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Jüdische Presse · 1938-03-11 · 10 (11.3.1938) · page 3

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Journal
Jüdische Presse
Volume
24 (1938)
Issue
10 (11.3.1938)
Date
1938-03-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 10 Seite 3 » PU RI M־BLATT << Allen unseren Lesern und dem Klaljisroei wünschen wir שמחת פורים! פורים תרח־׳ז נר המביס אם טרם נד־עך ועוד’po po - נצח ישראל לא ישקר עוד יבואם כליון וקרין! (K—1.) In einer nicht besonders frohen Stimmung feiert das jüdische Volk in diesem Jahre das schöne Purimfest. Düstere Wolken verdunkeln seinen Horizont; traurig die Gegenwart und wenig aussichtsreich die nahe Zukunft! Die Welle des Judenhasses zieht immer weitere Kreise. Die Jünger Hamans triumphieren — aber keine Mordechais, keine Esther sind zu sehen. Alle Erfahrungen der Vergangenheit, alle Abwehrmethoden versagen. Der Feuerherd breitet sich mehr aus und greift sogar auf Gebiete über, die man bisher immunisiert glaubte. Haß und Verleumdung feiern Orgien. Die komplizierte internationale Lage begünstigt das Treiben jener Dunkelmänner, deren Sterne nur bei Nacht leuchten. Macht geht vor Recht; Moral, Ethik, Humanität sind inhaltslose Schlagworte geworden. Die Welt beugt sich denjenigen, die mit dem Säbel rasseln und den Menschen Schrecken einjagen. Verträge sind Papierfetzen, feierlich garantierte Rechte gelten nicht mehr. Die Solidarität der Kulturwelt ist außer Kurs gesetzt — und der historische Sündenbock, der Jude, muß überall herhalten, wo es gilt, Machthunger zu stillen,. Positionen zu erringen; der ״heilige Egoismus“ feiert Orgien und wo die eigenen Interessen mitspielen, da gilt kein anderes Argument . . . Wie soll angesichts einer solchen Lage eine fröhliche Stimmung aufkommen? Freilich, wem die Hintergründe all dieser Erscheinungen bekannt sind, der hat keinen Grund, sich einer Verzweiflung hinzugeben. Wenn die Welt dem Wahnsinn verfallen ist, muß jede Vernunft schweigen; aber wenn sie wieder einmal zur Vernunft zurückkehren wird, dann werden Demogagie und Haß verschwinden. Der Zustand, dessen Zeugen wir heute sind, kann doch nicht ewig dauern. Man müßte sonst an der Zukunft der Menschheit verzweifeln. Das jüdische Volk, das schon ärgere Perioden überlebt und überdauert hat, mag heute mehr als alle andere Völker unter dem Druck der Verhältnisse leiden — aber wenn es sich treu bleibt, wenn es wieder zu jenen Methoden zurückgreift, die sich so oft bewährt haben, wird ihm auch diesmal die HUfe des Himmels nicht versagt bleiben. Der Hamans gibt es genug — wir brauchen nur einen Mordechai. Ist keiner zu sehen? Als Haman seine verruchten Vemichtungspläne gegen das jüdische Volk zur Durchführung bringen wollte, da versuchte es dieses nicht, Proteste zu erheben, Deklarationen zu verlautbaren, Hilfe bei Menschen zu suchen. Als Mordechai Esther zur Intervention beim König aufforderte, da hatte sie nur einen Rat: Geh, sammle alle Juden, die drei Tage und Nächte fasten mögen — und dann werde ich vor dem König erscheinen! Zuerst die Rückkehr zu G-tt — dann Hilfe bei Menschen suchen! Und in dieser Nacht fand der König keinen Schlaf! — Unsere Weisen deuten diesen Vers der Megillo dahin, daß dieser sich nicht auf den König Achaschwerausch, sondern auf den König im Himmel bezieht. Die Gebete der so arg Bedrohten bahnten sich den Weg zum Himmel und fanden Gehör — das bereits gefällte Urteil ward kassiert und der ewige Vater im Himmel ließ Gnade vor Recht walten. So war es immer, so oft das jüdische Volk von Tod und Vernichtung bedroht war — so wird es auch jetzt sein, wenn wir der altbewährten Methode treu bleiben. ״Wohl dem, der seine Hoffnung auf seinen G-tt setzt!“ Wo die Not am höchsten, ist G-tt am nächsten! Ist G-tt mit uns, dann kann uns kein Feind etwas an haben. Eine mehrtausendjährige Geschichte hat uns das gelehrt — warum beherzigen wir diese Lehre nicht? Wenn wir den richtigen Weg wandeln, wird uns wieder einmal ein Führer erstehen, der uns aus Not und Drangsal hinausführt! Das Andenken an das ׳Purimwunder wird nie vergessen werden! Es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels! ׳.£: ־!־■.■ ■w: Radiogespräch Haman—Streicher (Schallplattenaufnähme durch Jodka.) ,,Hallo! Hier Sondersender Streicher — wer dort?“ ״Hallo! Hier Höllensender Haman!" ״Heil Hitler! Großer Meister! Welche Ueberraschung! Wie konnte die Verbindung hergestellt werden?“ ״Mein treuer Jünger! Einmal im Jahre, am Purimtage, ist es mir gegönnt, eine Stunde lang mit meinen Jüngern zu sprechen. Trotz aller Mühe glückte es mir bisher nicht, zu dir und deinen Pg. eine Verbindung zu erhalten. Das, was mir der Pg. Rohm und seine Pg. zu erzählen wußten, regte mein besonderes Interesse für euch an ... Aber erst heute konnte die Wellen* länge ausfindig gemacht werden, die eine Verbindung mit dir ermöglichte... Fürwahr, das Radio ist eine herrliche Erfindung.“ ״Allerdings! Ohne dieses Instrument wäre unsere Propaganda im In- und Auslande wesent- (Eine Purim-Begebenheit) Von J. Kreppei. Zufällig hörte sie tatsächlich auf den Namen Esther, die Tochter de« reichsten jüdischen Bürgers des kleinen polnischen Städtchens K. Er aber, der traurige Held unserer Geschichte, führte wohl nur den Namen Aman. Das fehlende H wurde ihm später beigegeben, als er sich in den Kopf setzte, nach dem Vorbild des Haman-Urbildes aus Rache ob seines verletzten Ehrgeizes und seiner lüsternen Eitelkeit die Juden des Städtchens zu quälen und zu drangsalieren. Er konnte eine Zeitlang diese Rolle spielen. Denn er war Gemeindesekretär, die rechte Hand des Bürgermeisters, der, ein alter, kränklicher Herr, ihm hinsichtlich aller Agenden freie Hand ließ und sich um die amtlichen Obliegenheiten wenig küm- Pawel Aman war ein schmucker Bursche, dem in seiner Jugend die Mädchen seines Geburtsortes nur so nachliefen. Dies steigerte seine Eitelkeit und Einbildung. Er hielt sich für unwiderstehlich und meinte, kein Mädchen dürfte und könnte sich ihm Um so größer seine Wut, als er, den Poeten eures Sekretärs im Städtchen K. übernehmend, die Wahrnehmung machen mußte, daß die jüdischen Mädchen für ihn wenig übrig haben. Die Juden bildeten ln K. das Gros der Bewohner. Die Zahl der Nichtjuden war minimal und sie gehörten den sogenannten niedrigeren Schichten an. Ea gab wenig junge Mädchen unter ihnen und auch diese wenigen konnten ob ihrer Primitivität bei Aman wenig Interesse erwecken. Desto hübscher und. begehrenswerter waren die Jüdinnen, allen vorabr^ie schöne Esther. Aber diese wiederum erwiesen sich ihm gegenüber höchst gleichgültig und gingen ihm aus dem Wege, so oft er den Versuch einer Annäherung machte. Aman versuchte es zunächst mit Diplomatie. Er zeigte viel Wohlwollen für die Juden, die mit ihm dienstlich zu tun hatten. War immer freundlich und entgegenkommend, zuweilen sogar hilfsbereit und ein Auge zudrückend, wenn man es mit den gesetsheben Vorschriften nicht io genau nahm. Er hoffte, auf diesem Wege Eingang in die jüdischen Häuser m finde« — «ad das übrig• würde sich schon von selbst ergebest. Schheßlich ist er ein strammer, hüb- •Ster K«1, nicht so wie die schwächlichen Judsn- Umcte. die tagelang in Klaus und Beth-Hamidmaeh testen und nichts von Galanterie verstünden. - dUMt piw crwteMO jtfeb •ii 2111t* fliateau fite Jude■ vmm ■eine FwundMtetett wohl zu würdigen und zu schätzen. Sie zeigten sich auch erkenntlich — aber auf ihre Art. Zu Weihnachten erhielt Aman reichliche Gaben, desgleichen bei anderen Gelegenheiten. Besorgte er seine Einkäufe in jüdischen Geschäften, ließ er beim jüdischen Schneider seine Garderobe anfertigen — immer erhielt er Vorzugspreise ... Aber gesellschaftlich mit ihm verkehren, ihn als Gast ins Haus einladen — das nicht! ... Die Juden hatten ihre eigene Welt, Ihr eigenes Leben. Dort hatte ein Nichtjude nichts verloren und nichts zu suchen, mochte er auch der allmächtige Gemeindesekretär sein. Dieses Verhalten wurmte den Herrn Sekretär. Und ganz besonders fühlte er sich gekränkt und verletzt, daß die jüdischen Mädchen ihm immer auswichen und seine gelegentlichen Annäherungsversuche mit kalter Geringschätzung quittierten. Als Aman schließlich das Vergebliche seiner Bemühungen erkannte, als auch ein Versuch, mit dem Vater Esthers, der infolge seiner ausgedehnten Geschäfte und Unternehmungen sehr oft im Gemeindeamte zu tun hatte, in engere persönliche Be- Ziehungen zu treten, gescheitert war — da wurde Aman wie umgewandelt. Aman Ist zum Haman geworden. Der immer freundliche und wohlwollende Sekretär nahm eine harte Amtsmiene an, so oft ein Jude in der Gemeindekandel zu tun hatte. Er zeigte sich rücksichtslos und boshaft, wenn etwas passierte, das mit den Vorschriften nicht ganz im Einklang war. Fast täglich inspizierte er die jiidisehen Läden und Werkstätten, kontrollierte die ״Ordnung“, legte Strafen wegen angeblicher Verfehlungen auf, nichts war ihm recht ... Mit einem Worte: er ward zum Quälgeist der Juden, ein Bedrücker, ein echter Haman, wie er mm im Volksmunde hieß ... Die Juden, an derlei Dinge gewöhnt, ließen alles Uber sich ergehen. Sie wußten, Beschwerden beim Bürgermeister würden nicht nur erfolglos bleiben, sondern nur noch neue Repressalien nach sich riehen. ״Einen Haman 8011 man nicht reizen!“ — pflegte der alte Rabbi des Städtchen« zu sagen — ״Der liebe G-tt wird schon helfen!“ Dieses Verhalten der Juden reizte die Wut Aman-Hamans noch mehr. In seinem Innern kochte es wie in einem Hexenkessel. Er war entschlossen, sich einmal gehörig auszutoben und den Juten einen Denkzettel zu verabreichen, daß sie •einer für lange hinaus gedenken würden ... Da nahte das Purimfest heran. Aman-Haman wußte, was dieser Tag für die Juden zu bedeuten hatte und wie er gefeiert werte. Er kannte die Geteäoche der Juden und wußte, daß am Purimabend sieh alle beim reich«» Vater der Esther versammeln, wo viel getrunken, gesungen und getanzt wird. Da legen die jungen Bursdien Muken an, treiben aller־ Späße und Allotria; da sind auch die Mädchen weniger spröde und zimperlich; da darf man sich manches erlauben, was sonst sehr übel genommen Und so maskierte sich Aman-Haman als Bauer, stellte sich ein wenig betrunken und betrat das festlich beleuchtete Haus. Sein Plan war klar: Er werde einen gehörigen Schluck tun, und dann, den völlig Betrunkenen spielend, werde er einen Heidenlärm arrangieren, alles kurz- und kleinschlagen. Vielleicht auch das eine oder andere jüdische Mädchen in seine Arme schließen und abküssen ... Als er jedoch das Festzimmer betrat, war Esther die erste, die ihm entgegenkam. Da vergaß er alle seine klug ausgedachten Pläne, seine Begierde steigerte sich zur Raserei, und ohne viel zu überlegen, zog er das überraschte Mädchen in seine Arme und wollte sie küssen. Die Ueberraschung Esthers währte jedoch kaum einige Sekunden. Noch bevor er sein Vorhaben ausführen konnte, machte sie sich los und verabreichte ihrem Beiästiger zwei kräftige Maulschellen, daß er wie vom Blitz getroffen zurücktaumelte. Nun hatte sich auch die ganze Festversammlung von ihrer ersten Ueberraschung erholt. Empört ob dieser selbst am Purim imerhörten Frechheit, fielen die jungen Burschen über ihn her und begannen auf ihn einzuschlagen. Zuerst verhielt sich Aman-Haman still, die Zähne verbeißend, um sich nicht zu verraten. Als ihn jedoch der Schmerz der Schläge überwältigte, da stieß er einen seiner üblichen polnischen Flüche aus und wurde so demaskiert ... Nun erkannte man, mit wem man es zu tun habe. Wie auf Verabredung artete die wilde Prügelei ln eine regelrechte Exekution aus. Aman-Haman wurde auf eine Bank gezogen, von einigen Burschen an Händen und Füßen festgehalten, während andere ihm auf den verlängerten Rücken wohlgezählte 50 Stockstreiche applizierten. Er brüllte vor Wut, rang mit aller Kraft, um sich loszumachen, aber vergeblich. Die Exekution wurde durchgefllhrt. Als er schließlich losgelassen wurde, konnte er sich kaum auf den Beinen halte!. Vom Höhngelächter aller Anwesenden begleitet, kroch er mehr, als er ging, hinaus. Mit schwerer Mühe gelang es ihm, seine Wohnung zu erreichen, wo er sich zwei Tage lang kalte Umschläge auflegen ließ, um die Folgen der erhaltenen Züchtigung zu beseitigen. Einige Tage später brachte er bei der Bezirksbehärde das Ansuchen um Versetzung in eine andere Stadt ein. Bald verschwand Aman-Haman aus dem Städtchen, wo er den Versuch gemacht hatte, einer Esther gegenüber den Haman spielen zu wollen.

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