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Jüdische Presse · 1938-01-21 · 3 (21.1.1938) · page 4

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Journal
Jüdische Presse
Volume
24 (1938)
Issue
3 (21.1.1938)
Date
1938-01-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE PRESSE Nr. 3 Gedenken wir derer, die den Scheiterhaufen bestiegen, damit das ganze jüdische Ideal den Nachfahren, diesen Nachfahren erhalten bleibe. Die Menschheit würde es dem jüdischen Volke nicht danken, wenn es zurückkehrt, um selbst alles nachzuahmen, was im Laufe der Jahrtausende sich an staatlichem Mißbrauch, an staatlicher zügelloser Selbstanbetung in den Ländern der Erde entwickelt hat. Die Menschheit wird sich aber eines Besseren besinnen, wenn wir, dem Rufe der Thora getreu, das durchführen, wofür wir durch alle Jahrtausende hindurch berufen waren. Wir׳ fühlen uns aber als Aguda auch keinesvvrgs davon dispensiert —- auch abgesehen von dieser Grundidee, mit der wir hinaustreten in die ganze jüdische Weit uns Sorgen zu machen mit allen anderen Gruppen und Parleien des jüdischen Volkes, daß nicht dieses jüdische Staat ״unternehmen zu einem unverantwortbaren Abenteuer wird. Daß nicht, ganz abgesehen von der Frage der Rettung des G'ttes- Volkes, der Staat zu einer Lebensgefahr für das jüdische Volk werde. Wir stellen uns dabei keineswegs auf den Boden der Negation, wenn unsere Bedingungen erfüllt sind Wir verlangen, daß nicht eine einzelne Partei, obgleich sie vom Mandat als alleinige Vertreterin des jüdischen Volkes in palästinensischen Angelegenheiten anerkannt wird, wir verlangen, daß nicht die zionistische Partei allein entscheide. Die Resolution der Kenessio Gedaulo sprach es mit Deutlichkeit aus, daß die Orthodoxie, die Agud&s Jisrocl, das Mandat dazu verlangt, um nach ihrer Grundidee in Erez Jisroel einen Staat zu schaffen, der die unbehinderte Einwanderung und jüdischen Bodenerwerb sichert. Es ist ein- .fach nicht wahr, daß die Möglichkeiten solcher Formen bereits ausreichend geprüft und erschöpft sind. Es gilt eine Reihe von Vorschlägen berufener Persönlichkeiten, die noch nicht beachtet sind und die die Möglichkeit verheißen, durch eine mündliche Aussprache mit dem arabischen Volke und einer vernünftigen Heran- Ziehung des Mandats und militärischer Sicherung eine neue Form der Besiedlung zu schaffen. Wir sind auch keineswegs zu stolz, mit den anderen in Verhandlung zu treten und werden auch nicht zu stolz dazu sein. Es gibt nichts, was uns hindert, mit den anderen Parteien zu verhandeln, damit das jüdische Volk nicht in ein neues gefährliches Abenteuer hineingejagt wird. Wir werden weiter mit ihnen an einem Tische sitzen und ich möchte nur meinen Wunsch aussprechen, daß bei dieser Zusammenarbeit die Jewish Agency vernünftig genug sein möge, um cinzusehen, daß, wenn sie nur auf einseitigen Monopolen beharren wollte, der Fluch des ganzen jüdischen Volkes die Konsequenz sein wird. Nur dann, wenn alle Gruppen, die an Erez Jisroel interessiert sind, herangezogen werden, um den Willensausdruck in dieser Staatsgründungsfrage zum Ausdruck zu bringen, nur dann kann eine Entscheidung zustande kommen, die vor dem Gewissen der Weltgeschichte verantwortet werden kann. Das ungefähr ist die Tendenz der Beratungen, die in diesen Tagen abgehalten wurden und der Beschlüsse, die über dieses Problem gefaßt wurden. Sie sehen daraus, daß der Gedanke der Agndas Jisroel keineswegs zu der lächerlichen Konsequenz führen konnte, daß wir uns nicht für das Schicksal der jüdisehen Gesamtheit interessieren. So werden wir in Zukunft in allen Fragen unseres Volkes, wie in dieser Frage mit allen Juden zusammenarbeiten, die es ehrlich meinen mit dem Wohl und Wehe des jüdischen Volkes und die uns die Möglichkeit geben, das Wort und die Forderung der Thora in öffentlicher Gesamtarbeit zur Geltung zu bringen. Es gibt eine Gruppe innerhalb der Zionistischen Organisation, die ebenfalls den Wunsch hat, die Forderungen der Thora zur Geltung zu bringen. Diese Gruppe ist bei der Kenessio Gedaulo mit dem Wunsch und mit der Aufforderung an uns herangetreten, zu prüfen, ob es nicht möglich ist, in dieser schweren Zeit in gewissen Fragen eine einheitliehe Front zu bilden. Obgleich wir aus Gründen, die ich hier nicht erörtern möchte, es für außerordentlich schwierig halten, auch nur j in einzelnen Fällen eine solche Einheitsfront ן herbeizuführen, so glauben wir es doch nicht; verantworten zu können, keine Verhandlungen zu führen. Wenn sie aus technischen Gründen jetzt nicht zustande gekommen ist, so wird sie später zustande kommen ... Mit der Zustimmung des Nosi, des Rabbinischen Rates, haben wir diese Forderung beantwortet und haben die Vertreter eingeladen, eine Zusammenkunft zu veranstalten. Ich betone, daß namentlich dann, wenn es etwa, was heute nicht gerade in allzuhohem Grade von Wahrscheinlichkeit ist, wenn es zu einem jüdischen Staat kommen sollte, daß dann ein Zusammenarbeiten mit dieser Gruppe zur Erreichung der religiösen Forderungen eine Selbstverständlichkeit sein würde. Ich komme nun zum zweiten Problem, das ich herausheben möchte, und das ist das große Problem der Auswanderung und Siedlung. Wir wissen, daß man diese Bestrebungen mit großen Mitteln fördern will. Mit Recht hat ein großer englischer Politiker dieser Tage die Bemerkung gemacht, die Schwierigkeiten, die einer Aus- Wanderung jüdischer Massen überhaupt im Wege stehen, werden vielfach übertroffen von dem ungeheuren geistigen und religiösen Verlust, der mit einer Auswanderung aus östlichen Ländern einhergeht. Wir halten es für ein Verbrechen, verzeihen Sie den starken Ausdruck, daß angesichts der gegenwärtigen Lage des jüdischen Volkes noch immer sechs, sieben oder acht verschiedene Organisationen an der Lösung des Wanderungs- und Siedlungsproblems herumdoktern sattt daß sie sich an einen Tisch setzen und eine Lösung herbeiführen. Schuld daran ist nichts anderes als ein sittliches Manko. Es ist Ueberheblichkeit der großen Organisationen, die glauben, sie seien sich selber genug, und die einer Zusammenarbeit hartnäckigen Widerstand entgegensetzen. Wohin sollen die Juden gehen, wenn die Grenzen ihrer Nachbarländer geschlossen sind, wenn die großen, politisch gesicherten Gebiete aus purem Mißverständnis jüdischen Siedlungen verschlossen sind? Sie rufen einerseits nach Menschen, auf der anderen Seite sucht man britische Einwanderer, die aber nicht kommen, weil die englischen Arbeitslosen viel lieber in England bleiben. Hätten wir ein einheitliches jüdisches Siedlungsamt, der gesamte politische Einfluß, das gesamte Ansehen der Judenheit stünden viel besser. Ich bin überzeugt, daß Verhandlungen mit der britischen Regierung hinsichtlich einer Einwanderung nach Australien, Kanada usw. nicht ganz ohne Hoffnung und ohne Aussicht auf Erfolg sind. Sie dürfen nicht glauben, daß wir uns allein mit diesen beiden Fragen beschäftigt haben. Es waren auch die Aufgaben der Er- Ziehung der Knaben und Mädchen, daß sie aufrecht bleiben können in dieser Zeit der Not. Gibt es ein stärkeres Mittel, das das jüdische Volk aufrecht erhalten kann, ein anderes als die Thora? Die Aufrechterhaltung der Talmud Thoras und Jeschiwos und Beth Jakob-Schulen, die nicht verschwinden dürfen hinter den Probleanen des Tages, das Hinaustreten ins Volk, um großerzieherisch zu wirken, der Aufbau von Erez Jisroel, all das war der Inhalt der Tage und Nächte unserer Beratungen und ich hoffe, wenn Sie alles gehört haben von meinen Kollegen, was sie erfüllt an Sorgen und Hoffnung, daß alle sagen, ich gelobe mir, jeden Splitter meiner Kraft auf dem Altäre meines Volkes darzubringen, auf dem die Opferflamme der Hingebung, aufgeopfert, dargebracht von der Agudas Jisroel, zum Himmel emporloht. Herr I. M. Lew in (Warschau) legte die Grundzüge der Aguda dar und betonte, daß diese wohl die jüdisch-orthodoxen Massen für!sich gewannen, jedoch nur ideologisch. Sie müßten aber auch praktisch hiefür gewonnen werden. Dazu gehören viel Arbeit und materielle Mittel. Das Heilige Land müsse heilig erhalten bleiben. Wenn unsere Brüder nach dem Churban des Bajis Rischon sich auf Admath Nechor weigerten, dort die ״Schire Zion“ zu singen, so dürfen heute auf dem heiligen Boden in Erez Jisroel keine Schire Nechor ertönen. Rabbi Mosche Blau (Palästina) schilderte die Lage in Erez Jisroel in materieller und religiöser Hinsicht. Seine Mitteilungen über einen Versuch des Histadruth-Führers in Tel-Aviv, die jüdischen Hafenarbeiter zur Arbeit am Schabbos zu zwingen, lösten bei den Versammelten Entrüstungsrufe aus. Rabbiner K a t z (Litauen) verwies auf die Notwendigkeit des Thora-Studiums. Dr. Vittenberg (Riga) behandelte das religiöse Problem im Zusammenhang mit den Zeitfragen, Als Schlußredner betonte Dr. I. Breuer, daß wenn dais religiöse Leben im Heftigen Lande noch so viel zu wünschen übrig lasse, dies nicht zum geringsten Teile die Schuld der Orthodoxen ist, die nicht genug aktiv sind und für die Arbeit der Aguda, für Keren Hajischuw, Keren Hathora usw., nicht genügend leisten. Hier kann nur intensive, energische Arbeit Abhilfe schaffen. In später Abendstunde fand die imposante Versammlung ihren Abschluß. Die Ereignisse in Rumänien Das Bild, das die Meldungen aus Rumänien aufscheinen lassen, ist noch immer nicht völlig klar. Eines aber ist sicher, die dortigen Juden gehen sehr schweren Zeiten entgegen, wenn nicht bald Abhilfe geschaffen wird. Die Intervention der Westmächte sowie die Protestkundgebungen aus der ganzen Kulturwelt haben wohl die neuen Machthaber veranlaßt, ihren Kurs ein wenig zu bremsen. Leider erhalten sie merkwürdigerweise Schützenhilfe nicht nur aus dem Dritten Reiche, sondern auch aus Italien. Daß Italien politisch an der Umwälzung in Rumänien interessiert ist, kann angesichts der internationalen Situation begreiflich erscheinen. Daß aber führende italienische Blätter dazu benützt werden, für die Judenpolitik des Regimes Goga-Cuza eine Lanze zu brechen, das ist sicherlich überflüssig und wenig angebracht. Um dem neuen Regime den Rücken zu starken, hat sich der Direktor des ״Giomale d’Italia", Virginio Gayda, nach Bukarest begeben, wo er sowohl vom König, als auch von den Mitgliedern der Regierung empfangen wurde. Seine | Berichte sind propagandistisch im Sinne des neuen! Regimes gehalten. Daran könnte man nichts; finden — aber Gayda ließ sich auch als Werkzeug der Judenhetze mißbrauchen — und das ist tief bedauerlich. Es tut im Herzen weh, den Direktor des ״Giornale d’Italia'‘ in dieser Gesellschaft zu sehen. ״Giomale d’Italia“ (17.), veröffentlicht nämlieh an leitender Stelle einen sehr langen Eigenbericht aus Bukarest, worin Gayda mit sensationellen Ziffern die jüdische Frage erörtert, die von der neuen Regierung Goga aufgerollt worden ist. Von der Gesamtbevölkerung Rumäniens, von ungefähr 18 Millionen Einwohnern, schwankt die Zahl der Juden insgesamt nach den verschiedenen Berechnungen zwischen 800.000 und!1/2 Millionen. Obwohl die Juden eine Minderheit sind, beherrschen sie doch mehrere wesentliche Zweige des nationalen Lebens des Landes, vor allem die Industrie, den Handel, das Gewerbe und die freien Berufe. Beispielsweise werden 65 Prozent der insgesamt 1015 in Rumänien bestehenden Aktiengesellschaften mit einem Kapital von 3700 Millionen durch jüdisches Geld und durch jüdische Leiter kontrolüert. 29 von insgesamt 35 Milliarden Lei, die in Bukarester Häusern von 1926 bis 1936 investiert wurden, gehören Juden. Von 258.000 Angestellten der verschiedenen Staatsämter (?) sollen 173.000 Juden und nur 39.000 Rumänen sein, in Bukarest sollen von 14.300 Angestellten in Banken und Handelsfirmen 11.200 Juden und 1964 Rumänen sein. In Bukarest zählt man von 3475 Advokaten 1390 Juden. Bei den ersten Ingenieuren und Architekten im ganzen Lande übersteigt der jüdische Prozentsatz 65 Prozent. An der Bukarester Börse sind von 142 Borseberechtigten 139 Juden und 3 Rumänen. Nicht nur in der Hauptstadt, sondern auch in mehreren Städten der Bukowina, Bessarabiens und Siebenbürgens sind rumänische Anwälte, Aerzte und Ingenieure gezwungen, ihre Büros zu schließen, da die Mehrzahl ihrer jüdischen Klientel sich nur an Juden wendet. Außerdem ist der jüdische Einfluß auch in der Presse, im Theater und im Filmwesen sehr fühlbar. Das Blatt hebt die wachsende Unzufriedenheit unter den Bauern, Handwerkern, Intellektuellen und Politikern rumänischen Volkstums gegen die Juden hervor und schließt, daß die von Goga angekündigte und teilweise bereits verwirklicht^ antisemitische Politik keine Improvisation in letzter Stunde, sondern die Verwirklichung einer tiefen nationalen Bewegung sei.

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