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Jüdische Presse · 1938-02-11 · 6 (11.2.1938) · page 5

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Journal
Jüdische Presse
Volume
24 (1938)
Issue
6 (11.2.1938)
Date
1938-02-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 6 JÜDISCHE PRESSE Seite 5 Chedera, die sich seit September dort befanden, sind bereits entlassen worden. Aus Tel-Aviv wird berichtet: Als Resultat einer eingehenden Aussprache im Stadtrat teilte der Vizebürgermeister, Herr Rokach mit, daß er auf Grund einer Nach- Prüfung an Ort und Stelle bestätigen müsse, daß bei der fieberhaften Arbeit in der Hoch- Saison der Zitrusernte einzelne Fälle der Sabbatentweihung wirklich vorgekommen sind. Nunmehr aber habe die Hafenleitung den strikten Auftrag, während der ganzen Winterzeit am Freitag Punkt 4 Uhr nachmittags alle Arbeiten im Hafen einzustellen. Der Plan für alle Ver- und Ausladungen habe dieser Bestimmung Rechnung zu tragen. deuistMaud Nach Meldungen englischer und französischer Blätter sollen die Vorgänge, die zur neuen Wendung in Deutschland geführt haben, viel ernsterer Natur sein, als man in Berlin zugestehen will. Angeblich soll es sich um eine regelrechte Verschwörung auf monarchistischer Grundlage gehandelt haben, die in Armeekreisen geplant wurde, und der durch die Beseitigung der Verdächtigten vorgebeugt worden ist. Man nimmt auch an, daß die Unzufriedenheit damit nicht beseitigt, sondern im Gegenteil noch mehr gesteigert wurde. Die Armee wird sich auch weiterhin gegen die Vorherrschaft der ״Partei“ wehren. Eine Bestätigung dieser Meldungen, die von Berlin scharf dementiert werden, liegt nicht vor. In den jüdischen Kreisen herrscht allenfalls große Angst vor einer Verschärfung des antisemitischen Kurses. In den letzten Tagen sind neue antijüdische Maßnahmen verfügt worden. So wird es Juden verboten sein, deutsche Vornamen zu führen. Auch ist den Juden die Steuerbegünstigung für kinderreiche Familien entzogen worden. Außer der ״Jüdischen Rundschau“ ist auch das Erscheinen der ״C.-U.-Zeitung“, Organ des jüdischen Zentralvereines, für vier Wochen verboten worden. JPtfffgfffr In Kowno wurde eine Propagandawoche für die Sabbatheiligung in Litauen durchgeführt, die guten Erfolg gezeitigt hat. Im Mittelpunkt der Propagandatätigkeit stand eine Rundfunkrede von Rabbi Josef Feiwelsohn, die in allen Kreisen großen Eindruck gemacht hat. ״Den siebenten Teil seines Lebens“, sagte der Redner, ״verbringt der Jude in seiner eigenen Heimat, im Sabbat, der die Heimat der Seele ist.“ Er wies auf alle Gefahren für eine Jugend hin, die ohne Sabbat großgezogen werde. Der Genealoge Farkas von Kempelen hat den zweiten Band seines Werkes ,.Ungarische Juden und ungarische Familien jüdischer Abstammung“ veröffentliche. Eine ganze Reihe bedeutender jüdischer Familien marschiert auf in diesem Buche: die Pappenheims, Freudigers, Löws. Hatvanys etc. Noch interessanter ist das Verzeichnis jener hochadeliger Familien, die sich mit den Juden verschwägert haben und in deren Adern jüdisches Blut fließt: die Herzoge Lichtenstein, Thurn-Taxis; die Grafen Pongräc. Csäky. Festetich. Lönyai etc. Sogar die älteste ungarische Adelsfamilie, Szemere de genere Huba. ist mit Juden verschwägert. Das Buch ist ein toteressantes Stück ungarischer und jüdischer Geschichte aus dem vergangenen Jahrhundert. Es zeigt den Vormarsch der Ghetto-Juden in die ungarische Kultur. Wirtschaft und Wissenschaft, ihre emsige Tätigkeit zur Bereicherung dieser und das Bestreben, auch durch Religionswechsel sieh in das Ungartum einzuleben. Die ungarisch-jüdischen Frontkämpfer richten an die Zionisten Ungarns einen Appell, in welchem sie diese ,,liebevoll‘‘ ersuchen, jedwede zionistische Tätigkeit aufzugeben, denn diese schädigt die allgemeinen Interessen der ungarischen Judenheit. Den Appell hat ein Frontkämpfer in Uniform, mit samtliehen Auszeichnungen geschmückt, auch anläßlich der Generalversammlung der Pester israelitischen Kultusgemeinde vorgetiagen. Die Frontkämpfer halteil es auch für inopportun, daß die Kultusgemeinde das Geburtshaus Herzls mit einer Gedenktafel schmückt. Der arabische Terror in Erez Jisroel hat auch ein ungarisches Opfer gefordert. Der 26jährige Arbeiter Chajim David Katz, ein Nachkomme des Maharam Schick, wurde von einem Araber aus dem Hinterhalt erschossen. OesteueUk Hintermänner noch immer, im Hintergründe zu bleiben und die ״Aktionen“ weiterhin zu dirigieren, und so wurden denn einige Tage später mehrere Telephonzellen beschädigt. Daß man mit solchen Mätzchen keine ״große Politik“ machen könne, das scheint den Arrangeuren noch immer nicht einzuleuchten. Die Ordnung.1-- behörden sind allerdings auf der Hut und den Missetätern wird das Handwerk doch gelegt werden. Die Lügen des ״Stürmer“ Der wiedererscheinende ״Stürme]׳“ hat nun auch Wien in den Bereich seiner ״Arbeit" gezogen. In der letzten Folge bringt das Streicher-Blatt einen angeblichen Brief einer Wiener Arierin, die eine Schauergeschichte über die ihr seitens eines jüdischen Fabrikanten zugefügte Vergewaltigung zu erzählen weiß, wobei auch der Kardinal Dr. Innitzer angepöbelt wird. Das Schreiben enthält nämlich auch das angebliehe Faksimile einer Zuschrift des Kardinals, an den sich die ״Vergewaltigte" um Hilfe wandte und der ihr erwiderte, in der Sache nichts tun zu können, da die Angelegenheit strafrechtlich bereits verjährt sei. Die Fälschung des Kardinalbriefes geht schon aus dem Umstand hervor, daß auch die Unterschrift, des Kirchenfürsten mit denselben Schreibmaschinentypen vorliegt, wie der Brief selbst. Der Fälscher scheint übersehen zu haben, daß Briefe handschriftlich unterzeichnet werden — abgesehen davon, daß der Kardinal derartige Zu- Schriften kaum persönlich erledigt, sondern durch sein Sekretariat erledigen läßt. Aber auf eine Fälschung mehr oder weniger kommt es Julius Streicher nicht an - er kennt das geistige Niveau seiner Leser und weiß, was alles er ihnen zu bieten wagen darf. Der ״wehleidige Kosak“ Die ״Wiener Neuesten Nachrichten“, die kaum einen Tag vorübergehen lassen, ohne gegen die Juden zu hetzen, tun sehr wehleidig, weil die jüdische Presse es wagt, gegen die antisemitischen Erscheinungen in verschiedenen Ländern, in denen der Nazigeist sich breitzumachen beginnt, aufzutreten. Das Blatt spricht von einer ״starken Zumutung“ — und es hat wohl recht mit diesem Titel, allerdings in umgekehrter Richtung, denn eine ״starke Zumutung“ wäre es, von der jüdischen Presse zu verlangen, daß sie zu allem schweige, was gegen die Juden geschieht. Allerdings macht jeder ״wehleidige Kosak“ in der Regel eine lächerliche Figur. P. Muckermann zur Judenfrage Der bekannte P. Muckermann hielt am 8. d. in der Volkshalle des Rathauses einen Vortrag über das Thema ״Revolution der Herzen“, wobei er u. a. sagte: ״Wenn man in diesen Zeiten wieder so viel von der Judenfrage spricht, dann ist dazu zu sagen: Wenn man diese Frage dadurch löst, daß man Menschen schändet und unterdrückt, dann wird sie eben unchristlich, das heißt, unmenschlich gelöst. Was wir brauchen, ist die Liebe von Mensch zu Mensch und die Achtung vor dem anderen.“ Jüdische Bevölkerungsbewegung in Wien 1937 Die Amtsdirektion der Kultusgerneinde Wien veröffentlicht auf Grund der vom Matrikelamt•‘ dei Israelitischen Kultusgemeinde Wien geführten Aasweise nachstehende Daten über die Bewegung der jüdischen Bevölkerung im Jahre 1937: Die Zahl der Geburten betrug in diesem Jahre 720, die Zahl der Sterbefälle 2824, die Zahl der Eintritte in die jüdische Religionsgeseli- Schaft 262, die der Austritte 620. Die Zahl der Geburten, die im Jahre 1923 noch 2733, im Jahre 1930 1222 und im Jahre 1936 757 betrug, erreichte ihre niedrigste Ziffer von 720 im Jahre 1937. Von den geborenen Kindern waren 22, von den verstorbenen Personen 121 Ortsfremde. Nach Abrechnung dieser auf Ortsfremde Bezug habenden Zahlen und unter Berücksichtigung der Geburten, Todesfälle, Eintritte und Austritte ist im Jahre 1937 eine Verringerung der jüdischen Seelen in Wien um 2363 zu verzeichnen. Diese Zahl erhöht sich noch durch die Auswanderung nach Palästina und anderen Ueberseeländem. Die ständig sinkende Zahl der jüdischen Bevölkerung kommt auch in den Volkszählungsergebnissen der Jahre 1923 und .1934 zum Ausdruck. Während im Jahre 1923 in ganz Oesterreich 220.208 Juden und hievon in Wien 201.513 gezählt wurden, fiel die Gesamtzahl der Juden in Oesterreich im Jahre 1934 auf 191.481 und hievon in Wien auf 176.034. Innerhalb dieses Zeitraumes verringerte sich die jüdische Bevölkerung ln Wien um 25,479 Seelen, das ist um 12,6 Prozent. Der natürliche Abgang betrug in den Jahren 1935, 1936 und 1937 weitere 6927 Seelen, so daß die PjüUft In der Budgetkommission des Sejms am 7. d. beschäftigte sich Unterrichtsminister Dr. Swetoslawski mit den Vorgängen an den Hochschulen. ״Die Ueberfälle“, sagte er nach den Sitzungsberichten der Warschauer Blätter, ״schädigen moralisch nur die Angreifer. Sie stören die Arbeit an den Hochschulen und vermindern das Ansehen der polnischen Wissenschaft. Der Jugend sei dringend zu raten, ihre Zeit produktiv auszunützen.“ Die Führerin der konservativen polnischen Frauen, die bekannte Abgeordnete Frau General Pristor, die seinerzeit im Mittelpunkt des Kampfes um das Schäehtverbot stand, beschäftigte sich in ihrer Rede gleichfalls mit den Vorgängen an den Hochschulen. ״Ich bin nicht Antisemitin aus Prinzip“, sagte sie, ״bekämpfe die Juden zwar aus wirtschaftlichen Gründen, begreife aber ihre Tragik als die eines Volkes ohne Land. Aber selbst der Wirtschaftskampf muß menschlich geführt werden und angemessen der Würde und dem Ansehen des Staates. Die ,Ghettobänke‘ haben in den Augen des Auslandes mehr den Polen als den Juden geschadet.“ Die Abgeordnete forderte den Unterrichtsminister auf, an den Hochschulen energisch Ordnung zu machen. Der Chefdirektor des Zentralen. Staatliehen Rates für physische Ausbildung und Sport in Polen, General Olszyna-Wilczynski, hat ein Zirkular erlassen, in welchem mitgeteilt wird, daß der Arierparagraph aus den Statuten aller Sportverbände in Polen, die bisher Juden aus ihren Mitgliedslisten ausgeschlossen haben, fallen zu lassen ist. In dem Zirkular heißt es, die Ausschließung polnischer Bürger, Angehöriger nationaler Minderheiten, aus Sportverbänden stelle eine Verletzung der sportlichen Regeln und des Sportgeistes dar und widerspreche den Prinzipien des Zentralen Staatlichen Rates für körperliche Erziehung. Die rechtsradikale Presse greift diesen Erlaß scharf an. Fremdengesetz und Staatsbürgerschaft Die in der letzten Zeit verfügten Einschränkungen hinsichtlich der Erteilung von Visa und Einreiseerlaubnisse nach Oesterreich hat, im Zusammenhang mit der von antisemitischer Seite betriebenen Hetze, vielfache Besorgnisse ausgelöst, als ob es sich hierbei um antijüdische Maßnahmen handle. Diese Annahme ist jedoch eine irrtümliche. Die erwähnten Verfügungen sind bloß vorübergehender Natur, bis zur Finalisierung des neuen Fremdengesetzes. Nach dem Erlaß desselben werden alle mit der Einreise von Ausländern nach Oesterreich zusammenhängenden Fragen im Sinne dieses Gesetzes geregelt werden. Es hat somit keinen Sinn, sich übertriebenen Befürchtungen hinzugeben. Wie verlautet, soll nach der Erlassung des Fremdengesetzes auch die Frage der Staatsbürgerschaft, im Zusammenhang mit der Finalisierung der Verfassung, eine Regelung erfahren. Wie bekannt, ist die Aufnahme in den österreichischen Staats ver band seit einigen Jahren gesperrt und erfolgt nur in Ausnahmsfällen, wo dies im öffentlichen Interesse gelegen ist. Dieser Zustand, der seinerzeit zunächst als vorübergehend gedacht war, hat natürlich nachteilige Begleiterscheinungen und erfordert eine definilive Regelung. Einzelheiten sind vorläufig noch nicht bekannt. Neue Nazi-Exzesse Die österreichischen Nazi scheinen trotz der Blamage, die ihnen die Aushebung der Zentrale in der Teinfaltstraße brachte, ihre Aktionspläne nicht aufgeben zu wollen. Und so versuchten sie am vergangenen Freitag abends, sich neuerdings durch Lausbübereien bemerkbar zu machen. Ins Bethaus in der Heßgasse wurde eine brennende Fackel mit einer Benzinkanne geschleudert, wodurch drei Personen Verletzungen erlitten. In der Taborstraße und in der Wallensteinstraße wurden in einigen jüdischen Geschäften die Auslagenfenster eingeschlagen. Die Polizei hat in allen Fällen energisch eingegriffen und eine Anzahl der Täter konnten verhaftet werden. Allerdings vermögen es ihre

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