Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXX (1925)
- Issue
- Heft 55 (14.7.1925)
- Date
- 1925-07-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 480 3UEBISCHB RUNDSCHAU Die Wirtschaft der Arbeiterschaft in Ihrer Bedeutung Iflr die nationale Koloolsaöoi Von Dr. Werner Senator Es unterliegt keinem Zweifel, daß im Mittelpunkt der Erörterungen des kommenden Kongresses neben der Frage der Jewish Agency die Budgetfrage stehen wird; d. h. zum ersten Male in der Geschichte der zionistischen Kolonisation werden - reale Konkurrenten für die nationalen Gelder auftreten. Mit dem Einsetzen der sogenannten vierten Alija der mittclständischen Einwanderung ist in immer steigendem Maße eine ökonomische Schicht Juden nach Palästina gekommen, auf die gestützt die bürgerlichen Parteien Budgetforderungen für eben diese Schicht vertreten werden und müssen. Seit Monaten geht nun die Diskussion über den Nutzen der vierten Alija, und wir befinden uns vielleicht heute in einem Zustande, in dem wir nur allzusehr geneigt sind, nach derzeitigen Eindrücken, nach Stimmungen zu urteilen. Unkritische Beobachtung aber des Werdens, des Seins und der weiteren Entwicklung eben dieser mitfclständischcu Einwanderung kann unsere Wirtschaftspolitik verhängnisvoll beeinflussen. Neben einer objektiven kritischen aber gerechten Analyse der vierten Alija, wie sie Arlosoroff hier vor kurzer Zeit versucht hat, scheint andererseits positiv gesehen, eine Betrachtung der Wirtschaft der Arbeiterschaft und ihres Wertes für die nationale Kolonisation notwendig. Denn nur klare Erkenntnis der wirtschaftlichen und nationalen Wichtigkeit beider Faktoren wird die Diskussion auf dem kommenden Kongreß ersprießlich machen, und nur die Erkenntnis und klares Abwägen beider Faktoren kann richtige Entscheidungen herbeiführen, in welcher Proportion die uns zur Verfügung stehenden beschränkten Geldsummen verteilt werden müssen. Der Betrachtung der Wirtschaft der jüdischen Arbeiterschaft Palästinas muß notwendig ein kurzer Hinweis auf da* ideologische Motiv vorangestellt werden, das neben der nationalen Grundcinstellung weitgehend auf die Gestaltung der Arbeiterwirtschaft eingewirkt hat. Die sozialistische Ideologie, die in Palästina besonders in der Form des sogenannten „konstruktiven Sozialtsmus" konzipiert worden ist, hat die Gestaltung der Arbeiterwirtschaft wesentlich beeinflußt. Es ist hier in keiner Weise die Frage zu stellen, ob dieses System des konstruktiven Sozialismus nun in der Tat Sozialismus ist oder nicht, ob es die Errichtung einer nationalen Gemeinwirtschaft, einer autonomen nationalen Arbeiterwirtschaft herbeiführen kann oder der Arbeiterschaft nur gewisse wirtschaftliche Machtpositionen in die Hand gibt. Tatsache ist es, daß die Arbeiterschaft in die wesentlichen Wirtschaftszweige mit mächtigen Institutionen eingedrungen ist. Gewiß wira von unbedingten Anhängern der Privatinitiative vielfach behauptet werden, daß eben diese Ideologie des konstruktiven Sozialismus die Arbeiterschaft auf wirtschaftlichem Gebiet vielfach hat Versuche anstellen lassen^ die besser der Privatinitiative vorbehalten geblieben wären. Mir scheint diese Ansicht irrig zu sein. Aber ohne hier in eine Diskussion darüber einzutreten, muß jedenfalls festgestellt werden, daß ohne den ideologischen Antrieb des Sozialismus niemals die materiellen Opfer hätten gebracht werden können, die gebracht wurden und daß niemals die erzielten wirtschaftlichen Leistungen erreicht worden wären. Nur der starke Ideologische Antrieb, der Wille zum Sozialismus, der Wille, eine neue Lebensform zu finden und zu gestalten, eine neue Gesellschaftsform zu verwirklichen und damit eine prinzipiell wesentliche, für die Welt bedeutungsvolle Tat zu tun, nur dieser mächtige Antrieb hat die notwendigen Kräfte schaffen können, die zur Eroberung der jetzt in unserer Hand befindlichen kolonisatorischen Positionen notwendig waren. Die Zionistische Organisation, die bisher die Arbeiterkolonisation im allgemeinen unterstützt hat, tat im Interesse der Kolonisation und des nationalen Aufbaus sehr wohl daran, die Arbeiterschaft selbst die ihr gemäße Form der Kolonisation suchen zu lassen. Schematisch betrachtet wird man von der Arbeiterwirtschaft in ihrer heutigen Form etwa folgendes Bild entwerfen können: I. Die Arbeiterwirtschaft in der Produktionssphäre erster Ordnung Wir sehen, daß die Arbeiterschaft in Stadt und Land eine starke Position in der Produktionssphäre erster Ordnung, d.h. in landwirtschaftlicher und industrieller Produktion sich erobert hat. Was die Landwirtschaft angeht, so sind die Leistungen im allgemeinen bekannt. Auf dem Prinzip der Selbstarbeit, der jüdischen Arbeit aufgebaut, haben sich etwa 40 landwirtschaftliche Arbeitersiedlungen in verschiedenen soziologischen Formen, Moschaw, große und kleine Kwuzah, entwickelt. Es ist hier nicht der Ort, auf die Frage, ob Kwuzah oder Moschaw die geeignete Sicdlungsform ist, näher einzugehen. Es genügt der Hinweis, daß diese Frage in der Arbeiterschaft selbst lebhaft umstritten wird und wesentlich darauf hin betrachtet wird, inwieweit die Möglichkeit der dauernden Ausschaltung der Lohnarbeit, d. h. die Sicherung der jüdischen Arbeit und damit die Aufnahme der Einwanderung garantiert ist. Innerhalb der landwirtschaftlichen Siedlung zählt die Arbeiterkolonisation etwa 4000 Menschen. Gewiß ist die Frage der ökonomisch richtigen Form noch nicht endgültig beantwortet, aber jedenfalls ist es klar, daß die genossenschaftliche Form, die in allen ihren Abarten bis hin zur kommunistischen vertreten ist, zwar unter der Einwirkung der genossenschaftlichen und auch der sozialistischen Idee entstanden ist, aber dann eben auch in den ökonomischen Tatsachen ihre feste, gesunde Basis gefunden hat. Bekannte Tatsachen müssen hier nur angedeutet werden. Die Okkupation und erste Bearbeitung des Bodens, die Kapitalarmut der Arbcitcrbcvölkcrung führte aus ökonomischen Gründen zur genossenschaftlichen Organisierung. Und ähnliches zeigt sich auch in der industriellen Produktion der Arbeiterschaft in der Stadt bei der Frage der industriellen Kooperativen. Wir wissen sehr wohl, daß im allgemeinen die industriellen Kooperativen unter großen Schwierigkeiten zu leiden gehabt haben. Es ist kein Zweifel, daß die sogenannte Transformationsihcoric von Franz Opnenheimcr ihre weitgehende Berechtigunghat. Und trotz aller dieser grundsätzlichen Bedenken muß man zugeben, daß in einzelnen Fällen in Palästina die genossenschaftliche Produktion der Arbeiterschaft verhältnismäßig gut abgeschnitten hat und für die Entwicklung der Kleinindustrie eine gewisse Rolle spielt, weil eben die genossenschaftliche Form wenigstens bisher an verschiedenen Tatsachen der industriellen Entwicklung Palästinas, auch gerade in der industriellen Produktion ihre Stütze gefunden hat. Als solche industriellen Kooperativen wären zu nennen, Druckereien, Schustereien, Schneidereien, Tischlereien, eine Wagenbaukooperative usw. II. Die Arbeiterwirtschaft in dej Produktionssphäre zweiter Ordnung Damit ist jedoch die wirtschaftliche Tätigkeit der Arbeiterschaft in der Produktion nicht erschöpft. Sowohl auf dem Lande wie in der Stadt ist die Arbeiterschaft durch Ucbernahmc von Arbeiten unter Ausschaltung des Zwischenunternehmers weit in die Produktion eingedrungen. In der Form der Kablanut, Ucbernahmc von Arbeiten in Lohnarbeit, hat die Arbeiterschaft Arbeit in den alten Kolonien erobert. Es wäre ' sinnlos, zu verkennen, daß trotz langer Jahre heldenmütiger Versuche wir in der Landwirtschaft immer noch im Anfang der Lösung dieses schweren Problems der Ucbernahmc der gesamten Lohnarbeit durch indische Arbeiter stehen. Aber es muß festgestellt werden, daß jeder Platz, der bisher der jüdischen Arbeit in den alten Kolonien gewonnen werden konnte, durch die unermüdliche, zähe und entbehrungsreiche Arbeit der jüdischen Arbeiterschaft gewonnen wurde. Mit ungeheuren Schwierigkeiten und oft auch unterstützt durch Zuschüsse der Zionistischen Organisation, oftmals wieder zurückgetrieben, ist es heute dem Mcrkns Chaklai — dem landwirtschaftlichen Zentralrat und seinen Abteilungen gelungen, festen Fuß in der Tabak- und Orangennärtcu-Arheit '/u'fassen. Zirka 3003 jüdische Arbeiter arbeiten jet/t im allgemeinen ständig an der Koloniearbeit. In der städtischen Arbeit war es das Amt für öffentliche Arbeiten, der Misrad und sein Nachfolger, die Baukooperative Solei Bonch, die Arbeitsmoglichkeiten für Taiiscudc von jüdischen Arbeitern geschaffen hat. Etwa '/X)0 Arbeiter sind in den letzten Jahren ständig von Solei Boneh, bzw. dem Misrad beschäftigt und ausgebildet worden und es ist immer wieder darauf hinzuweisen, daß keineswegs etwa die nun einmal ausgebildeten Arbeiter beim Solei Boneh verblieben sind. Auch wenn die ausgebildeten Arbeiter nicht, wie das besonders in der ersten Zeit häufig vorkam, etwa zur Landwirtschaft übergingen, sind nicht wenige Fälle vorgekommen, in denen gerade die ausgebildeten Arbeiter die Baukooperative verließen, weil sie, besonders in Zeiten der Hochkonjunktur, an andern Arbeitsplätzen unter günstigeren Bedingungen arbeiten konnten. Diese Tatsache erklart sich daraus," daß Solei Bonch in seiner Funktion als Ausbiklungsstättc und Aufnahmcreservoir der neu einwandernden Arbeiter oftmals dem gut ausgebildeten Arbeiter nicht die gleichen Arbeitsbedingungen geben konnte wie der private Unternehmer in der Zeit der Hochkonjunktur. — Ohne auch hier irgendwie leugnen zu wollen, daß gewiß, besonders in der ersten Zeit die wirtschaftliche Betriebsführung verbesscrungsfähig war, muß immer wieder darauf hingewiesen werden, daß nur durch den Wagemut, das Verantwortungsbewußtsein und die Kombinationsfähigkeit der Leiter, gerade von Solei Boneh zunächst die Bauarbeit, dann die Steinarbeit una nun auch die Arbeit in den Steinbrüchen dem jüdischen Arbeiter erschlossen wurden. So ist durch die Ausbreitung der Arbeiterwirtschaft auf diesem Gebiete, durch oft halsbrecherische Kombination^,, durch Ucbernahmc von Arbeiten zu für europäische Begrub sehr sonderbar anmutenden Kreditbedingungen, die KoIon|. sation um ein entscheidendes Stück weitergetrieben worden. Denn wenn bis heute etwa für eine Million Ptund Arbeiten vordem Misrad, bzw. Solei Bonch übernommen und durchgeführworden sind, wenn heute der jährliche Umsatz von Solei BoncL mehr als 200000 Pfund beträgt, dann ist, um die Bcdeutur,: dieser Arbeit zu verstehen, hinzuzufügen, daß erst auf Grün', dieser Pioniertätigkeit, erst auf Grund der Hcranbildun; eincs jüdischen Bauarbeiters, die privaten Unternehmer in der Lage waren, mit jüdischen Arbeitern Bauten gewiß in derr. mehrfachen dieses Betrages durchführen. An dieser Stelle ist es notwendig, beim Abschluß de«; Kapitels über die wirtschaftliche Tätigkeit der Arbeiterschaft in der Produktion, kurz die nationale und wirtschaftliche Funktion der Arbeiterwirtschaft in der Produktion zu prazisicren. Die nationale Funktion der wirtschaftlichen TuW^. keit der jüdischen Arbeiterwirtschaft in der Produktion ist die Erschließung des palästinensischen Arbeitsmarktes für die jüdische Arbeit, bzw. die Schaffung dieses Arbeitsmarktes, der eben vielfach noch gar nicht vorhanden ist. Diesem nationalen Zwecke dienen alle Formen der Produktion der Arbeiterschaft in der Landwirtschaft, die Kwuzah, der Moschaw und die Kablanut; in der Industrie die industriellen Kooperativen und die Baukooperative Solei Bonch. ' Und mit dieser nationalen Funktion Hand in Hand — auf den Zusammenhang werden wir später noch eingehen ~ geht die Erfüllung der w i r t s c h a f 11 i c h c n Funktion, die Beseitigung der durch jede neue Einwanderung immer wieder neu entstehenden Arbeitslosigkeit durch die wirtschaftlichen Institutionen der Arbeiterschaft in der Produktionssphäre. III. Die Arbeiterwirtschaft in Distribution und Konsum. Die landwirtschaftlichen Siedlungen der Arbeiterschaft sind In zweifacher Form genossenschaftlich zusammengeschlossen. Für die Einzelsiedlcr, die im Moschaw vereinigt sind, ist der Moschaw die Produzentengenossenschaft, während die Kwuzah als solche bereits eine landwirtschaftliche Produktiv-Gcnosscnschaff darstellt. Die verschiedenen Produzenten und Produktiv-Gcnosscnschaffen eines Distriktes nun vereinigen sich zum gemeinsamen Absatz durch die Arbeitergenossenschaft Hamaschbir. Heute ist vor allen Dingen der genossenschaftliche Absatz von Milch, Gemüse, Geflügel, Produktion der landwirtschaftlichen Arbeitersiedlungen, durch Hamaschbir organisiert. Heute bereits beträgt der l/msatz, der Verkaufswert dieser landwirtschaftlichen Produktion der Arbeitersiedlungen nahe an ■10000 Pfund jährlich. Die Organisierung der ' Distribution dieser Produktion ist vollkommen. Anders liegen die Verhältnisse für den Absatz der Produktion der industriellen Kooperativen. Hier nimmt der Maschbir nur eine Art HilfsstcIIung ein, in der er zwar ein wesentlicher, aber keineswegs der ein/ige Abnehmer für die Prodnktiop dieser Genossenschaften ist, die vielmehr auf dem freien Markt Absatz für ihre Produktion suchen und finden. Der Verkaufswert der durch Maschbir verkauften Produktionen dieser industriellen Genossenschaften mag im letzten Jahre etwa S000 Pfund betragen haben. Der Arbeiterschaft ist es als einziger Bcvölkcrungsschichl gelungen, eine lebensfähige Organisation der Konsumenten zu entwickeln und trotz vieler Schwierigkeiten aufrecht zu erhalten. Als Konsumgenossenschaft in der Stadt, insbesonder« für die Bauarbeiterschaft, Lehrer und Beamte der Histraduth- Organisationen wirksam, auf dem Lande für die Arbeiter Siedlungen den ländlichen Konsumverein darstellend, umfaßt der Maschbir als Mitglieder etwa 4000 Genossen und etwa 10 000 Konsumenten. Der Umsatz in diesem Zweige seiner Tätigkeit beträgt einschließlich des Verkaufs der Milch und Gemüse etwa 100 000 Pfund. Und neben diesen beiden Funktionen erfüllt die Distrihulioiisorpanisatiou der Arbeiterschaft noch eine drille. Sit stellt nämlich die zentrale Großcinkaufs-Gcsellschaft der Zionistischen Organisation für die landwirtschaftlichen Sicdlun gen dar. Beträge des landwirtschaftlichen Budgets in einer Gesamtsumme von etwa 40 000 Pfund gehen in dieser Weise über den Maschbir, der die landwirtschaftlichen Siedlungen mit den notwendigen Futter- und Lebensmitteln, Wagen und landwirtschaftlichen Geräten usw. beliefert. Auch hier sollen wieder kurz zusammenfassend die beiden Funktionen nationaler und wirtschaftlicher Tätigkeit der Arbeiterschaft in der Distributionssphärc aufgewiesen werden Von großer nationaler Bedeutung ist die Eroberung des städtischen Marktes für die jüdische landwirtschaftliche Produktion, die durch den Maschbir in die Hand genommen und beschleunigt wurde und ferner — was freilich heute noch Sinai ond Garizim*) Von Zwi Woyslawski. Ii dem stillen Friedenau, dem Orte, wo der Streiter M. J. bin G o r i o n (Berdyczewski) gelebt und gewirkt hat, wird noch heute der Webstuhl weiterbewegt, an dem er gesessen hat, und die vielen Fäden, die er von sich aus schlug und die ihn verbanden mit den Erscheinungen des Lebens und des Gedankens, werden weitergesponnen von der treuen und behutsamen Hand seiner Erben. In den schlichten Räumen jenes abgelegenen Bezirkes hat die eigen- und einzigartige schöpferische Kraft, die sie durchflutete, solange bin Gorion lebte, nicht zu wirken aufgehört. Freilich wird der Schlüssel, der zu den innersten Gemächern des Geistes führt, sonst keinem andern anvertraut, und sollte dieser auch der Nächste sein, — aber hier haben wir den besonderen Fall daß der Ernst und die Hingabc, die Unermüdlichkeit und" das Sich-Vcrscnken in den Stoff, die an die elementare Frömmigkeit des Religiösen erinnernde Inbrunst des Dienstes, auf die Erben, die sein Lebenswerk fortsetzen, in vollem Umfang sich übertragen haben. Die verschiedensten Gebiete geistigen Schaffens beschäftigten bin Gorion, den immer Wachen und Empfänglichen, und wäre der Tod nicht gekommen und hätte den Lebensfaden zerschnitten, wir hätten noch viele Gaben von |hm empfangen dürfen, die vielleicht das, womit er zu Lebzeiten uns beschenkt hat, übertroffen hätten. Denn falsch ist, was der Philosoph sagt: es gehe kein Mensch von der Welt, er habe denn zuvor sein Alles gegeben, ganzlich, bis auf den letzten Rest. Wir sahen, daß gerade die letzten Lebensjahre Berdyczewskis Jahre gesteigerter Produktivität waren; jedes Wort von ihm war neu, jeder Aufsatz brach uns eine neue Bahn zu der Erscheinung, die er behandelte,- jede Erzählung und jeder Roman warfen " *) Sinai und Garazim von M. J. bin Gorion, Forschungen zum Alten Testament auf Grund rabbinischer Quelij* vierzehn Lieferungen. Lieferung 1: Die ersten Gebote Adam. " Morgenland-Verlag, Berlin-Friedenau. — Soeben erschien auch die zweite Lieferung,;,Noah", mit folgendem Inhalt: Elohim segnet Noah — Noah als zweiter Adam Die Nabrungs-Gcsetze — Verbot des Mordes — Die Noah- Jhora — Die Bündnisse mit Noah (vor der Siiftflut, nach «r. Smtflut, der Regenbogen) — Das verbot des Blutgenusses ~" Die sieben noachidischea Gebote* neues Licht in die dunkle Geheimkammer der jüdischen Seele. Bei allem Schmerz aber, der aus jedem seiner letzten Worte sprach, fühlte sich das Herz nicht zerdrückt von der Last, die er auf unsre Schultern legte, sondern wir atmeten gerade freier: es zerriß die Haut, die künstlich über die Qual unsrer Seele gespannt war, sie zerstob vor der Macht des Gedankens. — Der Tod trat dazwischen und ließ die Leier verstummen, deren Saiten von jedem Winde, der durch Juda blies, geklungen hatten; und wir, die Durstigen, sind der Quelle beraubt, deren Ucberfluß durch so viele Kanäle zu uns strömte. Die Erben bin Gorions setzten zunächst das fort, womit er noch zu seinen Lebzeiten begonnen hatte: das Sammeln und Ncu-Herausgcbcn des bis dahin nur zerstreut und unvollkommen Erschienenen. Die hebräischen Schriften, der Eckstein seines Schaffens, begannen im Stybcl- Verlag serienweise zu erscheinen; die jiddischen Schriften, die den Dichter von einer ganz andern Seite zeigen, sind vor kurzem von demselben Verlag zur Ausgabe gebracht worden; die große deutsche Sammlung der Märchen und Legenden, Der Born Judas, wurde vollendet •— alles dies geschah unter Aufsicht und Ucbcrwachung der Nachlaßpflegcr. Doch nicht allein darauf war ihre unermüdliche Arbeit gerichtet, sie waren vielmehr darüber hinaus bestrebt, ohne Ausnahme alles, was der Verstorbene gehegt und gedacht hatte, ans Tageslicht zu bringen, und, soweit es möglich wäre, auch die Gebiete seines Werkes der Vernichtung zu entreißen, die er nur in Fragmenten hinterlassen hatte, und manchmal in Andeutungen nur. Während also durch die oben erwähnten neuen Ausgaben des bereits Fertige und uns Bekannte nur die Weihe der Vollendung empfing, deckt die jetzt zur Veröffentlichung gelangende Arbeit eine ganz neue Region im Schaffen bin Gorions auf. Es ist ein umfassendes Wcrk} das die Bibel zum Gegenstand hat und den Namen „Sinai und Garizim« führt; schon vor vielen Jahren hat es der Verstorbene entworfen, hat die Hauptkapitcl niedergeschrieben und ein riesiges Beweismaterial zusaramengehäuft; nun ist es in den letzten drei Jahren von der Frau und dem Sohn geordnet und fertiggestellt worden. Es erscheint jetzt tu einzelnen Lieferungen, die rasch aufeinander folgen sollen, und wird, zu Ende geführt, einen hohen und ragenden Bau bedeuten, der die ganze Geschichte Alt-Israels umfaßt und in vollständig neuer Ordnung das darstellt, was die entscheidende Aeußerung des jüdischen Genius ist: das Alte Xettavcnt Ich sagte: die Bibel wird hier in vollständig neuer Ordnung gegeben, — und ich muß mein Wort sofort zurücknehmen. Denn das war ja eben die Absicht des verstorbenen Verfassers, zu zeigen, daß diese seine Ordnung gar nicht neu ist, sondern alt und hergebracht, daß sie zurückreicht in die ersten Zeiten der Auslegung, daß sie geheiligt ist durch die Ueberliefcrung so und so vieler Generationen, Generationen, denen es nie in den Sinn gekommen wäre, auch nur ein Tüttelchen an der Schrift zu ändern, und die es doch gerade gewesen sind, welche sachte, sachte, der Thora eine neue Gestalt verliehen haben. So kommt es, daß alle textkritischen Acußcrungcn, die vielen Korrekturen und Konjekturen, die die modernen Kririkcr (in der Mehrzahl sind es Christen) aufgebracht haben, einfach nichts bedeuten gegenüber dem revolutionären Inhalt, den die Häupter und Hüter der Tradition unbewußt in ihre kurzen Sätze und Glossen gelegt haben. Es ist jei/t wohl noch nicht an der Zeit, erschöpfend über die Stellung des Verfassers zu den geschichtlichen Vorgangen, den geistigen und den religiösen, zu sprechen; man urteilt nur über das, was vorliegt, und wir haben zunächst nur das erste Heft des großen Werkes vor uns. Sicher werden spater die Fachgelehrten sich mit dem Werke genau auseinandersetzen. Mir liegt hier nur ob, ein seelisches Phänomen zu erklären, das mir durch diese Arbeit bin Gorions neu aufgedeckt zu sein scheint. Das Verhältnis des modernen Juden zur Bibel ist eines der schwierigsten Kapitel in unsrer neueren Geschichte. Das Judentum der Haskala, das einerseits eine besondere Romantik gepflegt, andrerseits sich vollständig den geistigen Strömungen der europäischen Umgebung überlassen hatte, betrachtete die Bibel als ein ihm allein gehöriges Gut, an dem außer Israel keiner Anteil hätte, und wurde deshalb nicht berührt von dem Wind der neuen Forschung, der zu der Zeit in der wissenschaftlichen Welt wehte. Diese Stellung der Haskala zur Bibel entsprach ganz ihrer Stellung zum Judentum und der jüdischen Vergangenheit überhaupt. Nach der Meinung dieses Aufklärungs-Zeitalters hatte die Vergangenheit überhaupt kein Recht, ihre Imperative der Ocgcnwart zu diktieren, und noch viel weniger den Anspruch, der Zukunft als Richtschnur zu dienen. Die Gegenwart hatte sich vollkommen in die Lebens- und Produktionswege der andern Völker verflochten und hatte künftighin nichts anderem mehr zu gehorchen als dem eisernen Gesetz der. modernen Kultur. Der Schatz unsrer Vergangenheit ist