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Jüdische Rundschau · 1925-07-14 · Heft 55 (14.7.1925) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXX (1925)
Issue
Heft 55 (14.7.1925)
Date
1925-07-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 55 JUED1SCHH RUNDSCHAU Seite 431 nicht Tatsache ist, aber angestrebt wird — die Sicherung des notwendigen Importes in jüdischer Hand. Wirtschaftlich ist die Funktion der Distributionsorganisation die Rationalisierung und Organisierung der Produktion und der Konsumtion. Der direkte Ein- und Verkauf ist von besonderer Wichtigkeit in einem Lande, in dem die landwirtschaftliche Produktion, auch u-as Milch und Gemüse angeht, immer noch hart an der Grenze der Unrcntabilität steht, und andererseits jede größere Einwanderung sofort eine allgemeine Teuerung hervorruft. Die Prcisrcgulicriing durch kräftige Konsumvereine, der direkte üroßimport durch die Groß-Einkaufs-Gcscllschaft, die Verminderung der Absatzkosten der landwirtschaftlichen Produktion durch direkten Verkauf an den Verbraucher, das sind die Aufgaben, die, wenn auch noch nicht in ihrer Gesamtheit tatsächlich, so doch tcndcnzmälHg von der Distributionsorganitation der Arbeiterschaft, vom Maschbir erfüllt werden können. IV. Die Arhcitcrwirtschaft in der Finanzierung. Die Wirtschaft der Arbeiterschaft, verzweigt auf den andern Gebieten der allgemeinen Kolonisation, mußte auch auf dem wichtigen Gebiete der Finanzierung für ihre eigenen besonders gearteten Bedürfnisse eine eigene Institution schaffen. Diese Institution, das finanzielle Rückgrat, das Kreditinstrument neben dem Investierungsinstrument, das der Kercn Hajcssod darstellt, für die Institutionen der Arbeiterschaft ist die Arbeiterbank. Wie es bei der genossenschaftlichen Form der Institutionen und Betriebe der Arbeiterschaft nicht anders zu erwarten war, stellt die Arbcitcrbank tatsächlich eine Genossenschaftsbank dar, d. h., abgesehen von Ausnahmefällen, findet eine Kreditgewährung nur an Institutionen, d. h. eben Genossenschaften der verschiedenen Formen statt. Die Arbcitcrbank ist heute mit einem Kapital von 60000 Pfund, einer Anleihe des J.C.T. von 10 000 Pfund und einem Umsatz von über 700 000 Pfund das Zentralkrcdit- Institut der Institutionen der Arbeiterschaft. Für die Betriebe und Institutionen, die in Landwirtschaft und Industrie in der Produktionssphäre erster und zweiter Ordnung tätig sind, stellt die Arbeiterbank die Betriebskredite zur Verfügung, während naturgemäß die Investitionskredite, d. h. Kredite von langfristiger Dauer von der Zionistischen Organisation als kolonisierender Organisation gegeben werden. Aber Kredite zur Bevorschussung der Ernte, zur Beschaffung von Saatgut, Diskontckrcditc, gibt die Arbcitcrbank der produzierenden Arbeiterwirtschaft. Sic ist das entscheidende Kreditinstitut für das Organ der Distribution und Konsumtion der Arbeiterwirtschaft, den Maschbir, und sie wird endlich auch für die neu entstehenden Arbeitcr-Krcdit-Gcnossenschaften das finanzielle Rückgrat darstellen. Bei dieser kurzen schematischen Betrachtung ist nicht von einer halb-wirtschaftlichen Institution die Rccfe gewesen, die jedenfalls erwähnt werden mag, das ist die Krankenkasse der Arbeiterschaft, die als wirtschaftliche Hilfsinstitution für die Rationalisierung der Arbeiterwirtschaft eine wesentliche Rolle spielt. * Selbstverständlich ist die vorstehende Darstellung der Wirtschaft der Arbeiterschaft auf den einzelnen Gebieten der Wirtschaft lückenhaft und unzureichend. Wesentlich scheint mir nun zu sein, und das wird immerhin auf Grund der vorstehenden Andeutungen möglich sein, die wichtigen Zusammenhänge zu verstehen, die die Arbeiterwirtschaft zum Träger der nationalen Kolonisation gemacht hat und auch neute, ohne Verkennung und ohne Unterschätzung der Bedeutung der vierten Alijah, machen muß. Denn ais wesentliche Kriterien nationaler Kolonisation, jüdische Arbeit auf jüdischem Boden, größtmöglichste Vermehrung der jüdischen Bevölkerung, d. h. Ermöglichung einer großen Einwanderung, angesehen, ist es khr} daß die Arbeiterschaft mit ihrer Wirtschaft besonders geeignet sein muß, diese nationale Aufgabe zu erfüllen. Denn, und das ist meiner Ansicht nach der Schlüssel zum Verständnis der ungeheuren nationalen Bedeutung der Arbeiterschaft in Palästina, etwa gegenüber der Bedeutung der kolonisierenden Arbeiterschaft in andern Kolonial-Ländcrn, es besteht eine völlige Kongruenz zwischen dem wirtschaftlichen Klassenintcrcssc der Arbeiterschaft und dem nationalen Interesse. Diese Kongruenz aber ist mindestens in dieser Breite bei der der mittelständischen Kolonisation nicht immer vorhanden. Die nationalen Postulatc, Sicherung der jüdischen Arbeit, Ausbreitung der jüdischen Arbeit auf neuen Arbeitsgebieten und durch diese Ausbreitung Aufsaugung der immer erneut einsetzenden Arheitcreinwanderung, sie gerade sind Aufgaben, die von elementarster Bedeutung für die Arbeiterschaft, für ihre ökonomische Basicrung und Konsolidierung, ja für ihre ökonomische Existenz sind. Denn tagtäglich stehen sämtliche wirtschaftlichen Institutionen der Arbeiterschaft, angefangen von der einzelnen Siedlung, der Kwuzah oder dem Moschaw, bis zur Baukooperative Solei Bonch oder dem Konsumverein Maschbir, unter dem ungeheuren moralischen und auch wirtschaftlichen Druck, und jeder verantwortliche Leiter jeder wirtschaftlichen Institution der Arbeiterschaft ist ständig auf der Suche nach „Kombinationen", um mit den wirtschaftlichen Kräften seiner Institution diese nationalen Postulatc, Lcbcnsvoraussetzungen der Klasse, zu erfüllen. Dieser ständige Druck war es und ist es, und man soll sich darüber klar sein, wird es auch in Zukunft bei jeder Krise sein — und Krisen müssen naturgemäß im Verlaufe einer wirtschaftlichen Entwicklung kommen, — der zur Eroberung immer neuer Positionen für die nationale Wirtschaft trieb, eben weil jede neu eroberte Position neue Arbeits- und neue Existenzmöglichkeit bot, auch wenn damit eine Verschlechterung der Lebenshaltung der bis dahin beschäftigten Arbeiterschaft verbunden war. Nur so ist vielfach die wirtschaftliche Expansion der Arbeitcrinstitutionen zu verstehen und zu beurteilen, die oftmals vielleicht privatwirtschaftlich verlustbringend, nalionalwirtschaftlich von außerordentlicher Bedeutung gewesen ist. Um nicht mißverstanden zu werden, möchte ich hinzufügen, daß bei der heutigen Entwicklung ich ein'absoluter Anhänger und ein extremer Verfechter — der Auffassung bin, daß jetzt zunächst einmal die bisherigen Positionen konsolidiert werden müssen und daß innerhalb der Wirtschaftlichen Institutionen der Arbeiterschaft eine klare tmd strenge Arbeitsteilung, w:rc ihre Aufgaben innerhalb des nationalen'Aufbin» angeht, einzusetzen hat. Die Lage des jüdischen Arbeiters in Palästina ist eine fundamental andere als etwa die des jüdischen Auswanderers in Amerika, der sich in eine bestehende, entwickelte Volkswirtschaft einnisten mußte, auch wenn man durchaus sieht, daß die jüdische Einwanderung dort ganz neue Industriezweige geschaffen hat. In Palästina ist die jüdische Arbeiterschaft mit ihren wirtschaftlichen Institutionen nicht nur der Pionier bei der Austrocknung von Sümpfen, der Bcforstung von Felsen gewesen, sondern auch der Pionier der Privatiudustric. Hier gilt es, die Wirtschaft oder wenigstens ihre Fundamente erst zu bauen, und wesentlich auf dem Gebiete, wo die Initiative der Arbeiterschaft erst voran ging, hat dann die in ihrer nationalen Bedeutung gewiß nicht zu verkennende Privatinitiative eingesetzt. Dem iMarxistischen Sozialismus gaben, gegenüber dem sogenannten utopistischen Sozialismus der VoriiKirxistci (Utopisten), seine eminente Stoßkraft, seine Bedeutung für die proletarische Masse, die bis dahin vom Sozialismus eben nicht erfaßt war, daß der Marxistische Sozialismus eben sie — die Masse, — das Proletariat — zum Substrat, zum Träger des Sozialismus, aus dem klar erkannten eignen Interesse machte. Hier war plötzlich die Koinzidenz zwischen der Idee und dem ökonomischen Interesse hergestellt. Für diese Betrachtung ist es bedeutungslos, daß der Marxismus jedenfalls, wie er gemeinhin verstanden wird, die Bedeutung der Idee in diesem Kampfe angeblich leugnet. Die Koinzidenz des Kla«.scnfntcresses der jüdischen Arbeiterschaft, das Arbeits- und damit Existenzmöglichkeiten verlangt, mit dem nationalen Interesse der Schaffung von Arbcitsmöglichkcitcn für Juden und damit Erleichterung der F.hiwnndcrungsmögliehkrit, dieser innere Zusammenhang gibt der jüdischen Arbeiterschaft und allen ihren, diesem Zwecke dienenden Wirischaftsinstitutioncn ihre Stoßkraft und überragende Bedeutung für die nationale Kolonisation. Es wäre nun selbstverständlich ganz töricht zu verkennen, daß die Rolle der Arbeiterwirtschaft innerhalb der nationalen Kolonisation in mancher Beziehung heute eine andere ist als vor der Tatsache einer großen mittelständischcn Einwanderung. Eine mit öffentlichen Geldern geschaffene. Wirtschaft der Arbeiterschaft wird heute teilweise jedenfalls wesentlich regulierende Aufgaben in der nationalen Wirtsrhit't zu erfüllen haben. Was z. B. ein kräftiger Maschbir auch in sogenannten normalen Zeiten in bezug auf Regelung von Konsum und Produktion wesentlicher Teile der jüdischen Bevölkerung tun könnte, das zeigen manche Erfolge des Maschbir auf Spezialgebieten. Kritikern der Arbeiterwirtschaft soll zugegeben werden, daß angesichts der Entwicklung und damit Acnderung der ökonomischen Gcsamtlagc und der Entwicklung z. B. der zentralen Arbeitcrinstitutioncu selbst, vielfach eine neue Wirtschaftspolitik der Dezentralisation, der Differenzierung in der Erfüllung kolonisatorischer Aufgaben, der Vereinfachung des Apparates notwendig ist. Man soll sich jedoch darüber klar sein, daß die Arbeiterwirlschaft ihre Aufgabe in der nationalen Kolonisation heute als Regulator, morgen wieder au erster Stelle, als wesentlichster Schöpfer neuer nationaler Existenzmöglichkeiten gegen alle Schwierigkeiten nur erfüllen kann, wenn von selten der Zionistischen Organisation aus die notwendige Finanzierung rechtzeitig v;nd ausreichend vorgenommen wird und wenn ein für alle Male die budgetmäbige Zuweisung von Investitionskrediten an die wirtschaftlichen Institutionen der Arbeiterschaft nach Maßgabe der Notuns ein erfreuendes Spiel und wohl auch ein Kleinod, das man zuweilen hervorzieht; — im geistigen Leben des Tages hat es keinen Platz einzunehmen. So ist es nicht verwunderlich, daß die Generation der Haskala keine Neigung rur Bibclforschung hatte und daß, wenn sie sich doch mit diesem Gegenstand beschäftigte, nur eines ihr Interesse erweckte: die Sprache der Bibel. Anders hätte er. bei der neuen Generation, dem Zeitalter der nationalen Renaissance stehen sollen. Diese Menschen nahmen ja das Diktat einer Weltanschauung, wie sie sich von den Zeiten der Haskala herleitete, nicht so ohne weiteres hin. Sic suchten ihre Quelle dafür, wie sie sich zur Welt und zum Leben zu steilen hätten, in sich selbst, in dem ihnen gehörenden Kreise der jüdischen Geschichte. Wie kommt es nun, daß dennoch dieses Feld so verlassen ist und brach liegt? Zwei Arten des Verhältnisses zur Bibel gibt es heute unter den, gebildeten Juden, Heide gleich weit entfernt von selbständiger und originaler Prüfung. Die Einen fühlen sich von der vicltauscndjährigcn jüdischen Tradition so behütet und befriedet, daß sie sich frei glauben von der Pflicht, eigene verantwortungsvolle Arbeit auf diesem Gebiet zu leisten; die anderen nehmen, weil sie auf allen Gebieten die Forschungsergebnisse der Völker akzeptiert haben, nun auch ihre Bibclkritik gläubig hin. Die Erstcrcn lassen die Errungenschaften der Moderne in allen Fragen gelten, nur nicht in religiösen: die andern Verlassen sich auch darin auf die europäische Wissenschaft. So finden wir, daß für diesen Wissenszweig seitens der jüdischen Intelligenz fast nichts an Neuem geschaffen worden ist. Und die von uns, die sich doch mit jüdischer Geschichte und jüdischem Altertum beschäftigten, befinden sich zumeist unter dem Einfluß einer Forschung, die von anderen eingeleitet worden ist, und begnügen sich, für 'Hr Teil, mit dem, was sie durch ihre Kenntnis der Quellen, die ja eine Kenntnis aus erster Hand ist, beitragen können; in dem System der Forschung sind sie von ihren Lehrmeistern nicht um einen Schritt abgewichen. Es war ein Sprung nötig, ein Sprung sozusagen durch das Judentum hindurch die Forschung In neue Bahnen zu lenken, und dieser Sprung wurde ausgeführt von Micha Josef bin Gorion. Nicht von außen her gedachte er in den Garten dieser Schöpfung einzudringen, sondern gerade von innen her, aus «er Fülle der jüdischen Ucberlicfcrung selber schöpfend, ausgehend von der primitiven Forschungsweise der ersten Deuter, und zu tiefst innerlich verwandt der Welt, die es zu erkennen galt. Auch in diesem Werke blieb er sich und seinem Verhältnis zu der jüdischen Vergangenheit treu. Denn als er vor vielen Jahren mit seiner Forderung der Umwertung der Werte auftrat, kam er auch nicht mit Forderungen von außen (fälschlich bezichtigten ihn die Kritiker damals, er wolle uns Fremdes aufdrängen -- r*. gibt keinen größeren Irrtum als diesen), nein, wie ein jüdischer Reformator trat er auf, und ein ganzes Arsenal von Beweisstellen aus dem alten Schrifttum und den Sprüchen der Weisen führte er mit sich. Es war nötig, immer wieder darzulegen, daß die Vorstellung von der jüdischen Welt, die der von der Tradition genährte Jude von heute im Herzen trägt, noch nicht das Judentum knt" exoehen ist, sondern daß dasselbe viele Antlitze hat. Seht an: jenes Ding, das unsre Dichter und Erzähler vor Augen hatten, wenn sie Schlüsse zogen auf dir Verfassimg der jüdischen Psvche, ist nicht das Ding an sich; ich will euch diese Seele zeigen, indem ich ein andres Fenster öffne, und sie wird sich euch darstellen ganz anders, als ihr sie zu schauen gewohnt ward. Ihr guckt in die Bibel durch geborgte Brillen, durch Augengläser, die andern gehören, — ich aber rolle ein neues Bild vor euch auf. und es ist gar nicht einmal so neu: es nahen viele Juden aus den vorangegangenen Geschlechtern schon daran gezeichnet, nur ist es' bis jetzt nicht zu einem Ganzen vereinigt gewesen. Wahrlich — ein schöner Abschluß, der krönende Knauf in seinem Werk ist diese letzte Arbeit bin Gorfons. Er hatte damit begonnen, die Umwertung; Zu verkünden, sie zu fordern von anderen, — und hat die Forderung an sich selbst erfüllt. „Mcnorah" illustrierte Monatsschrift für die Jüdische Familie, Wien I, Zclinkagassc 13. (Preis des Jahresabonnements 12 Mark.) Das reich illustrierte Juliheft bringt einen sehr aus' führlichen Aufsatz über das Tote Meer (Jam Hamehch) von Dr. Robert Weiß, ferner: Das Kraftwerk am Toten Meer (Aus „Altneuland", Roman von Theodor Hcrzl). Rudolf Fuchs: Lyrik. Autobiographische Skizze. Dr. V. Kurrcin: Vom Tabak und Rauchen usw. weudigkeit — und das hat oft gewiß auch eine Beschränkung zur Folge — und nicht auf dem V/cgc des Handelsgeschäfts zwischen der betreffenden Institution und der zionistischen Exekutive erfolgt. Die Zionistische Organisation hat nicht aus historischem Dankbarkcilsgefühl heraus, wie vielleicht manche meinen, sondern aus den Notwendigkeiten der nationalen Kolonisation, dem eigenen Interesse der Aufweisung von Leistungen, die Arbeiter- Wirtschaft als Faktor werontüchstcr nationaler Bedeutung in der Kolonisation zu stützen :v,d ihre Institutionen mindestens proportioncll dem Wachtum der allgemeinen Kolonisation zu finanzieren, soll nicht der Teil der Kolonisation, der uns die Garantien für die nationale Gestaltung unserer Kolonisation gibt, bagatellisiert werden. Ein Vorlauter des Steiger-Prozesses Lemberg. (J.T.A.) Am 8. Juli begann in Lemberg der Prozeß gegen die drei angesehenen Lemberger Juden Jäger, Kornhaber und Gläscrmann, sowie gegen den Privatdetektiv Dworrücky, die der Verleitung zu falscher Zeugenaussage beschuldigt sind. Die Angeklagten sollen versucht haben, einen gewissen Mikictin zu der falschen Zeugenaussage verleitet zu haben, daß nicht der jüdische Student Steiger, sondern der Ukrainer Panczyszyn die Petarde gegen Jen Wagen des Rcpublikpräsidcntcn Wojchicchowski, als dieser in Lemberg weilte, geschleudert hatte. In der Voruntersuchung bekundigten die 'Angeschuldigten einmütig, daß sich Mikictin an sie als ein Lockspitzel herangeschlichen und ihnen Beweise für die Unschuld Steigers angeboten habe. Da sie, wie alle Einsichtigen, von der Unschuld Steigers überzeugt waren, so hätten sie Mikictin ermuntert, der Sache nachzugehen und ihm versprochen, die entstehenden Unkosten zu ersetzen. Mikictin aber, der, wie sie später erfuhren, in Diensten der Polizei stand, erstattete gegen sie Anzeige wegen Bcstcchungsversuchs und Verleitung zu falscher Zeugenaussage. : Dem Verlaufe und dem Ausgang des Prozesses wird in -Lemberg mit ungeheurem Interesse entgegengesehen. Ein' r.taikcs Polizeiaufgebot bewacht die Zugänge zum Gerichtsgebäude. Vor Eingang in die Prozcßvcrhandlungcn stellt die Vcrteidigung den Antrag, den Prozeß zu vertagen, bis das Warschauer Oberste Gericht über den Antrag der Verteidigung, das Lemberger Gericht als befangen abzulehnen, entschieden haben wird. Der Verteidiger, Dr. Landau, begründete ausführlich den Ablehnungsantrag und führte weiter aus, dieser Prozeß stehe im engen Zusammenhang mit der Angelegenheit Steiger, jedes Urteil werde die Richter im Prozeß Steiger beeinflussen. Bekannt ist, daß die Lemberger Polizei in diesen beiden Pro/.cßangclegcnheitcn eine sonderbare Rolle gespielt hat, so daß sich die Regierung zu großen Pcrsonaländcruugcn in der Lcmberger politischen Administration rnt>ch!icßcu mußte. An dem Ausgang dieses Pnvc.ses i.,t die Lemberger Polizei ungeheuer interessiert, und so ist es nicht zu verwundern, daß auf die Gerichtskreise starke Einflüsse wirken. Der Vertagungsantrag wurde vom Gericht abgelehnt. Am 9. Juli morgens begann die Einvernahme der Angeklagten und Zeugen. Die weiteren Verhandlungstagc brachten außer den Darlegungen des Zeugen Mikictin, die für die angeklagten Juden entlastend sind, und nur daran festhalten, daß die Gcldvcrsprcchungen seitens den christlichen Inhabers des Detektivbüros D w o r n i t z k i gemacht wurden, keine nennenswerten Aufklärungen. Mikictin beharrt neuerdings auf den sciuerc/it gegenüber dem Untcisuchungsrichtcr abgegebenen und dann widerrufenen Erklärungen, daß das Attentat von ukrainisch-kommunistischer Seite ausgegangen sei. Der Prozeß beweist immerhin, daß von einer Schuld Steigers keine Rede sein könne. Die vorige Woche vom „Kurier Lwowski" gebrachte Meldung, daß der polnische Staatspräsident den eigentlichen Steigcrnrozeß durch einen Gnadenakt niederschlagen wolle, war, wie wir in einer redaktionellen Bemerkung hingewiesen haben, nicht zutreffend. Es sind lediglich die Akten des Steigerprozesses nach Warschau eingefordert worden, um die Frage des Gerichtsortes, Lemberg oder Warschau, zu behandeln. Line Entscheidung über Verhandlungsort und Termin des Steiger-Prozesses steht noch aus. Der Kongreß -Wahllisiap! Wir werden um Abdruck der nachfolgenden E r k 1 a - r u n g ersucht: ,.Die gefertigten Mitglieder des Zionistischen Landeskomitecs und des Delegierteurates (Parteirates) für Oesterreich finden sich durch den Gang der Kongreßbewegung in Wien verpflichtet, vor der zionistischen Oeifentlichkeit folgende Erklärung abzugeben: Die. von Mitgliedern der Kouferenzgemcinschaft radikaler Zionir.tcn betreffs Gestaltung der Jcwish Agency leidenschaftlich geführte Propaganda in Wien Rlcllt Meli nls Ucbertrcihung von Detailfragni dar, als <*ine Ablenkung von den wahren Lcbcnsprohlcmcn des Zionismus und des Paläsfinaaufbauwcrkcs sowie als eine Gefährdung des ruhigen und sachlichen Kongrcßvcrlaufcs. Ein für allemal ist durch die früheren Zionistcnkongrcsse die Erweiterung der Jcwish Agency beschlossen worden. Hiernach soll die außerhalb der Zionistischen Organisation stehende Judcnhcit, sofern sie im Sinne des Mandats gewillt ist, „an der Errichtung der jikÜsch-nationalcn Heimstätte mitzuhelfen", als mitverantwortlich herangezogen werden. Uebcr die Detailfragen, in welcher Weise die Erweiterung zu erfolgen hat, soll der Kongreß unvoreingenommen auf Grund der Informationen unseres mit den Verhandlungen betrauten Führers Dr. Chaim Weizmann in sachlicher Erwägung entscheiden. Die außerordentliche:;, sich stets steigernden Leistungen Wcizmanns im Interc.se der politischen' Befestigung imseirr nationalen Heimstätte sowie des wirtschaftlichen und kulturellen Aufbaues Lrcz-Isracls geben uns die Gewißheit, daß unser Führer bei den Verhandlungen um die Jcwish Agency den nationalen Charakter des Aufbauwerkes voll und rückhaltlos gewahrt hat. Wir vertrauen unerschütterlich auf die zionistische Idee, daß sie auch in der erweiterten Jcwish Agency sich unverfälscht durchsetzen wird. Ludwig Bato, Dr. Z. F. Finkclstciu, Dr. Heinrich Glanz, Josef Hecht, Julius Katz, Dr. Isidor Klaber, Kurt Offcnberger, Moses Rath, Juda Schmicdt, Sara Scherzer, Leopold Sitzmann, Aaron Schwertfinger. Dr. Chaim Tartakower, Dr. Israel Taubes, Dr. Georg Wcmer, Moses Welncr, Rebekka Weincr, Samuel Wcintraub, Fritz Zausncr. Dr. Mossiasoa beim Präsidenten der Rcpiftttk CLlle Dr. Mossinson, der Leiter der Kercn Hajessod- Kampagnc in Südamerika, ist in Santiago (Chile) eingetroffen, wo er vom Präsidenten der Republik, bei welchem er durch den britischen Gesandten eingeführt worden Ist, empfangen wurde. XZiko!)

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