Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 11 (1934)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1934)
- Date
- 1934-02-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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9. Februar 1934 Der jidisthc Arbiter. Seite- 3 Verlangt den 9VJ0diSChen Arbeiter" in allen Gast- und Kaffeehäusern! Jüdische Not und Jüdische Gemeinde Von Mendel SingcT*). Schulfrage nicht tnspektorat des Religionsunterrichtes. — Die Kindergärten. — Das soziale Moment bei Kürzung der Beziige. — Das PaläsrJnaaufbauwerk eine Angelegenheit aller Juden. — Nicht das finanzielle Gleichgewicht, die Erfüllung der dringendsten Aufgaben ist das wichtigste. Neben den polrtechen und wirtschaftlichen Fragen ist noch die Schulfrage von besonderer Bedeutung Die Lage für die judaschen Kimder in den öffentlichen Schulen wird zusehends schwieriger Hier aber ist die Schullrage noch immer identisch, mit der Leitung des Inspektorates über den Religionsunterricht Wir s,ind der Ansicht, daß die Frage des Inspektorates von geringerer Bedeutung ist wuchtiger erscheint es uns, daß man an die Spitze unseres Schulamtes einen Schulmann stelle, der das Problem der jüdischen Schule im seiner ganzen Tragweite aufrolle- In einem solchen Schulamte konnte das Inspektorat eine der Funktionen dieser wichtigen Stelle bilden In dem Mittelpunkt unserer Aufgaben aber auf dem Gebiete des Erzaehungswesens um laufenden Jahre müßte die systematische Organisierung des vorschulpflichtigen Erziehungswesens. der Kindergärten- Wnir dürfen es nicht einem Zufalle uberlassen, ob in einem Bezirke ein Kindergarten vorhanden ist oder nichtwir müssen vielmehr die Kindergarten dahin verlegen, wo ein Bedürfnis der Bevölkerung nach diesen Institutionen vorhanden ist. Wir müssen das erzieherische Niveau der Kindergarten heben und sie in Räumen unterbringen, die den Aufenthalt und die Erziehung zur Freude machen. Wir sollten es uns zur Aufgabe machen, mit den herrlichen Kindergarten der Gemeinde Wien wetteifern zu können. Dann waren wir in der Lage, den größten Teil der im vorschulpflichtigen Alter stehenden jüdischen Kinder zu erfassen. Der systematische Ausbau der Kindergarten wäre angesichts der wirtschaftlichen Lage der jüdischen Bevölkerung eine soziale Tat und die Sicherung der Grundlage für das jüdische Schulwerk. Wir wissen wohl, daß alle hier vertretenen Gruppen sich gerne als sozial bezeichnen, aber es gibt doch gewisse Differenzen bei der Beurteilung, was sozial und was antisozial ist. So haben wir beispielsweise verlangt, daß man bei Reduktion der Bezüge jene unter S 200.— ausschalten möge, mit der Begründung, daß man Angestellten mit solchen niedrigen Gehältern das kümmerliche Dasein nicht erschweren soll. Man hat es uns zugestanden, aber nur akademisch. Bei der Durchführung wendete man es bloß auf — sage und schreibe — direi Angestellte an, die bereits schematisiert sind, wahrend der großen Zahl der Angestellten, die nicht schematisiert sind und nicht mehr als S 200.— beziehen, die Abzüge gemacht wurden. Es kommt eben immer darauf an, inwiefern man sich verpflichtet fühlt, seine Handlungen mit der Bezeichnung sozial an Einklang zu bringen. Wir nehmen es mit unseren sozialen Anschauungen ernst und deshalb verlangen wir, daß im Budget für den Ausbau der Kindergarten vorgesorgt werde. *) Aus der Rede in der Budgetdebatte der Wiener Kultusgemeinde. Siehe „J. A." Nr. 5. Und nun zu einem Kapitel, in welchem es heuer in diesem Hause hoffentlich keine Meinungsverschiedenheit mehr geben durfte — das Pala s11 n a a u f ba u w e rk. Wir haben immer den Standpunkt vertreten, daß das Palastmaaufbauwerk keine Partciaiigelegenheit ist und daß sich keine judische Gemeinschaft der Mitwirkung bei dieser grandiosesten judischen Tat entziehen kann. Zum Lobe dieser Gemeinde sei festgestellt, daß sich diese Einstellung hier s»t Jahren bereits durchgesetzt hat. Heute durfte diese Orientierung Gemeingut geworden sein, denn auch jene Einzelne, die den Haushalt der Gemeinde vom Gesichtspunkte der Kehiila beurteilen, konnten errechnen, daß im abgelaufenen Jahre Palästina den aus Oesterreich eingewanderten luden viel mehr gegeben hat, als unsere Gemeinde für tue Palastinaaufbauzwecke. Dem muß in unserem Budget Rechnung getragen werden. Der Beitrag der Gemeinde für den Chaluz. für die A Ii j a h und für die Palästina-Auf bau-Fonds muß der höheren Leistung und der groß e n Bedeutung cutspr echend erhöht werden. Wir erwarten vom Fnianzreferenten eine eindeutige Zusicherung, daß im Budget des laufenden Jahres für A rbeit und U m s c h i c h t u n g. S c h u le und Palästinaa u f b a u in ausreichendem Maße vorgesorgt werden wird, vom Präsidenten erwarten wir eine Erklärung, daß er uber die demokratischen Einrichtungen und den demokratischen Charakter unserer Gemeinde strenge wachen und den Abwehr kämpf gegen die Entrechtung der Juden energischer organisieren wird. Der Einwand, daß zur Erfüllung dieser Aufgaben Geldmittel notwendig waren, die das Gleichgewicht unseres Budgets erschüttern konnten, uberzeugt uns keinesfalls. Wir wollen die Zionisten daran erinnern, daß wir gemeinsam mit ihnen Jahre hindurch diesen Argumenten von Seiten der ..Union" entgegen dte Dotierung des Palastmaaufbauwerkes trotz des sich ergebenden Defizits verteidigt und durchgesetzt haben. Wie damals behaupten wir auch heute: Je mehr wir leisten, desto mehr können wir von dien Juden verlangen. Die Tatsachen beweisen auch, daß die jüdische Bevölkerung dafür Verständnis hat. In den Jahren der schwersten Krise zeigen dlie Eingange der Kultussteuer eine ununterbrochen steigende Linie auf. Wie damals behaupten wir heute, daß für die Erfüllung wichtiger Aufgaben unter allen Umständen die notwendigen Geldmittel aufgebracht werden müssen. Bei aller Wertschätzung der Bemühungen des Fman/reierenten. das Oleichgewicht im Budget der (iemciinde zu erhalten, mussen wir erklaren, daß ein ausgeglichenes Budget, in welchem f u r Arbeit und Umschichtung Schule und, Palastinaaufbau nicht im genügenden Ausmaße vorgesorgt istein großes Passiv um bedeuten wird, während wir ein Budget, in welchem f ü r d i e s e Aufgaben ausreichende Mittel vorgesehen sindals Aktivum betrachten und es mit ruhigem Bewußtsein verteidigen wurden, auch wenn es ein Defizit verursachen sollte. 1 Wir erwarten daß unser Standpunkt Verständnis finden und man uns die Möglichkeit geben wird, den den Zionisten gewährten Vertrauenskredit aufrecht zu erhalten. Kfar Ussischkin Der Orgau.isatioiKrat hat einhellig beschlossen, sich ganz in den Dienst dieser Aktion zu stellen. Er hat ein Kontingent von S 2000.— übernommen. Die Chawewm Hcrschkowitz. und silbernere haben den Auftrag erhalten, diesen Mifal durchzuführen. Grundsätzliches Die Ansiedlung der Mitglieder der Föderationein auf Kfar Ussischkin wird nur im Verhältnis zu den für diese Siedlung aufgebrachten Mitteln erfolgen. Ein Jude im verunglückten russischen Stratosphären-Ballon Moskau. Einer der russischen Weltrekordflieger, die nach Erreichung eines neuen Rekords. 22.M) m, beim Abstieg mit ihrem Stratosphärenballon tödlich verunglückten, war Moses Leib (Ilja) Ussischkin Ussischkin entstammte einer ukrainisch-jüdischen Familie, war ein bekannter Gelehrter und Direktor der militärischen Ftiegerakademie im Range eines Obersten Er war der zweite Kommandant des verunglückten Ballons Seine während des Fluges niedergeschriebenen wissenschaftlichen Beobachtungen blieben erhalten. Bekanntlich befand sich auch unter der Besatzung des ersten russischen Stratosphärenballons der jüdische Ingenieur und Professor Birnbaum als Leiter der wissenschaftlichen Beobachtungen. I. Reisegesellschaft der Poale Zion-Hitachduth nach Palästina S 645.- Abreise Wien 19. März nach Rom und Neapel. — Einschiffung auf dem Luxus-Motorschiff „Vulcania" am 21. März in Neapel. — Ankunft Haifa 27. Marz. — Neuntägige Fuhrung durch das Land, organisiert von der Kulturkomission der Histadruth. — Rückreise ab Haifa auf dem Luxus-Dampfer „Roma" am 18. April. — Ruckreise Neapel—Wien am 23. April. Preis wir die Reise Wien.......-Haifa und zurück einschließlich Ein- und Ausschiiffungstaxen und Gepacktranspart sowie Verpflegung am Schiff Beschrankte Teilnehmerzahl! Bei der Anmeldung sind 30 Prozent des Reisebetrages zu erlegen. Anmeldungen nimmt entgegen: M. Singer, Wien, IX., Spitalgasse 21/8. Mundliche oder telephonische Auskünfte (A 22-9-29) werden taglich zwischen 2 und 3 Uhr nachmittags erteilt. Dieselbe Stimmung traf ich bei den vierzig jungen. Juden in Wilkowiczki. Warum verließen sie die Gymnasien, wiewohl sie bloß wenige Monate auf ihr Zeugnis harren mußten? Einer verließ: das Gymnasium nach, der ersten antisemitischen Lnterrichtsstunde m .Jlassenwissensehaft". Er kam nach Hause und erklärte den Eltern, daß er nicht, mehr hingehe! Em zweiter verliebdie Schule sofort, nachdem ein Kapitel aus Hitlers „Mein Kampf"' in einer Lnterrichtsstunde vorgelesen wurde. Diese Stunde vergißt er im Leben nicht mehr, sagte der Student. Es war, als hielte ihn jemand die ganze Zeit am Halse und würgte ihn. Es interessierte mich, festzustellen, wie tief die Wunde in den Seelen dieser Neunundsechzig brannte, die, aufgewachsen inmitten deutscher Bildung, nun gezwungen waren, die Beziehung zum deutschen Geist, zur deutschen Kultur, die sie mit der Mattermilch eingesogen, abzubrechen. Und mich überraschte die Kalte ihrer Heden . .. Voll Zorn rief einer aus: ...Mich ekelt Deutschland an'" End man spurte dann den Nachhall der letzt lahrigen. Ereignisse. Ein anderer hingegen erklarte, seine \erbundenheit mit deutscher Literatur und dem Reiche werde nicht zerreißen. Doch die Mehrzahl nahm die Frage unter diesem Aspekt nicht sehr tragisch. Sie beschäftigte das Problem, das m den Hirnen bohrte und sie nicht ruhen ließ: Was geschieht nach den anderthalb Jahren, nachdem ich schon Schlosser geworden bin? Es herrschte dann ein großer Unterschied zwischen den Kownoem und den W llkowiczkiern. Die ersteren sind Nicht-Zionisten. Vom „Ort" geschickt, sie besitzen nicht die geringste Beziehung zur judischen, gesellschaftlichen Bewegung. Die W llkowiczxiei sind Chaluzim undd wollen nach Palästina. Der Seelerizustand diesei beiden Gruppen i-t ein fach nicht zu vergleichen. Die einen haben ein nationales) Ideal. Sie vermischten sich vom ersten Jage an mit ihrer lesen bereits jiddische Zeitungen. Nach der Arbeit linden Versammlungen statt, man smgt. tanzt, man fuhrt ein kollektives Leben und findet keine Zeit tur Sorgen und Zionisten. wenn man von der Zukunft zu sprechen beginnt. Lud obwohl sie bessere Wohnungen und günstigere Lebensbedingungen haben, als jene, beneiden sie diese und einige haben schon begonnen, die Versammlungen der Chaluzim m kowno zu besuchen.. .Man muß gerauine Zeit hier verbringen und Züsch nun «ic uiese deutsch jüdischen Moisihen \ollu Lmst feilen, schleifen, sagen, mit den Hämmern klopfen, große schwere Eisenstucke tragen, um zu erkennen, daß hier neues jüdisches Leben geboren wird. Gleich ihnen drangen sich tausuidc welleicht zchnt lustndsol< hei driitsihui Juden zur Arbeit. Auch -sie wollen teilhaben am jüdischen Leben und judischem Schaffen m dieser oder jener 1 orm. Ls sind Wunder uber Wunder! End nicht geringere Wunder sah ich bei den Chaluzim Rigas. Kownos. Dwmsks und vieler anderer Städte. Ich sitze in einem ..Kibbuz" einer Kommune, der Chaluzim in Riga. Etliche dreißig Jungen und Madchen kamen soeben von ihrer Arbeit- Die \ oroereitung für ein phvsisches. kollektives Arheitsleben sieht hier, im ,.Stadt kibbuz", anders aus. als auf einer landwirtschaftlichen Hachscbarah. Es sind alles Kinder, deren Eltern der Mittelklasse, angeboren. Ehem. die sie noch bei sich gehalten, sie verheiratet oder ihnen zur Eröffnung von Laden verholfen hatten, oder bis sie ihr Doktorat gemacht hatten Doch sie hängten all dies am Nagel und gaben sich mit Leib und Seele ihrer Arbeit hm und der Vorbereitung zum kollektiven Leben in Palästina. Mau arbeitet, schwer in den Fabriken für minimalen Lohn Lud wenn man von dieser Arbeil heimkommt, da« heißt: in den Kibbuz, so ist man fröhlich und beginnt, mit frischer Louise haff 1 n ud< /u find« n im Liboi Ii .11 Wr-unm hingen ab. singt, tanzl. lud wirklich! Mm wigibt in ihn i Mitte du G iliith durch so viel Leben, solchem Glauben, dieser Energie vollkommen neuer Energie: eine wunderbare Verschme]- /unt, h,i, gcscll-dulil, he, und ml,muh i l„ „Usance VVn cm ii pinniMin d is Vboidbrol md Weißktso gestrichenes s<h\ ir/brnl und ein, I ism IiiIkii süssen Ui di/u M juij ibl mit \pdit und einer Vndiehl zelebrier!« man eine gotb'sdienstliche Hanellimir. .Neben um sit/1 <in /w.in/iuümg.s \] ,d,!„ n d is m Ihvmsk d.s russisch. Gwmusnim ibsohrle ..... Iltrm sinfl, in Juu Wunsch uif ilm dlcMe I o< h|. r stu 1. nlm \w ich n /u .....n \bu s,f w,r m.l d >> * dmsmmgcn ld(. h< enur I u-bmfibnk Is ist suiJ,, ,m'| s< hmut/urVibut' Ahn stund, n im I« und muhe dm it d< Hm und Rückweg zwei stunden. Doch ihre jungen Augen strahlen Glut' ilm imuui Scbullun tiig.n I, ic hl m di su List und sie tragt diese Bürde mit hellem Gesang \u< dei anderen -eile s l/l im junge , Do, toi-Mihn aus Rellin. Von der achten Klasse, ging er fori War bereits m Herl in ein Chahi/.. spricht einige H rocken Hebräisch, doch schon ziemlich gut Jiddisch. Er arbeitet ib.nfilK m unei I i'.nk lebl im Kiblu/ m lu Korn munc und sun \nlht/ sttahlt Glu» k \ < nn -m i/ihlt, wi( gut is su h n dnset Gruppe Osl Indui h hui läßt.. Gerade bin ich in einer Versammlung von mehr als dreihundert Kownoer Chaluzim. Em wunderbares Bild- Hunderte flammende Gesichter, hunderte brennende strah-