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Jüdische Rundschau · 1925-08-07 · Heft 62 (7.8.1925) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXX (1925)
Issue
Heft 62 (7.8.1925)
Date
1925-08-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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fJr 62 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 531 Städtische Entwicklung Von unserem palästinensischen Korrespondenten. L:rf! A-°-. Jerusalem, den 29. Juli 1925. , [n der Stadt Tel-Awiw konzertiert seit kurzem auf dem k:i ' nihschild-Boulcvard das Pol izeior ehest er. In der | \ Tel-Awiw ist die Automobilbewegung so gewachsen, ''"; ' ß wohl die ungenügende Verkehrsordnung wie das enge ' '.tr.iflcnsystcm der Stadtverwaltung zu durchgreifenden Vcr-! -dnungen Anlaß geben. In der Stadt Tel-Awiw entsteht ein m 3{c nach dem andern, zum Teil hoch über den Häusern auf >/ ',,a flachen Dächern der Mittclmccrstadt. In Tel-Awiw wohn* n 'Jjn heute in den unteren Stockwerken von Häusern, in denen sK den oberen Stockwerken noch gefeilt und gehämmert, Lj ■ -inncht und lackiert, gemauert und gemeißelt wird. In , '-'C|-Awiw wohnt man heute nicht nur in Kellern und Baracken 'r ",-x\ Zelten, sondern schläft irgendwo auf den öffentlichen;i„kcn, die der Steuerzahler der Stadt in der letzten Zeit ''\nrsorglich gestiftet hat, weil sich in der nationalen Hrimhl Lütte die Wohnungsmictcn nicht mehr erschwingen lassen. n^|;' lind so ist nach dem uralten Satze in TelrAwiw „Alles ai'-ha f~luß"» sogar das was nun über dir Wohnungsmicten und ni;;-|!'hfr ihre Höhe aussagen kann. Denn mitten in den großen :r"••.(''Schwierigkeiten, die aus den bekannten Zuständen entstanden i E {^d, überflügelt immer einmal die Baubewegung den Ein- ■0:!wjndertingsstrom und dann gibt es plötzlich freie Zimmer.;*j [cn waren plötzlich in der vorigen Woche verschiedenen Nach- 1 .'(richten zufolge in Tel-Awiw 150 Zimmer zu haben und der Üi Vjctszins drohte momentan zu sinken. (Diese letztere ist äf-. -cilich nur ein Gerücht, für das man sich schwer verbürgen ' Kann.) Aber die nächste Einwanderungswelle, die sich vom |(, Jaffa anlegenden Schiffe über die Stadt ergießt, stellt das l Gleichgewicht" wieder her. [; Man hat von dem bekannten Professor G cd des , der die fpianc zur Universität gemacht hat und die man bisher nicht r f.[ ht ausführen können, großzügige Vcrbcsscrungsvorschlägc iir:; -das Stadtbild entwerfen lassen. Da «ollen jetzt freie Plätze, i .-umallccn, öffentlichen Gebäude zu ihrem Recht kommen, das ' '.' i.ncn bisher zum Schaden der Stadt nicht eingeräumt worden Das sind freilich heute noch Pläne und vorläufig baut;-.jn nach demselben Geschmack oder besser „Ungcschmack" «r-i citcr. Und zwar so schnell, daß man sich immer wieder r-.-;: diesem Halbfertigen, eben im Entstehen begriffenen, eben »' .trtirjpestclltcn, verläuft. C. Unterdessen führt die Stadtverwaltung einen — wie es .beint bisher noch recht ungleichen — Kampf mit den Haus- '3V "d Grundbesitzern. Man hat die Erhöhung der auf un- |N'cfuutcn Parzellen lastenden Steuern von 3V* °/o auf \2% °/o ,.r fchlosscn. Ein großer Sprung fürwahr. . Und die Organi- :!ion der Hausbesitzer setzt alle Hebel in Bewegung, um 7 j verhindern, was zu verhindern ist. Bisher ist eine Bc- Tf. ütigung von Seiten der Regierung auch noch nicht erlangt (>',. rrden. Außerdem bemüht sich die „Vcrständigungskom- (]; i^ion" der Munizipalität, die Mieter so weit wie möglich ivor zu schützen, bei Ablauf des Vertrages oder bei Erhöhung ,fr. fr Mieten auf die Straße gesetzt zu werden. Ebenfalls mit;.i;w.inkcndcm Erfolg. aN| Die Stadtverwaltung mit ihrem recht stattlichen Budget flVjijt alle Hände voll zu tun, um mit der Entwicklung der Stadt (in 8au von Straßen und in der Wcitcrlcitung der Wasscrh;r ';rrsorgung und Kolonisation Schritt zu halten. Die öffentlichen 'Arbeiten haben bereits einen beträchtlichen Umfang erreicht )?; n-d haben die Tendenz, sich weiter und weiter auszudehnen. }'}■ All das scheint nur der Auftakt zu sein, für die Zeit, "ö'; "0 die Verlegung der Eisenbahn und der Ausbau des Hafens 3r '.• das Stadium der Verwirklichung treten. An einen großen y ] /Wen wird wohl nicht zu denken sein. Jedoch ist nach den |,p Verhandlungen zwischen Regierung und Munizipalität auf ''|i;r,cn erheblichen Ausbau der bestehenden durchaus unzureichenden Hafenvorrichtungen zu rechnen. Das würde eine; f". i ■■ ichiige Voraussetzung sein für die Entwicklung der Stadt K -ä zudem eine Möglichkeit für die soziale Basicrung und |1\ : ^i<rung. Denn damit wäre eine große Chance gegeben, die 1".. tische Wirtschaft im Handel und in gewissen Grenzen auch 15-:;' der Industrie zu basieren, so daß der heutige Zustand, wo l wirtschaftliche Unterbau der Stadt zu einem überwiegenden!' ■ ^üc in der Baubewegung beruht, gebessert würde. Dasselbe V; fi in gleichem Maße für die Verlegung der Eiscnbahn- V!.' '^unmg, die heute durch Ludd läuft. , Baubewegung beschränkt sich heute nicht nur auf t Tt'-A\viw. Sic hat, wenn auch in kleinerem Maßstabe auf die "-deren städtischen Zentren übergegriffen. Aber in Haifa 1(3 in Jerusalem hat die Bautätigkeit ein erheblich r(;' 'Jdrrr* Aussehen. In Haifa empfängt m.ia den Eindruck, :'-<ob der Prozeß der Entwicklung noch nicht rfchtig eingesetzt; , Und er wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch erst ,!•; vo!!em Umfange mit dem Beginne des Hafenbaus einsetzen, i'V; *>en Bedeutung ja viel umfassender sein wird als die aliq "'agen in Tel-Awiw. Der Aufschwung, der dann zu erwarten f j. w-ird dann freilich, daß läßt sich heute schon sagen, die i' -'Wicklung von Tel-Awiw weit hinter sich lassen. Schon I -fshalb weil hier die Entwicklungsbasis ungleich solider und ™-, |;rr>ter ht als in der südlichen Nachbarstadt. Schon die Bau 1ü-"j: -Egling heute in Haifa trägt einen anderen Charakter als!. Tel-Awiw, einfach aus dem technischen Grunde daß das |;':!Jf»ateria! nicht Ziegel sondern Stein ist. Freilich begingt j":n d« billigere auch hier durchzusetzen, aber lange nicht so ^schließlich wie in Tel-Awiw. Auch in Haifa hört män <:■■'■/} von Wohnungsnot, vom Steigen der Mictsprcise, von den ., ''Gierigkeiten, ein Gcschäftslokal zu bekommen. Und wenn?r:,~? sich in Haifa von der Karmcl-Scitc nach dem Golf von '".:»;;<o wendet, nach dem Gclanacnde, das für die Industnc- .';.;apn bestimmt ist, so wird man schon jetzt von Sorge ,; : ,lji|t für die zukünftige Entwicklung in dieser so wichtigen; fgcnd. Wenn wir dort heute wirklich große Strck- .p n nationalen Bodens hätten, sähe für die Zukunft .; rt vieles anders au*. : In der „Hauptstadt'*, in Jerusalem wird auch gebaut. Aber ri .'n b*ut hier ganz anders als in Tel-Awiw, auch anders als in - ohnehin stille Jerusalem, wird im Verhältnis zu der - i ,.^k!ung der anderen Städte immer stiller. Von der;'t .^''cn Arbeiterschaft haben viele wegen der schweren -i u^'^bedingungen die Stadt verlassen. Seitdem fast alle i .^"^tionen der allgemeinen Arbeiterorganisation ihTcnoStand- •'inach Tel-Awiw verlegt haben, ist das gesellschaftliche; '■. \^ um vieles matter geworden. Viele, die mit öffentlichen .V-n in Zusammenhang stehen, sind der Notwendigkeit '8t und haben Jerusalem verlassen. Die neue Enwande- : ■ >Ue rird nicht schr mcrkl'cn in der Residenz. Ein paar , Udcn sind da, hier und dort wird etwas neues versucht Aber im allgemeinen ist Jerusalem noch nicht aus seinem Schlaf erwacht, es trägt noch seinen verwunschenen Charakter, der es seinen Anhängern so besonders wert gemacht hat. In dieser weit hingestreckten Hügclstadt erscheint das Neue, das da ist, noch viel geringer als es in Wirklichkeit ist. In Wirklichkeit ist rum Beispiel dir Bauhcwegung nicht unbeträchtlich und die soliden großen Steinhäuser die hier gebaut werden, bilden nicht geringe Werte. Frrüh und spät kann man an den verschiedensten Enden der Stadt die langgezogenen Rufe der Araber hören, die Felsen sprengen, um die Fundamente für die Gebäude freizulegen. Denn die jüdische Baubewegung in der heiligen Stadt beschäftigt in hohem Maße billige Arbeiter. Im großen Hotel, das im Mittelpunkt der Stadt errichtet wird, arbeitet man mit Nachtschicht, denn der „Solel-Bonch" hat sich verpflichtet, die Arbeit bis zur Touristcnsaison fertig zu stellen. In den neuen Vierteln gehen die Bauten der Wege und der Häuser rasch vorwärts, und man sieht in der Zukunft schon den großen Ring, der Talpioth mit den Vororten der Stadt nach "der Jaffacr Chaussee hinaus verbinden wird. Es ist der Vorabend des neunten Aw. Die fromme Judensehaft Jerusalems pilgert zur alten Tempelinauer und klagt über den Untergang der einstigen Herrlichkeit. Und darüber über den alten Quadersteinen liegt breit hitigclagert und ruhig die große Moschee des Islam. Außerhalb der alten Stadt arbeitet man in den Städten und in den Kolonien an dem Wiederaufbau des alten Landes. Und jedes Haus, das gebaut, jeder Baum der gcpfbnzt wird, ist heute am neunten Tag des Monats Aw ein kleiner Trost und eine Stärkung in der schweren Tagesarbeit. Die Ägency unterwegs Von J a k o b K 1 a t z k i n. Daß die Zionistische Organisation bedenkliche Verfallserscheinungen aufweist, ist eine Tatsache, die •— noch vor kurzem unbemerkt und bestritten — jetzt selbst von Offiziellen und Offiziösen nicht mehr geleugnet wird. Diese verspätete Einsicht könnte wohl manche Schäden heilen und manch Versäumtes nachholen, wäre sie Erkenntnis der Gründe und nicht oberflächliche Bestätigung eines augenfälligen Faktums. Sie fruchtet aber wenig, wenn jene Kurzsichtigkeit, die bisher die verhängnisvollen Folgen gar nicht zu sehen vermochte, nunmehr das von ihr Bewirkte falsch wertet und ihre eigene Schuld nicht begreifen will. Sie folgert nämlich aus dem Tiefstand der Zionistischen Organisation, daß diese unbrauchbar geworden', den gesteigerten Aufgaben nicht gewachsen sei und durch erweiterte Organisationsformen, d. h. durch eine auch leistungsfähige Nichtzionisten umfassende Jcwish Agcncy ersetzt werden müsse; erst dann könnte die entlastete Gemeinschaft der Zionisten, auf national-kulturelle Innenarbeit beschränkt, Ersprießliches leisten. Eine merkwürdige Schlußfolgerung, die alle Zeichen der Selbsttäuschung an sich trägt. Die Verantwortlichen möchten nicht für den Niedergang der zionistischen Bewegung verantwortlich sein, scheuen instinktiv die Frage nach den Ursachen dieses Niederganges und suchen nach einer bequemen Bcschwichtigungsfonncl. Dieses Mal Ist ihre Kurzsichtigkeit moralischer Art. Man hat nicht den Mut zur schlichten Einsicht, daß die Geringschätzung und Vernachlässigung der oreanisntorise.hcn Aufgaben in den letzten Jahren notgedrungen die zionistische Bewegung schwächen mußten; daß die einseitige Konrentrierung unserer Kräfte auf Geldsammlungen und die Hintanstcllung aller Arbeiten für Belebung und Erstarkung des zionistischen G».dankcns nur zur Erlahmung de.s wahrhaft zionistischen Interesses führen konnten; daß die jahrelang betriebene Sensationspropaganda, die auf eine billige Wirkung nach außen abzielte, und mit allen Mitteln journalistischer Aufmachung den a- und anfizionisfischen Prominenzlern imponieren wollte, eine verheerende Wirkung nach innen ausüben, die histoi Ische Denkart des Zionismus untergraben und seine seelisehc Moralität erschüttern mußte. Noch im Jahre 1920 sah ich mich genötigt zu warnen und tu schreiben: Fine verantwortungsvolle Politik sollte sieh davor hüten, diese zarte Seite der yolksscclc — die Hoffnung auf Erlösung — in allzu starke Schwingungen einer sensationellen Jiibejstimmung 711 bringen. Und wir wissen ]cizt, diese leichtsinnige Taktik, die nach Augenblickserfolgen haschte, hat sich auch bald am Zionismus gerächt Welch eine lärmende Freudigkeit vor wenigen Jahren, welch geschäftiger Sfnlz — und heute? Wie hat sich die Spannung doch plötzlieh gelöst; wie stumpf und dickhäutig, wie desintcressiert und eeistig träge verhält sich heute die zionistische Oeffentliehkeit zu den entscheidenden Problemen unserer nationalen Gegenwart und Zukunft. Wessen Nerven allzu oft gekitzelt und durch Narkotika künstlich erregt wurden, der reagiert nur schwer noch auf natürliche Reize und verliert die Freude und das Sichcrhcitsgefühl des Werktägigen. Das jüdische Volk wurde in eine vibrierende Atmosphäre diplomatischer Wechselfällc versetzt und von politischen Sensationsnachrichten andauernd gespeist, — kein Wunder, daß r.s späfrr in einen Zustand des Tncliffcrentisuuis verfallen ist. Und dieser Indiffercntismus bat seinerseits einen so hohen Grad der Empfindungslosigkeit erreicht, daß man Im zionistischen Lager wohl »stumpfe Sorglosigkeit und satte Zufriedenheit, aber kaum noch wachsame Kritik und Auflehnung geeen Vcrflachung des Zionismus antrifft. Kann der Zionismus von heute noch als Volksbewegung angesehen werden? Gibt es noch eine /ionWicrhc Jugend, bewegung? Wo ist ihr Nachwuchs? Freilich, an Stelle de.s wur7c!haffcn Volkes und der revolutionären Jurend Ist eine stattliche Zahl von Outsidern crctreten, von Notahcln und GeIdari<tokraten. welche die Lücken unserer Reihen allmählich füllen. Sic werden mit Freuden begrüßt und in aller Ehrfurcht gefeiert. Sie zu gewinnen und ihre Machtstellung für den Aufbau Palästinas zu nutzen — dies ist uns zur vornehmsten Aufgabe geworden, die unsere besten Menschen und Kräfte verbraucht. Wie ist dieser Gewinn einzuschätzen? Und ist dieser Nutzen ohne Schaden? Ich bin wiederum in Verlegenheit, einiges von dem, was ich hinsichtlich unserer neuen Agitationcmcthodcn vor dem XII. Kongreß schrieb, angesichts des XIV. Kongreß — da die zionistische Leitung inzwischen seihst Vuis der Thanning nichts lernen wollte — wiederholen zu müssen: Fine lebendige und vorwärtsstrebende Bewegung kann und soll nicht in die Fncie einer Elite-Gemeinde cingcnvänr.'t werden, sie d-.rf sich nicht asketisch nb'-chließen und die Ztifuhrsk«r.;iie für Mitläufer absperren, sondern muß die Tore ihrer Organisation auch für den Ezew-Raw weiten, Doch nur wenn über die Strenge und Reinheit ihrer Ideen gewacht wird, kann sie den BahVt des Mitläufertums, der Zufälligen und Wurzellosen, der Zögernden und Allzneilenden. der Lauen und Streber mittragen und mitführen. Diese Unvcrhundenen und Unzuverlässigen, mögen sie von fremdartigen oder so^ar von unedlen Beweggründen geleitet sein, können einer Bewegung gute Dienste und Vorschub leisten, wenn nur die treibende Idee in all ihren Positionen gesichert ist und ein hinreichendes Gegengewicht gegen Triihun«* und Verwischung bietet. Die Macht der Idee wirkt nämlich auch in ihren Verbiegungcn und Verkrümmungen nach, in ihren vielfachen Ablenkungen und Verschleierungen, in ihren Derivaten und inadäquaten Acußcrungcn. Durch die Macht der Idee ist also inre Tragfähigkeit für ein Mitläufertum bedingt und bestimmt; je stärker, desto aufnahmefähiger wird sie, ohne Schaden zu erleiden, für die Halben und Vieldeutigen, für Nachzügler und Anhängsel. Wollen wir ein großes Mitläufertum habrn — und können wir es nicht wollen i — so müssen wir zuvörderst innerlich .gefestigt sein, um die Legitimität und die Tragfähigkeit für Bündnisse und Kompromisse zu erlangen, will sagen, um kraft der Intensivität eine Expansion zu ermöglichen; so müssen die Zielbewußten, die Dauernden und Ausdauernden, die Gläubigen und die Erneuerer den unerschütterlichen Kerntrupp auf allen Fronten unseres nationalen Kampfes »bilden und dürfen nicht die verantwortungsvolle Führung des Aufbauwerkes sich entwinden lassen, um dann die Heranziehung von Fremdkörpern ohne Gefahr der Verfälschung und ohne Preisgabe der Rigorosität der zionistischen horderung erst möglich zu machen; so müssen wir die Grundfesten unserer Organisation tiefer im Volke und in der lugend — der Zionismus ist als Jugendbewegung entstanden und hat in ihr seine wesenliaftc Bestimmung — verankern und den revolutionären Charakter des Zionismus gegenüber dem immer wachsenden Einfluß der jüdischen Notabcln gewährleisten. Sonst droht uns die Cirfalir, daß die Peripherie das Zentrum, der Fzew- Raw den Kerntrupp, der Nachläufer den Vorl.iufcr verdunkelt und verdrängt. * Der Versuch einer erweiterten Jcwcsh Agcncy — welche den Ersatz für die als unzulänglich verschmäntc Zionistische Organisation darstellen und mit der Leitung des Jischuws betraut werden soll — ist eine teils bewußte, teils tinbewußte Fortsetzung der oben gekennzeichneten Denkart; jener Denkart und ihrer Taktik, die auf Augenblickserfolge eingestellt und daher bereit ist, historisch-nationale Gebilde zugunsten einer verlockenden Aktualität zu opfern. Dieses Mal heißt die Aktualität: Geld; und in allen ernsten Begründungen der Agcncv-Fanatikcr wiederholt sich als Leitmotiv die Losung von Geldnot und Geldbeschaffung, der Hinweis auf das finanzielle Versagen der jüdischen Volksmasscn und auf das Wohlwollen der jüdischen Geldaristokratie. Ist dieses Argument nicht beweiskräftig genug? Ist nicht die Geldfrage in ihrer ganzen Banalität von entscheidender Bedeutung für den Jischuw geworden? Eine Beschleunigung des Tempos ist für den Aufbau eine. Lcbcnsnotwendigkeit. Wir müssen die papierene Brücke der Balfour-Dcklaration rechtzeitig — bevor sie in Brüche geht — und ausgiebig benutzen, um sie bald nicht mehr zu benötigen. Wir müssen unsere Stellungen in Palästina so rasch als möglich ausbauen und vervielfachen, um nicht mehr auf die Gunst imperialistischer Mächte angewiesen zu sein. Nur eine träge Orthodoxie kann das Warten predigen, da für sie bis zum messianischen Zeitalter auch die längste Wartezeit nicht verstrichen ist. Ist nicht die Tempofrage zu einem ^ntcn Teil eine Geldfrage? Aber nicht nur der Aufbau schlechthin, sondern auch das Problem seiner nationalen Gestaltung durch Selbstarbeit und Bodcnvcrwurzclung rückt die Sorge um die Beschaffung der Mittel in den Vordergrund unseres Interesses. Wir müssen auf der Hut sein, daß der regellose Zustrom meistens unfreiwilliger und unproduktiver Einwanderer nicht in einen neuen Golus ausarte, in einen Golus, der — weil vom zionistischen Ideal übertüncht und maskiert — folgenschwer sich auswirken würde und für den, weil ja in Lrcz-Isracl selbst beheimatet, keine Erlösung mehr zu erhoffen wäre. Wir müssen die ländlichen Siedlungen vor Ucbcrwuchcrung des Städtebaus schützen, müssen die unrentable ober national Croduktivc Landwirtschaft der' Kwuzoth aLs Bollwerk gegen feberhandnehmen der kapitalistischen Privatinitiative stützen und fördern. Es gilt hier der gleiche Gesichtspunkt, der uns für die Beurteilung und Bewertung des Mitläufertums maßgebend war. Will man ein großes Mitläufertum, muß man den zielbewußten Kerntrupp der Bewegung stählen und die Machtstellung der Idee befestigen, um die Aufnahme- und Tragfähigkeit auch für Fragwürdige und Unzuverlässige zu erweitern; will man nun Stadt und kapitalistische Privatinitiative, so muß man zuvörderst die Verpflanzung in den Boden und in die Produktion des Landes durch Eroberung der Arbeit anstreben und die verheißungsvollen Vorposten der Chaluzim, in denen wir die alleinige und legitime Gewähr für eine Verwirklichung unseres menschlichen und nationalen Renaissance-Ideals besitzen, sicherstellen und mehren. Und ist nicht die Lösung dieser allcrdringcndstcn Aufgabe wesentlich vom Tempo und Ausmaß unserer finanziellen Aktionen abhängig? Nur_ so ist es zu verstehen, daß ein großer Teil der palästinensischen Arbeiterschaft der Versuchung nicht widerstehen konnte und für die gcldvcrsprechende Jcwesh Agcncy eifrig eintrat; daß unsere Pioniere, die wahrhaft Gebenden, in diesem Fall eine Haltung einnahmen, die beinahe an unsere alten Chalukah-Empfänger erinnert. Wahrlich, kein ernster Zionist kann die Geldfrage im Zionismus geringschätzen. Aber sollen wir uns von ihr zu einer va-banque-PoIitik verführen lassen? Haben wir die Gewißheit, daß eine erweiterte Jcwish Agcncy die für Palästina erforderlichen Mittel beschaffen wird? Es handelt sich doch bestenfalls um vage Aussichten. Und steht es andererseits unumwunden fest, daß unsere früheren Finanzicrungsmethoden unbrauchbar geworden und keiner wirksamen Ausgestaltung mehr fähig sind? Wenn man die Pflege und den Ausbau der Zionistischen Organisation jahrelang vernachlässigt und ihren Verfall selbst verschuldet; wenn man durch Ablenkung der zionistischen Aufmerksamkeit von der Innenarbeit und durch Vcrflachung unserer besten Menschen in einer Atmosphäre sensationell angelegter Agitation nach außen die Solidität unserer Bewegung untergräbt -— mit welchem Recht darf man dann behaupten, daß die Zionistische Organisation abgewirtschaftet und die jüdischen Volksmasscn völlig versagt hätten? Sind nicht die Erfolge des Kercn Hajessod letzten Endes auf das Konto des Zionismus und der jüdischen Volksmasscn zu setzen? Warum sollen wir nicht die Heranziehung von Nichtzionisten auf dem Wege des Kercn Hajessod weiterbetreiben? Sind aber diese Erfolge nicht ermutigend, wie können wir von der Jcwish Agcncy erwarten, daß sie uns das finanzielle Allheilmittel werden wird? Hier setzt ein scheinbar gewichtiger Einwand der Agcncy-Verfechter ein, die sagen: die Nichtzionisten fordern, wenn sie für das Budget des jischuw mitsorgen sollen, volle Gleichberechtigung (fifty-fifty) hinsichtlich der Verfügung und Kontrolle über die Palästina- Fonds; also Ist der lose Rahmen der Kercn I I.ijcssod-Korperschaft untauglich — und wir müssen den verlangten Kaufpreis notgedrungen zahlen. Besteht wirklich eine solche Forderung seitens der Nichtzionisten oder ist sie bloß eine logische Voraussetzung und Vermutung seitens der Zionisten? Besteht sie nicht, so wäre es eine Torheit und ein Verbrechen, wenn wir sie unserem zukünftigen Partner suggerieren wollten. Wurde sie aber von der Gegenseite ausgesprochen und gar als Bedingung aufgestellt, so sollte sie Grund genug für uns sein, die Jewish Agcncy zu verwerfen. Man überlege sich doch, was eine solche Forderung bedeutet. Angenommen, däß die Nichtzionisten in der Jcwish Agencv keinen Versuch unternehmen werden, den nationalen Charakter des Aufbaus auch nur irgendwie zu beeinträchtigen oder zu verdunkeln-

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