Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 11 (1934)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1934)
- Date
- 1934-02-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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2. Februar 1«4 Der At*«tter. Säte 3 Die Schicksalsfrage der jüdischen Arbeiter- und Angestelltenschaft Oesterreichs In diesen Tagen ist ein Ereignis eingetreten, welches den größten Optimisten unter uns die Ueberzeugung beibringen mußte, daß die judische Arbeiterumd Angestelltenschaft nach und nach vollkommen! i aus dem Produktionszweig verdrängt, dem tlend und der Verzweiflung preisgegeben wird. Wir haben an dieser Stelle wiederholt berichtet, wie die judischen Angestellten bei jedem Abbau m öffentlichen und halböffentlichen Inslituten im \ ordergrund stehen, so vor allem m den Banken, in den Soaalversicherungsinstituten, aber auch bei der staatlichen Hoheitsverwultung und Betneben, wo ohnedies kaum noch ein judischer Arbeiter oder Angestellter zu finden ist. Wir haben aber auch' darüber berichtet, daß selbst die jüdischen Unternehmer, die gleich ihren arischen Kollegen ständig die Beseitigung des Klassenhasses und Klassenkampfes predigen, den Rassenhaß mitmachen und der Regierung /u beweisen versuchen, daß auch sie den neuen Zug der Zeit verstehen und den Anschluß nicht versäumen wollen, indem sie ausschließlich christliche, vaterländisch' gesinnte Arbeiter und Angestellte beschäftigen. Weiters haben wir auch auf die Hoffnungslosigkeit unserer studierenden Jugend, insbesondere mii der Etabherung des autoritären Regimes, verwiesen In der Schule benachteiligt, auf den Hochschulen von den Hakenkreuzbanditen überfallen. b'luti« schlagen, endlich das Studium beendet, ist dieser junge Mensch sich selbst und der Not überlassen; und hat kerne Aussicht, in einem öffentlichen Spital oder Fabrik unterzukommen. Nitro will man all diesen Erscheinungen einer gesetzlichen Rahmen geben. Und so erklärt in diesen Tagen eine Notverordnung auf Grund des kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetzes, d a'ß b e i V ergebung von öffentlichen Ar bei ten der Minister tur soziale Verwaltung zu bestimmen; hat, von weichem Arbeitsamt die Arbeitslosen anzufordern sind. Wie sieht die.' ini der Praxis aus' Unseren Lesern wird es ia bekannt sein, daß der Ministerrat den Umbau der Reichsbrücke beschlossen) hat. Nun hat auf Grund vorerwähnter Notverc der Sozialminister Schmitz verfügt, daß die zum Bau der Reichsbrucke notwendigen Arbeiter vorr hchsozialen Arbeitsnachweis angefordert werden müssen. Es ist weiter nicht unbekannt, daßder Minister dieselbe Verfugung auch für andere Arbeiten und! Bauten des Bundes auszudehnen gedenke. Der christlichsoziale Arbeitsnachweis nimmt jedoch1 keine Juden auf, und so tritt für den jüdischen Arbeiter und Angestellten die Situation an, wenn er nicht seine Gesinnung, seine Religion verleugnen will, \ ein aufrechter Mensch und Jude bleibt, so ist er der Not, dem Elend, der Verzweiflung, dem Hungertod, preisgegeben. Wenn auch von dieser Verfügung die Protestanten, Altkatholiken, Freireligiöse und Freidenker mitbetroffen sind, so wissen wir doch aus unseren Erfahrungen, daß gerade die judische Arbeiter- und Angestelltenschaft dies doppelt und dreifach zu spüren bekommt. Sehen wir uns einmal die Rechtslage an. Der Artikel 66 des Friedensvertrages, der durch den Artikel 149 des Bundesverfassungsgesetzes zu einem Bestandtal der österreichischen Verfassung erklärt worden ist, besagt: Unterschiede in Religion. Glauben oder Bekenntnis sollen keinem österreichischen Staatsangehörigen beim Genuß der bürgerlichen und politischen Rechte nachteilig sein, wie namentlich bei1 Zulassung zu öffentlichen Stellungen, Aemtern und Wurden oder bei den verschiedenen Berufs- und Erwerbstatigkeiten Es unterliegt somit, nach dieser klaren Bestimmung des Friedensvertrages und der österreichischen Verfassung, gar keinem Zweifel, daß niemand, auch kein Jude, wegen seines religiösen Bekenntnisses* m seiner „Berufs- und Erwerbstätii?keit" beiiachtei ügt werden darf. Durch diese Notverordnung tritt jedoch das Gegenteil ein Denn die-ei \rbeitsnachweis, der das Monopol zur Vermittlung von Arbeitern, für Bundeslieferungen und Arbeiten für den Bund bekommen hat, ist ein Arbeitsamt der christlichsoziai ,V€werkschaft Diese ist die nur Katholiken, aIf Mitglieder aufnimmt und selbstverständlich vermittelt ihr Arbeitsamt nur ihre Mitglieder. Diese Tatsache widerspricht nicht nur den oben erwähnten» Bestimmungen des Friedensvertrages und der Vertassung, sie widerspricht auch den Bestimmungen! des Anüterrorgesetzes. Dasselbe bestimmt klar und eindeutig, daß «niemand von der Arbeit m einem Betrieb aufgeschlossen werden darf, weil er keiner Gewerkschaft, oder weil er einer bestimmten Gewerkschaft angehört. Der Minister für soziale Verwaltung mußte sich demnach bei Erlassung dieser Verfügung darüber im klaren sein, daß diese mit den bestehenden gesetzlichen Vorschriften nicht im Anklang zu bringen bt Es wäre überdies noch, \ am Gesichtspunkt des Mino^tenredrtes aus, zu prüfen, ob diese Verfügung, die zweifellos unmittelbar und mittelbar das gesamte in Gesterreich lebende judische Volk betrifft, demseloen standhält. Es ist überdies nötig, sien bei dieser Gelegenheit folgendes vor Augen zu halten. Der Umbau der Reichsbrucke, so wie alle Investitionen, die letzt vom Bunde gemacht werden, werden aus dem Erlös der rrefferanieihe gedeckt. Bei Begebung derselben ist unseres Wissens nach mein n&c\i Konlession def Zeichner gefragt worden. Nicht nur einzelne Juden, die judische GernteirMe als solche hat auch eine) große Summe gezeichnet, tyare es daher nicht nui ihr Recht, sondern ihre verdammte Pflicht und .-schul digkeit gegenüber den Kultussteuerzahlen), nach dem Rechten zu sehen und sie nicht ins neue Elend1 Sturzen zu lassen? Vor einigen Tagen hat die Kultusgemeinde ihr Budget für das Jahr 1934 beschlossen, Unsere Vertreter haben schweren Herzens, trotz all ihrer berechtigten Bedenken und trotz innerem Widerwillen für dasselbe gestimmt, um einem einheitlichen judischen Willen Ausdruck zu geben. Sie haben damit den Verwaltern m der Gemeinde einen neuen! Kredit gewahrt. Aber wir sagen dies mit aller Offenheit, die Kultusgememide gewinnt bei uns nur in dem Maße an Wert, in dem sie zu einer wirklichem sehen Gemeinde wird. In dem Maße, m dem sie die Sorgen der breiten Masse der jüdischen Bevol-, kerung zu ihren eigenen macht, diese vertritt und' sie zu lindem sucht, in dem Maße wird sie m der Masse selbst Verwurzelung finden. Wir stehen auf der Wacht! Höften1 wir, daß unsere Mahnung w letzter Stunde, wo das gesamte österreichische Judentum vor einer Schicksalsfrage steht, bei den verantwortlichen Faktoren der Kultusgemeinde Gehoi „Schicksalsfragen der Juden" Vortragsabend. Sonntag, den 11. Februar 1934, im Hotel Continental, II., Taborstraße 4 Vortragende: Dr. Saul Sokal, Mendel Singer. Es wird vorgelesen aus: Lion Fcuchtwangers ,.Geschwister Oppenheim" und Kurt Stechen-.: ,.Palastinabcricht eines Nuchtjuden". Karten sind zu haben im unserem Sekretariate, IL, Blumauergasse 1, und tn der Buchhandlung M. Rath, IL, Taborstraße 20 a. Leben in Palästina Abschied Weitere 21 Grundstücke im Gebiete der Haifa-Bucht zugeteilt. Aus Haifa: Der Beirat des Jüdischen. Natwnaltonds und der Palestme Economic Corporation hat weitere 21 Ansuchen Zuteilung von Grundstücken in der Industriezone des Gebietes an der Haifa-Bucht (Emek-Sebulun) bewilligt. Auf zugeteilten Grundstucken werden Industriebetriebe errichtet. Umzugsgut der Palästina-Emigranten. lieber Intervention der Jewish Agencv for Palestinc hat die Palastinaregierung veranlaßt, daß die Anmeldungsfrist des Umzugsgutes von Emigranten, auf sieben Tage nach deren Landung erstreckt wird Früher mußte der Reisende innerhalb 24 Stunden nach der Ankunft die auf seinen [amen zu erwartenden Gepäckstücke bei der Zollbehörde i Jaffa oder Haifa zwecks Zollbefreiung immelden. Tel-Awiw. Der berühmte Geiger Bronislaw Hubertan, der in Tcl-Awiw ein Konzert gab, wurde vom Burgcricistor Dizcngoff begrüßt, der dem Kunstler für sein mutiges Eintreten für die verfolgten jüdischen Kunstler in Deutschland, das m seinem berühmten Absagebrief an den deutschen Staatskommissar Furtwangler zum Ausdruck gekommen ist. dankte. Auf einem Bankett zu Ehren des Künstlers antwortete Huberman mit einem Bekenntnis zum jüdischen Palastina. ' Auch die Bauunternehmer in Haifa gegen die Streikbrecher Die bürgerlich-zionistische Tageszeitung „Haarez" (Tel Aviv) vom 12. Janner, veröffentlicht folgende Erklärung der Bauunternehmer in Haifa: Wir gefertigten Bauunternehmer in Haifa, die über 1500 Bauarbeiter beschäftigen, erklären, daß wir den Konflikt mit den Unternehmern Lewm-Weidenfeld, als einen gewöhnlichen Arbeitskonflikt ansehen und protestieren scharfstens gegen den Versuch, ihm einen politischen Mantel umzuhängen; wir sind darüber empört, daß ausartige Streikbrecher gebracht wurden und daß i derartigen Kampfmethoden gegriffen wurde. Die Tatsache, daß Streikbrecher aus anderen Orten speziell gebracht wurden, erregte die Arbeiter und verursachte ernste Axbeatsatorungen in der ganzen Stadt. Wir 99 Prozent der Bauunternehmer in Haifa, die wiT friedlich und einträchtig mit der Histädiuth zusammenarbeiten, fordern die genannten Unternehmer auf, unserem Beispiel zu folgen und den Konflikt sofort zu Uquidieren." Mit zwiespältigen Gefühlen sehen wir wieder zw.e» Genossen, die zu den aktivsten Mitgliedern unserer Organisation gehören, nach Palästina ziehen: die Genossen Hermann Kanner und Dr. Wilhelm Sc hör. Gewiß, wir freuen uns darüber, daß aus unserer Panei Menschen hervorgehen, die tratz ihrer günstigsten Lebensbedingungen einfaili nach Erez gehen müssen, weil ihnen der Zionismus den Sinn des Lebens bedeutet, dessen wahrhafte trtiillung nur durch unmittelbare Arbeit am Aufbau des Landedurch Eingliederung ins arbeitende Palästina möglich ist. Trotz dieser Freude über die Bewährung der Erziehungsarbeit unserer Bewegung müssen wir unserer ernstesten Sorge darüber Ausdruck geben, daß wir uns. vom lokalen Standpunkt gesehen, durch die letzten Alijoth langsam verbluten: wahrem), tu den mchtjudischen Arbeiterorganisationen der Selektion-prozeß die aktivsten und fähigsten Genesen an die wichtigsten Orgamsationsposten stellt, wirkt such diese Auswahl bei uns so aus, daß wr sr verlieien Es ist daher eine Frage des Seins oder Nichtseins unserer Organisation, wie sie diese Lebensfrage lasen wird. Genosse Hermann K a n n t r ist seit truhestcr Jugend in der /ionisti9ch-s07iahstisehen Bewegung tatig, vor dem Jchud in der Hitachdut, gegenwartig in der vereinigten Die Hauptgebiete seiner Arbeit waren der Nationalr fonds und der Keren Alijaih. Unermüdlich war Genosse Kanner bemüht, den Aktionsradius des Keren Kajemeth zu und die Wittel des Alijahlonds /u vergrößern. Kennzeichnend ist es für da*, zionistische Einstellung des :>ssen Kanner. daß er stets das größte Gewicht darauf ■ daß die Beteilung aus dem Keren Alujah ausnahmslos Form eine Darlehens annehme ei wollte verhindern, daß diese Institution als chalukaartige Wohltatigkcitsanstalt es von den Gebenden, sei es von den Nehmenden bebtet werde Uiber diese externe Arbeit hinaus hat Oese Kanner auch die innerargarasatonschc Arbeit nicht nachlässigt und sich .insbesondere auf dem Gebiete der Wahlarbeit "aufs Erfolgreichste bemüht. Hieb« half ihm eine Gemahlin, Genossin Grete Kairoer, <Ue mehrere Jahre im Keren K.jermtli beruflich t itig war, und stets über ihre Pflichten hinaus den Interessen des Nationair Genosse Dr Wilhelm sehor ist aus der ziomstil,on Jugendbewegung des Blau-Weiß hervorgegangen Ausgezeichnetes hat Genosse Schor aul dem Gebiete der Erziehungsarbeit geleistet, sowohl innerhalb des Blau-Weiß 1« auch im jüdischen Lehrtongsheim, wo er mehrere Jahre hindurch als Prafekt arbeitete. Dr. Schor ist es allem zu verdanken, daß der Blau-Weiß die Efttwuck- 7 um zionistischen Sozialismus genommen hat, und er gehört auch zu jenen Menschen, die" am energischsten zum" lchud gedrängt hallen. Daß die Vereinigung der ztomsti ch-sozuhstischcn Knttc möglich geworden ist, danken wir nicht zuletzt dem Genossen Dr. Schor. Innerhalb der Parteiarbeit gibt es schlechthin kein Gebiet, auf welchem Dr Sclur sieh nicht erfolgreich betätigt hitte auch der Jüdische Arbeiter" hat ihm heute für seine Mitarbeit herzlichst zu danken, und wir hoffen m ihm bald unseren ständigen K »rrc-pondenten aus trez Israel begrüßen zu können1 Die Krönung seines Si haften-, bedeutet aber seine Leistung m Rahmen de-r Volksheimarheit. Ah> Leiter des jüdischen Volksheims hat Dr. Schor das langentbehrte Zentrum der jüdischen Bilduiigsarboit in Wien geschaffen. Das wirklich hohe Niveau des im Volksheim Gebotenen ist nicht zuletzt den unermüdlichen Bemühungen Dr. Schors zu danken, der es verstanden hat, wirklirh Berufene für unsere Arbeit zu interessieren und ihre latenten Kräfte für die jüdische Jugend fruchtbar zu machen Soweit das Volksheim auch d«e Erziehung zum Musatkverstandnis sich zur Aufgabe machte, wurde Dr. Schor hieben von sc im er Frau, der Genossin Dr. Ada Schor, aktiv unterstützt, che die Hörer des öfteren bei künstlerischen Veranstaltungen durch ihre hohe Gesangskunst erfreut hat. Wir wurden unsere Würdigung der Bedeutung Dr. Schors für die zionistische Bewegung als ein Torso empfunden, wenn wir nicht auch von einem rein persönlichen Moment sprechen wurden: wir meinen die Tatsache, daß das Haus Schor das Kristal lisationszentrurn einer zionistiseh-soziahstischen Gemeinschaft im schönsten Sinne dieses Wortes war. Es ist ein tragischer Irrtum vieler „Organisationstechrniker", daß sie den Wert des Apparatmaßigen und, Technischen für eine Bewegung überschätzen und die Bedeutung der Existenz, innerlich durch Freundschaft und Kameradschaft verbundener Gemeinschaften geringschätzen. Das Beispiel der sieh um das Heim Dr. Schors gebildeten Gemeinschaft hat auch dem ihr fernstehenden aufmerksamen Beobachte! der zionistischen Arbeit in Wien den Beweis erbracht daß eine solche Gemeinschaft eine wahrhafte Kraftquelle für die zionistische Gesamtheit bedeuten kann; und. die Uehersiecllung der Genossen Wilhelm und Ada Schor wird auch in dieser Hinsicht nicht nur einen Verlust für ihre Freunde, sondern auch für den Wiener Zionismus bedeuten. Es ist für die uns verlassende Schor charakteristisch, daß ihr privates Leben eine unlösbare Einheit darstellt. Di verständlich, daß wir iihnen vor allem ihnen vergönnt sei, aktive Zeugen einer den Entwicklung unseres Aufbauwerkes l Möge es ihnen gelingen, jene Arbeitern! den., die ihnen Gelegen heut bieten , ih ketten zum Nutzen des Landes und Befriedigung einzusetzen. Kanner und üshalb ist es selbstwunschen, daß es stets fortschrcitenr n Palästina zu sein, jglichkeiten zu fmbedeutsamen Fahigi ihrer persönlichen Dr. M. P.