Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 24 (1938)
- Issue
- 3 (21.1.1938)
- Date
- 1938-01-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2 JÜDISCHE PRESSE Nr. 3 Organisationen, die sich mit Emigration und Siedlung beschäftigen, wird auch in diesem Sinne zu einer gebieterischen Notwendigkeit. Eine Reihe von konkreten Vorschlägen für Siedlungsgebiete im British Empire wurde besprochen und zur weiteren Prüfung und Durcharbeitung dem Auswanderungsamte der Agudas Jisroel in London überwiesen. Dieses Auswanderungsamt •soll weiter ausgebaut werden und 9011 vor allem die Fühlungnahme mit Deutschland und anderen Ländern der Emigration in noch verstärkterem Maße durchgeführt werden. Spezielle Beschlüsse wurden in bezug auf die Vorbereitung der Emigration von Agudisten aus Deutschland nach Nordamerika gefaßt. Nachdem die Vorbereitungen des auf der Kenessia Gedaulo beschlossenen Merkas Hathora beendet sind, wurde die baldige Einberufung einer Thorakonferenz, die sich mit den Fragen der zentralen Arbeit für Thora (Jeschiwoth, Schulen, Seminare, Beth Jakob usw.) beschäftigen soll, nach Warschau beschlossen. Das Zentraldirektorium des Beth Jakob in London erstattete den Bericht über die Entwicklung der Beth-Jakob-Bewegung, die heute etwas über 35.000 Schülerinnen umfaßt. Die Gründung eines Verwaltungsrates, der sich aus Vertretern der I einzelnen Landesorganisationen zusammensetzt, wurde beschlossen. I Die Optimisten haben nicht recht behalten. Die Regierung Goga spricht zwar ständig von der Verfassung und von den internationalen Verpflichtungen, geht aber zu gleicher Zeit mit unerbittlicher Konsequenz darauf los, die Juden zu entrechten und zu diffamieren. Die Cuzisten scheinen Oberhand in der Regierung gewonnen zu haben, oder haben sich die sogenannten ״gemäßigten“ Elemente der Regierung darauf besonnen, daß die judenfeindlichen Losungen guten Dienst bei den bevorstehenden Neuwahlen leisten werden. Wie es auch sei, Tatsache ist, daß die Hausgehilfinnen-Verordnung des Arbeitsministers Cuza nach einigem Zögern im offiziellen Blatt doch erschienen ist, und daß in Arad, in Temesvär, in Szatmär die Polizeiorgane sich die Füße ablaufen und, von Haus zu Haus gehend, die Juden auffordern, ihre Hausgehilfinnen unter vierzig Jahren nach bewährtem nazistischem Muster sofort zu entlassen. Wirtschaftlich betrifft allerdings diese Verordnung hauptsächlich die ungarische Minorität, deren weibliche Angehörigen das Gros der Hausgehilfinnen stellen. So geschah es, daß z. B. in Temesvär die lokale Organisation der Ungarischen Partei sich bereit erklärte, für die Moral der dortigen Juden die Garantie zu übernehmen, damit sie nicht gezwungen sind, ihre szeklerischen Hausgehilfinnen zu entlassen. Das in ungarischer Sprache erscheinende Tagblatt der Juden in Siebenbürgen, ,.Uj Kelet“, zeigt in diesen schweren Stürmen eine besonnene und würdige Haltung. Trotz Zensur und der Gefahr der Einstellung hört sie nicht auf. die falsehen statistischen Daten, mit denen sich Regierung und Regierungspresse den Mund vollnehmen, zu widerlegen und die falschen Beschuldigungen zurückzuweisen. In der Frage der Staatsbürgerschaft tritt diese Zeitung mutig gegen die Regierung auf und beweist es mit mehreren Zitaten aus den Friedensverträgen, daß im Sinne dieser jeder Jude, der im Zeitpunkt des Wechsels der Souveränität in Rumänien wohnte, ohne jedwede Formalität automatisch rumänischer Staatsbürger wurde. Einen Bew'eis der Zuständigkeit muß nur derjenige aufbringen, der abwesend ist. Diese können auch dann Bürger des rumänischen Staates werden, wenn sie im Zeitpunkte der Annexion nicht auf dem besetzten Gebiete wohnten. Aber auch ,,rassenreine“ rumänische Blätter, z. B. ״Lumea Romaneasca“, die ״Patria“ treten entschieden den Versuchen der Regierung entgegen, auf administrativem Wege, ohne Majorität und ohne Parlament wichtige Entscheidungen zu treffen. Die eine Zeitung zieht den Kampf der Regierung gegen die jüdischen Aerzte ins Lächerliche, die andere jene gegen die jüdischen Rechtsanwälte. Dem Berichte über den Stand der Organisation schlossen sich einige Entschließungen bezüglich einer Delegation nach Amerika und Südafrika an, nachdem von beiden Ländern Aufforderungen dazu ergingen. Ganz besonders wurden der Aufschwung und die Ausbreitung der agudistischen Idee in U. S. A. begrüßt. Eine Aufforderung des Misrachi, eine Aussprache über Möglichkeiten einer Zusammenarbeit in gemeinsamen Belangen zu veranstalten, wurde akzep tiert. Eine erste vorläufige Fühlungnahme ist bereits erfolgt, hingegen konnte der von der Aguda vorgeschlagene Termin anläßlich der stattgehabten G.-A.-Sitzung von seiten des Misrachi nicht eingehalten werden. Ein starkes Vordringen der Agudas Jisroel im eigentlichen Ungarn und Podskarpatho-Rus kann mit Genugtuung konstatiert werden. Der Londoner Zentrale wurde ein neues Ressort zwecks literarischer Aufklärung über das Wesen der jüdisehen Religion in periodischen Druckschriften und durch Gründung eines Presseamtes angegliedert. An die Tagung schloß sieh eine öffentliche Kundgebung im großen Saale des Hotel Continental an, in der die Herren Jakob Rosenheim, I. M. Lewin, Dr. Isaac Breuer, Rabbi Mosche Blau, Dr. Ehrmann, Raw Katz und Dr. Vittenberg zum Thema ״Unsere Aufgaben in der heutigen Zeit“ Stellung nahmen. Das rumänische Dorf, seine durch Krankheiten verseuchte Bevölkerung brauchen noch recht viel Aerzte. Man sollte diejenigen, die sich entschließen, in den Dörfern zu praktizieren, nicht vom Rassen- und konfessionellen Standpunkt durchsieben, denn damit schädigt man das rumänische Volk, das man zu schützen vorgibt. Die ״Patria“ macht auch darauf aufmerksam, daß der rumänische Staat eine Unmenge von Schadenersatzprozessen zu gewärtigen hat, die diejenigen Juden gegen ihn anstrengen werden, die vollberechtigte Bürger des rumänischen Staates sind und nun in ihren wohlerworbenen Rechten geschmälert werden sollen. ״Lumea Romaneasca“ zieht den Standpunkt der christlichen Advokaten, wonach sie keine Juden vertreten und mit jüdischen Rechtsanwälten nicht in Berührung kommen wollen, ins Lächerliche. Wie wird das Gericht in Prozessen zwischen Juden oder zwischen Juden und Christen entscheiden können, falls die jüdische Partei keine Gelegenheit haben wird, sich vertreten zu lassen? Sie wird doch nicht, ohne beide Parteien zu verhören, Urteile fällen? ״Uj Kelet“ beleuchtet in einem ihrer lesenswerten Leitartikel die Magie der Zahlen, die infolge der antisemitischen Agitation in den Köpfen der Bevölkerung herumspuken. Die eine Behauptung spricht ununterbrochen von 130.000 jüdischen Schenkern. Die offizielle Statistik hat ganz andere Daten. Es gibt im ganzen Lande 52.796 Ausschanklizenzen und davon befinden sich laut Feststellung der Regierung Goga insgesamt 3180 in jüdischen Händen! In ganz Oltenia gibt es 8, in Muntenia 4 Minoritätsangehörige, die eine Lizenz besitzen! Man sprach von 130.000 bis 135.000 jüdischen Krämern. Da stellt sich aber heraus, daß es im ganzen Lande bloß 64.103 Kleinhandlungen gibt. Wo stecken denn die 130.000 jüdischen Krämer, denen man den Kampf ansagt? Man zettert ständig gegen die 14,000 Aktiengesellschaften, die in jüdischen Händen, unter jüdischer Leitung sich befinden. Die Statistik des Herrn Minister Valer Pop weiß bloß von rund 3000 Aktiengesellschaften im ganzen Lande. Unzählige jüdische Arzte sind bei der staatlichen Krankenversicherung angestellt — hat es geheißen. Nun, der Herr Cuza junior hat sie alle auf das Pflaster geworfen und siehe da! es sind insgesamt vierzig! Es stellt sich bei all diesen Fällen klar heraus, daß die vielen Phrasen vom wirtschaftlichen und geistigen Uebergewicht der Juden in Rumänien; wogegen die Regierung Goga-Cuza eine Kampfstellung eingenommen hat,־ nur in der Phantasie dieser Herren besteht. Die Wirklichkeit schaut ganz anders aus! Die neue Palästina-Kommission Soll angeb־ lieh anfangs Februar abreisen. Die Zusammen- Setzung derselben ist noch nicht näher bekannt. In der Presse dauert die Diskussion über das Palästina-Problem fort, ohne neue Momente an den Tag zu bringen. Der italienische Sender in Bari verbreitet in weiterer Folge über die Politik Englands Nachrichten, die geeignet sind, die Araber in ihrem Widerstand zu bestärken. Die letzten Tage haben neuerdings Terrorakte mit Todesopfern gebracht. * In Kairoer politischen Kreisen spricht man über einen neuen arabischen Plan, auf Grund dessen das einheitliche großarabische Königreich verwirklicht und in dessen Rahmen die Ein- Wanderung weiterer 2 Millionen Juden nach Palästina ermöglicht werden würde. Diese Pläne werden vom Nuri Pascha in den nächsten Tagen der englischen Regierung unterbreitet . werden. Im Sinne des Planes sollen Palästina, Transjordanien und Irak zu einem großarabischen Königreich vereinigt werden, auf dessen Thron der Ghazi von Irak gesetzt würde. Das großarabische Königreich würde auch Gebiete umfassen, auf die die Zionisten als selbständigen jüdischen Staat Anspruch erheben. Der Plan des Nuri Pascha betrachtet das Judentum im Rahmen des großarabischen Staates als eine nationale Minderheit, die jedoch alle Minderheitenrechte erhielte, ja sogar auf Grund eines zahlenmäßigen Verhältnisses auch weitere Einwanderungen ermöglichte. Auf diese Weise könnten noch weitere 2 Millionen Juden nach Palästina ein wandern. * Nach den offiziellen Aufstellungen der Regierung betrug die Zahl der Einwohner Palästinas am 30. September 1937 mit Ausschluß der Beduinenbevölkerung, die im Jahre 1931 auf 66.553 geschätzt wurde, und der britischen Be- Satzung 1,320.872. Davon waren 389.504 Juden. In den neun Monaten des Jahres 1937 war die Bevölkerungsvermehrung gegenüber den letzten vorhergehenden Jahren nur gering. Am 31. Dezember 1936 betrug die Bevölkerung mit Aus- Schluß der Beduinen und Truppen 1,300.151, von denen 384.083 Juden waren. Die Gesamtbevölkerung ist durch natürliche Vermehrung und Ein- Wanderung in den ersten neun Monaten des Jahres 1937 um ungefähr 20.750 Bewohner gewachsen, die Zahl der Juden dagegen in derselben Zeit nur um 5500. Während dieser neun Monate betrug die natürliche Zunahme durch Geburtenüberschuß unter den Mohammedanern, ohne Berücksichtigung der Beduinen, 14.920, bei den Juden 5011 Seelen. Agence Havas (14.) meldet aus Jerusalem: Mit Rücksicht auf die gegenwärtig in Palästina herrschende Unsicherheit haben die Behörden beschlossen, neue Maßnahmen zum Schutze und zur Sicherheit der Regierungsbeamten zu ergreifen. Jeder Beamte, der seinen Dienst in der Oeffentlichkeit versieht, wird mit einem Revolver bewaffnet, da seit mehreren Monaten gegen die Beamten zahlreiche Angriffe unternommen wurden. Anderseits wird den Beamten empfohlen, nicht zwischen Einbruch der Nacht und dem Morgengrauen Reisen zu unternehmen. Nach Nablus wurden neue Militärverstärkungen entsandt, um die Grenzüberwachung im Osten Palästinas zu verstärken. Ferner hat die Polizei beschlossen, die Zahl der Polizeihunde, die sich bei der Verfolgung der Terroristen als sehr nützlich erwiesen haben, zu erhöhen. Zwei junge Juden zum Tode verurteilt In den allerletzten Tagen wurden in Jerusalem zwei junge Juden wegen Waffenbesitzes zum Tode verurteilt. DRINGEND werden die geehrten Abonnenten der ״Jüdischen Presse“ ersucht, ihre Rückstände zu begleichen sowie das Abonnement pro 1988 erneuern zu wollen, damit In der Zusendung des Blattes keine Unterbrechung eintritt. Die Verhandlungen wegen der II. Serie der Prämien per 1938 stehen vor dem Abschluß und wird demnächst die Liste derselben verlauthart werden. Die Tragik der Juden in Rumänien (Spezialbericht der ״Jüdischen Presse“)