Mannheim
Compact Memory

Jüdische Presse · 1938-02-04 · 5 (4.2.1938) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Presse
Volume
24 (1938)
Issue
5 (4.2.1938)
Date
1938-02-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2629891-2630726-2630731--5671-3528185
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2 JÜDISCHE PRESSE Nr. 6 wollen wir uns fragen, welches ist die Stellungnähme der thoratreuen Juden zu diesem Pro- Wem? Welches ist und soll der Standpunkt der Agudas Jisroel sein, die ja doch namens der thoratreuen Juden zu sprechen befugt ist? Gehen wir vom modernen Staatsbegriff aus. Die leichteste Definition eines modernen Staates ist folgende: ein moderner Staat ist die Zusammenfassung von Menschen eines bestimmten Erdteiles unter einen obersten Willen, und zwar zwangsweise. Jedes dieser Worte ist wichtig, wenn man formell den Begriff erfassen will. In der Wüste kann kein Staat sein, weil dort eine Herrschaft von Menschen nicht möglich ist. Auf der bewohnten Erde sind Menschen und Saehguter; die Menschen und Sachgüter eines Stückes Erde werden zwangsweise zusammengefaßt unter einem obersten Willen, der keinen fremden Willen über sich oder neben sieh duldet. Das ist der Begriff des modernen Staates und modernen Staatsvolkes, das Menschen in sich birgt, und Land und Wille, der Staatsvolk und Staatsland als oberster Wille beherrscht. Der jüdische Staat, wenn er wird, dürfte wohl diesem modernen Begriffe des Staates entsprechen. Es ist nun nach der Struktur des Staatswillens zu fragen, der im jüdischen Staate Staatsvolk und Staatsland beherrschen soll. (Fortsetzung folgt.) Die Ereignisse in Rumänien Die Nachrichten aus Rumänien lauten immer ernster. Di(! Hoffnung auf ein energisches Veto des Völkerbundrates hat sich als Illusion erwiesen. Ein energischer Schritt stößt auf formelle Schwierigkeilen und man möchte daher׳ die Dinge auf die lange Bank schieben. Die Bemühungen Edens und Deltxis', aut Miceseu einzuwirken, daß er Goga zu einer Hinausschiebung der antijüdisehen Maßnahmen veranlasse, sind gleichfalls erfolglos geblieben. Ueber die Vorgänge in Genf liegen folgende Meldungen vor: ,,Prager׳ Tagblatt" (31. Jänner 1 schreibt in einer Meldung aus Genf: Zwischen Rumänien und dem Völkerbund ist es zu einem ernsten Gegensatz wegen der Judenfrage gekommen. Die bisherige verhältnismäßig versöhnliche Haltung des rumänisehen Außenministers Micescu hat eine Wendung erfahren, da Ministerpräsident Goga seinen Außenj minister angewiesen hat, seine Stellungnahme zu j ändern. Der Völkerbundrat hat beschlossen, die jüdischen Petitionen einem Dreierkomitee zuzuweisen, das aus dem iranischen Ratspräsidenten und aus den Außenministern Englands und Frankreichs, Eden und Delbos, bestehen soll. Micescu hat nach Erhalt neuer Weisungen aus Bukarest erklärt, er könne der Einsetzung eines Dreierkomitees nur beipflichten, wenn der Beschluß dieser Einsetzung nicht veröffentlicht würde. Das vom Völkerbundsekielariat geplante und von Miceseu beanstandete Kommunique besagt folgendes: . ,,Der Generalsekretär hat der vorgeschriebenen Prozedur entsprechend die Petitionen gegen Rumänien dem Präsidenten des Rates übergeben, der ein Dreierkomitee eingesetzt hat. In Anbetracht der Wichtigkeit des Falles hat der Generalsekretär die rumänische Regierung um ihre Aeußerung ersucht. Bis zum Eintreffen dieser Aeußerung wird der genannte Ausschuß die Frage mit Aufmerksamkeit •verfolgen." Die Delegation des Jüdischen Weltkongresses hat folgendes Kommunique herausgegeben: ,,Das Exekutionskomitee des Jüdischen Weltkongresses stellt fest, daß der Generalsekretär des Völkerbimdes den Präsidenten des Rates von folgender Tatsache in Kenntnis gesetzt hat: Die jüdischen Petitionen, die Lage der Juden in Rumänien betreffend, werden dem ordentlichen Verfahren nach behandelt, das Dreierkomitee aber sogleich eingesetzt. Das Exekutivkomitee des jüdischen Weltkongresses erfährt gleichzeitig, daß diese langwicrige Prozedur ohne formelle Versicherungen der rumänischen Regierung gewählt worden ist, Ver- Sicherungen, die eine Aufhebung der antijüdischen Maßnahmen während der Zeit der Genfer Prozedur zum Gegenstand gehabt hätten. Entschlossen, den Kampf für die integrale Befolgung des Minderheitenvertrages vom 9. Dezember 1919 fortzuführen, der sowohl Rumänien als auch den Rat des Völkerbundes bindet, erklärt das Exekutivkomitee der Weltkonferenz, daß ein Verfahren, das nicht zu einer sofortigen Aufhebung der antijüdischen Maßnahmen führt, dem Geist des genannten Minderheitenvertrages widerspricht und es gestattet, daß die gegenwärtige Lage in Rumänien bestehen bleibt.“ ״Bohemia“ (29. Jänner) meldet aus Genf: In den heutigen privaten Besprechungen kam es zu recht erregten Auseinandersetzungen mit dem rumänischen Außenminister. Micescu hatte gestern versprochen, daß das Naturalisierungsgesetz für die rumänischen Juden widerrufen werden würde. Diese Zusage sollte jedoch völlig geheimgehalten werden, da die rumänische Regierung die Tatsache dieses Gesetzes noch als' Wahlschlager benützen wollte. Durch eine Indiskretion wurde der versprochene Widerruf vorzeitig bekannt und die rumänische Regierung zog daher das Versprechen heute zurück. Die Verhandlungen mit Micescu führten zu keiner Applanierung, da er seinerseits drohte, Rumänien würde die Minderheitenverträge kündigen. Wahrseheinlich wird jetzt doch die Petition der Juden auf die Tagesordnung gesetzt und einem Dreier-Komitee, Sensationelle Mitteilung! Der Firma Leopold Lederer ist es gelungen, die weltbekannte Schokoladefirma G. & W. Heller zu bewegen, ihre vorzügliehen Qualitäten von Koch- und Speiseschokoladen nunmehr auch unter Aufsicht des Ehrw. Rabbinates der Adas Jisroel Schiffschul zu erzeugen. Versuchen auch Sie die כשר Heller-Schokolade. Alleinverkauf: Leopold Lederer, DL, Große Schiffgasse 16. bestehend aus einem französischen, einem englischen und iranischen Vertreter, überwiesen werden. * Wie Londoner Abendblätter aus Genf erfahren, ist seitens des Außenministers Eden und Außen״ ministers Delbos in Genf gegenüber dem rumänisehen Außenminister Miceseu mit Bestimmtheit darauf hingewiesen worden, daß beide Regierungen entschlossen seien, die Frage der rumänischen Judengese'׳zgebung direkt König Carol vorzulegen, falls Ministerpräsident Goga sich nicht bereit finden sollte, einer Modifizierung seines Programms zuzustimmen. Wie der König über das Problem denkt, geht aus folgender Meldung aus Genf hervor: König Carol empfing den europäischen Direktor des amerikanischen Nachrichtenbüros ״Associated Press". In der Unterredung erklärte der König, in Rumänien sei das jüdische Problem aktuell. Auf welche Weise dieses Problem gelöst wird, sei noch nicht ganz klar, aber der erste und wuchtigste Punkt der rumänischen Politik werde sein, unbedingt jedweden Gewaltmaßnahmen ׳gegen die Juden absolut auszuweichen. Auf die Frage, ob irgend ein Vorschlag für eine Massenausweisung oder die An- Siedlung der Juden in irgend einem anderen Weltteil existiere, antwortete der König, seine Regierung habe sich mit dem Studium dieser Frage noch nicht befaßt. Es käme uns sehr gelegen, wenn unsere Juden freiwillig abreisten, aber wir haben bisher die Möglichkeit einer Massenausweisung noch nicht studiert und niemand hat bisher an den Ort gedacht, wohin diese Juden reisen könnten. Für Rumänien ist es sehr schwierig, sich selbst mit dieser Frage zu befassen. Es würde eine internationale Aktion voraussetzen und bisher hat niemand für eine ähnliche Aktion die Initiative ergriffen. * Das Arbeitsministerium hat angeordnet, daß in Zukunft in Hotels, Restaurants und Kaffeehausbetrieben keine Juden und Ausländer beschäftigt werden dürfen. * Die Regierung bereitet ferner eine Verordnung vor, derzufolge in Zukunft allen fremden Juden, die über keine genügenden Geldmittel verfügen, das Betreten des rumänischen Bodens nicht gestattet wird. In Konstanza wurde zwölf Juden, die nicht über genügend Geld für einen mehrtägigen Aufenthalt in Rumänien verfügten, nicht gestattet, den Dampfer zu verlassen. » Eine Bukarester Meldung־ will wissen, daß die Konsularämter Oesterreichs, Ungarns und der Tschechoslowakei von ihren Regierungen die Weisung erhalten hätten, rumänischen Juden keine Visa zu erteilen. Eine Ausreise ist daher nur über Polen möglich. * Einzelne Lokalbehörden, so in Czernowitz, gehen bereits mit der Beschlagnahme des Vermögens der jüdischen Gemeinden vor. Eine ganz eigenartige Diskussion hat sich im Lager der Magyaren in Siebenbürgen entwickelt. Während gewisse Kreise sich der Juden annehmen wollen wegen ihrer Treue zum Magyarentum, verweisen andere darauf, daß die Juden Siebenbürgens ihrer früheren Gesinnung längst untreu geworden sind, sich um die Gunst der Rumänen bemühten und daher keine Unterstützung verdienen. * Eine Gruppe rumänischer Juden hat an die rumänische Regierung und gleichzeitig an das Völkerbundssekretariat ein Gesuch gerichtet, daß die Bereitstellung eines Territoriums in einer der schwach bevölkerten Kolonien für eine jüdische An- Siedlung fordert. Diese Bestrebungen sind von den rumänischen Regierungskreisen günstig aufgenommen worden. Der rumänische Minister- Präsident Goga hat den Führer der Gruppe, Willmann, in Audienz empfangen und ihm die Prüfung seiner Vorschläge zugesagt. Die rumänischen nationalistischen Kreise begrüßen diese jüdische Initiative um so mehr, als sie glauben, daß die Verantwortung für eine internationale Lösung der Judenfrage damit auf die Westmächte falle, die die notwendigen Territorien für eine Kolonisation der Juden besäßen. Die nach einem längeren Verbot wieder erscheinende Zeitung der Legionärbewegung Codreanus, ״Cuvantul“, erklärt, der neuen rumänisehen Judengesetzgebung hafteten noch gewisse Unklarheiten an. Die antijüdisehen Maßnahmen in anderen Staaten hätten sich gegen die Juden als Rasse gerichtet. In Rumänien sei die Frage der getauften Juden noch nicht berücksichtigt worden. Dies sei um so eher notwendig, als in letzter Zeit viele Juden um die Taufe nachgesucht hätten. Antisemitismus in Italien Ke ״Wiener Zeitung“ schreibt in einem Berieht aus Rom: Seit einem Jahr ist der Antisemitismus zu einem Thema geworden, das in der faschistisehen Presse regelmäßig wiederkehrt. Bis sind auch Bücher erschienen, sogar die ״Gespräche der Weisen von Zion“ wurden jüngst in italienischer Uebersetzung veröffentlicht. In Verwaltung und Wirtschaft verringert sich der Anteil von Juden in leitenden Stellen. Das alles erscheint nicht wert, daß man großes Aufheben davon macht; denn es ist belanglos gegenüber dem, was in anderen Ländern vorgeht. Aber ganz ohne Interesse ist es doch nicht, einmal weil es vorher in Italien Antisemitismus so gut wie überhaupt nicht gab, es sei denn einen rein religiösen Antisemitismus, dem man gelegentlieh in katholischen! Bürgerkreisen begegnet, zum andern, weil die öffentliche Aussprache durchaus einseitig ist, nur antisemitisch ist, ohne daß die Juden Gelegenheit hätten, darauf zu antworten. Vielleicht ist es auf das Fehlen der Antwort zurückzuführen, daß die antisemitische Propaganda bisher nur sporadisch bleibt. Auf alle Fälle ist ihre Wirkung auf die Stimmung im Volke nicht groß. Die italienische Nation gehört nach wie vor nicht zu den antisemitischen. Völkern. Es kann keinen eindeutigeren Beweis dafür geben, als daß sich auch Mussolini bis in die letzte Zeit gegen den Antisemitismus ausgesprachen hat. Was hat also diese Propaganda für einen Sinn? Unter den Führern des Risorgimento und der Irredenta war die Zahl der Juden nicht gering, während des Weltkrieges haben sie alle ihre Pflicht getan, der Faschismus hatte von seinen ersten Anfängen an viele Juden in seinen Reihen. Der Umschwung heute ׳kann nur aus einer anderen Richtung, von außen also, bewirkt worden sein. In der Tat ist dieser italienisehe Antisemitismus von heute nichts anderes als ein Mittel im außenpolitischen Kampf, :und zwar ein solches, das nach vielen Seiten verwendbar ist. Selbstverständlich verstärkt er die Tragfähigkeit der Achse nach, Berlin, selbstverständlich zieht er die Sympathien von Jugoslawien und Rumänien an. Aber mindestens ebenso wichtig ist er für die italienische Kolonialpolitik, die unmittelbar nach der Niederwerfung der Senussen in Libyen islamfreundlieh wurde, um die Freundschaft der arabischen Könige warb und die die Mohammedaner in Aethiopien gegen die islamitischen Abessinier ausspielt. Die proarabische Politik hätte aber die projüdische Politik früherer Jahre nicht verdrängt, wenn nicht der Gegensatz zu England die ganze italienische Politik beherrschte. Von ihm ist der entscheidende Anstoß zur antisemitischen Politik ausgegangen. Ganz anders ist das Verhalten des Vatikans. Das Organ desselben, ״Osservatore Romano“, polemisiert in einer umfassenden Untersuchung gegen die Rassentheoretiker, die unter Verhimmelung eines ״nordischen Menschen“, der nur hervorragende Eigenschaften aufweise, sich in abfälliger Weise gegen den sogenannten ״Mittelmeermenschen“ aussprechen. ״Osservatore Romano“ wirft sodann die Frage auf, ob tatsächlich alle großen Eigenschaften nur den nordischen Rassen zuzuschreiben seien oder ob es nicht auch im alten Athen, Sparta und Rom, im Spanien des Mittelalters hervorragende Köpfe gegeben hätte. In einer langen Liste werden dann die Namen der großen Führer der Menschheitsgesehichte, u. a. Themistokles, Alexander der Große, Cäsar, Leonardo da Vinci, Prinz Eugen und Napoleon aufgezählt. Es habe keinen Sinn, auf den Inhalt gewisser diesbezüglich angestellter Vergleiche einzugehen, es genüge eine kurze geschichtliche Betrachtung, um zu beurteilen, daß die drei Rassentheoretiker Günther, Lenz und Claus keinen entschiedenen Beweis des wissenschaftlichen Ernstes ihrer Grundsätze geliefert hätten. Der Ursprung vieler langwieriger Krankheiten ist oft auf Schnupfen, Husten oder Verkühlungen zurückzuführen. Regelmäßige Massage mit dem Alpa-Franzbranntwerin beugt jeder Gefahr vor. Atea gibt es nur in plombierten Originalflaschen! Achten Sie daher beim Einkäufe darauf, daß Sie wirklich. Alpa bekommen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.