Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 24 (1938)
- Issue
- 3 (21.1.1938)
- Date
- 1938-01-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 JÜDISCHE PRESSE Seite 5 Dieser tendenziöse Bericht wird noch dazu von der ״Agenzia Stefani“ verbreitet, um auch der Weltpresse zugänglich gemacht zu werden. Hat man in Rom kein Verständnis dafür, daß damit nur Unheil angerichtet werden muß? Außenminister Miceseu über die Judenfrage Gleichzeitig bemühen sich die neuen Machthaber in Rumänien, auch auf andere Weise ihre Judenpolitik zu beschönigen. Der in Genf weilende Außenminister Micescu erklärte in einer Unterredung mit dem dortigen Vertreter des ,.Prager Tagblatt“ zur Frage der jüdischen Minderheit u. a.: ״Man müsse in dieser Hinsicht eine Reihe von Mißverständnissen zerstreuen und einer Propaganda im Ausland entgegentreten. Auch in dieser Frage steht Rumänien ganz und gar auf dem Standpunkt der bestehenden Verträge. Es handelt sich einzig und allem um eine Säuberung im eigenen Haus. Sie betrifft nicht jene Personen, deren Anwesenheit in Rumänien in irgend einem Vertrag gewällrleistet ist. Es gibt aber in Rumänien eine ganze Reihe von Personen, deren Anwesenheit einer Prüfung unterzogen werden muß. Es sind Gäste Rumäniens, nicht Leute, die auf dem Boden Rumäniens geboren wurden, Verträge mit dem Ausland schützen Rumänien, nicht aber Gäste, deren Frage wir selbst lösen müssen. Ich würde eine offene Aussprache hierüber in Genf begrüßen. Ich bin bereit, jede Auskunft vor dem Genfer Forum zu erteilen, und stelle nur die Bedingung, daß Frage und Antwort sich im Rahmen des Völkerbundpaktes halten. Es wird sich dann ergeben, daß dieser Fragenkomplex eine rein innere Angelegenheit Rumäniens ist. von der kein auf rumänischem Boden Geborener betroffen wird und die keinen Pakt mit dem Ausland tangiert.“ Die Maßnahmen der Regierung Ueber die Maßnahmen der Regierung gegen die Juden weiß das ״Siebenbürgisch-üeutsche Tageblatt“ vom 14. zu berichten: Der Ausschuß zur Ueberprüfung der Staatsbürgerschaft, die seit 1918 zuerkannt wurde, bearbeitet gegenwärtig die Lage jener Ausländer, die auf Grund der beim Justizministerium eingereichten Gesuche seinerzeit naturalisiert wurden. Nach Beendigung dieser Arbeit werden die Listen der Einbürgerungen überprüft, die auf Grund des Dekretgesetzes von 1918 durch Gerichtsentscheidungen in den einzelnen Komitaten verfaßt wurden. Mit der Aufstellung dieser Listen befassen sich gegenwärtig die Kanzleien der Gerichtshöfe. Die Bukarester Rechtsanwältekammer will bekanntlich die jüdischen Mitglieder der Kammer ausschließen. Die Kammermehrheit und daher die Leitung ist schon seit Jahresfrist nationalistisch. Da die Regierung in dieser Frage bisher nichts unternahm, versuchte die Kammerleitung von sich aus irgend etwas zu tun, ist aber über Vorerhebungen nicht hinausgekommen. Nun erschien heute eine Abordnung der nationalistischen Anwälte beim Justizminister Radulescu-Mehedintz und legte ihm ihre Wünsche dar. Der Minister kündigte an, daß in einigen Tagen ein Dekretgesetz folgen werde, mit dem alle Rechtsanwälte, die von der Kammer wegen irgendwelcher Vergehen verurteilt wurden, in Hinkunft von der Berufsausübung ausgeschlossen werden sollen. Weiteren Meldungen zufolge soll in Bessarabien die Benützung der jiddischen Sprache in der Oeffentliehkeit verboten worden sein. Die jüdischen Bibliotheken in dieser Provinz wurden geschlossen und die Bücher beschlagnahmt. Es verlautet auch, daß mittelst Verordnung den Juden die Beschäftigung weiblicher Hausgehilfinnen unter 35 Jahren nach dem Muster, der Nürnberger Gesetze verboten werden soll. Das Programm Cuzas ״Berliner Börsen-Zeitung“ (18.) bringt eine Unterredung mit Cuza, der unter anderem erklärte: ״Unser Programm ist mit einem einzigen Wort gekennzeichnet — und dieses Wort lautet: ausscheiden! Wir wollen die Juden aus Rumänien entfernen und unser Volk von ihnen befreien! Ein Beispiel: Wir haben dieser Tage im Arbeitsministerium 200 jüdische Beamte vorgefunden. Wir werfen sie hinaus und ersetzen sie durch Rumänen. Und wenn Sie mich fragen, was mit diesen aus den Aemtero entfernten Juden geschehen soll, so antworte ich mit der Gegenfrage: Was ist bisher mit den Rumänen geschehen?“ Die ersten Ausweisungen Wie ״Az Est“ (18.) aus Bukarest meldet, haben die Ausweisungen aus Rumänien begonnen. Als erste wurden auf Anordnung des Arbeitsministeriums 600 polnische, jugoslawische und tschechoslowakische Staatsbürger ausgewiesen, die das Land in kürzester Frist verlassen müssen. Die Answeisungsdekrete Wie ״Universul“ (18.) mitteilt, ist das Dekret über die Annullierung der unrechtmäßig erworbenen Staatsbürgerschaften bereits ausgearbeitet. Die rumänischen Juden werden in drei Kategorien eingeteilt, und zwar in Juden, die im historischen Rumänien, in Juden, die in dem im Kriege eroberten Gebiet und in Juden, die im Ausland geboren sind. Die Aberkennung der Staatsbürgerschaften wird im Gerichtswege erfolgen. In besonderen Listen werden alle Personen eingetragen, deren Staatsbürgerschaft zu überprüfen ist. Diese Personen werden zu den einzelnen Bezirksgerichten vorgeladen weiden, wenn sie der Vorladung nicht Folge leisten, so wird dies als ein Verzicht der Staatsbürgerschaft angesehen. Gegen das Urteil des Bezirksgerichtes kann an das Landesgericht appelliert werden. Alle Personaldokumente müssen von den betreffenden Personen selbst beschafft, Matrikelzeugnisse der Rabbinate behördlich legalisiert werden. Petition an den Völkerbund ״Daily Telegraph“ meldet aus Genf, daß im Sekretariat des Völkerbundes zwei Petitionen eingetroffen sind, die den Völkerbund wegen der angekündigten Maßnahmen gegen die Juden in Rumänien anrufen. Die eine stammt von der Alliance Israelite, die andere vom Weltjuden-Kongreß. Kritik rumänischer Politiker Der frühere Finanzminister Madgearu hielt in Ilfov eine Rede, in der er jene Politiker verschiedener Parteien heftig kritisierte, die sich der Regierung angeschlossen haben. Alle Parteien Rumäniens seien nationalistisch gesinnt, der Unterschied sei nur. daß die einen rumänisch-national, die anderen antisemitisch seien. Auch wenn mart die Existenz einer Judenfrage in Rumänien zugibt, so rechtfertigt dies noch nicht eine antisemitische Haltung. Eine Regelung der Judenfrage sei gewiß notwendig, Sondermaßnahmen würden aber nur die Unfähigkeit erweisen, die Judenfrage im Rahmen der bestehenden gesetzlichen Ordnung zu lösen. H. Grün, II., Taborstraße 8 b, Tel. R-42-3-66, Atelier für feine Herrengarderobe. Zsdtetka&towGkii*) Staatspräsident Dr. Benesch über die Demokratie Bei einem Besuch im Akademischen Haus in Prag hat Staatspräsident Dr. Benesch eine An- Sprache an die Studentenschaft gehalten, in der er besonders auf die Bedeutung der Demokratie hinwies. Der Präsident sagte u. a.: ״Seien Sie äußerst kritisch und vorsichtig gegen all das, was Ihnen in der heutigen zerrütteten Welt von links und von rechts als messianische Theorie und als messianische Lösung der Schwierigkeiten der heutigen Welt in den Weg kommt. Darin liegt die große Stärke unserer Demokratie, daß sie aus den tiefen Voraussetzungen unseres Lebens, aus unseren stärksent nationalen Traditionen, aus unseren sozialen Strukturen, aus allen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen unseres Milieus hervorgeht. Die geistige Grundlage unserer Demokratie ist auf ein philosophisches und sittliches Prinzip begründet: Subjekt des politischen Lebens bei uns ist der Mensch, nicht die Partei, nicht die Klasse, und auch keineswegs nur das Volk, d. h. auch kein Kollektivum. Ich bin noch heute gegen jeden sogenannten Totalismus im sozialen Geschehen, in der Wirtschaft oder in der Politik.“ Man darf wohl ohne Uebertreibung sagen: Die Welt würde heute anders und besser aussehen, wenn diese Grundsätze des Staatspräsidenten, die gewissermaßen biblischen Charakter *) Aus technischen Gründen erscheint das übrige Material aus der Tschechoslowakei in nachhaben, im öffentlichen Leben und im Verhältnis der Völker zueinander zur Geltung kommen würden. Vortrag Dr. Isak Breuer in Bratislava Am Montag hielt Herr Dr. Breuer, der von der Wiener Tagung des G.-A. der Agudas Jisroe! hier eintraf, einen Vortrag über die Beschlüsse der Tagung und über die aktuellen jüdischen Probleme. Die Ausführungen des Redners fanden lebhaften Beifall. Berufsumsehiehtung der Juden in der Tscheeho- Slowakei Die Pressekorrespondenz des Verbandes der tschechischen Juden schreibt: ״Jene Juden, die daran glauben, daß jenes Land wirklich ihr Vaterland ist, in dem sie geboren wurden, wollen sich nicht nur kulturell, sondern auch Wirtschaftlieh und sozial ihren Mitbürgern anpassen. Darum finden bei der jungen jüdischen Generation die sogenannten Umschichtungsprozesse immer stärkeres Echo, wonach die Juden die Handels- und Vermittlungsberufe aufgeben und an der Produktion und der Ersterzeugung der Güter teilnehmen wollen. Nach den Berichten der großen Industrieunternehmungen beschäftigen zum Beispiel die Eisenwerke und Gießereien fast eineinhalb Prozent jüdische Lehrlinge. ״Lidove Listy“ antisemitein ״Lidove Listy“ (10. Jänner) schildern unter dem Titel ״Einschränkung des jüdischen Einflusses in ganz Europa“, wie die Juden überall Geld und Macht an sich rissen und schreiben u. a. dazu: ״Sie waren wie der Schmetten über der Milch des Lebens, der großen Mehrheit der Arbeiter, des Volkes, bei dem es ihnen wohlging, dem sie aber schlecht lohnten. Presse, Film, Theater und Buch in den Händen der Juden unterstützen die Demoralisierung des Volkes. Es gibt fast kein Theaterstück, keinen Film, kein Buch, keine Druckschrift, die nicht aus den Händen der Juden kämen und die nicht das Schamgefühl, das Familienleben und die bürgerliehe Tugend sowie das christliche Leben überhaupt beleidigen. Uns blieb eine antisemitische Bewegung erspart, die auch aus staatlichen Gründen nicht erforderlich gewesen wäre. Damit uns aber auch in der Zukunft keine antijüdische Kampagne erfaßt, erscheint es notwendig, die jüdische Emigration aus Osteuropa zu uns einzustellen.“ Das Komitat Pest hat den bekannten Rassenschützler Ladislaus Endre zum Vizegespan gewählt. Endre wird also der Nachfolger jenes Simon Dubrawitzky sein, der 1840 nicht nur für die Emanzipation der Juden, sondern in der ungarischen Nationalversammlung auch dafür eintrat, daß sie in den Adelsstand gehoben werden. Wie die gemeindeoffiziöse ״Egyeniöseg“ meldet, haben im Jahre 1937 insgesamt 1200 Juden in Budapest ihre Religion verlassen. Von den 24 jüdischen Baronfamilien, die in Ungarn vor dem Kriege vorhanden waren, existieren derzeit bloß zwei. Auch die Kinder und Neffen des im Vorjahre gestorbenen Barons Adolf Kohner, des Vorsitzenden der Israelitischen Landeskanzlei, haben nun ihren Austritt aus der jüdisehen Konfession beim zuständigen Rabbinat angemeldet. Von den fünf Baronen Kohner treten zwei zur evangelischen, zwei zur reformierten und einer zur katholischen Kirche über. Also fast jede christliche Konfession erhält von ihnen einen Vertreter. In der Generalversammlung der Pester Isralitischen Kultusgemeinde sind der Vorsitzende, Hofrat Stern, wie auch Herrenhausmitglied Josef Veszi — der gewesene Chefredakteur des ״Pester Lloyd“ —, Herrenhausmitglied Exzellenz Eugen Vida, der Generaldirektor der Ungarischen Aligemeinen Kohlenwerke, und der Großindustrielle Baron Goldberger mit einer in Ungarn ungewohnten Schärfe den Versuchen entgegengetreten, welche die Rechte der Juden in Ungarn zu schmälern versuchen. Veszi erklärte, daß in dieser Frage es keine Kompromisse geben kann. Jede Konzession würde Selbstmord bedeuten. Vida sagte entschiedenen Kampf den extremen politischen Elementen an, die die Rechte dar ungarisehen Juden gefährden. Die Genera'.ver-