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Jüdische Presse · 1938-01-21 · 3 (21.1.1938) · page 3

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Journal
Jüdische Presse
Volume
24 (1938)
Issue
3 (21.1.1938)
Date
1938-01-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
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JÜDISCHE PRESSE Seite 3 DAS RELIGIÖSE LEBEN Die große Aguda-Kundgebung m Wien Die Massenversammlung, die am Sonntag abends - im großen Saale des Hotel Continental nach Abschluß der Tagung des G.-A. stattgefunden hat, gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung der Glaubenstreuen in Wien. Der große Saal war bis auf das letzte Plätzchen voll. Unter den Anwesenden bemerkte man Oberrabbiner Dr. Taglicht sowie eine größere Anzahl der Rabbiner Wiens (Rabbiner Babad hat seine Abwesenheit schriftlich entschuldigt). Die Versammelten lauschten mit großer Spannung den Ausführungen der Redner und begleiteten die markantesten Stellen derselben mit lebhaftem Beifall. Aus Mattersburg kam die Aguda-Jugend in einem Sonderautobus zur Versammlung. Besonders zahlreich war auch in Wien die Jugend beiderlei Geschlechts vertreten, was den Beweis lieferte, daß ein beträchtlicher Teü der Wiener orthodoxen Jugend trotz der Ungunst der Verhältnisse treu zur Fahne der Thora hält. Den Vorsitz führte das Mitglied des G.-A., Herr Kalman Pappenheim. Als erster sprach Präsident Jakob Rosenheim, der u. a. ausführte: Die Agudas Jisroel ist ein V e r s u c h, das wissen Sie alle, ein Versuch, den Organismus des jüdischen Volkes in der Form und nach der Wesensart wieder aufzurichten, wie er vor mehr als 2000 Jahren vor den Höhen des Sinai in die Weltgeschichte eingetreten ist, ein Versuch, das Mamleches Kauhanim und das Gau Kod a u s c h wieder aufzurichten. Jahrtausende sind über dieses Volk hinweggegangen, es ist hinausgestreut worden über alle Enden der Erde, und es sieht gerade heute aus, als ob dieses Schicksal des Wanderns über die Erde sich in einer unerhörten Weise verschärfen wollte, um vom weiten Norden bis zum brennenden Süden und vom Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, um auf jedem Fleckchen der Erde die Standarte G-ttes aufzupflanzen. Aber in diesen Stürmen der Zeit ist das Angesicht dieses Volkes in der freventlichsten Weise verändert worden. Man hat ihm fremde Spielmarken aufgeklebt, man hat sein Wesen bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, man hat das Volk in Wald-und-Wiesen-Volk umgewandelt, gleich den Völkern, die nur durch Blut und Rasse zur Einheit zusammengeballt sind. Man hat ihm damit den Adel seiner weitgeschichtlichen Einzigkeit, das Volk G-ttes zu sein, geraubt, und man hat von der anderen Seite dieses Volk seines Körpers und seines Organismus gänzlich beraubt, hat die Wahrheit seiner Geschichte und Zukunft zu verfälschen gesucht. Gegenüber diesen beiden geschichtlichen Fälschungsversuchen istesAgudasJisroel, die das wahre Gesicht des jüdischen Volkes wieder hergestellt hat. Wir sind in diesen Tagen, wir, die wir das schwere und bittere Los haben, vom Schicksal an die Spitze der Weltorganisation des orthodoxen Judentums gestellt worden zu sein, in Wien zusammengekommen, auf diesem Boden, der, so oft wir ihn noch betreten haben, uns neue Kraft und neue Zuversicht gegeben hat, auf diesem Boden Wiens, auf dem Thoraleuchten weilen und im Geiste der Keduscho Jung und Alt, Knaben und Mädchen, Männer und Frauen in freier tiefster Erkenntnis von der Wahrheit der Agudas Jisroel durchdrungen sind und sich zusammengeschlossen haben zur Verteidigung der G-tteswahrheit. Hier in Wien haben wir geglaubt, daß wir am besten die Stärke saugen können für die Größe und Schwere unserer Aufgäbe. Es kann nicht meine Aufgabe sein, Bericht zu erstatten über den gesamten Inhalt unserer Beratungen, die seit Mittwoch Tag und Nacht dauerten. Axis den Reden meiner Kollegen werden Sie sich ein Gesamtbild entwerfen. Wollen Sie mir aber gestatten, aus der Gesamtheit der Probleme zwei hervorzuheben, die im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehen und zu ן dem Gebiet der Agudas-Jisroel-A u ß e n p o 1 it i k gehören. Das eine ist die große Frage, die jedes jüdische Herz heute erschüttert, die pol itischeGestaltungErezJisroels. Die Kenessio Ged׳aulo, deren Beschlüsse auszuführen unsere Aufgabe ist, hat zu dieser Frage eine Reihe von Resolutionen angenommen, aber ich habe gefunden, daß bei der Kommentierung in der Presse und in der Oeffentlichkeit nacht raglieh Mißverständnisse vorgekommen sind. Ein paar Worte mögen daher ganz kurz darstellen, was die Auffassung der Aguda- Politik über die Lage ist. In der Resolution des Rabbinischen Rates der Agudas Jisroel ist mit größter Schärfe zum Ausdruck gekommen, daß der Begriff des jüdischen Staates ein heiliger Bgeriff ist. Wir wollen nicht einen jüdischen Staat, der ein Staat ist wie die Staaten der Welt, der Begriff des jüdischen Staates ist tief verankert in unserer Geschichte von dem Augenblick an, wo wir von Haschern ein heilig Volk und eine heilige Nation genannt wurden. Ein jüdischer Staat in Erez Jisroel, der bloß ein jüdischer Staat ist und nicht auf der Thora Hakdauscho auf gebaut ist, hat keine Zukunft, hat keine Existenzberechtigung und verdient nicht den Namen eines jüdischen Staates. Es gibt viele unter uns, denkende Personlichkeiten, auch im Kreise der Großen, die der Meinung sind, daß angesichts der beherrschenden Stellung der Histadruth haowdim innerhalb der Zionistischen Organisation mit ihren linksgerichteten! Tendenzen, es den größten Schwierigkeiten begegnen werde, unsere Forderung nach einem jüdischen Staat auf Grundlage der Thora durchzusetzen. Es gibt Menschen, die davon so sehr überzeugt sind, daß sie jeden Versuch unterlassen möchten und dem ganzen Gedanken negativ gegenüberstehen. Auf diesem Gedanken steht die Agudas Jisroel nicht. Sie hat die Hoffnung nicht aufgegeben, die Forderungen der Thora trotz aller Erschwerungen durchzusetzen, sie will Schritte unter- I nehmen, um im ganzen jüdischen Volk zu werben, flehentlich allen zuzurufen, daß sich Tausende, Zehntausende, Hunderttausende hinter uns stellen, die mit lauter Stimme rufen: ״Wir wollen keinen nichtjüdischen Staat in Erez Jisroel haben, wir wollen einen Staat der Thora!״ (Beifall.) Jüdische FamiJienreioheit Vortrag, gehalten auf dem 1. Weltfrauenkongreß der Histadruth Olamith N’schei Uwenoth Agudath Israel (Agudistische Frauenorganisation) in Marienbad am 14. Ellul 5697 von Eie Schmuelowitz, Kowno. (Schluß) Als dritter Punkt im Programm der Arbeit für ״Familienreinheit“ muß הכנסת כלה gerechnet werden, die Arbeit für eine (Würdige Verheiratung bedürftiger religiöser Mädchen הכנסת כלה war seit je ein Schutz für die Frau, er ist in letzter Zeit ganz untergegangen. Wenn man genauer zusieht, war הכנסת כלה ebenso wie Frauenschutz eine Waffe gegen! Ausgelassenheit, ein gutes Propagandamittel für סהרח משפחה für jüdische Familienreinheit. Wir müssen unbedingt beachten, daß die Frage der religiösen Töchtererziehung nur dann gelöst werden kann, wenn die jüdische Tochter einen echt religiösen Mann heiratet. Sobald das nicht geschieht, ist die ganze Töchtererziehung nutzlos. Und!wenn durch soziale Hilfe in Form von befristeten Darlehen oder sogar Spenden für arme Mädchen zugunsten der Errichtung religiöser Heime gearbeitet werden kann — warum soll man es nicht tun? So kann auch soziale Hilfe in den Dienst unserer Aufgabe gestellt werden. Für sehr nützlich haben wir auch die schriftliche Propaganda anzusehen. Auch auf diesem Gebiete sind wir nicht genug tätig, nicht deswegen, weil es uns an tätigen Kräften gebricht, sondern aus ganz anderen Motiven. Die Orthodoxie, der wichtigste Teil des עם הספר des Volkes des Buches, hat den Glauben an das gedruckte Wort verloren. Die gesamte Tagespresse befindet sich in den Händen der Linken. Sie wurden die ״geistigen Führer". Sie wurden tonangebend. Sie zeigen dem Volke durch die Presse: יי הדין־ לכו בה• Dies ist der Weg, auf dem ihr schreiten sollt!“ Aber die wahre geistige Führerschaft, wie sie in der Orthodoxie vertreten ist, schweigt. Nicht, weil ״ס, KW, המשכיל בעת weil der Verständige in solcher Zeit das Schweigen für richtig befinden muß. Es gibt hiefür einen anderen Grund: Man glaubt in unseren Kreisen nicht mehr an den Einfluß des gedruckten Wortes. Wann man schon über ״Familienreinheit“ schreiben wird, so heißt es, was wird es schon helfen? Und wenn man schon etwas drucken wird, wozu wird es nütze sein? Die Linke glaubt auf der Jagd nach falschen Ideen fest und heilig an die Verwirklichung ihrer Ideale. Die Orthodoxie aber, die Trägerin der g'ttliehen Idee, die Trägerin des נצה-נצחים des wahrhaft Ewigen, ist verzweifelt — und bezweifelt die Möglichkeit der Hilfe und ihrer Erfolge. Die Linke marschiert vorwärts und מהרה המשפחה r Darum muß man all den Verzweifelnden, wer immer sie sein mögen, Zurufen: Nieder mit eurer Resignation! Infiziert nicht mit dem gefährlichen Bazillus auch diejenigen in unseren Reihen, die noch den tiefen Glauben haben an die Möglichkeit des Wirkens für טהרה המשפחה■ Gewährt Raum für die Hoffnung des Ewigkeitsvolkes, das seinen Glauben nicht in schlimmeren Epochen verloren hat. Druckt Broschüren, Aufrufe, Plakate! Ueberschwemmt das Volk ebenso, wie die Unfrommen es tun, mit dem gedruckten Wort. Ihr werdet sehen, daß es wohl Als erster Pionier auf diesem Gebiete hat der ehrwürdige Kownoer Oberrabbiner zu gelten, der auf einer Konferenz der litauischen Frauenorganisation ״Beth-Jacob“ einen tiefschürfenden, unsagbar wertvollen Vortrag über מהרת המשפחה gehalten und ihn später erweitert dem Druck übergeben hat. Dieser Vortrag muß als klassisches Werk auf dem Gebiete von מהרת משפחה gelten und wird sicher richtunggebend bleiben für weitere Schöpfungen derer, die die Notwendigkeit der schriftlichen Propaganda begriffen haben. Nicht weniger wichtig ist die mündliche Propaganda, worin gleichfalls ungeheuer viel Arbeit noch zu leisten ist. Man muß diese Frage aus der Sphäre des ״Beth-Hamidrasch“ herausheben und auf die Straße tragen, in der breiten Oeffentlichkeit muß hierüber nicht weniger geredet werden, als über alle anderen Fragen. Jüdische, von der Thora geregelte Familienreinheit muß wieder Raum finden im jüdischen Denken, man soll diese Frage nicht mehr in einen Winkel stoßen dürfen. Man soll es nicht mehr als Sache einzelner bezeichnen können. In erster Reihe müssen hierfür sorgen die geistigen Führer wie auch die Führerinnen der religiösen Frauenorganisationen. Familienreinheit muß wie früher Grundlage des Volkslebens werden. TBn pדן עם ״״(. Der Unwissende kann nicht fromm sein; wieviel Unwissenheit herrscht aber auf diesem Gebiete! In allen Beth-Jacob-Organisatlonen und den Gruppen der נשי ובנות אגודת ישראל müssen die Vorschriften von סחרת משפחה gelehrt werden. Das wird sicher viel Nutzen bringen und zur Festigung von טהרה משפחה beitragen. Zum Schlüsse sei hier noch ein sehr interessanter Midrasch zitiert, welcher auch für unsere Epoche sehr charakteristisch ist. Zur סדרה מסות wird von Raschi ein Midrasch zitiert. Als Baiak, Moabs König, das jüdische Volk besiegen wollte, konnte er ihm in keiner Weise beikornmen. Da wandte er sich an Bileam um Rat. ,,Keine Sache wird dir helfen“, entgegnete ihm jener, ״es sei denn, daß es dir gelänge, das jüdische Volk von seinem S i 11lichkeitsweg abzubringen. Denn wisse, daß der jüdische G’tt Ausgelassenheit sehr haßt. אלקיהס שי:א זמה ה-א Sobald die Israeliten auf diesem Gebiete sich vergehen, kann man sie leicht besiegen.“ Bileams Ratschlag hat Erfolg gehabt. Jüdische Männer haben den Götzendienst von כעל פעור aufgenommen. Damit war ihr äußeres Schicksal besiegelt. Aehnliehes erleben wir in unseren Tagen. U m uns — unsagbare Unterdrückung, aus dem einen Lande verjagt man uns, ins andere läßt man uns nicht hinein. Aus der Golah vertreibt man uns in Erez Jisrael werden wir kaum eingelassen. Haben Juden ihr Auskommen, so gönnt man’s ihnen nicht. Hungern sie, so sind sie ein überflüssiges Element. Und in uns? Welch Zerrissenheit! Wie steht's um die Familienreinheit? Mit dem Sabbat? Wie mit der Erziehung, wie mit den Kindern und ihrer Zukunft? Es scheint, als ob alles sich dem Ende nähere! Und dennoch! Die Pflicht der religiösen Frau und Tochter ist es, unserem Volk aufzuhelfen. Laßt uns nicht die Ursache unserer traurigen Lage außerhaib von uns suchen, lasset uns sie suchen nur in Unser Ruf, der Ruf der organisierten religiösen Frauen, muß sein: •Zurück zur Familienreinheit! Zurück zur Reinheit des Gedankens! ׳ Zurück zur Reinheit der Rede! Zurück zur echten religiösen Betätigung! Zurück zu einem Leben der Heiligung! Zurück zu der nur so gesicherten Unbesiegbarkeit des jüdischen Volkes!

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