Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 24 (1938)
- Issue
- 6 (11.2.1938)
- Date
- 1938-02-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite JÜDISCHE PRESSE Nr. 6 Hamidrasch nichts dreinzureden.“ Die ״Kausle Bet-Hamidrasch“, den äußeren Rahmen des Lehrhauses, stellt in unserem Fall der Kultusvorstand dar und diesem muß jede Kompetenz hiefür abgesprochen werden. Da sollten wohl andere Faktoren entscheiden. rabbiner und Dajan meritorisch eingreifen zu wollen, ist diese Affäre allenfalls eine weitere Illustration dafür, wie wenig das geltende Kultusgemeindegesetz den religiösen Belangen entspricht und wie dringend da eine Remedur geboten ist. In einer Zeit geschaffen, da der sögenannte liberale Geist vorherrschte, billigte dieses Gesetz der Leitung der Kultusgemeinde die weitestgehenden Rechte zu, schränkte aber die Kompetenz der Rabbiner überaus ein. Und so ist es —■ wie im Falle Baden möglich, daß ein Rabbiner auf Grund irgend eines Paragraphen des Gemeindestatuts fristlos entlassen werden kann, daß das geistige Oberhaupt einer Kehillo dem Gutdünken von Laien, zuweilen sogar der Animosität parteimäßig; eingestellter areligiöser Elemente ausgeliefert ist . . , Das ist unter allen Umständen ein unhaltbarer Zustand, der dringend Abhilfe erheischt. Da die neue österreichische Verfassung die Schaffung eines neuen Kultusgemeindegesetzes vorsieht, und da nach der für das Jahr 1938 angekündigten Finalisierung derselben diese Frage in absehbarer Zeit aktuell werden wird, möchten wir schon heute die maßgebenden Faktoren auf diesen Umstand aufmerksam machen. Es mag für diese sehr bequem sein, in den Kuitusgemeinden den einzigen Faktor zu sehen, der für alle, Juden und Judentum betreffenden Angelegenheiten kompetent ist — den Interessen der jüdischen Gemeinschaft, besonders der Ortodoxie, entspricht dieser Zustand nicht. Das Judentum ist nicht für die Kultusgemeinden, sondern die Kultusgemeinden für das Judentum da. In der jüdische Kcbillo muß die Thora, der religiöse Geist vorherrschend sein und den ihr gebührenden Einfluß zugewiesen erhalten. DRINGEND werden die geehrten Abonnenten der ״Jüdischen Presse“ ersucht, ihre Rückstände zu begleichen sowie das Abonnement pro 1938 erneuern zu wollen, damit in der Zusendung des Blattes keine Unterbrechungeintritt. Prämien der ,Jüdischen Prest e‘1938 für Jahresabonnenten, die das volle Jahresabonnement (S 16.—) im vorhinein bis 20. Februar entrichten: 1. ״Der Talmud im Feuer der Jahrhunderte“ von Taddäus Zadercki. Eine begeisterte Apologetik des Talmuds aus der Feder eines polnischen Gelehrten, die allgemeine Anerkennung gefunden hat. Ins Deutsche übertragen von Dr. M. Safier. 2. ״Jüdische geschichtliche Stätten in Wien und Oesterreich״ von Josef Pick. Mit 44 Abbildungen von Synagogen usw. 3. •«״. דלל בל -,-בדים דתבד-ב בתלמיד ״C"£TT ״חסיונות 4. ״Licht aus dem Westen“ Eine wirkungsvolle historische Darstellung des Lebens und Wirkens des Chassam Sofer und seiner führenden Zeitgenossen, im Originalband, Von S. Schachnowitz. 5. .דנהויא״, מאת דדב מיבד בל״, ׳וישלים RTO*’׳. ausführliche, anschaulich geschriebene Biographie des Rabbi J. Ch. Sonnenfeld (hebräisch) zusammen mit »1 "מנהגי יעל ההת״ס" מלוקם ■מדד- ־די הרב ד;■ מדת Die reli$Hs-$elstI$en Probleme des zu errichtenden Judenstaates Ein Vortrag, gehalten von Dr. Isaac Breuer in Bratislava. (Fortsetzung.) Seit Montesquieu kennen wir das Staatsgebilde in ■dreierlei ■Erscheinungsformen: Den Staat als gesetzgebenden, als rechtsprechenden und als ausführenden Willen. Darüber hinaus ist noch der Staat der große Unternehmer des Landes. Dies bildet die faktische Innenlehre des Staates. Aber diese Lehre haben wir schon etliche Jahrtausende vor Montesquieu gehört, indem schon der Prophet Jeschajohu diese drei Gewalten unterscheidet und ein Urteil aussprieht, das unveränderbar ist: ה׳ מלכנו׳ ה׳ שופטנו ״ ה׳ מהוקקנוMalkenu“ ist der pour vois executiv, ״schoftenu“ der iudiciere, ״mechaukkenu“, legislativ, ausgedrückt in der Formulierung Montesnuieus. Jeschajohu sagt, daß für den jüdischen Staat der oberste Staatswille verschieden von diesem der anderen Völker ist. Haschern, G-tt allein ist die Verkörperung dieses Willens, Er allein ist der Verwalter aller dieser drei Wege. Im Sinne Jeschajohus ist also der oberste Staatswille im jüdischen Staate an die Thora gebunden. Und Jeschajohu hat nicht nur zu seinem Zeitalter gesprochen; er sprach für alle Zeiten! Es hieße aber reine Theorie treiben, wollte man nicht mit dieser unabänderlichen Forderung die Wirklichkeit von heute vergleichen. Ganz gewiß — und das habe ich auch in Marienbad gesehen — wird die Aguda diese Forderung verteidigen, aber die Wirklichkeit sieht doch leider anders aus und wir wissen es alle, daß in demselben Augenblick, wo es sich verwirklicht und ein jüdischer Staat entsteht, daß in diesem gleichen Augenblick die Zerrissenheit im jüdischen Volke mehr denn je in Erscheinung treten wird. Vor 120 Jahren hatte noch das ganze jüdische Volk einen gemeinsamen ״Naase-wenischmo“- Ruf ausgestoßen, aber heute sind die Juden innerlich zerrissener denn je. Ihre Verbindung mit der Thora ist teils in Frage gestellt, teils garnicht vorhanden. Wird unsere Forderung Erfüllung finden? Wir wissen es nicht, aber wir werden nicht aufhören, für diese Forderung zu kämpfen. Wenn der jüdische Staat kommen wird, wird also erst die ganze Zerrissenheit den jüdisehen Volkswillen nicht nur in Erez Jisroel, sondern auch in der Gola zerklüften, so daß man die Frage aufwerfen muß, ob das jüdische Volk überhaupt die Eignung besitzt, einen Staat zu bilden, ob in ihm die staatsbildende Kraft vorhanden sei? Die Gegensätze, die sich heute im jüdischen Volke zeigen, sie gehen bis zum Abgrund der jüdischen Volksseele und erst recht in Erez Jisroel, wenn es zum jüdischen Staate kommen soll. Bei diesem großen Problem kann uns nur ein kleiner Rückblick über die jüdische Geschichte orientieren. Die Geschichte ist die beste Lehrmeisterin der Menschheit und jüdische Mensehen sollten sich erst recht mit Geschichte befassen. Man kann viel Lehre und viel Wesentliches für die Gegenwart aus dem Buche der Geschichte schöpfen. Wenn wir die jüdische Geschichte überprüfen, ob nämlich die Forderung: ״haschem malkenu, schauftenu, mechaukke- Der ,/Psalmensag er'' und der Sdiafz Von J. Kn1(|<1׳'l. Leisel' war ein Schmied, der den Tag über an seiner Schmiede stand und arbeitete. Aber er ver- Psalmen. Er war ein einfacher, aber frommer Jude. kein Talmudkcnner ־ aber die Psalmen kannte er auswendig und diese waren sein Trost. Er verzichtete auf Reichtum, auf Wohlstand, er suchte keine Vergnügungen. Seine Arbeit und seine Psalmen waren ihm alles. In! kleinen Städtchen kannte jeder Leiser, den Schmied, hörte jeder Vorübergehende zugleich mit dem Klopfen des Hammers die innigen Melodien der Psalmen, lind Leiser erhielt den Beinamen: der ״Psalmsager". Das ruhige, fast beschauliche Leben des einfachen Leiser mißfiel aber dem Geist alles Bösen, dem Satan, und er versuchte. Leiser von den Psalmen abzulenken. Du lebst wie ein Tier stichelte der Satan den Psalmsager — wie vernunftloses Vieh! Was hast du von deiner Arbeit und von deinen Psalmen? Schau hin. wie andere Leute leben, und lachen! Aber Leiser war mit seinem Schicksal und mit sich selbst zufrieden. Was gehen ihn die anderen Leute an . . . Der Böse versuchte es auf andere Weise. ,,Du bist unwissend, hast weder Bibel noch Talmud gelernt. Murmelst Worte, ohne deren Sinn zu verstehen. Lebst wie ein Bauer hin!“ Wieder schlug der Versuch fehl. Ich bin halt kein Rabbiner — dachte Leiser — was ich in meiner Jugend nicht gelernt habe, das kann ich nicht mehr nachholen. Gott versteht meine Psalmen, da macht es nichts, daß sie mir unverständlich sind. Aber schließlich wurde Leiser bei seiner schwachen Seite gepackt. Dort, auf dem Schloßberg, der sich über das Städtchen erhebt, dort befindet sich ein Schatz! Ein Kästchen voll Gold und Edelsteinen. Wenn Leiser in den Besitz des Schatzes gelangen sollte, dann könnte er der größte Wohltäter sein, Armen und Bedürftigen beistehen. Waisen und 1 Witwen helfen, frommen Juden ein sorgenloses j Dasein bereiten.! Schon als Kind hörte Leiser von diesem Schatz. Er gehörte einst einem mächtigen König, der viele Völker besiegt und unterjocht hatte. Er verwüstete deren Länder und raubte ihre Schätze. Er fühlte sich aber seines Besitzes nie sicher. Er wußte, das furchtbar viele Blut, das er vergossen, rufe zum Himmel um Rache und sicherlich werde er einst von einem Mächtigeren als er besiegt werden. Um sich wenigstens den Besitz seines Goldes und seiner Edelsteine zu sichern. Heß er an seiner Residenz einen mächtigen Berg aufschütten, den er mit einem tiefen Graben umgab. Auf dem Berg errichtete er ein mächtiges Schloß, in dessen Turm ein Kästchen mit dem Schatz eingemauert wurde. Der König entging seinem Schicksal nicht. Bin mächtigerer König überfiel sein Land, schlug ihn aufs Haupt und entführte ihn als Sklaven. Aber eines war dem König gelungen: sein Schatz blieb unversehrt. Den Schloßberg konnte der Feind nicht bezwingen. Seither sind viele, viele Jahre verflossen. Wie oft wurde der Versuch unternommen, den Schatz zu heben — aber immer haben die Tollkühnen ihr Wagnis mit dem Leben bezahlt. Eine unsichtbare Macht hütete das Kästchen und wehrte jeden Eindringling ab. Nun begann der Schatz Leiser zu reizen. Tag und Nacht dachte er darüber nach, wie er die Geister, diie den Schatz bewachen, besiegen und sich seiner bemächtigen könnte. Und er fand, daß ihm dies nur mit der Hilfe des heiligen Namens G-ttes gelingen könnte. Nun begann Leiser die Vorbereitungen zu treffen. Wochen hindurch fastete er jeden Montag und Donnerstag, rezitierte unaufhörlich die Psalmen, betete an den Grabstätten der großen Rabbiner und tat das Gelübde, den Schatz nur für Wohltätigkeit und Frömmigkeit zu verwenden. — Ich will vom Schatz nichts genießen. Ich will bloß sein Verwalter sein. Das Ganze sei G-tt und seiner Lehre gewidmet. Als Leiser wähnte, mit seinen Vorbereitungen I fertig zu sein, gravierte er in seinen großen Hammer j den heiligen Namen ein und begab sich in einer I finsteren Nacht auf den Schloßberg. Es führte kein Weg und kein Steg hinauf. Glatte Wände, ohne jeden Halt. Aber Leiser stieg auf. Mit seinem Hammer schlug er Löcher in die Wände und stieg immer höher und höher. Plötzlich vernahm er eine mächtige Stimme und eine eiserne Hand versuchte ihn zurückzuhalten. ״Steige nicht weiter auf, es wird dich das Leben kosten.“ Leiser schlug mit dem Hammer auf die Hand und sie verschwand. Leiser stieg nun höher und höher. Bald aber stieß er auf eine furchtbare Gestalt. Die Augen blutrot, die Stirne kupfern, än der Stirne eiserne Hörner. Die Gestalt drang auf ihn ein und versuchte, ihn hinunterzustürzen. Leiser schlug wieder mit dem Hammer aus und die Gestalt verschwand. Endlich stand Leiser vor dem Schatz. Da wurde er von einem Rudel Wölfe überfallen. Er verjagte sie mit seinem Hämmer. Da folgten ihnen Löwen, Tiger, Leoparden auf dem Fuß. Doch der heilige Name leuchtete auf dem Hammer und sie mußten weichen. Nun schlug er auf das Kästchen und öffnete es: Er wurde fast geblendet von dem Glanz und der Herrlichkeit. Vor Ueberraschung ließ er den Hammer fallen und griff nach dem Schatz. Da hörte er hinter sich ein furchtbar höhnisches Lachen. Er wollte nach dem Hammer greifen, dieser aber war verschwunden. Er wollte flüchten, doch stand er wie ■gebannt. Der Schatz reizte und lockte, ließ sich aber nicht greifen. Leiser begann nun jämmerlich zu weinen. Vor Angst schloß er die Augen und wollte nichts mehr sehen. Da erschien ein alter Mann und überreichte ihm ein Buch. Leiser griff nach dem Buch. Es waren die Psalmen. Nun war er gerettet. Ein Sturm erhob sich und trug ihn hinunter. Bald war er wieder in seiner Schmiede. Vor ihm lag sein bekanntes Psalmbuch. Der Spuk war nun verflogen. Leiser dachte nicht mehr an den Schatz, nur noch an seine Arbeit und an seine Psalmen.