angelegenheit selbst ordnen werde. Der Wnis.cn- [Jt hat also keine Vollmacht von Seiten palästinensischer puppen, er verhandelt im allgemeinen bei verschlossenen ,Urcn ohne Teilnahme der Öffentlichkeit und ihrer Vcrtrc,cr, und diesem Waiscnrat sind mehr als tausend Kinder '"vertraut. Der Geist der Geheimpolitik offenbarte sich mir schon jj c'ner Sitzung im Juli 1024. Der Waisenrat verlangte ein Memorandum über meine pädagogische Anschauung und unsere -rbeit in Meir Shefeja. Ich schickte ihm dies Memorandum die Abschnitte 1 (am Schluß) und 3—7 des vorliegenden Ratzes sind im wesentlichen ihm entnommen — und der Waiscnrat lud mich und Frau Cnlvary z"u einer Sitzung. Dort '""teilte man über das Memorandum und teilte mir mit, JSI1 der Waiscnrat ihm nichtzustimme. Ich fragte nach Jen> Grunde, erhielt aber keine klare Antwort. M3n deutete daß es zu weit, oder zu tief, oder zu modern sei, ich *e[Mand kein Wort. Ich bat um Einzelheiten und man «ntvvortete: „Herr Calvary muß verstehen, daß es sich um n?iuC Fragcn von Einzelheiten handelt, die ganze Richtung ^ut uns nicht"; oder „das Memorandum entspricht nicht jrj Absichten Fräulein Borgers bezüglich Meir. Shefeja" Map - J ft ____r\< -t___-:__1-^1___„ C/-Vi,.T<v t für [1 deutete an, daß mein Plan eher für eine höhere Schule als nu5In Wa»scnheim passe. Die wahren Motive konnte jnan «>cw erkennen, nur das war klar, daß der wesentliche Gcgcn- 11 >n dieser Sitzung nicht ausgesprochen wurde, ii gegenseitige Verhältnis wurde zweifellos durch den t'8nbrel einer gemeinsamen Sprache." beeinträchtigt. Ich be- "c'rsrnfi» \-__i:..* ,nÄ \r..{....^l..^nf>p< crhrif<Tlrh nicht ifircn Atisdruck oder blieben unverstanden. sr!,i j Cs* Scheidewand wurde noch vergrößert durch die Vcrr p"^dcnheit unserer Geburtsländer. tV ist ein allgemeines snn m für Patina, wie man Juden verschiedener Ur- £L^pländcr zu gemeinsamer geistiger Arbeit vereinen soll. |jC|89t unwägbare Dinge in Sachen ejes Geschmacks, des tägwi > ijÄ 4»«». die von Kindheit, ap in uns verwurzelt sind, K 8<raej? djest gertofffögi&en OcwohnbjiUn sind von w^n für Menschen, die das Muster der Vollkommenheit in den Traditionen ihres eigenen Milieus sehen. So bringen wir in äußerlicher Wei-.e Sitten;iuk Rußland. Deutschland und amierrn Länden, hierher, und auch unsere Brüder in Amerika haben die Schwäche; au die AuserwÜhihcit Amerikas zu glauben, und die Erlösung des Landes von der Einführung transozeanischer Sitten abhängig 711 machen. Solcher Gegensätze gab es viele. Da standen in der Vorratskammer (Tic Kannen nicht geometrisch ausgerichtet, irgend ein Beet war nicht rechtwinklig zum Wege angelegt, sondern schräg, weil wir das bißchen guter. Boden ausnutzen wollten, wir erlaubten den Kindern, sicli ihre Privatbcctc anzulegen, wo guter Boden freiwar, ohne einen allgemeineir genauen Plan, die Handtücher lagen nicht korrekt, denn die Fransen hingen nach verschiedenen Seiten, wir beeilten uns nicht, alle Steine von den Wegen und an <7en Seiten fortzuräumen, denn sie störten unser ästetisclies Gefühl nicht, das jiicht auf den Regeln einer graden langweiligen Gleichmäßigkeit beruht -- und noch viele Einzelheiten derartiger Gegensätze des Geschmacks und der Ordnung. Solcher Schwierigkeiten kann man Herr werden. Jeder Verständige weiß, daß ohne Kompromisse in diesen Fällen kein Aufbau des Landes möglich ist. Aber zu ihnen geseihten sich Gegensätze der allgemeinen Anschauung, die zum Teil gleichfalls auf verschiedener Traditio); beruhen. Um sie zu klären -- und <lcr Klärung dienen diese Zeilen — werde ich von Fall zu Fali meine Grenze überschreiten und von anderen .Anstalten des Waisenrates reden müssen. Ein Hauptsatz: Wesentlich für die Erziehung ist, d.iß die Er/icher «in Vorbild sind und das richtige Milieu schaffen. Darum ist dir Persönlichkeit jedes einzelnen Erzieher« von Wichtigkeit. Der Waiscnrat ist gewohnt, eine Persönlichkeit als Leiter oder Leiterin an die Spitze zu stellen und unter fic in der Mehrzahl irgendwelche Menschen, die zu Fragen der Erziehung keine Fühlung haben. Die meisten von ihnen sind Beamtennaturen, befehlen, fordern, verordnen, sorgen Tür Ordnung und sehen in dem natürlichen Willen der Kinder revolutionäre Gesinnung, die sie zu ducken haben. Kein Wunder: so sah die Erziehung aus, die sie erhalten haben, und so erziehen sie weiter. Zu ihnen kommen noch Arbeiter, Waschfrauen, die in den Anstalten vorübergehend arbeiten, ohne pädagogisches Amt, aber zuich sie beeinflussen natürlich die Kinder. Fr. f.mdrn sich hei uns Kinder aus allen Anstalten, die schon Jahre heimlich Spiritus tranken, nach dem Beispiel einer Köchin und eines Arucitcrs, die ohne Berücksichtigung ihrer Persönlichkeiten in den Anstalten tätig gewesen waren. Nicht sie klage ich an, natürlich, sondern den Waisenrat, der ihnen Eingang in die Heime verschafft hat, ohne ihren persönlichen Wert zu prüfen. Wenn er Kleider, Schuhe für die Kinder bestellt, so wendet er sich zweifellos an Fachleute, aber Erziehung, das ist etwas anderes, da sieht er tu der Forderung von Fachleuten eine unberechtigte Härte. Er begnügt, sich mit dem pädagogischen Verständnis des Leiters und der Leiterin und auch sie müssen sich vor allem seinen (Anordnungen, unterwerfen','. . ' Schon bevor wir mit unserer Arbeit anfingen, als wir noch zweifelten, ob wir im Rahmen des Waisenrats tätig sein wollten, «..igte. mir. jemand, der jene Kni'.e gut kannte: „Alles hängt davon ah, ob Frl. Berger lernen wird, mit selbständigen Menschen zu arbeiten." Denn dort heißt es Gehorsam: Die Mädchen gehorchten der Erzieherin, die Erzieherin — der Leiterin und die Leiterin — dem Waisenrat. Ein paar Beispiele: Der Waisenrat verschwendet in Shefeja zuweilen Geld und Arbeit dadurch, daß er auf unsere Ratschläge für die Anlage des Ortes nicht hörte, und obwohl er Mitglieder hat, die mehr Männer der Praxis waren als wir, kannten wir doch die Bedingungen-des-Ortes besser. Als ich mir nun einmal erlaubte, auf diese ihre Fehler hinzuweisen, unterbrach man mich: „Heber die Fehler des Waisenrats hat der Waiscnrat zu urteilen, nicht Herr Calvary". In diesem hochmütigen Geist der Administration wurden alle Unterhandlungen geführt, schriftlich und mündlich, je nach den Stimmungen oes Augenblicks, bald honigsüß, und bald scharf, im Ton der Ordnung, bcfehlsmäJJig, im Stil des Feldwebels, als wenn man es mit Sklaven zu tun hätte. Nur mit Mühe überwand ich zuweilen mein erstes Gefühl, die Briefe einfach zurückzuschicken. Alle meine Beanstandungen halfen nichts. Der Ton besserte sich eine Zeit lang, um dann wieder das Verhältnis des Millionärs zum Bittsteller anzunehmen. "Wir brauchten Geld zur Ausgestaltung des Heimes, und <Tcr Waisenrat schlug vor, es in Europa zu sammeln, denn er habe es nicht. Es gelang mir, 3DO J. zu erhalten. Der Walsenrat verlangte da« (»elil, um es nach hrineni Gutdünken anzuwenden. Ich weigerte mich und beantragte einen grundsätzlichen Beschluß. d.-iU der Leiter Geld zu bestimmten Zwecken Rammeln dürfte. Demgegenüber widersprach ein Mitglied des Waisenrats: „No, that is iudifciplinc''. Und erst nach langem Hin und Her wurde mein Antrag angenommen. Weit entfernt also, da* Geld mit Befriedigung anzunehmen und es für diejenigen Vervollkommnungen auszugeben, für die ich es außerhalb des Etats gesammelt hatte, sah der Waisenrat in dieser meiner Forderung noch eine Uebcrschrcitung meiner Befugnis. Einige Mitarbeiter erhielten nach unserer Meinung ein zu geringes Gehali, das für die Bedürfnisse ihrer Familien nicht ausreichte, und die anderen ließen hieb von ihren Gehältern zugunsten jener Abzüge machen. Auch daß erregte den Widerspruch von Mitgliedern dos Waisenrats, die diese Angleiehuug der Gehälter als Undis/ipljn unsererseits auffaßte. Dieser Mangel an. Disziplin war einer unserer Hauptverhrcchcu. Wir begnügten uns nicht mit einer negativen Antwort de* Waisenrais. Wir verlangten, begründeten, baten, bis wir schließlich in den meisten Fällen unseren Willen durchsetzten. Wir setzten ihn durch, vergifteten aber eben dadurch die Atmosphäre. Zuweilen, das sei zugegeben, waren wir auch in solchen Fällen ungehorsam, wo der waiscnrat wirklich Gehorsam fordern durfte. In den ersten Monaten, in denen wir seinen Charakter noch nicht kannten,.hielt Frau Calvarv, die Leiterin dex'Hauswirtschaft, es für nöfig, notwendige Gegenstände außerhalb des Etats zu "kaufen, 'ohne bei jedem Pfennig erst anzufragen. Ein anderes Mal erlaubte ich den Mädchen, gegen .das ausdrückliche Verbot, ,auj Rande des Waldes ein Feuer, zu mächen, um Marmelade.zu kochen, .nncj als Fräulein Bcrgcr das; Feuer sah, erklärte 'm'c:. „Der Waisenrat befiehlt und Hejr .und Frau. Calvary tun, was $jc wollen." V . ' . Und was für. die Erzieherinnen recht ist, ist bjllig fOr die Mädchen. In' den städtischen Anstalten des Waisenrats müssen die Kinder schwelgend bei der Mahlzeit .sjtzen.. So würden sie durch äußerlichen. Gehorsam und Zwang zu" an» ständigem Benehmen erzogen-. Es ist k|3r, daß diese Art des Gehorsams ihre natürliche Wildheit nur äußerlich verändert; als sie zu uns kämen tinef 'die Ketten »ich Iockern sahen, wurden sie wieder wild wie vorher, und der Waiscnrat " konnte nicht verstehen, warum wir keine scharfen Maßregeln ergriffen, sondern auf pädagogische Bctlufhmung durch unwert Umwelt mit pädagogischen Mitteln hofften. Uebcrhaupt sah er scheel auf das natürliche und freie Benehmen der A\ädchen uns gegenüber. „Die Mädchen haben kein Benehmen", und Benehmen, das hieß passive Artigkeit. Wir wunderten uns aufs höchste, daß diese Mädchen, die schon vier Jahre in den Anstalten des Waisenrats erzogen waren, ihr inneres Leben für s>icb lebten, ohne die Erzicherinnen daran zu beteiligen. „In der Anstalt muß man schmeicheln", „In der Anstalt kann man nicht offen sein", „in der Anstalt muß man Dinge verstecken", „über diese Dinge spricht man mit den ErzicTicrn nfefit", so sagten uns die größeren Mädchen, fhrc Gedankcn, Wünsche, Hoffnungen, behielten sie für .'ich. Die Worte „Anstalt" und „Heim" waren ihnen allen verhaßt, und nur ganz langsam schwand durch die Hingabc und Offenheit der. Erzieher dieses Mißtrauen und machte ein wenig dem Vertrauen Platz. Das erwähnte Trinken von Spiritus, 'diese erschreckende Tatsache, war in der Welt des Gehorsams verborgen geblieben und offenbarte sich ersf tu dem freien offenen Stil unseres Lebens. Die Erzieherinnen waren nicht gewohnt,- mit den großen Mädchen über die körpcrlichseclischcn Fragen ihres Daseins zu sprechen, die die Jahre der Entwicklung so stark bestimmen, tic umgaben diese ganze geheimnisvolle Welt mit einem Schleier, der die Kinder doppelt verwirrte. Wie glücklich waren die Mädchen in Shefeja darüber, daß sie sich in diesen drückenden Fragen Rat holen und eine Antwort finden konnten. BeAmlrngchors.ini, keine eigene 'Meinung der Erzieher und Mitarbeiter, daß ist die erste Forderung für die Anstalten des Waisenrates, und ihr Ziel: Ordnung nach außen, für die Gaste. Ein Besucher .sah einmal in einer Anstalt, wie die Kinder sehr intensiv und lange auf Rcinigungsarbeiten beschäftigt waren, und als er sie fragte, ob sie täglich in dieser Weise arbeiteten, erhielt er die Antwort: „Neinf aber morgen kommt Fräulein Berger". So etwas war nicht Sitte bei lins, es gab keine Einrichtung, flic nur nach außen wirken, sollte. Auch unsere Kinder neigten zu dieser Bcamtcnauffassung und verstanden im Anfang nicht, warum wir gegen die Aufrichtung Potemkinscher Dorfer waren, warum wir darauf bestanden, daß Fräulein Berger, die Geschäftsführern! des Waisenratcs, unsere Arbeit kennen lerne, wie sie ist, mit ihren Vorzügen und Mängeln. Ein Waisenhaus, das in deu Augen Fräulein Bergers die Perle aller Anstalten ist, besaß für jedes Kind eine Schublade mit Schleifen und Schmucksachen, die nie oder kaum getragen wurden, und als eine neue Lehrerin die Mädchen fragte, wozu sie das hätten, antwortete ein Kind In aller Unschuld: „Die sind für die Gäste". Welcher Einsichtige versteht nicht die Gefahr, die bei uns, im Lande des Lcvantinismus, in solch einer Erziehung besteht. Und wie ganz nach außen gerichtet sie ist, beweist der Umstand,- daß jn diesen Anstalten, die für die Gäste von morgens bis abc.r.ds von Sauberkeit zu blitzen schienen, auch Wanzen ständige Gäste sind, und von mehreren Anstalten Kinder mit Läusen zu uns kamen, di> freilich der ObcrTIächliehkcit, der sich nflt dem Augenschein begnügenden Unter-. Heining ruf gingen. Aber 'der Augenschein gerade ist dem Waiscnrat wichtig und er war bereit, für den Schmuck des Ortes und seine äußere Form Gel*! auszugeben, zu einer Znt, wo die Mittel für die nötigen inneren Verbesserungen nicht vorhanden waren. Unter den äußerlichen Forderungen stehen natürlich Ordnung und Pünktlichkeit au erster Stelle, auch für uns. Viel Energie wandten Erzieher und Gruppenführerinnen auf im Kampfe für absolute Ordnung, und wir hatten nach unseren Erfahrungen in Shefeja Grund zu hoffen, daß uns die Vervollkommnung des Hejmes in dieser Richtung durch wirkliche Erziehung, allmähliche Erziehung in den Gruppen,- gelingen werde. Es gab eine Möglichkeit, dieoe Frage f.nfort zu losen, 111.111 brauchte nur dem Orbte der Furcht, der Strafen, Eingang zu verschaffen, wie er in den ftädtlschrn An* stalten drs Waisenrates herrscht. Man stellt die Kinder in die Ecke, entzieht ihnen Es«,en, gibt Ihnen ihr Essen zu besonderer Zeit, an besonderem Ort, sperrt sie allein ins Klosett und hier findet man sogar ein Mittel zur Abstufung der Strafe, sperrt sie dort auf zwei Stunden ein, auf vier, auf sechs Stunden, hei Tage, bei Nacht, — je nach dem Maße der Schuld und Sühne, fch hoffe, daß Kinder, die ein Jahr in Meir Shefeja erzogen wurden, sich bis ins tiefste verwundet fühlen, wenn man wagen würde, eine Kameradin in die Ecke zu stellen! Die anderen Anstalten be<it/rn eint? lieberfülle von Strafen; die Siindetinnen dürfen k< lne Wanderung mitmachen, dürfen am Sabbath Ihre Verwandten nicht besuchen; ein Mädchen, das ihr Kopftuch verloren hat, bekommt <inen groben Lappen umgehängt, man bewaffnet die großen Molchen als Aufseherinnen fnit Notizbuch und Bleistift um alle Sünden zu notieren, und was könnt« die vergiftete Phantasie einen Erziehungsbeamten mit Polizistenbcgabung nicht ausdenkent In einer Anstalt erhält der Sünder für einen Tag1 Sträflingskleidung und muß die Klosetts reinigen, die anscheinend die sadistische Phantasie dieser Menschen besonders rq/en. Es gab in den Heimen Bcttnässcrinnen, eine in allen Waisenhäusern der Welt verbreitete Krankheit des Willens, und was tun die erleuchteten Erzieherinneu? In einer Anstalt hängen sie Zettel, auf denen die Sünderinneu iino ihr Vergehen, verzeichnet sind, an die Türpfosten yor Augen derer, die aus- und eingehen. Anderswo hängten sie um den Hals der Unglücklichen ejn Schild; „Ich habe heut Nacht ins Bett gepinkelt" (das Wort selbst ist im Hebräischen nicht so anstößig wie im Deutscheu), so stellte man s>ic in den Kreis der anderen Mädchen, die um sie herum tanzen mußten, und als ob es damit nicht genug wäre, schickte mau sie mit dem Schild um" den Hals in die Schule! Das geschah nicht im Mittelalter, sondern im zwanzigsten Jahrhundert, im J^hre 1022, an einer geordneten Anstalt, in der das persönliche Verhältnis zu den Kindern sogar besser war, als in den ai.Mcrn, und das Schild befindet sich noch heute zur Erinnerung in Meir Shefeja. Man fand für solche Dinge sogar eine pädagogische Begründung, eine ganze Methode, man sagte mir, daß. man mit dem Ehrgefühl als Erziehungsmittel rechnen müsse, und ahnt nicht, daß man mit solchen Mitteln jede« Ehrgefühl der Mädchen für ihr ganzes Leben erstickt. Ich ,will'um des-Himmels willen nicht sagen, daß FräurCin Bcrgef mit diesen Dingen einverstanden ist, si^ wird außer ilr.h sein, wenn sie bort, daß in ihren Waisenhäusern so entsetzliche Taten verübt werden, aber die*c Tatet; sind die natürliche Folge des Straf- und Poli/eigeistes, der in ihnen herrscht, und den wir mit allem Nachdruck bekämpften. Ich versammelte einmal die Gruppenführerinnen um mich und sprach mit ihnen über die Mittel, die sie ergreifen Könnten, um oi« Mitglieder ihrer Gruppen an "Or<ir.un2 zu gewöhnen.

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