Der israelitische Volkslehrer
- Journal
- Der israelitische Volkslehrer
- Volume
- 6 (1857)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1857)
- Date
- 1857-02-01
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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von vi. Steinheim. 61 Sodann sagen wir: Die Vernunft der Menschen ist nur Eine. Sie kann daher nur auf eine Art wirklich, d. i. richtig denken.' Ein vielartiges Denken wäre ein Schwanken undJrren, ein anderartiges, der Wahnsinn. Es kann nicht hier Wahrheit sein, waS dortTäuschnng und Unwahrheit. Deßhalb ist auch die fromme Lüge immer eine Lüge, von der es noch nicht einmal gewiß ist, ob sie nicht, ihrem Namen zum Trotze, verwerflicher, als die profane ist; denn sie ist die Lüge in höchster Instanz, Nur ein streng consequentes Denken verdient diesen Namen; alles andere, als dieß, gehört ins Gebiet der Faselei. Darum kann nicht in der Religion als Wahrheit gelten, waS in der Philosophie als Lüge erkannt ist. Nur was sich vor der Vernunft als wahr bewährt, kann auch in der Religion als wahr gelten, kann der Ausdruck unseres Fnrwahrhaltens, unseres Glaubens, sein. Die Vernunft hat den Beruf und das Amt, alle Lehren des Glaubens zu vernehmen, d. h. zu prüfen, und zwar nach denselben, ihr eingeborenen Normen des Wahren, nach denselben Gesetzen der Kritik, die sie in anderen Gebieten des Erkennens anwendet. Diese sind die Grundpfeiler, die ewigen Träger und Erhalter aller wahrhaften Erkenntniß. Sie hat ihres Richteramts zu wahren! nicht in höheren Fragen sich kleinlaut zurückzuziehen; sondern nur um desto intensiver und scharfer ihre Scheidekunft zu üben, je edler der Regulus ist. dessen Echtheit und Werth sie zu bestimmen hat. Sie schafft diefen Regulus nicht; sie tarirt ihn nur, sie prüft nur seine Reinheit. Sie ist selbst das Jnhaltsregister des Wahren und Falschen. Eine Glaubenslehre darf ebensowenig diesem Gerichte sich entziehen, wie ein Philosophen:, oder irgendwelche Doctrin. Thäte sie daS, und weigerte sie sich, in irgend einer Sache Red' und Antwort zu geben, so hätte sie sich schon deßhalb das Verwerfungsurtheil selbst gefällt, und über das eigene Haupt den Stab gebrochen. Sie hätte jedem Ansprüche auf Wahrheit damit freiwillig entsagt. Es ist nichts lächerlicher, als bei geringfügigen Problemen der Wissenschaft den ganzen großen Aapprat der Kritik in Anwendung zu bringen, während man ihn bei den wichtigsten Fragen von der Hand weist, selbst perhorrescirt. Eine Untersuchungsstrenge wächst mit der Schwere der Frage. Je unglaublicher die Aussage, je anmaßender die Ansprüche, desto schärfer und strenger soll das Verhör sein. Daher ist nirgendwo die Vernunftkritik in solchem Maße geboten, mehr an ihrem Platze und in ihrem Rechte, als in Sachen des Glaubens. Nur darf, wie auch anderswo nicht, die Vernunft ihr eigenes Gebilde zum Maaße der Wahrheit des Gegebenen nehmen, sonder einzig und allein die