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Jüdische Presse · 1938-01-07 · 1 (7.1.1938) · page 3

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Journal
Jüdische Presse
Volume
24 (1938)
Issue
1 (7.1.1938)
Date
1938-01-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1 JÜDISCHE PRESSE Sehe 3 Durchführung gelangt. Mit Rücksicht darauf, daß die demokratische Presse eingestellt worden ist, läßt sich aus den aus Bukarest kommenden Meldungen kein klares BUd konstruieren und man muß eine Klärung der Situation abwarten. Inzwischen haben sowohl Bulgarien als auch Jugoslawien und die Tschechoslowakei die Einreise von Flüchtlingen aus Rumänien vollständig verboten. Ausländische Blätter wissen zu melden, daß einer Gruppe rumänischer Flüchtlinge, die sich über Ungarn nach Oesterreich begeben wollten, gleichfalls die Einreise verweigert worden ist. Da das neue Regime in Rumänien sowohl in Paris wie in London eine unfreundliche Aufnähme findet, könnte sich dieses zu größerer Reserve veranlaßt finden. Es wäre jedoch verfehlt, darauf allzu große Hoffnungen zu setzen. Aus Genf wird gemeldet: In politischen Kreisen ist bekanntgeworden, daß der Jüdische Weltkongreß eine Note fertiggestellt hat, die sich mit den antijüdischen Erlässen der neuen rumänischen Regierung beschäftigt. Die Note wurde am 1. Jänner der englischen und französisehen Regierung überreicht und man erwartet, daß sich der Völkerbund mit der Eingabe am Montag, den 17. Jänner, beschäftigen wird. Es ist nicht ausgeschlossen, daß zwischen dem Völkerbund und Rumänien ein schwerer Konflikt ausbrechen wird, da sowohl London wie Paris den Standpunkt des Jüdischen Kongresses als gerechtfertigt ansehen. Der Völkerbund wird zweifellos feststellen, daß die in Vorbereitung befindlichen Judengesetze der Regierung Goga- Cuza dem zwischen dem Völkerbund und Rumänien bestehenden Minderheitenvertrag von St. Germain widersprechen. Aus Bukarest wird unterm 4. d. M. berichtet: Ministerpräsident Goga empfing heute nachmittag den Präsidenten der jüdischen Partei Dr. Fischer in Audienz, mit dem er die Frage der Ueberprüfung der Einbürgerung der jüdischen Einwohner Großrumäniens grundsätzlich besprach. Diese Frage wird von den Vertretern der jüdischen Bevölkerung in den nächsten Tagen mit Staatssekretär Professor Dragomir eingehend erörtert und sodann nochmals vom Ministerpräsidenten untersucht werden. In Ungarn spielt seit einiger Zeit ein Herr Baron Luzsenszky als Talmudsachverständiger eine Rolle. Wie weit es mit seiner Wissenschaft steht, beweisen u. a. folgende seiner Ausführungen: Auf jedem Exemplar des Talmud stehen die Worte Wilna und Rom, weil der Talmud mit der Bewilligung des römischen Papstes gedruckt Der rassenschützlerische Abgeordnete Julius Petroväcz hat nun selbst die Kontrolle der Juden übernommen. Wie er es im ungarischen Pariament erzählt, hat er in Budapest 15 Juden mit Bart und Peiot angesprochen; sie haben ihm nicht antworten können. Das sind alles eingewanderte Galizianer gewesen! — rief emphatisch der Herr Abgeordnete aus und verlangte rasche Verfügungen. Ob diese sich auch auf die Schwaben in Budakesz und auf die Ponzichter in Oedenburg erstrecken werden, die ebenfalls nicht ungarisch können? Der Stadthauptmann von Bekescsaba hat sich auf die Bachurim der dortigen Jeschiwo verlegt. Er kontrolliert ihre Vermögensverhältnisse und falls sie auf Unterstützung angewiesen sind, weist er aus der Stadt aus. ״Zsidö Ujsag“ erinnert den gestrengen Herrn daran, daß der Rabbiner der orthodox-israelitischen Kultusgemeinde auf Grund des Gesetzes von 1871 berechtigt ist, eine Jeschiwo zu leiten. Durch das ständige Eingreifen des Stadthauptmannes wird aber dies Recht ülusorisch. Daß die Bachurim auf fremde Unterstützung angewiesen sind, ist kein Vorwand zur Ausweisung, denn mit derartigen Argumenten könnte man fast alle Studenten der ungarischen Universitäten ausweisen. Handelsminister Geza Bornemissza hat ein Rundschreiben an die Handelskammern gerichtet, worin er die Stellungnahme der Kaufmann- Schaft darüber verlangt, ob der Handel zukünftig an einen Befähigungsnachweis gebunden werde. Der Syndicus der Orthodoxen Zentralkanzlei, Rechtsanwalt Dr. Reiner, wittert hinter dieser harmlos aussehenden Anfrage einen neuen Numerus clausus und fordert die jüdischen Kaufleute auf, ihren Einfluß in den Kammern dahin geltend zu machen, daß die alten Verfügungen den Handel betreffend in Gültigkeit bleiben, also der Handel in Ungarn auch weiterhin ein freier Beruf bleibe. Am 20. Dezember fand in Budapest eine Sitzung des Zentralkomitees der orthodoxen Juden Ungarns statt. Nach dem Nachruf des Vorsitzenden, Kahan-Frankel, auf den unlängst verstorbenen Vizepräsidenten Harnstein, beschäftigte sich das Komitee mit den Razzien, die in Ungarn unlängst gegen die ״Galizianer“ durchgeführt worden sind und stellte fest, daß diese die Rechte der Staatsbürger verletzen und dem Ansehen Ungarns schaden. Das Komitee trat für die Er- Weiterung der sozialen Tätigkeit der Zentralkanzlei ein und delegierte zur Durchführung der diesbezüglichen Tätigkeit eine Kommission. Die weiteren Fragen, womit sich das Komitee eingehend beschäftigte, waren: Die Organisation der Talmud-Thora-Schulen, die Fragen der Rabbinerbildung und der Status der Religion:,- Rheuma? Nehmen Sie den ALPA Franz bran ntwein Durch Massagen mil dem Aipa erzielen Sie große Linderung. Die schmerzenden Körnersteilen brauchen natürliehe Erwärmung; diese wird ihnen durch den erreichten besseren Blumreisiauf zuteil. Alpa gibt es nur in plombierten Originaltiaschen! Achten Sie daher beim Einkäufe darauf, dass Sie wirklich Alpa bekommen. gemeinde-Angestellten. Zur Unterstützung der Schnütto-Bewegung im Heiligen Lande wurde beschlossen, daß die Thoraspenden am Schabbos Schekolim zu diesem Zwecke verwendet werden sollen. Die Arbeitsvermittlung zugunsten der Sehomre Schabbos wurde ausgebaut. Zur Wahrung der Taharos Hamispocho wird das Zentralkomitee einen Aufruf veröffentlichen, welcher sich bereits im Druck befindet. An die orthodoxen Gemeinden, deren Rabbinerposten vakant ist, wurde eine Aufforderung gerichtet, diese ehestens im Interesse der Religion zu besetzen. Ueber die Frage des Anschlusses zur Aguda entfaltete sich eine längere Debatte. Es wurde beschlossen, den Beschluß vom Jahre 1923 aufrechtzuerhalten, wonach sich die ungarische Orthodoiex korporativ und prinzipiell der Aguda anschließt, den Eintritt der einzelnen Gemeinden, wie auch die Gründung von Vereinen aber nicht für wünschenswert hält. 7Sfhtfhf-ftfowtikti Prognosen (F-r.) Zu Ende des bürgerlichen Kalenderjahres haben wir von maßgeblichen Persönlichkeiten Resumes betreffs des verflossenen Jahres und aus dessen Bilanz resultierende Auspizien für das kommende Jahr vernommen. 1 Uebereinstimmend hörten wir, daß das Vorjahr ein ständiges Balancieren zwischen den beiden Antipoden: Krieg und Frieden brachte, wo die Zünglein vielfach so knapp aneinandergerieten, daß ein leiser Hauch genügt hätte, der Waagschale des Krieges Uebergewicht zu verschaffen. Daß dieser Hauch ausblieb, danken wir zunächst der Scheu, die die Greuel in Spanien und Japan auslösten, und der Erkenntnis, daß ein etwaiger Krieg in Zentraleuropa den Untergang aller Kultur und Zivilisation bedeute. Unser Präsident, Dr. Ed. Benes, hat das kommende Jahr ziemlieh optimistisch prognostiziert; das nüchterne Abwägen der Momente pro und kontra, nicht zuletzt aber das Vertrauen in die Vernunft der Völker, lassen ein Jahr ruhiger Evolution am Werke des Völkerfriedens erhoffen. Es ist zwar ein Anachronismus, die Situation der Juden anläßlich des bürgerlichen Jahres- Wechsels einer Analyse zu unterziehen: man kann aber der Versuchung auch deshalb nicht widerstehen, weil gleich die ersten Tage dieses Jahres die düsteren Wolken am Firmament ausbreiten ließen. Die Situation unserer Brüder in Rumänien hat sich mit einem Schlage katastrophal gestaltet. Es ist nicht abzusehen, wie der bisher latente, nunmehr akut gewordene Antisemitismus, der, von Deutschland konzipiert:, da aber noch ernstere Symptome aufweist, sich in der Praxis auswirken wird. Hoffentlich — und gewisse Zeichen sprechen dafür — wird diesmal auch die Vernunft, die mit den vitalsten Interessen des Landes identisch ist, die künstlich aufgewühlten Leidenschaften besiegen. In Polen ist die Lage nach wie vor traurig. Palästina ist heute nicht allein seiner kbmatischen Lage nach ein überaus heißer Boden. Jeder Tag bringt uns neue Hiobsbotschaften betreffs der materiellen Existenz des jüdischen Volkes. Wie sieht es aber mit der geistigen Existenz des Judentums namentlich aber in unserem Lande aus? Da eine Analyse auf Grund statistischer Daten — die aber leider nicht zu erlangen sind — anzustellen, möchte uns ein erschreckendes Bild vermitteln; doch gibt es da leider keine Statistik und sind wir bloß auf Feststellungen angewiesen, sofern uns diese das Leben draußen vermitteln. Zunächst wollen wir die Mentalität der jüdisehen Jugend analysieren. Welches Bild sich uns da präsentiert, kann uns aber denn optimistisch stimmen. Die vielen Organisationen und Vereine, die die letzten Jahrzehnte herausbrachten, haben diese zum Großteil erfaßt. Zunächst hat. der Zionismus in seinen verschiedenen Variationen ziemlich gründliche Arbeit geleistet. Dieser hat es eben verstanden, daß der moderne Mensch heute kein Stubenhocker sein kann und eine gesellschaftliche Stellung haben muß, in die er sich eingliedern kann. Der Zionismus hat es verstanden, sich eine Position im öffentlichen Leben zu schaffen, und so sehr wir uns auch gegen diese Tatsache verschließen, beherrscht er heute bereits ziemlich das Terrain. Die einzige Domäne, wohin seine Machtsphäre noch nicht reicht, ist die Gemeinde. Doch erlebten wir in der jüngsten Zeit verschiedentliehe ernste Attacken und ist es fraglieh, wie lange es gelingen wird, dem Sturm zu begegnen. Herzls Devise: ,,Erobert die Gemeinden“ wurde noch lange nicht fallengelassen. Solcherart wird der Jugend ein Talminationalismus suggeriert und wiegen noch so viele politisehe Mißerfolge die Tatsache nicht auf, daß der jugendliche Zionist einer Organisation angehören kann, die noch einen Faktor im öffentlichen Leben bildet. Die vielen Sportvereine, die wie Pilze hervorschießen, haben auch einen großen Teil der Jugend akquiriert, und daß die Praktiken innerhalb derselben mit der Ethik der Thora kollidieren, muß nicht erst betont werden. Wo bleiben da noch die mannigfaltigen sozialistischen Vereine, die verschiedenen Intemationalen, die programmgemäß im Zeichen des bewußten Atheismus stehen? Welche Organisationen (darunter verstehen wir lebensfähige Organismen, die dem öffentlichen Leben ein gewisses Gepräge verleihen) sind hier nach der anderen Seite tätig, die deren Arbeit paralysieren, die eine neue Gesellschaftsschicht im Judentum erziehen, die das traditionelle und das echt jüdischnationale (verstehe thoragemäße) Leben und nicht das neue kreierte pseudonationale (verstehe zionistische) Leben sicher und für die Zukunft verbürgen? Die Agudas Jisroel etwa? Sie wäre es schon und ist wie keine Organisation dazu berufen und geschaffen, das Judentum aut allen Gebieten, kulturell, sozial, wirtschaftlich, kurzum auf allen Gebieten jüdischer Lebensäußerungen zu erfassen; aber sind wir einmal ehrlich, sie ist wohl Organisation, aber in der Slowakei noch immer nicht der lebendige Organismus, den dieses Land dringender denn je braucht, wenn wir nicht dem Schicksal Böhmens entgegensteuern sollen. Denn wenn wir die

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