Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 24 (1938)
- Issue
- 6 (11.2.1938)
- Date
- 1938-02-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Juni erlebt — allerdings ist er diesmal unblutig verlaufen. Der Führer hat sich wieder einmal derjenigen seiner Ratgeber und Mitarbeiter entledigt, die ihm mit ihren sachlichen und überlegten Mahnungen unbequem geworden sind. Der Reichsaußenminister v. Neurath, der Reichsheeresminister v. Blomberg sind beseitigt worden, mit ihnen eine Reihe Botschafter und Generale, und an deren Stelle sind neue Männer getreten, hundertprozentige Nationalsozialisten, für die der Wille des Führers oberstes Gebot ist, die keine andere Ideologie kennen als den Nationalsozialismus. Die Berufsdiplomaten mit ihren Erfahrungen und ihrer Einschätzung der internationalen Kräfte, die besonnenen Heerführer mit ihrer Kenntnis der weltmilitärischen Lage, alle diese Männer, die die Stoßkraft des National- Sozialismus ein wenig hemmten und gegenüber den allzuweit gehenden Plänen der National- Sozialisten kalmierend wirkten, sind nun ausgeschaltet. Die ,,Partei“ hat gesiegt. Auch die Leitung der Wirtschaftsagenden ist nun Parteimä^smazan-■.ßbexg^max&ait-_ wanden. Aach. da. wird,, nunmehr nur 'das Parteiinteresse maßgebend Es ist begreiflich, daß die Welt dieser Wendüng der Dinge im Dritten Reiche mit ernster Beunruhigung gegenübersteht. Was ist mm von der Wilhelmstraße zu erwarten? Wird diesem Personenwechsel auch ein Systemwechsel folgen? Wird das Reich nunmehr ungehemmt und unbeschwert von Sachlichkeit und Erfahrung mit Volldampf darauf losgehen, seine, in Hitlers ,,Mein Kampf“ gesteckten Ziele zu erreichen? Kein Mensch kann die nächste Entwicklung voraussagen. Aber gerade deswegen ist das Rätselraten so ernst und verursacht soviel Kopfzerbrechen. Allenfalls steht man einer neuer, Situation gegenüber und muß auf der Plut vor Ueberraschungen sein. Neben der eigentlichen nationalsozialistisehen Partei waren es hauptsächlich zwei Faktoren, die Hitler und seinen Leuten die Steigbügel zur Macht hielten: die Junker und die Armee. Beide erwarteten vom neuen Regime eine Stärkung ihrer Position. Und beide erlebten nun die verdiente Enttäuschung. Die Junker sind bereits früher rücksichtslos beiseite geschoben worden und nur wenige ihrer Wortführer fanden Gnade in den Augen der neuen Herren. Die Machthaber der Armee konnten sich länger behaupten; sie waren die festeste Stütze des Regimes, das ihnen mehr gab, als sie jemals erhoffen konnten: Wiederherstellung der Wehrhoheit des Reiches, eine große, auf das modernste ausgerüstete Armee, militärische Schlagfertigkeit im höchsten Ausmaß. Nun aber mußten auch sie das Feld räumen, als sie den Aspirationen der Machthaber unbequem geworden sind. Die Bewegung innerhalb der Armeeleitung gegen die Politik der ״Partei“ muß sehr ernste Formen angenommen haben, denn man spricht von Massenentlassungen höherer Offiziere, ja, sogar von ' in Deutschland der Flucht einiger Generäle ins Ausland, da sie sich im Reiche nicht mehr sicher fühlten. Es ist nicht leicht, alle diese Gerüchte auf ihre Wahrheit zu prüfen — aber schon das, was offiziell bekanntgegeben wurde, zeugt für sehr weitgehende und einschneidende Wendungen, die zweifellos ein bestimmtes Ziel verfolgen. Quo vadis, Drittes Reich? Daß diese Wendung besonders in Wien und in Prag eine ernste Beunruhigung ausgelöst hat, ist begreiflich. Man kennt die Pläne des National- Sozialismus hinsichtlich dieser beiden Nachbar- Staaten und weiß, wessen man gewärtig sein könnte, wenn die ,,Partei“ nun ungehemmt große Politik wird machen können. Möglicherweise aber dürfte gerade diese Wendung günstige Folgen haben. Man wird in der großen Welt erkennen, wie groß die Gefahr für den Weltfrieden ist und danach handeln. Schon zeigt sich in London das ernste Bestreben, mit Italien ins Reine zu kommen; schon sind ähnliche Strömungen in Rom wahrzunehmen. Kommt der Modus vivendi zwischeu Roia־ ־and 'LoJÖ&fi' *.ötiaidfe, da:«! verliert die Achse Rom—Berlin ihre eigentliche Basis — und so könnte sich gerade daraus ein Hemmnis für die Nazi-Aspirationen ergeben. Allerdings handelt es sich hiebei um die ersten Anzeichen einer Wendung. Wer weiß, welche Gegenkräfte sich da geltend machen würden und weiche Schachzüge seitens der neuen Herren in Berlin zu gewärtigen sind? Deswegen muß die Weh Rabbiner und Wie aus Baden bei Wien berichtet wird, hat der dortige Kultusvorstand in der Sitzung vom 1. Februar die fristlose Entlassung des Oberrabbiners Dr. Carlebach beschlossen. Der Vorstand hat den Beschluß der Bezirkshauptmannschaft gemeldet und den Oberrabbiner von Wiener Neustadt, Dr. H. Weiß, mit der zeitweiligen Führung des Rabbinats in Baden betraut. Oberrabbiner Dr. Carlebach hat gegen seine Entlassung bei der zuständigen Aufsichtsbehörde Protest eingelegt und die Klage bei Gericht eingereicht. Soweit die Meldung aus Baden, aus der zu ersehen ist. daß ein seit einigen Jahren sich in dieser Gemeinde abspielender Konflikt in ein kritisches Stadium getreten ist. An und für sich ist ein derartiger Konflikt, der noch dazu solche Formen angenommen hat, daß nichtjüdische Faktoren zur Entscheidung herangezogen werden, eine sehr peinliche Sache, und ein Chilul-Haschem, besonders in unserer Zeit, da das Judentum allseits von Feinden umlauert und von Gefahren bedroht ist. ׳ Den Hintergrund des Konflikts bilden eigentlich Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Oberrabbiner Dr. Carlebach und dem Dajan Reb Schlomo Friedmann hinsichtlich Hasehgaeha- und Kaschruth-Fragen, richtiger geweiterhin mit wachsamen Augen die Entwicklung der Dinge verfolgen. Daß die Juden von dem neuen Kurs 1m Reiche nichts Gutes erwarten können, ist klar. Die uneingeschränkte Herrschaft der ״Partei“ dürfte sich sehr bald für sie fühlbar machen. Neurath und seine Mitarbeiter rechneten noch immerhin mit der öffentlichen Weltmeinung. Blomberg und Fritsch sträubten sich dagegen, daß der Nazismus auch in der Armee maßgebend werde; Dr. Schacht und seine Anhänger traten gegen die Einflußnahme der ,,Partei“ auf wirtschaftlichem Gebiete auf. Heute entfallen alle diese Hemmungen: die Ausschaltung der Juden aus der Wirtschaft, ihre Verdrängung aus den letzten Positionen des Wirtschaftslebens ist zu gewärtigen. So hat denn alle Welt nun hinreichende Gründe, die weitere Entwicklung der Dinge im Dritten Reiche sorgenvoll zu verfolgen. Dieser Tatbestand sollte sie aber dazu veranlassen, sich rechtzeitig vorzusehen und zu ralliieren. Die Be- Ziehungen zwischen Wien und Prag müßten enger werden. In Paris und London müßte man erkennen, was auf dem Spiele steht, wenn der Nationalsozialismus darangehen sollte, seine Aspirationen zu verwirklichen. W i r i n O cs t e rreich aber haben allen G r u n d, u n s noch stärker als bisher um die Fahne der Regierung Schuschnigg zu scharen und ihre Position zu festigen, da mitsieallenEventualitäten gegenüber abwehrbereit dastehen könnte. Es wird hoffentlich dafür gesorgt werden, daß die Bäume des Nazismus nicht in den Himmel wachsen. Kuliusgemeinde sagt, handelt es sich um eine Kompetenzfrage zwischen Oberrabbiner und Dajan. Infolge einer Verkettung verschiedener Umstände persönlicher und lokaler Natur ist daraus ein Konflikt zwischen Oberrabbiner und Kultusgemeinde entstanden, der nunmehr zu der erwähnten Wendung geführt hat. Mit Rücksicht auf die heikle Natur dieser Differenzen wollen wir es bis auf weiteres unterlassen, hiezu Stellung zu nehmen. Eines aber soll offen und eindeutig gesagt werden: Es ist eine überaus peinliche Erscheinung, wenn ein Kultusvorstand, noch dazu ein solcher, der sich aus Männern zusammensetzt, die von religiösen Fragen nicht viel verstehen, sich herausnimmt, da den entscheidenden Faktor zu spielen. Es mag hiebei an jene Darstellung erinnert werden, die wir im Talmud über den halachisehen Streit zwischen Rabbi Elieser und seinen Kollegen finden. Als Rabbi Elieser in der Hitze des Gefechtes die ״Kausle Bet ־Hamidrasch“, die Wände des Lehrhauses, als Zeugen für die Richtigkeit seiner Lehrmeinung anrief und diese daraufhin zusammenzustürzen begannen, da apostrophierte sie Rabbi Jehauschua mit den Worten: ,.Wenn sich Talmide-Chachamim in halachisehen Fragen 1 auseinandersetzen. hätten die Wände des Bet- Die Othmar-Schiff-Perücke — preiswerte Qualitätsarbeit Perücken- AlklliSP C^kiff Wien 1, Kärntnerring 6 Großerzeugung V11IVII91 JellllT Telephon 11-43-0-16