Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXX (1925)
- Issue
- Heft 62 (7.8.1925)
- Date
- 1925-08-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 533 Das Kriraprojekt Prcsscslimmea ' per unter diesem Namen propagierte Plan, die rus- •rhen J"dcn in dcr Südukraine und auf der Krim zu kodieren, (in Wirklichkeit spielt die Krim selbst dabei '.. ganz untergeordnete Rolle) findet in der gesamten 'lucbcn Öffentlichkeit außerordentliches Interesse. 1ns-;ondcre hat der Beschluß des Joint, für den Zweck der Konisation von russischen Juden in Rußland einen Drive!r Aufbringung von 15 Millionen Dollar in Amerika zu ^„stalten, das Augenmerk der jüdischen Öffentlichkeit .',t diese Aktion gelenkt. Wir haben mehrfach Berichte vermiedenen Ursprungs über die bisherigen Ergebnisse der vjmkolonisation wiedergegeben und anerkannt, daß ange- I'.nichts der ungeheuren Not der russischen Judenhcit und l:'.r Tatsache, daß die Kolonisierung von Juden eine Ucbcr- ''irung zu produktiven Berufen bedeutet, diese Aktion auf wärmste begrüßt werden muß. Wir sehen darin auch Nrinrn Gegensatz zum Zionismus, da es sich keineswegs, wie VfoiifT* propagiert wurde, um einen neuen Tcrritorialismus Kinjf|"t, sondern um eine Hilfsaktion für Juden, die nach Paiiuin.i nicht gehen können. Allerdings kann man sich nicht ■i'rrliclilen, daß die Inanspruchnahme öffentlicher jüdischer i.Uittc! für diesen Zweck hauptsächlich durch die Sammlung der?^entmischen Juden eine Beeinträchtigung der Sammeltätigkeit für den Kercn Hajcssod und dadurch eine Gefährdung '^l.istinas zur Folge haben könnte. Dies müßte u. E. un- - '--dingt vermieden werden. Wenn sich antizionistische EIc- ^.cntc dieser Sache zum Kampf gegen Palästina bedienen;;0!itcn. dann wird ein Kampf unvermeidlich, den wir nicht •' l*ünsclwn und der beide Teile nur schädigen kann. Es;l;rd die Aufgabe der verantwortlichen Organisationen sein '''. '«cn, ein billiges und gerechtes Nebeneinander der Sam-;' diätigkeiten für Palästina und für die anderen Hilfszwecke i j injchließlich der Kolonisation in Rußland) zu schaffen, j. Heute allerdings ist die Stimmung eine recht nervöse. : ■rkaiintlidi hat sich die Konvention der amerikanischen Zio- '■ :k\:n mit dem Krimprojekt befaßt, ein Beschluß wurde [!it gefaßt. Wir halten es aber für nützlich, unsere Leser -er die Stimmung zu orientieren, die aus den Artikeln i - offiziellen Organe der amerikanisch-zionistischen Orga- =3tion, des „Jiddischen Volk" und „New Palcstinc" hcr- -;-cht. Das ,. Jiddische Volk" schreibt unter dem Titel \ beunruhigende Fragen": i: „Es sind Fragen vorhanden, die sich von selbst auf- •.i^cn. Unverständlich bleibt die Hast, die der Joint bc-; Hirh der Krimkolonisation entfallet. Wenn man schon <-schlössen Ir.t, das amerikanische Judentum für diese gr-; .iin'«e Unternehmung m cw agieren, warum beschließt man ' -iif dic Entsendung einer Studienkommission nach Sowjct- Chnd? Die russische Regierung hat in den letzten zwei ■•'iren die Einreise einer großen Anzahl derartiger Kom- >Monen verschiedenster humanitärer Gesellschaften geltet. Sie hat sogar die Einreise von Vertretern solcher ■ 'rbcits-Organisationcn genehmigt, deren unfreundliche Halgegenüber Sowjet-Rußland notorisch ist Es ist gar; in Grund vorhanden, anzunehmen, daß die russische Re-;.frung sich weigern könnte, eine jüdisch-amerikanische Kora- ■;<>ion zuzulassen, umsomehr als sie den ernsten Willen ' ■veugt, die Lage der Juden in Rußland zu verbessern. |7atsächlich hat die russische Regierung u. a. den Vertretern h Joint volle Bewegungsfreiheit in Rußland gewährt. War also notwendig, die jüdische Ocffcntlichkeit in Amerika V :r ein fait aecompli zu stellen, ohne vorher den Vorschlag Studienkommission zu machen, die imstande gewesen :rc. die ganze Angelegenheit zu klären und von jedem iöMndpunkte aus annehmbarer zu machen. Anstatt dessen ■M man die jüdische Ocffcntlichkeit in Amerika mit Inter- \ -''cws und beruhigenden Zeitungsnachrichten gespeist, so daß;;'s Ranze Angelegenheit unverständlich, unklar und unfundiert [ scheint. In der Geschichte der öffentlichen jüdischen phi- V^ihropischen Arbeit der letzten fünfundzwanzig Jahre ist i n derartiger Willkürakt, der die Meinung des jüdischen 'f-:blikum in so unerhörter Weise ignoriert, nicht vorge- Wir glauben nicht, daß die jüdische öffentliche V.rinunjr sich beruhigen wird, bevor nicht dieser Punkt eine j'?t!osc Aufklärung erfährt. Auch die Zahl von 15 Millionen Dollars erscheint unhandlich. Jedermann weiß, daß wir vor einem sehr ernsten •j'oMcm stehen und daß die Kolonisation von zehntausenden :-fn eine so schwere Last darstellt, daß nur national-or-; visierter Wille sie zu übernehmen vermag. Stellt man schon auf den Standpunkt,-daß die jüdische Kolonisation ' Rußland eine notwendige Sache ist, (wovon wir hören woran wir glauben), daß sie sogar eine lebensnotwendige; s"vdcgcnhcit darstellt — warum tritt man an die vernünftige ■•■che Ocffentlichkcit mit Ziffern und Zahlen heran, die dreier nicht ernst gemeint sind und darum den Eindruck Errufen müssen, als ob man irgend jemanden verführen;f<'we oder den Anschein erwecken, daß das ganze Projekt :t unglaublichem Leichtsinn ausgeheckt wird? Was kann ■?? denn mit einer derartigen Summe auf dein Gebiete der r,r'nisation beginnen? Ucberdies wird angegeben, daß zwei *ri;tcl dieser Summe für allgemeine Hilfsarbeit Verwendung >n so!|-n. Glauben denn die Projektanten, daß auch;:n vernünftiger Mensch die Sache ernst zu nehmen vermag? ermann versteht, daß es sich hierbei nur um einen Anfang kann und daß nach den 15 Millionen Dollar die!?rd<rung nach weiteren Millionen erhoben werden wird, i s'; arum behandelt man also die amerikanischen Juden wie; Kinder, denen man Behauptungen auftischt, die mit v'r Wirklichkeit nicht übereinstimmen und die den Eindruck "vorrufen, daß man sie nur in einen Sack verlocken^ will, dem sie sich nicht mehr herauszuarbeiten vermögen, rtln Mc einmal drin sind. Ist ein derartiges System mit!;,r Jüdischen Tragödie in Rußland und der Würde des ame- '. '"'^hen Judentums vereinbar? Das parat gehaltene Ar-;.mcnt, daß man mit fünf bis siebenhundert Dollar eine :'sc»e Familie in Rußland zu kolonisieren vermag und;';s man darum das Werk mit kleineren Geldmitteln aut-;;>cn imstande ist, kann nicht als stichhaltig betrachtet; , '(dcn- Rußland müßte dann ein Wunderland sein, das :, '/«chaftlichc Wunder verwirklicht, die in keinem andern -;,Jc der Welt möglich sind. I <, .$c Proponcntcn der Krimkolonisation stellen also | Vohlfcilheit dieser Kolonisation als das stärkste Argu- L;nt >n den Vordergrund. In Amerika kostet die Kolonisation l ,;rf Familie sechs- bis siebentausend Dollar, in Palästina ■ fünftausend Dollar, in Rußland ist diese Kolonisation .^Mich möglich mit siebenhundert Dollar auf Gnind toN fcr Berechnung: Das geschenkte Und ist ungefähr 300 Wert, der Siedler muß eigene 200 Dollar besitzen,; ^blenden 200 Dollar trägt der Joint. Allerdings, meinen •..Projektanten, müssen sich die Kolonisten sehr>pn- . anrichten. Auf ein Wohngebäude muß der Kolonist :,,;ic^cn. Maschinen, wichtige Teile des lebenden und toten ■;.'h?ta« müssen von anderer Seite beschafft werden. Das- 5.ß»lt auch bezüglich der religiösen und kulturellen Be- , *AIS*. Von den sanitär-medizinischen Bedürfnissen ist; d kc"ic Rede. Hingegen werden wir aufmerksam gemacht, ' :LC,c5.otw««Kg «in wird, zwecks Schaffung einer freund. Stimmung uoter den benachbarten russischen Bauern j für diese bedeutende Summen auszugeben. Es wäre natürlich eine Utopie, von der Sowjet-Regierung, abgesehen von vereinzelten Fällen, finanzielle Unterstützung zu erwarten. Wie können also ernste Menschen öffentlich behaupten, daß man mit einer Summe von 700 Dollar eine Frfmilie zu kolonisieren vermag. Die Wahrheit ist, daß die Kolonisation einer Familie mit fünftausend Dollar, die laut europäischamerikanischen Bedingungen notwendig erscheint, nur darum möglich ist, weil bereits eine Reihe von geordneten menschlich-kulturellen Bedingungen existieren, die die kolonisatorische Tätigkeit erleichtern. Eine trockene ziffernmäßige Berechnung muß jedem Menschen, sei er Fachmann oder Laie, klarmachen, daß die Summe von siebenhundert Dollar nur ironisch gemeint sein kann. Wenn es tatsächlich möglich ist, in Rußland billiger zu kolonisieren, so ist es nur darum, weil die Lebensbedingungen des russischen Bauern so primitiv und so wenig menschenwürdig sind, daß man schwer entscheiden kann, wo die Grenze zwischen Bedürfnissen und Bedürfnislosigkeit liegt. Es ist kaum denkbar, daß irgend eine moralische oder physische Möglichkeit vorhanden ist, den städtischen russischen Juden dauernd auf dem Niveau des russischen Bauern zu halten. Die Legende von den 700 Dollar ist zu dem Zwecke geschaffen worden, um der Summe von 15 Millionen Dollar irgend einen Sinn zu verleihen. Aber sie bleibt doch eine Legende, und mit Interviews und Zeitungsartikeln wird man sie nicht in eine Wirklichkeit zu verwandeln vermögen." „New Palestinc" stellt fest, daß die Zionistcn immer das allergrößte Verantwortlichkeitsgefühl bezüglich der jüdischen Hilfstätigkeit beobachtet haben. Stets hat die Organisation ihren freunden und Anhängern klar gemacht, daß die Arbeit für den Wiederaufbau des jüdischen Nationalheims sie der Verantwortung für jede Art von jüdischer Hilfstätigkeit nicht enthebt. Die Frage der zionistischen Aufbauarbeit muß einmal auch von dem Standpunkte des größten Effektes auf dem Gebiete der Hilfstätigkeit betrachtet werden. Es ist zweifellos statthaft, wenn die .Zionistcn, die das größte Hilfswerk in der jüdischen Geschichte unternommen haben, eine Diskussion in dieser Hinsicht anregen. Es ist vergessen worden, daß der Aufbau Palästinas Jahr um Jahr Zchntauscnde von Juden aus den Zentren des bös'estcn Judenhasses in Sicherheit bringt. Neun Zehntel der Propaganda für den Kercn Hajcssod gründete sich auf den Schrei nach konstruktiver Hilfstätigkeit. Tatsächlich hat die zionistische Bewegung das größte Hilfswerk für alle Zeit und hinsichtlich aller Länder. Es geschah nicht für dieses oder jenes jüdische Zentrum, oder für irgend einen Antisemitismus, für den der Zionismus Abhilfe bot: das Werk galt allen jüdischen Zentren, dem ganzen jüdischen Volk. Im Monat Juni haben 4000 Juden die Häfen von Palästina überschritten. Woher kamen diese Juden? Aus Polen, Rumänien, Rußland und Ungarn. Was machte ihr Kommen möglich? Die große zionistische Unternehmung für den Aufbau des jüdischen Nationalhcims. Welche jüdische oder andere Gesellschaft kann diesen Rekord auf dem Gebiete der reinen Hilfstätigkeit aufweisen? In weiteren Verlaufe der Ausführungen bringt „New Palcstinc" alle im „Jüdischen Volk" (geäußerte Bedenken vor und schneidet auch die Frage der Sicherheit der jüdischen Kolonisation in Rußland an. Am 2. d. M. veröffentlichte Robert Stricker in der ,.Wiener M o rgcn z e i tun g" an leitender Stelle einen Artikel „Das Krimprojekt — ein Verbrechen am jüdischen Volk", in welchem er das Kolonisationsprojekt der Juden in Rußland als ein bolschewistisches Tcufelsspicl hinstellt, um rein bolschewistische Parteizwecke auf Kosten der Juden zu erreichen, jüdische Sympathien zu erobern und amerikanisch-jüdisches Geld zu bekommen. Der Artikel läßt allerdings jeden Beweis präziser Information vermissen und erinnert an gewisse antibolschcwistischc Schauerprodukte, wie sie in der reaktionären Presse der Welt zu Hause sind. * Der aus Moskau in New-York eingetroffene Leiter der Kolonisationsarbeit des Joint Distribution Committce in Rußland, Dr. Joseph Rosen, sprach sich gegenüber Vertretern der Presse über das jüdische Kolonisationswerk in Rußland in der folgenden Weise aus: Von dem Gelingen des jüdischen Sicdlungswcrkes in Rußland hängt das Schicksal von drei Millionen Juden ab. Infolge der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung in Rußland blieb der größte Teil der dortigen Judenhcit ohne Existcnzmögllchkcit. Es bleibt die Wahl zwischen Verhungern, Emigrieren oder Kolonisieren. Für Auswanderer bestehen keine Aussichten, da die Uebcrsccländcr gesperrt sind. Für eine Auswanderung nach Palästina aber müßte man für jeden Emigranten mindestens 5000 Gold rubel beschaffen. Sobald sich in Rußland eine beträchtliche Zahl Juden auf dem Lande angesiedelt hat, hat sich damit auch die Lage der in den Städten Verblichenen gebessert. Die Sowjet-Regierung fördert die jüdische Kolonisationsarbeit, weil dies* einen Teil ihres Programms bildet, die allgemeine Lage der Bevölkerung zu verbessern. Sic gibt Juden wie Nichtjuden in gleicher Weise Kolouisationslaud. läßt sich aber die Förderung der jüdischen Kolonisation in einem höheren Maße angelegen sein. Sic hat bis jetzt für jüdische Kolonisation 150000 Morgen Land und eine Million Goldrubcl zur Verfügung gestellt. Die russische Bauernschaft steht der jüdischen Kolonisation nicht feindselig gegenüber, die Bauernschaft hat nach der Konfiskation des Eigentums der Großgrundbesitzer mehr als genug Boden erhalten; der den Juden zur Verfügung gestellte Boden war bis jetzt wegen Mangels an Arbeiter« bänden unbebaut. Die Meinung der zionistischen Führer in Rußland ist es, daß das Kolonisationswerk in Rußland der Palästina-Bewegung keineswegs abträglich sei, sondern im Gegenteil, diese Bewegung fördert, indem sie das M c n - schenmaterial für Palästina erzieht. Auch die orthodoxen jüdischen Massen Rußlands bringen dem Kolonisationswerk Sympathie entgegen. Auf die Frage, ob den jüdischen Siedlern bei einer eventuellen gegenrevolutionären Umwälzung nicht Gefahr droht, erwiderte Dr, Rosen: Niemand in Rußland zweifelt heute an der Festigkeit und Dauer des Sowjetregimes. Sollte aber trotzdem eine gegenrevolutionäre Umwälzung kommen, so ist nicht daran zu zweifeln, daß die Juden in den Städten der Pogromgefahr stärker ausgesetzt sein werden, als die Kolonisten auf dem Lande. Das Kolonisationswerk muß energisch betrieben werden, denn je länger man wartet, desto schwieriger wird es, Kolonisationslana zu bekommen. Das Geld, das der Joint sammelt, ist der Kontrolle der Sowjet-Organe ganz und gar entzogen. Alles, was wir in Rußland besitzen, ist laut unserem Abkommen mit der Sowjet-Regierung unser Privateigentum. * New-York. (J.T.A.) Die Vertreter der großen jüdischen Arbeiter-Organisation, wie Arbeiter-Ring, Vereinigte jüd. Gewerkschaften, Jüdisch-nationaler Arbeiter-Verband, Poalc Zion, usw. beschlossen in einer gemeinsamen Beratung, die Joint-Kampa^ne zur Aufbringung von 15 Millionen Dollar für jüdische Hilfs- und Aufbauzwecke zu unterstützen. Es wurde beschlossen, für den 23. August eine große Konferenz von Vertretern aller Arbeiter- und Volksorganisationen in den Vereinigten Staaten einzuberufen, die den Aktionsplan für die jüdische Arbeiterschaft in der kommenden Kampagne beschließen soll. Die Konferenz nahm mit Befriedigung den Beschluß des Joint zur Kenntnis, die gesammelten Gelder für folgende Zwecke zu verwenden: Land.msicdlung von Juden in Rußland: Aufbauarbeit in allen Ländern; sanitär-medizinische Arbeit in allen Ländern; Unterstützung jüdischer Flüchtlinge; Erhaltung jüdischer Schulen. — Es wurde ein Exckutiv-Komitcc aus 17 Personen mit Alexander Cohn als Vorsitzenden und B. Zuckcrmann als Sekretär eingesetzt. Es wurde bestimmt, daß die vereinigte jüdische Hilfsorganisation folgenden Namen führen soll: Vereinigte Arbeitcr-Hilfskonfcrenz für die neue Joint-Kampagnc. Kindcrmacn „Die Väter haben Hcrlinge gegessen und die Enkel haben taube Zähne". Von dem Moskauer Sttidentcnprozeß, der in der öffentlichen Meinung Deutschlands und in der Tagespresse soviel Beachtung gefunden hat, ist von der jüdischen Ocffcntlichkeit kaum Notiz genommen worden. Mit Unrecht! Ohne auf den Prozeß als solchen einzugehen und ohne die Rechtmäßigkeit des Moskauer Urteils prüfen zu wollen, bietet die Person eines der angeklagten Studenten für Juden soviel Interessantes, daß es angebracht ist, darüber ein Wort zu verlieren. Gemeint ist der Angeklagte Dr. Hermann Kindcrmann, der enge Beziehungen zu deutsch-völkischen Stndcnicnkrcisen unterhielt, quasi Mitglied der Organisation Consul war und bis zur Moskauer Verhandlung ängstlich das Geheimnis wahrte, daß er Jude ist. Erst als die gegen ihn erhobene Anklage befürchten ließ, daß er, wie es auch tatsächlich geschah, verurteilt werden könnte, da führte sein Vater, der offenbar jahrelang damit einverstanden war, seinen jüdischen Sohn in Gesellschaft verbohrtester Rasscn-Antfscinitcn zu wissen, als entlastendem Argument an, daß sein Sohn Jude ist und darum nicht ah Vollstrecker oder Planer deutsch-völkischer Narreteien in Fragt käme. Wir wolioi nicht untersuchen, ob Kindcrmann junioi wirklich eingeschriebenes Mitglied der Organisation Consul gewesen ist und tätutdilich die Absicht hatte, Trotzki zo. rrmorden. Ucber jeden Zweifel erhaben ist jedoch, d.if> Kindermann unter Verleugnung seiner Zugehörigkeit zui* Judentum Tisch- und Gesinnungsgenosse von Elementen war, deren blindwütiger Haß gegen alles Jüdische jedem Menschen mit Geschmack und Gerechtigkeitsgefühl, auch wenn er Nichtjude ist, die Genossenschaft mit ihnen verleiden müßte. Der Fall Kindermann ist leider typisch. Er ist die logische Fortsetzung der Naumannschcn Gedankenwelt. Er ist die soziale Fortsetzung jener jüdischen Schicht, die das in der Konfektion oder im Grundstückshandcl erworbene Geld samt der Tochter einem halhvcrkommcncn adligen Schwiegersohn an den Hals warf und sich bis zur tiefsten Selbstcntwürdigung bückte, um eine Auszeichnung letzten Grades oder den Titel eines Rcuß-Grciz-Schlcißischcn Geheimen Kommcrzicnratcs zu erlangen. Adlige Leutnants sind nicht mehr modern. Die Duodez-Fürsten der kleinen deutschen Herzogtümer sind entthront. Was ist also heute fein? Offenbar die Anerkennung von Hitler und seinesgleichen. Und so giert man nach der Aufnahme in die Gesellschaft der Völkischen. Und so duckt man sich bis zur Sclbstcntmannung und freut sich, daß man nicht schon an der Nase als Jude erkannt wird, um in Gesellschaft der neuesten Edclinge völkischer Prägung atmen zu dürfen. Der Fall Kindermann stellt eine Verwirrung schlimmster Art dar. Daß er möglich wurde, ist die Folge einer Geistesrichtung, die der Suggestion einer Massenlüge sich angepaßt hat: die Umwelt hat solange und so marktschreierisch die rassische, moralische Und seelische Minderwertigkeit der Juden behauptet, bis die KIcinmüigtcn und Duckmäuserischen unter den Juden im tiefsten Herzen an diese Lüge geglaubt haben. Die Ideologie, die' das Judentum, das lebendige Judentum, totsagte, ist der Nährboden, auf dem der Typ des nationaldeutschen Juden entstehen konnte, dessen logische Fortsetzung der deutsch-völkische Jude ist. Kindcrmann ist ein Enkel des deutsch-jüdischen Liberalen und ein Sohn des nationnldcutschcn Juden. Vor dieser Entwicklung mag manchem Juden schaudern, er darf sich aber über sie nicht wundern, denn wer ein halbjüdisches A sagt, muß schließlich zu einem deutsch-völkischen Z kommen. M. W. Im Zusammenhang mit der gegenwärtig stattfindenden Tagung des Zcntralrats der Gesellschaft „ORT" weilt in Berlin der bekannte New-Yorker Richter Jacob P a n k c n , einer der Führer der jüdischen Arbeiterschaft in Amerika. In einem Gespräch mit dem J.T. A.-Vertreter äußerte sich Mr. Panken darüber, wie sich die amerikanischen Juden die Lösung der Judennot in Europa denken. Wir Amerikaner, sagte Mr. Panken, sind der bestimmten Uebcrzeugung, daß die Probleme der osteuropäischen Juden n u r in den Ländern gelöst werden können,in denen diese luden leben. Die Möglichkeit zu emigrieren ist auf ein Minimum gesunken und dort, wo eine Ein.wanderungsmöglichkcit bestehen könnte, wie z. B. in Mexiko, ist auch nur Raum für fachlich geschulte produktive Elemente. Der mexikanische Präsident Calles, den ich persönlich sehr gut kenne, sagte mir, eine jüdische Einwanderung in Mexiko käme nur in Betracht, wenn geschulte Landwirte, Handwerker und Industriearbeiter kommen; für Händler und Luftme Ii sehen ist dort kein Platz. Dasselbe gilt auch für Argentinien und die anderen südamerikanischen Länder. Da entsteht aber die Frage, wozu produktive Elemente aus ihrer gewohnten Sphäre reißen und nach Ucbersce bringen, wo sie doch in ihren bisherigen Wohnorten ebenso nützlich sein und vielleicht ein glücklicheres Fortkommen haben könnten. Wir Amerikaner möchten das Problem so gestellt sehen, wie die osteuropäischen Juden gerade in den Ländern, in denen sie yetzt lehen, produktiven Berufen zugeführt werden könnten. In. den ehemals russischen Randstaaten und in Südrußlaad ist sicher kein Ueberschuß an Produktion in allen Gebieten, und insofern die Juden in diesen Ländern sich in die Produktion eingliedern wollen, sind wir amerikanischen Juden bereit, ihnen dabei zu helfen. Herr Isaak Baumingcr, führendes Mitglied der polnischen Agudah und Vizepräsident der Krakauer Kultusgemeinde, tritt an Stelle des jüngst verstorbenen Führers der polnischen Misrachistcn, Rabbiner J. L. Kowalski, in den Senat der polnischen Republik ein.