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Jüdische Presse · 1938-01-14 · 2 (14.1.1938) · page 3

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Journal
Jüdische Presse
Volume
24 (1938)
Issue
2 (14.1.1938)
Date
1938-01-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 2 Seite 3 DAS RELIGIÖSE LEBEN Neujahr der Bäume (Zu Chamiseha-Assar.) Mitten im Winter, unter Schnee und Frost, begeht das jüdische Volk traditionsgemäß das Neujahrsfest der Bäume, den Tag, an dem die Sonne wieder ihre Wärme zu spenden beginnt und die Bäume ihre Säfte wieder gewinnen; den Tag, an dem traditionsgemäß über das Schicksal der Bäume für das nächste Jahr entschieden wird. Wenn sich auch die Tradition auf Gegenden bezieht, die ein anderes Klima haben als unser kalter Kontinent, so gilt dennoch das Fest für alle Länder und wird traditionsgemäß als Halbfeiertag begangen. Mit vollem Rechte — denn dieses Fest hat auch eine große symbolische Bedeutung. Es zeigt den Menschen, daß Sommer und Winter, Frühjahr und Herbst sich immer ablösen und einstellen, daß auch die größte Kälte der Wärme weichen muß, daß man daher in der Stunde der Not nicht verzweifeln dürfe. Es ist nicht aller Tage Abend und gerade dann, wenn es am kältesten ist, zeigen sich die ersten Anzeicnen der einsetzenden Erwärmung. Das Neujahrsfest der Bäume symbolisiert auch den Glauben an die Allmacht G-ttes, der auch die Natur beherrscht und jeder Kreatur ihr Schicksal vorschreibt. Es geschieht nichts willkürlich. Jede Erscheinung hat ihre Gesetze, ihre vorhergesehenen und vorgeschriebenen Bahnen. G-ttes ist der Orient, G-ttes ist der Okzident — Sein Wille leitet und beherrscht alles! Am Chamiseha Assar bi-Schwat beginnen sich die inneren Säfte der Bäume zu regen. Mag um sie noch tiefer Schnee liegen, mag strenger Frost ihre Zweige zur Erstarrung bringen und harter Reif ihnen den Atem rauben —- ihr Blut beginnt zu zirkulieren und sie gewinnen neue Kräfte. Die innere Wärme besiegt die kalte Umgebung. Auch das ist ein Symbol für uns. Wenn sich in uns die innere Wärme zu rühren beginnt, wenn wir unser seelisches Gleichgewicht, gestützt auf festes G-ttvertrauen, wiedergewinnen, dann ward uns eine feindselige Umgebung nichts anhaben können, dann werden wir ihren kalten Haß überwinden können, mag es sich um die Nazi in Deutschland, um die Eiserne Garde in Rumänien oder um die Araber in Palästina handein. Dann wird G־tt für uns kämpfen, wie es in der dieswöchentlichen Sidra heißt, und dann werden auch war, wie in den Tagen Mosis und Deborahs, Triumphgesänge und Lobeshymnen anstimmen. Die Wiener Tagung des G.-A. der Agudas Jisorel Am 12. d. M. hat in Wien die Tagung des G.-A. der Agudas Jisroel begonnen. Die Beratungen dürften zwei bis drei Tage dauern. Zur Tagung sind eingetroffen: Präsident Jakob Rosenheim; aus Palästina: Rabbiner Blau und Dr. Isak Breuer; aus Deutschland: Dr. S. Ehrmann; aus Polen: Rabbiner Freudensohn (Lodz), J. M. Lewin und Senator Trockenheim (Warschau) und A. Kurzmann (Krakau); aus Lettland: Dr. Wiltenberg (Riga) usw. Lerngemeinschaft ״Mekor Chajim“ Am Sonntag, den 10. d., hielt Herr Medizinalrat Dr. Isidor Reiniger im Rahmen unserer Lerngemeinschaft einen Vortrag über die ״Entstehungsgeschichte und Gegenwartsbedeutung der Adas Jisroel (Schiffschul)“. Eine außergewohnlich große Zuhörerschaft hatte sich eingefunden, um den interessanten Ausführungen des Herrn Medizinalrates Dr. Reiniger zu folgen. Der Vortrag hat infolge des hochinteressanten Themas den Rahmen eines allgemeinen Vortrages weit überschritten. Der allgemeine Wunsch hat seine Aeußerung darin gefunden, daß Herr Medizinalrat Reiniger seinen Vortrag, den er nur zum Teil hielt, an einem zweiten Vortragsabend fortsetzen möge. Die Arbeit der Agudas Jisroel in Rumänien Herr Bezalel Deutsch, Leiter der Keren- Hajischuw-Zentrale für Rumänien, der in. Wien mehrtätigen Aufenthalt nahm, hatte die Freundlichkeit, auf die Fragen unseres Mitarbeiters folgende aufschlußreiche Antworten zu erteilen. Diese dürften in besonderem Hinblick auf die jüngste politische Umwälzung in Rumänien von allgemeinem Interesse sein. — Wie ist Agudas Jisroel in Rumänien organisiert? — Rumänien umfaßt auch in bezug auf die jüdische Bevölkerung überaus heterogene Elemente, so daß es nicht leicht fällt, ein einheitliches Bild über das dortige Arbeiten zu geben. Den geographischen Bedingungen entsprechend, erscheint auch die Aguda-Arbeil überaus dezentralisiert. Für das ehemalige ungarische Gebiet bilden Großwardein und Sighet das Zentrum, für die Bukowina und Bessarabien hingegen Czernowitz, resp. Chissinau. — Wurden welche Versuche unternommen, die Arbeit zu zentralisieren? — Jawohl, namentlich in b'ezug auf die Erez-Israel-Arbeit, indem wir vor 21 Jahren eine Keren-Hajischuw-Landeszentrale mit dem Sitz in Mediasch, unter der Leitung des Ehrenpräses H. Benjamin Citron, ins Leben riefen. — Worin erblickt die Zentrale ihre Hauptauf gäbe? — Unser Bestreben ist. natürlich vor allem dahingerichtet, den Kontakt mit den einzelnen Zentralen aufrechtzuerhalten und der Erez- Israel-Arbeit ein einheitliches Gepräge zu gellen. Insbesondere soll dies in bezug auf die Zertifikatenverteilung und den Kontakt mit den auswärtigen Instanzen (Erez-Israel-Amt, Behörden usw.) zum Ausdruck kommen. — Welche sind die Hauptbetätigungsgebiete der Keren-Hajischuw-Zentrale? — Landwirtschaftliche und gewerbliche Hachschoro, geistige und seelische Schulung für die Erez-Israel-Auswanderung. — Was bildet die finanzielle Basis für die Keren-Hajischuw-Arbeit? — Büchsenaktion, Mitgliedsbeiträge und gelegentliche Sammlungen. Letztere erweisen sich insbesondere dank der aufopfernden Mitarbeit des Herrn Benjamin Citron als sehr erfolgreich. — Inwiefern dürfte die Keren-Hajischuw- Arbeit durch die erfolgte politische Umwälzung beeinträchtigt werden? — Bei Erörterung dieses Punktes muß natürlich, aus naheliegenden Gründen, größte Zurückhaltung auferlegt werden. Jedoch eines darf mit Bestimmtheit vorausgesagt werden, daß, wenn auch infolge der auftretenden Hindernisse, wie Büchsen- und Sammelverbot, die Arbeit wesentlich erschwert werden wird, so dürfte jedoch der Drang nach Auswanderung noch stärker und akuter in Erscheinung treten. Es ist also zu hoffen, daß die Erez-Israel-Arbeit trotz der erschwerten Bedingungen keine Unterbrechung erleiden dürfte. He. Sa. Jüdische Familienreinheit Vortrag, gehalten auf dem 1. Weltfrauenkongreß der Histadrath Olamith N’schei Uwenoth Agudath Israel (Agudistische Frauenorganisation) in Marienbad am 14. Ellul 5697 von Eie Schmuelowitz, Kawno. (Fortsetzung) Wenn nun im zweiten Teil des Vortrages von der Theorie zur Praxis der Weg gefunden werden soll, so müssen wir die Mittel aufzeigen, mit denen man die jüdische Familienreinheit מהרת המשפחה wieder neu begründen kann. Es sind dies: 1. Religiöse Heirat. 2. Scheitel. 3. Heiratsvermittlung. 1הבגםת בלה>. 4. Schriftliche Propaganda. 5. Mündliche Propaganda. 6. Die Verbreitung der Kenntnis der Vor- Schriften von הרח המשפחה». Religiöse Heirat. Das war einst eine selbstverständliche Notwendigkeit, heute ist es eine Seltenheit. Hätte ehemals ein religiöser Jude es gewagt, ein nichtreligiöses Mädchen zu heiraten, so wäre seine jüdische Gesinnung in Zweifel gezogen worden. Heutzutage ist es eine ganz gewöhnliehe Erscheinung. Religiöse Männer, כני תורה, Thorabefliasene, Agudisten (sogar extreme) und Orthodoxe schlechthin, sie heiraten ungestört freidenkerische junge Mädchen, Mädchen, welche sich über Religiosität lustig machen. Keiner aber verurteilt solche Handlungsweise! Man sucht noch nach Entschuldigungsgründen: ״Die Zeit ist nun einmal so!" Um zu begreifen, was es mit solchem Gerede auf sich hat, mag man einen Blick auf die עלית בבל auf jene Zeit, da Esra von Babel heraufzog, werfen, um seinen Brüdern zu helfen, die frühere geistige Höhe zu erreichen. Da war seine erste Forderung: sich von den fremden Frauen zu trennen. Wohl handelte es sich damals um fremdstämmige, nicht jüdische Frauen. Wie weit ist es aber von fremdem Geiste zu volksfremdem Geist? Haben wir heute nicht einen ״Nationalismus“ vor uns, der auf פתרת עברית aufgebaut, dennoch durch und durch Assimilation be״ deutet? Sehen wir denn nicht, wie ein jüdisches Land neu erstellt wird, das in großen Teilen doch fern ist allem, was man ״jüdisch" nennt? Hat denn der volksfremde Geist nicht einen Fremd-Geist innerhalb des Judentums gezüchtet? Weh’ dem Volk, das die große Gefahr übersieht, die in der Verwandtschaft dieser Ggistesarten liegt! Darum wurde Esra nicht gerade freudig gestimmt, 3elb3t als er an den bevorstehenden Bau des Tempels dachte, solange die jüdische Familie so darniederlag• Wozu einen Tempel erbauen? Das בית המקדש kann nur dann Hilfe bringen, wenn die jüdische Familie ein Leben von קדושה וטהרה Heüigkeit und Reinheit lebt. Ist dem nicht so, wer soll dann gewürdigt werden, den Berg G-ttes hinanzusteigen und die Schwelle des Heiligtums zu betreten? Und Um dessentwillen hat Esra geweint und getrauert und nicht geruht, bis die Wendung zum Guten kam. Auch ln unserer Zeit verdienen scharfe Verurteilung die Männer, die ein jüdisches Familienleben beginnen wollen in einer Ehe mit nichtreligiösen Frauen, wie auch (was viel seltener geschieht) die Frauen, die das gleiche mit nichtreligiösen Männern beginnen wollen. Eine Heirat auf Grund der gleichen religiösen Anschauungen, auf Grund eines Judeseins, das nicht mechanischer Art, vielmehr voll Streben nach Vollkommenheit ist, geschlossen durch und durch, das muß das Gebot der Stunde sein! Nur so können wir einen Sieg im Kampf für die jüdische Familienreinheit erwarten. Nicht theoretische Vorträge, ja selbst nicht eine Knessiah Gedolah, wie hoch sie auch von uns geschätzt werden mag, nicht dies und ähnliches kann eine Wendung zum besseren bringen. Die Krankheit muß von ihrem Ursprung her geheilt werden. Und wir müssen einfür allemal oegreifen, daß sie nicht außerhalb der Familie, sondern gerade in ihr liegt. Und solange religiöse Männer nicht religiöse Frauen heiraten werden, kann die Aenderung zum Guten nicht kommen. Das zweite Mittel zur Sicherung der Familienreinheit ist כבוי-ראש die Verhüllung des Haupthaares, kurz gesagt: der ״Scheitel“. Eigentlich iprheischt diese Frage einen besonderen Vortrag. Denn die Zerrüttung ist auf diesem Gebiet nicht weniger als auf dem Gebiet, welches das Eigentliehe von פהרת המשפחה ausmacht. Ganze Länder kann man durchstreifen, in denen ein Scheitel eine recht seltene Erscheinung ist. Auch hier kann man feststellen, daß der Mann im Prinzip geneigt ist — nicht so die Frau, Und um des lieben Friedens willen drückt man ein Auge zu. Was kann man tun — ״es ist solch eine Zeit", ״keiner trägt einen Scheitel“, ״zu allem bin ich bereit, nur zu einem Scheitel nicht!“ Man sollte aber darauf hlnweisen, und zwar offen, daß im Grunde auch dies ״alles“, zu dem man bereit ist, bei solcher Haltung fragwürdig wird. Wenn eine Frau es wagt, öffentlich eine Bestimmung der Thora zu verletzen ,durch die Weigerung, einen Scheitel zu tragen, um wieviel mehr בלא י:דעיס dann, wenn es sich um die nicht kontrollierbare Erfüllung der Gebote handelt. An dieser ganzen Frage mag der Osten viel vom Westen lernen. Westjuden sind von mehr geschlossener Art, das, was ihnen zu eigen ist, ist ihnen ungeteilter, kompromißloser Besitz. Es mag im Osten viel Thora zu Hause sein, es fehlt aber Geschlossenheit der Gesinnung. Es ist wahrlich an der Zeit, zu begreifen, daß die Pflicht der Haarverhüllunng ein unteilbares Etwas im Rahmen der die Familienreinheit unseres Volkes sichernden Bestimmungen ist. In der Erfüllung dieser Pflicht, liegt Wegweisung für das Judesein der Frau, ohne sie ist Tür und Tor den Irrungen geöffnet. Auch bezüglich des Scheitels bedürfen wir einer radikalen Aenderung. Die Frau muß diese Pflicht auf sich nehmen, nicht aus Angst vor dem Mann, auch nicht mechanisch, wie auf ״Bestellung“. Nein! לשמה Um der Sache selbst willen: muß es getan werden, als Ergebnis des gesamten religiösen Gedankenganges. Der Mann soll gar nicht viel von der Notwendigkeit eines Scheitels reden, die Frau allein aus jüdischer Bewußtheit heraus, weil G-tt es will und die Thora es gebietet, deswegen lege eie den Scheitel an. Ebenso wie keiner sich als treuer Agudist bezeichnen kann oder als konsequenter religiöser Jude, wer kein religiöses Mädchen! heiratet, ebenso kann sich nicht ein Mitglied der ״Bnoth-Jacob"- Organisation so nennen, wenn es nicht einen Scheitel anzulegen bereit ist (Schluß folgt)

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