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Jüdische Presse · 1938-01-28 · 4 (28.1.1938) · page 2

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Journal
Jüdische Presse
Volume
24 (1938)
Issue
4 (28.1.1938)
Date
1938-01-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE PRESSE Nr, 4 heit, sein, durch administrative und organisatorische Maßnahmen eine solche zentrale Ausländerevidenz zu schaffen. Da diese Frage bei der Beratung des Fremdengesetzentwurfes eine erhebliche Rolle gespielt hat, ist anzunehmen, daß nach der Erlassung des Fremdengesetzes an die Errichtung der Zentralevidenz geschritten werden kann. Die antisemitische Presse, besonders die ,,W. N. Nachrichten“, setzt inzwischen die Hetze gegen die ,,fremden Juden“ fort und tischt immer das Märchen auf, daß Oesterreich von der Gefahr bedroht ist, von jüdischen Flüchtlingen aus Rumänien überschwemmt zu werden. Das erwähnte Blatt weiß sogar zu melden, daß solche Flüchtlinge bereits in großer Anzahl nach Wien ,,eingeschmuggelt“ worden sein sollen, wobei ihm der Lapsus unterläuft, zu erzählen, daß man diese angeblich ,,Zugereisten“ nicht nur an ihren Ghettotrachten, sondern auch daran erkennt, daß sie sieh der rumänischen Sprache bedienen, ohne zu bedenken, daß die Umgangssprache dieser Juden in der Regel die jiddische ist. Aber Fast zur gleichen Zeit, da sich das Dritte Reich anschiekt, die fünfte Jahreswende seines Erstehens mit, dem von ihm bereits gewohnten Tamtam zu feiern, trat in Rumänien, in dem ס ק ו ם מובן ל פ ר ע נ י ו ת von jeher — ein Umbruch ein, der dem deutschen vorn Jahre 1933 wie ein Ei dem anderen ähnlich sieht. Diese in Ziel und Ursache vollständige Aehnlichkeit muß dem denkenden und fühlenden Juden zwingen, einen Rückblick auf die Methoden zu werfen, welche das über Nacht tiefelend gewordene Judentum in Deutschland, in erster Linie aber das Gesamtjudentum der ganzen Welt anzuwenden für richtig befand, um das Unglück, welches die nationalsozialistische *) Wir bringen diesen Aufsatz, glauben aber, daß dieses komplizierte Problem nicht so eindeutig behandelt werden kann. Es gibt da allerhand pro und contra. D. R. logisches Denken war nie die starke Seite der Judenhetzer. Der Aufsatz ״Neues Fremdenrecht“ in der ״Jüdischen Presse“, Nr. 1, hat den ״Wiener Neuesten Nachrichten“ Veranlassung zu einer gehässigen Polemik gegeben. Das Blatt bezeichnet es als ein ״plumpes Manöver“, geplante Aenderungen eines Fremden gesetzes, das sieh auf nach Oesterreich eingewanderte Ausländer bezieht, mit den staatsbürgerlichen Rechten der österreichischen Juden und einer mögliehen Beeinträchtigung dieser Rechte in Zusammenhang zu bringen. Das den Nazi sehr nahestehende Blatt übersieht aber dabei, daß es seit Jahr und Tag gegen die Juden im allgemeinen eine Hetzkampagne führt, und darf sich daher nicht wundern, wenn die Juden in jeder Maßnahme, die gegen ihre Glaubensgenossen getroffen wird, nur Vorläufer weiterer sieht, die sich auch auf die jüdischen Staatsbürger in Oesterreich erstrecken würden . . . Man kennt zur Genüge die Hintergründe dieser Hetze und muß deswegen doppelt vorsichtig sein. Durchdringung des Deutschen Reiches für unsere dortigen Brüder mit sich brachte, nach Möglichkeit zu dämpfen und der großen Gefahr zu begegnen, welche das von Deutschland gelieferte böse Beispiel für das Weltjudentum bedeutete und auch noch heute zweifellos bedeutet. Dieser Rückblick, respektive dessen Ergebnis wird uns schließlich darüber belehren müssen, ob es im Interesse der Gesamtjudenheit und des rumänischen Judentums selbst geraten erscheint, diese Methoden auch angesichts der rumänischen Katastrophe beizubehalten oder selbe als untaugliche und unzweckmäßige endgültig zu verwerfen ,und gegen andere, mehr Erfolg versprechende auszutauschen. Auf die Gefahr hin, nun mit meiner Fest- Stellung den übrigens ganz grundlosen und un- ן berechtigten Vorwurf auszulösen, daß es leicht j und bequem ist, aus kugelsicherem Unterstand j Tapferkeit und kühle Abwägungen zu predigen, j muß im Interesse unseres hartgeprüften Volkes offen gesagt werden, daß das Judentum schlecht beraten war, als es mit Außerachtlassung des von unseren Alten aufgestellten Axioms. תחילת נפילה - ניסה, daß die Flucht der Beginn und die Einleitung einer unverhütbaren Niederlage bedeutet, eingriff, um die deutschen Juden aus dem Lande, dem sie ein Jahrtausend hindurch die schwersten Opfer au Gut und Blut brachten, allmählich zu evakuieren, respektive die wenn auch nicht allgemein gutzuheißenden, so doch leicht begreiflichen Auswanderungsgelüste der unmittelbar betroffenen deutschen Juden mit dem Aufgebote aller Kräfte zu fördern. Denn abgesehen davon, daß diese Evakuierung unsere deutschen Brüder größtenteils vom Regen in die Traufe führte und außerdem den ohnehin schweren Lebenskampf, den die Juden allenthalben auszukämpfen haben, noch um ein Bedeutendes erschwert, bedeutet sie eine Gefahr, die das ganze jüdische Volk in seinem Fortbestände zu bedrohen vermag. Es muß mit aller Deutlichkeit gesagt werden, was übrigens nicht bloß die Juden solcher Länder, wo Judenhaß blindwütig toDt, sondern auch die Juden, die glücklicherweise 111 solchen Ländern beheimatet sind, die allgemein und mit Recht als Oasen in der Wüste des Antisemitismus gelten, bestätigen können, daß die blutrünstige Bestie des Judenhasses auch dort in der Brust der allgemeinen Volksmassen schlummert, wo sie im Gegensatz zu den antisemitisch regierten Staaten von den verantwortliehen Staatslenkem geradezu in den Schlaf gelullt wird. Heißt es nicht, dieses nicht genug lobenswerte Bestreben der Staatsmänner, welche selbst heute noch nicht Herz und Kopf verloren haben, bedeutend erschweren, wenn den urteilsunfähigen, dem Haß aber leicht zugängliehen Massen auf Schritt und Tritt Juden begegnen und von überall existierenden Hetzern Juden gezeigt werden, die als Folge eines aktiven Antisemitismus ihr altangestammtes Vaterland verlassen mußten? Liegt nicht die Annähme allzu nahe, daß der Antisemitismus von oben, wie wir ihn jetzt in Polen und Rumänien sehen, nie so unverhüllt sein Gorgonenhaupt erhoben hätte, wenn eine vernünftigere Taktik gegenüber der nazistischen Politik in Deutschland den polnischen und derzeitigen rumänischen Die Lehren des Lustrums nazistischer Herrschaft in Deutschland Von Samuel Reiner, Presov.*) Der Rabbi von Komarno und General PaszRieuicz Eine chassidisohe Erzählung. Bearbeitet von J. Kreppe! Es war im Jahre 1849. Oesterreich befand sieh seit etwa zwei Jahren in einem inneren Revolution.■!- kampf. In Galizien, in Böhmen, in Wien wurden Revolutionen angezettelt und versucht, den Kaiser und das Regime zu stürzen. In Mailand und Venedig kam es zu einer offenen Revolution und nur dank Radetzkys konnte der Kaiser siegen. Au schwersten waren jedoch die Kämpfe in Ungarn, wo unter Lud- Wig Kossuth ein förmlicher Krieg gegen die Herr- Schaft des Kaisers geführt wurde und dieser sogar als abgesetzt erklärt worden ist. Während es der kaiserlichen Armee überall gelungen ist, der Revolution Herr zu werden, reichten ihre Kräfte gegenüber Kossuth nicht mehr aus und der Kampf zog sich in die Länge. So mußte sich denn der Kaiser entschließen, seinen Freund, den Zaren Nikolaus L, um Hilfe anzugehen. Dieser sagte auch die erbetene Hilfe zu und eine ganze Armee, unter dem Kommando des Generals Paszkiewicz setzte sich über Galizien in Marsch gegen Ungarn. Da es damals im Lande noch keine Eisenbahnen gab, legten die Russen den Weg in Fußmärsehen zurück, müßten oft Rasttage einschalten und in verschiedenen Städten Quartier nehmen. Sie sind über Ost- und Mittelgalizien einmarschiert und nahmen ihren Weg Uber den Duklapaß nach Ungarn. Fast alle galizisehen Städte und Städtchen, die sie passierten, hatten Gelegenheit, größere oder kleinere Abteilungen für einige Tage aufzunehmen. Eine solche Abteilung ist auch in Komarno eingerückt, ln der Nähe dieser Stadt weilte auch General Paszkiewicz als Gast des Grafen Lanckoronski. Es war gerade am Lag-Beomer, als die Russen eingezogen sind, und schon am ersten Tage ihres Einzuges kam es zu einem ernsten Zwischenfall, der für die Juden große Gefahren hätte bringen können. In Komarno lebte damals der berühmte Rabbi Eisikel s. Z. 1., der Begründer der Komarnoer Rabbi- Dynastie Safrin, die bis auf den heutigen Tag dort residiert. Rabbi Eisikel war ein heißer Österreich!- scher Patriot und während der Revolutionsjahre wurde in seiner Klaus täglich ein besonderes Gebet für den Sieg des Kaisers verrichtet. Am Vortage des Lag-Beomer versammelte der Rabbi seine Chassidim um sich und befahl ihnen 1 für den nächsten Tag hölzerne Bogen und Pfeile anzufertigen, wie dies gewöhnlich für diesen Tag seitens der Jugend zu geschehen pflegte. Morgen — fügte der Rabbi hinzu — werden diesmal wir Erwachsenen uns auf der Wiese hinter dem Stadtwald versammeln und die Pfeile abschießen als Symbol, daß wir diese gegen die Feinde des Kaisers richten, damit er sie raschestens besiege. Am Lag-Beomer traten tatsächlich die Chassidim den Marsch an und schassen stundenlang immer wieder die Pfeile ab, bei jedem Abschuß erklärend, die Geschosse mögen die Feinde des Kaisers treffen. Rabbi Eisikel beteiligte sich zunächst auch persönlich an diesem symbolischen Krieg. Als er jedoch infolge der gerade an diesem Tage herrschenden großen Hitze müde wurde, zog er sieh in den Wald zurück, um ein wenig auszuruhen und verfiel dort in einen tiefen Schlaf. Als die Russen anrückten, bemerkte ihr Führer das Treiben der Juden. Das Ganze kam ihm verdächtig vor. Gab es doch im letzten Jahre auch seitens der Polen Aufstandsversuehe gegen die Herrschaft des Kaisers, die mit Feuer und Schwert unterdrückt werden mußten. Wer weiß, was diese ״Kriegsübungen“ der Juden zu bedeuten hätten? Vielleicht bereiten sie sich für einen Aufstand vor? Und so ließ der Führer die Juden umzingeln und trotz ihrer Proteste einsperren. Er selbst begab sieh zum Kommandanten, um ihm über den Vorfall Bericht zu erstatten. Als Rabbi Eisikel erwachte und sich ■wieder zu seiner Chassidimgemeinde begab, fand er die Wiese menschenleer. Von einer großen Unruhe erfaßt, eilte er in die Stadt, wo er über den Vorfall informiert wurde. Er suchte sofort den Bezirkshauptmann auf, erklärte ihm den Grund der ״KriegsUbung" und verlangte die Freilassung seiner Anhänger. Während der Bezirkshauptmann, der ja die Juden gut kannte und sicher war, daß sie keinen Aufstand planen, bereit war, die Verhafteten freizulassen, wollte das russische Militärkommando ohne ausdrücklichen Befehl des Generals Paszkiewicz keine Entscheidung treffen. Der General sollte aber schon am nächsten Tage seine Reise fortsetzen. Wird er nicht mehr in der Nähe sein, müßten die Verhafteten noch sehr lange im Kerker schmachten. Ohne viel naehzudenken, ließ der Rabbi, obwohl es bereits Abend geworden war, einen Wagen ansparmen und begab sich persönlich zum General, i Als er dort anlangte, war es bereits ziemlich spät. Der General saß im Kreise der gräflichen Familie beim Kartenspiel und sein Adjutant wollte den Rabbi gar nicht vorlassen, um seinen Herrn nicht zu stören. Einen Moment lang stand Rabbi Eisikel ratlos da. Aber bald raffte er sich auf, schob den überraschten Adjutanten zur Seite und drang in den Salon des Schlosses ein. Aufs höchste ob der Störung und des unangemeldeten Eintretens empört, sprang General Paszkiewicz auf. überschüttete den Rabbi mit den heftigsten russischen Flüchen, klingelte nach dem Adjutanten und befahl ihm, den Frechling auspeitschen zu lassen. Rabbi Eisikel ließ sich jedoch nicht einschüchtem und trotz allen Fluchens und Schimpfens des Zarengenerals vermochte er. diesen über den Vorfall zu informieren. General Paszkiewicz lachte boshaft. ״Ja, ein schönes Märchen erzählst du mir da, verfluchter Jude! Wir kennen euch zur Genüge, eure Schliche und Lügen'.“, schrie er. Schon wollte der Adjutant den Rabbi abführen, als dieser sich noch einmal an den General wandte und diesem zurief: ״Herr General! Sie sind dazu ausersehen, den großen Sieg über die Feinde des Kaisers zu erringen — wenn Sie aber Ihr Gewissen mit einem Unrecht belasten, werden Sie Ihre Mission nicht erfüllen können... Es handelt sich nicht um meine Wenigkeit, sondern um die Sache des Kaisers!“ Das feste Auftreten des Rabbi imponierte dem General. ״Also, gut“, sagte er nach einigem Nachdenken, ״ich lasse dich und deine Juden frei. Aber wehe euch, wenn ich nicht als Sieger heimkehre ... Da werde ich an euch blutige Rache nehmen!“ Einjge Monate später konnte General Paszkiewicz, nachdem die letzte ungarische Revolutionsarmee bei Vilagos vor den Russen die Waffen streckte, dem Zaren die Botschaft übermitteln: Ganz Ungarn hegt zu Füßen Eurer Majestät! Gleichzeitig aber entsendete er auch einen Boten nach Komarno mit einem Goldstück an Rabbi Eisikel als Anerkennung dafür, daß er ihm diesen Triumph vorausgesagt hatte.

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