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Jüdische Presse · 1938-01-07 · 1 (7.1.1938) · page 5

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Journal
Jüdische Presse
Volume
24 (1938)
Issue
1 (7.1.1938)
Date
1938-01-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 1 JÜDISCHE PRESSE Seite 5 DAS RELIGIÖSE LEBEN Organisation und Propaganda der Orthodoxie (Ein Mangel ur Oft beklagt und noch mehr beklagenswert ist der Rückstand der Orthodoxie auf dem Gebiete der Organisation und Propag a n d a. Immer wieder wurde und wird — zuletzt auf der Kenessio Gedaulo — von einsichtigen, die Verhältnisse richtig abwägenden Mannern auf die krassen Mängel in dieser Be- Ziehung hingewiesen. Mit viel Beifall — doch ohne jeden Erfolg. Nach Tisch liest man es wie zuvor. Dabei droht das Problem der schlagkräftigen Gestaltung von Organisation und Agitation zur Schicksals- und Lebensfrage wohl nicht der Orthodoxie in ihrem geistigen, weitanschaulichen Sinne, aber doch ihrer militanten Ausdrucksform, der Agudas Jisroel, zu werden. Solange das glaubenstreue Judentum noch das Judentum schlechthin war, wurde es — von den Missionsversuchen abgesehen — nie als solches bekämpft. Der Feind stand damals draußen. Ihm konnte man sich nicht stellen; auch war dies — vom überzeitlichen, unmaterialistischen Standpunkt aus, bei dem in die Ewigt keit gerichteten Blick des Judentums — gar nicht notwendig, weil dessen innerer Bestand eben ungefährdet war. Seitdem sich aber gewisse Bewegungen, die ideologisch samt und sonders außerhalb des Judentums wurzeln, wie Schlingpflanzen um den alten Stamm winden, sind die Dinge ganz anders geworden: Das Ursprüngliehe, das Grundlegende und Wesentliche unserer Existenz ist in die Defensive gedrängt, die jüdische Vergangenheit und Zukunft müssen sich wider eine Gegenwart wehren, die die zeitlose Thora durch moderne Ismen ersetzen will. Ja, man muß sich wehren! Das ist allgemeine Erkenntnis in unseren Kreisen. Gut, aber wie? Am besten mit den gleichen Waffen begegnen! Sehr gut! Wenn man aber das agudistisehe Arsenal in Augenschein nimmt, merkt man herzlich wenig von den trefflichen Vorsätzen. Die große geistige Kraft, die der Orthodoxie innewohnt, ist bis heute nicht einmal zu einem geringen Bruchteil mobil gemacht worden. Keine Spur von Dynamik, nur Ruhe auf allen Linien ist zu bemerken. Lethargisches Verharren auf längst eingenommenen Positionen, ohne sichtbaren Drang nach vorwärts, ja, oft auch ohne die nötige Kraft, das teure Hinterland zu schützen. Man sehe sich einmal den agudistisehen Versammlungskalender oder die orthodoxe seine Abhilfe.) Presse an und jeder, der die Bedeutung des gesprochenen und gedruckten Wortes im Kampfe um Seelen kennt, wird erschrecken oder erfreut sein, je nachdem, ob er ein Freund oder ein Gegner ist. Auf das gleiche Unruhmesblatt gehört ein Uebelstand, der unseren Jugendgruppen alljährlich zu Chanukah und Purim nicht wenig Ungelegenheiten bereitet. Es hat sich nun einmal der Brauch eingebürgert, daß die jüdische Jugend aller Richtungen und Schattierungen an diesen Festen mit Veranstaltungen vor ihr Publikum tritt. Und auch da zeigt sich immer wieder, wie unzulänglich die Mittel sind, die auf unserer Seite eingesetzt werden. ״Sorgen sind das!“ Wir hören schon die überlegenen Stirnmen, sehen die wegwerfenden Mienen. Doch mit Verlaub: Diese Stimmen und diese Mienen sind es gerade, die unsere Stoßkraft lähmen, die Indolenz gegenüber jeder Neuerung, das Unvermögen, gewisse Wirkungen richtig einzuschätzen, die Verständnislosigkeit für propagandistisehe Notwendigkeiten, spielen unseren Gegnern alle Trümpfe in die Hand. Man erachte die Bedeutung der genannten Veranstaltungen nicht für alzu gering. Da alle jüdischen Jugend- Organisationen damit aufwarten und die Jugend es sich auch nicht nehmen läßt, derartige Unterhaltungen zu besuchen, so ist es für uns überaus wichtig, daß wir Aehnliches zu bieten haben. Wir erreichen damit zweierlei: wir ersparen unseren Jugendlichen die Berührung mit anderen Kreisen und haben gleichzeitig die passendste und beste Gelegenheit, Fremde, vorwiegend politisch noch heimatlose Elemente, heranzuziehen. Und wenn gar einem solchen Chanukah- oder Purimabend auch noch propagandistisehe Kraft innewohnt — durchaus nicht in parteimäßigem, sondern vielmehr in geistigem Sinne gemeint —, wenn dabei wahrhaft jüdische Moral verkündet wird, so ist — außer dem voraussichtlichen Ueberschuß in der Kasse — mit dem Spiel etwas gewonnen, dem unser Ernst das ganze. Jahr gilt. Das wissen auch unsere Jugendgruppen. Sie hätten sich sonst nicht immer wieder der Mühe der Veranstaltungen unterzogen. Was sie aber nicht wissen, das ist: woher die entsprechenden Stücke nehmen? Stets um die Zeit von Chanukah und Purim beginnt die vergebliche Suche, die erfolglose Jagd nach brauchbarem Aufführungsmaterial; der agudistisehe Dramatiker hat eben uaf sich warten lassen. Diesem überaus fühlbaren Mangel soll nun nach den Intentionen des Orthodox-jüdischen Preßvereines in Wien abgeholfen werden. Die Vereinigung, deren Programm nicht nur die Herausgabe von Zeitungen, sondern auch die Schaffung einer religiösen Literatur überhaupt vorsieht, hat in dankenswerter Weise bedeutende Schriftsteller mit der Aufgabe betraut, geeignete Stücke für die agudistischen Jugendgruppen zu verfassen. In Wien, von wo schon manche gesunde Anregung ausgegangen ist, wo der erste agudistisehe Führerkurs ins Leben gerufen wurde, ist ein weiterer Schritt auf dem Wege zu dem Ziel gemacht worden, das da heißt: Verbreitung der unverfälschten jüdischen Idee, Eroberung der Massen. Wie wir erfahren, steht das erste Stück das sich besonders zur Aufführung durch Mädchengruppen eignet — bereits vor der Vollendung. Auskünfte erteilt Herr Philipp Sinai, Wien, II., Rembrandtstraße 21/17. £f*ftaud Weltverband für ,.Schemirath-Schabbos“ Nachdem die Zentrale des Verbandes für Schemirath-Schabbos, die in Berlin ihren Sitz hatte, infolge der Entwicklung der Verhältnisse in Deutschland aufgelöst, werden mußte, sind jetzt Bemühungen im Zuge, eine neue Zentrale mit dem Sitz in London ins Leben zu rufen. Es ist bereits ein Komitee eingesetzt worden, um die Vorarbeiten zu leiten. Die Adresse lautet: Sabbath observance world Union, Jewish Centre House, 74, Jane Street, London, E. 1. Atnetika 50 - Jahr - l eier der Jescblnn Rabbi Jizchok Elehanan Das orthodoxe Judentum in U. S. A. trifft große Vorbereitungen, um das 50-Jahr-Jubiläum der Jcschiwa Rabbi. Ji-ehok Elehanan /eieriiehst zu begehen. Aus diesem Anlaß soll eine Aktion zur Sammlung eines Fonds im Betrage von einer Million Dollars in die Wege geleitet, werden, um das religiöse Schul- und Erziehungswesen ausgestalten zu können. Jüdische Familienreiiiheit Vortrag, gehalten auf dem 1. Weltfrauenkongreß der Histadruth Olamith N’schei Uwenoth Agudath Israel (Agudistisehe Frauenorganisation) in Marienbad am 14. Ellul 5697 von Eie S c h m u e 1 o w i t z. Kowno. Reinheit — das ist ein heiliges Etwas, um dessentwillen das jüdische Volk, alt und jung, arm und reich, sich seit dan ältesten Zeiten zum Opfertode führen ließ, um G-ttes Namen zu heiligen. פ ה ו ר — lauter sein, im Aramäischen ז ה ר durchsichtig, klar, davon abgeleitet זהירות Vorsicht — auf diesen Begriffen basiert מהרת משפחה, jüdische Familienreinheit, wenn der Mensch sich zu beherrschen versteht, wenn er seinen Gefühlen nicht freien Lauf gewährt, wenn er zu allen\ und jedem, was verboten und schädlich ist, in Vorsicht Bezug nimmt, wenn er also den דיני פתרה sich unterwirft, und dem geistig Ungesunden, aus dem Weg geht, dann heißt dies, nach Reinem, nach Lauterem streben, dann heißt dies, von allem Bösen behütet sein. Umgekehrt aber bringt der Jude, der nicht זהיר ist, der seinen Gefühlen freien Lauf gewährt, sich und seiner ganzen Familie, wie auch der gesamten jüdischen Gemein- Schaft, nichts als Unglück und Verderbnis. Was Nichtjuden Reinheit nennen, das ist noch nicht jüdische Reinheit. Bei ihnen mag es angehen, durch Mittel den Zweck zu heiligen. Bei uns Juden aber muß der Weg zur טהרה ein durchaus reiner sein, ebenso wie der Weg zur Wahrheit ein durchaus wahrer sein muß, und der Weg zum Frieden nimmer ein kriegerischer sein darf. Der Weg zur Familienreinheit ist ein Weg von lauterem Denken und lauterem Handeln; eins ist ans andere gebunden, eins ins andere geflochten. Lauteres Denken und reines Handeln, reines Handeln und lauteres Denken haben stets und ständig den Weg und den Zugang geebnet zu Familienreinheit, zur jüdischen Familienreinheit. * Die Epoche der Aufklärung bat auch diesem Pfeiler jüdischen Lebens Erschütterung gebracht. Die eigentliche Attacke gegen die Familienreinheit aber ist von der aufgeklärten jüdischen Frau in Rußland ausgegangen. Sie ist es gewesen, die zur Zeit der russischen Revolution zusammen mit allen alten ״rückständigen" Begriffen des zaristischen Rußlands auch systematisch die Familienreinheit zu bekämpfen begann, sie hat diesen Lebenskomplex als einen ,,unhygienischen Lebensmodus" bei Mann und Frau verschrien, man sei unterjocht und verrklavt von uralten Thoragesetzen. Im Gegensatz hierzu war diesem Frauentypus außergewöhnlich verlockend und anziehend die ״freie Liebe“- die seinerzeit als eines der ״Freiheits“-Symbole prokiamiert wurde. Jahre gingen ins Land. Die ״freie Liebe“ hat ihre Wirkung nicht verfehlt. Kleine Kinder, notdürftig bekleidet, barfuß, laufen in den jüdischen Gassen herum: hungrig, durstig rufen sie um Hilfe. Aber wonach rufen sie in Wirklichkeit? Nach Vater, nach Mutter ... Die verwahrlosten Kinder suchen irgendeinen Halt,. Kinderhände suchen eine Mutter, sie zu liebkosen! Kinderaugen suchen einen Mutterblick, der so zart — aber wo, wann? Wie lange schon entschwand die Mutter, wie lange ist’s schon her, daß ein Vater hier war — freie Liebe! Frei von Mutter- Pflicht, frei von Vaterpflicht — jeder nur auf der Jagd nach sinnlichem Genuß! Und ihr gegenüber — Scharen verunglückter Kinder, in Unsittlichkeit geboren, in Knechtschaft aufgewachsen, sie ballen die Fäuste zusammen . . . Von Rußland fand — leider! — die freie Liebe auch den Weg ins Land der Reinheit — nach Erez Israel! Dort, wohin wir uns alle wenden, um des Geistes, um der Reinheit willen werden gar oft אהלים Gezelte errichtet aber kein אהל שרר findet sich darunter. Treten solche Bilder uns nicht wie Warnungen entgegen? Sollten wir uns nicht zu entschlossenem Handeln aufrufen? Betrachten wir die Gründe, die solchen Niedergang veranlaß ten! Um sie zu begreifen, bedarf es zunächst der Erkenntnis, daß phyische und geistige Erscheinungen den gleichen Gesetzen unterliegen. Eine Pflanze benötigt zu ihrer normalen Entwicklung der Sonne, der Bewässerung und der vollständigen Beseitigung des sie umgebenden Unkrautes. Fehlt eine dieser drei Bedingungen, dann kann sich die Pflanze nicht normal entwickeln, sie wächst in krankhafter Weise, oder sie kommt überhaupt nicht richtig zum Vorschein. Dasselbe gilt auch für die geistige Welt. Damit das lebendige Wesen sich geistig normal entwickeln kann, bedarf es, ehe es noch die Schwelle des Lebens betritt, einer geistigen Planung. Muß es ihrer entraten, so wächst es als geistiger Krüppel auf. Als Beispiel mag uns die Geschichte der Geburt Elischa ben Abujas dienen, der seinerzeit zum Acher, zum Abtrünnigen, wurde. Unsere Weisen unterziehen sieh der Mühe, die Gründe aufzudecken, für die sonderbare Erscheinung, welche ihresgleichen in der jüdischen Geschichte sucht. Wie konnte es geschehen, daß ein so großer Geist wie Elischa ben Abuja, der der Lehrer unseres großen Rabbi Meir war und sein konnte, daß dieser Mann vom rechten Weg abirrte? Und sie geben zur Antwort: Als die Mutter Elischas ihr Kind unter dem Herzen trug, da nahm sie an einem Kloster den Geruch von Gewürzen in sich auf, und so geschah es, daß auch das noch nicht vollkommene Wesen des werdenden Elischa von fremder Geistigkeit einen Hauch verspürte. Als aber die Beschneidungsfeier des kleinen Elischas herankam, so berichten unsere Weisen, da fanden sich beim reichen Abuja viele Gäste ein. Ein Teil תלמ-ר׳ רכמים, in der Thore kundige Männer, der andere;•ראי •c;, reiche, aber unwissende Menschen. Man wartete auf den Mauhel, der die Beschneidung zu vollziehen hatte. Die Thorakundigen diskutierten über Thoragesetze, die reichen Gäste aber verbrachten die Zeit mit leerem Gerede. Plötzlich ließ sich vom Himmel eine feurige Erscheinung herunter, die sich in eine Art Wand zwischen die beiden Gruppen der Gäste stellte. Als Abuja diese wunderbare Erscheinung sah, begriff er, wie hochgeachtet

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