Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 11 (1934)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1934)
- Date
- 1934-01-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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5. Jänner 1934 Der jariisrfce Asbaiter. Seite 3. der zionssfechen Moral unsere Konklusion*», die mit jenen der rumänischen OefifeirtMchköit über die „Eiserne Garde" Aehntchkei* hatten. Man habe das Gerichtsurteil abzuwarten. Angenommen, das sei rechttg: Warum warten dann nicht auch die Revisionisten? Wozu die ständige Schützenhilfe, Expektorationen offenbar eines nicht ganz sauberen Gewiss sems? Wozu diese jämmerliche Hetze gegen die Arbeiterpartei? Ist Stavsky schon frei? Ist es schon so klar, daß er frei kommt? Wenn man dfe Sicherheit sieht, mit der die Revisionisten das annehMien, muß marn, mit T u c h o 1- Volksbildungsvereia .„JÜDISCHES VOLKSHEIM" WÄemi, II., Blumauergasse 1 Samstag ,de'n! 6. Jäwruer 1934, 20.30 Uhr Jüdische Helden der Arbeit" A. D. Oordon — J. Trumpeldor — ChL Arlosoroff Es spricht: Dr. Saul Sokal Klaviervorträge: Max LampeI Rezitationen Gäste willkommen. sky fragen: Worauf herauf? Vielleicht die „Entlastungszeugen"? Betairim aus Kfar Saba? Aber auch sie blieben doch noch immer die Antwort schuldig, auf die Frage, wo Stavsky die Stunde vor dem Mord war. Es reicht immer nur bis halb zehn, zehn Uhr. Und die Verkehrsmittel in Palästina sind ziemlich fix. Also? Und dann: WiT erlauben uns, zu dien Betarim von Kfar Saba ein kleines Mißtrauen zu haben. Sie gehören jener königlichen Partei an, deren von Jabotinsky hochverehrter Dichterprophet Uri Zwi Grünberg jenes Wort von der „Heiligen Lüge" prägte, die im Kampf mit dem Feind erlaubt ist. ... B. W. Aus der jüdischen Welt Jüdische Kolonisation in Amerika Die Regierung der Vereinigten Staaten hat eine Erklärung veröffentlicht, daß sie für die Ansiedlung von 200 jüdischen Familien auf dem Lande ein Darlehen von V2 Million Dollar zur Verfugung stellen werde. Kolonisiert werden Juden aus der überfüllten Konfektionsindustrie. Mordtat der Weißgardisten Fast die gesamte jüdische Bevölkerung hat in Charbiti am Begräbnis des jüdischen Musikers Moses Küste teilgenommen, der von den Weißgardisten zum Tode verurteilt wurde. Alle jüdischen Geschäfte waren gesperrt. Am Friedhof spielten sich erschütternde Szenen ab. Die Mordhetze der Faschisten geht weiter. Zwei Juden in Havanna ermordet Der anti jüdische Terror in Kuba wird fortgesetzt, Ueberfälle auf Juden sind an der Tagesordnung. Die jüdische Gemeinde in Havanna hat sich an die französische Gesandtschaft um Hilfe gewandt. Im Verlaufe der Ereignisse der letzten Wochen wurden zwei Juden ermordet. Ichadgegner in Polen Kürzlich fand in Warschau eine Konferenz des Teiles der einstigen Hitachduth statt, der sich nicht der vereinigten Partei anschloß. Aus diesem Anlaß hat unsere Bruderpartei an die Delegierten der Konferenz einen Aufruf erlassen, in welchem sie feststellte, daß die Gegnerschaft zum' Ichud/ nichts anderes ist als eine Form der modernen WeltreaJction. Ergebnisse des Mlfal-Arlosoroff Die Zentrale des Mifal-Arlosoroff in Prag wurde geschlossen. Auf Grund der bisherigen Eingänge wird das Ergebnis bis zu Ende Jänner in den europäischen Ländern mit 23.000 Pfund eingeschätzt. Die palästinensische Arbeiterschaft hat 17.000 Pfund gesammelt. In Deutschland wurde die Mifal-Arlasoroff-Aktion erst in dien letzten Tagen er- Eioe Konteren« der jüdischen Musterwirtschaften in Sowjetrußland Am 31. Dezember fand in Stalindorf, dem Hauptort des jüdischen Rayons, der mit nationaler Autonomie ausgestattet ist, eine Konferenz der jüdischen Musterkokhosen statt. An der Konferenz nahmen viele Führer der politischen Partei, jüdische Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler teil. Weltkongreß des religiösen Judentums für den Paltstinaanfban Eine offizielle Mitteilung berichtet, daß zwischen, der, Exekutive des Misracrii und der Agudah Verhandlungen über die Einberufung eines religiösen Kongresses für den Pa~ lästmaaufbau. Der Kongreß soll in Jerusalem stattfinden.! Bekanntlich hat der Misrachi bei seiner Konferenz in Krakau eine solche Konferenz beschlossen. Zionistisch-sozialistische Konferenzen In den letzten Tagen fand die dritte Konferenz unserer lettländischen Partei statt. Am 6. und 7. Jänner wird die erste Konferenz unserer Bruderpartei m Estland tagen. Konferenz der jüdischen Theater in Rußland In Moskau fand kürzlich die erste Konferenz der jüdischen, Theater im Sowjetrußland statt. An der Konferenz! nehmen Delegiert« aus Moskau, Charkov, Minsk, Kiev, Odessa und Biro Bidschan teil. Es beteiligen sich an der Konferenz auch Vertreter der Bildung», und Gewerkschaftsorganisatiomen. Organisatioaelle, finanzielle und Reporterprobleme bilden die wichtigsten Punkte der Tagesordnung. Aus Hitierdetitschland Den Jaden droht der Vertust der Staatsbürgerschaft Das preußische Innenministerium hat eine Verordnung herausgegeben:, die erwarten läßt, daß die Juden im kommenden Jahre ihre Staatsbürgerschaft verlieren werden. Diese Verordnung, die das Bürgerrecht in Preußen regelt, teilt die Bevölkerung in zwei Kategorien: in Bewohner und Bürger. Sie stellt auch im Aussicht, daß demnächst Bürger in Einwohner umgewandelt werden. Rassenpaß in Deutsehland Wie verlautet, sollen für deutsche Staatsbeamte Rassenpässe eingeführt werden, die den Stammbaum eines jeden enthalten. Der Paß enthält Rubriken über Rassenzugehörigkeit der Eltern und der Frau. Wieder jüdische Gelehrte entlassen Eine Reihe jüdischer Kunstwissenschaftler sind in Deutschland entlassen worden. Darunter ist der Direktor Bruno Paul vom Meisteratelier der preußischen Akademie, Professor Pelzig, Direktor Kesbach und 5 Professoren vom Meisteratelier in Breslau und anderen Städten, und viele jüdische Musealbeamte. Der preußische Wirtschaftsrniinister hat eine Verordnung herausgegeben, daß Juden in Wirtschaftsschulen (Handwerkerscbulcn, Industrieschulen) keine Lehrstellen bekleiden dürfen. Großer Skandal bei der Konferenz des Misrachi in Polen Die diesjährige Konferenz des Miarachi in Polen fand im Zeichen des Kampfes gegen die Exekutive statt. Trotz des religiösen Verbotes nehmen Manner und Frauen in e i n e m Saal an der Konferenz teil — offenbar gelten diese für den Misrachi nicht. Aber auch die primitivsten Anstandsregeln kennen die Herren vom Misrachi nicht: der Leiter des Keren Hajessod, L. Jaffe wollte eine Begrüßungsrede halten, die heulende Masse ließ ihn aber nicht zum Worte kommen. Die Mitteilung des Herrn Jaiffe, daß 38 Prozent des Erzlchungsbudgets des Keren Hajessod dem Misrachi zur Verfügung gestellt wurde, war nicht imstande, Ruhe zu verschaffen. Sokolov wurde ruhig angehört. Den Höhepunkt der Niedertracht erreichte die Begrüßungsrede des Bejtaristen Schoffmann, der in Gegenwart des Präsidenten; Sokolov die Exekutive aufs rüdeste beschimpfte. Das Niveau der Konferenz wird gekennzeichnet durch eine Ansprache des palästinensischen Misrachksten Rabbi Fischmann: er erzählte z. B., daß Genosse Ben Gurion am Versöhnungstage auf der Pdonia „Trete" gegessen habe, daß J. Grunbaum die AlijaJi bekämpfe etc. etc. Fischmann weiß sehr gut, daß Ben Gurion am Versöhnungstag sich gar nicht auf der „Polonia" aufhielt: also nicht einmal die zehn Gebote befolgen die frommen Lügner! Kurie Paläs tiwanachrichten 4449 Juden sind im Oktober nach Palästina eingewandert. Davon waren 410 Kapitalisten,, die mindestens ein Kapital von einer halben Million Pfund ins Land gebracht An der Messe von Tel-Aviv werden sich auch englische Firmen in großer Zahl beteiEgen. Die englische Regierung wird diese Aussteller subventionieren. Die Palästinaregierung hat ein Blaubuch über das Jahr 1932 veröffentlicht, in welchem die wichtigsten statistische^ Daten publiziert sind. Selbstverständlich ist das Buch bereits veraltet. Ein Bureau für landwirtschaftliche und industrielle Informationen wurde kürzlich in Tel-Aviv unter Mitwirkung verschiedener Korporationen gegründet. Ein ähnliches Bureau wurde auch in Haifa gegründet. Die Bureaus sollen hauptsächlich den neuen Einwanderern dienen. 2 Millionen Pfund wurden in Palästina, wie einem Bericht der Autobusgesellschaft Agad zu entnehmen ist, im Transportwesen investiert. 2000 Fasmilien beziehen aus diesem Erwerbszweig ihren Unterhalt. Eine neue Zigarettenfabrik wurde kürzlich von Juden1 in der Vorstadt Kriat Moscheh gegründet, i Diszipliniert wurde der englische Polizeioffizier, der bei den Unruhen in Jaffa den Befehl zum Schießen gegeben hat. Die Regierung von Transjordanien erklärt, daß sie keine NovetKeruwg des Fremdtengesetzes vornehmen werde; sie will nur tkügt Bestimmungen umgestalten. Oberst Wedgwood, der bekannte englische sozialistische Abgeordnete und Freund des Zionismus, wird jetzt in Palästina erwartet. Metkai Pascha, der Scheich eines Beduinenstaimmes aus Transjordanien, erklärte einem Korrespondenten des Dvar Hajomi, daß der Einwanderung der Juden nach Transjordanien nichts im Wege stehe, wen» diese ihre politischen Aspirationen aufgeben werden. 15.000 Pfund haben die ägyptischen Juden der Jewish Ageney für die Kdonisierung der deutsche» Juden zur Verfügung gestellt. Abas Hilmi, der ehemalige Vizekönig von Aegypten, soffl demnächst nach Palästina kommen» Zwanzig jüdische Arbeiter wurden wegen ihres Kampfes «um jüdische Arbeit an Chedera verhaftet und gegen Kaution freigelassen. Die Deportationen werden in Palästina fortgesetzt; es wurden ausgewiesen der Tapezierer Moses Vogel, der Fabriksarbeiter Ben, Aba, und der Friseur Aba Baruch. Tel Aviv zählt nach den letzten Zählungen 85.000 Einwohner, 10.196 Wohnungen, 28.458 Wohnzimmer. Der palästinensische Touristenverband hat die Palästinaregierung aufgefordert, die Beschränkungen des Touristen-* Verkehrs aufzuheben. Persönlichkeit und Geschichtswende Hugo Bergmann zum SO. Geburtstag. Es war knapp vor Ausbruch des Weltkrieges, daß ich eine Studie zugesandt bekam, welche das philosophische! Problem der Weltgeschichte behandelte. Der Wirbel der Ereignisse, der bald folgte, fügte dieser Problematik. Erfahrungen hinzu, welche unserem in den Illusionen von Kulturhöhe und Dauerfrieden erwachsenen Leben bis dahin fremd gewesen, waren. Es war Hugo Bergmann, der jenen Aufsatz geschrieben hatte, dem ja das Problem der Geschichtswende des Judentums seit seiner Jugend zentral gewesen war. Wenige Jahre zuvor hatte ich ihn — nach einer flüchtigen Begegnung bei einem Wiener zionistischen Parteitag, in früheren Studententagen — in Prag gelegentlich einer anthroposopWschen Tagung kennen gelernt, und in dem gastlichen Hause seiner Schwiegereltern, das allem Geistigen geöffnet; war, fiel zwischen uns auch manches bedeutsame Gespräch über die Charakterwandlung des Judentums. Bergmann lebte und wirkte damals an einer namentlich für die jüngere zionistische Welt bemerkenswerten Stelle: m der Prager „Barkochba", der ersten, von allem oberflächlichen Couleurstudenitentum emanzipierten und, dennoch von stärkster Aktivität getragenen zionistischen Vereinigung, in deren Kreise ja auch Martin Buber nierst verständnisvolle Aufnahme gefunden hatte. Auch der merkwürdige Kulturhorizont der Stadt, in welchem noch der Nachklang einer bedeutsamen philosophischen Schule und gleichzeitig die Spuren, einer einzigartigen Nahe deutscher und jüdischer Heimatlichkeit bemerkbar waren, war in Bergmanns feiner, methodisch besonnenen üeistigkeit tu spüren, die ihn zum Beispiel zum vortrefflichen Interpreten des großen mathematischen Denkers Bolsano befähigte. Nach dem Ende des Weltkrieges, dem Bergmann anfangs noch den Sinn eines Kulturkampfes gegen das zaristische Rußland zugeschrieben und den er bis zum Schlüsse mitgemacht hatte, stellte er sich restlos in den Dienst des nach der Balfourdeklaration in ein völlig neues Stadium tretenden Palästinawerkes, einfach indem er nach einer nicht lange währenden Betätigung in London — seine bibliothekarische Berufstätigkeit nach der Nationaibibliothek in Jerusalem verlegte und auch seine zionistische Tätigkeit, die nach dem Vorbilde Achad Haoms immer mehr nach besonnener Stellungnahme zu allen jüdischen Zeitereignissen, tendierte, nunmehr von Palästina aus ausübte. Durch seine organisatorische Gründlichkeit, welche die kleinste und kleinlichste Arbeit nicht scheute, hal er die Bibliothek zu einem Weltinstitute gemacht und mit der Zeitschrift Kirjoth Sefer auch der jüdischen Bibliographie in Jerusalem ein Zentrum geschaffen. Zugleich hat er, getreu dem Gesetze der Kontinuität, wie alle synthetisch schaffenden Naturen, auch die Philosophie, der sein wissenschaftliches Denken am stärksten zugewendet war, nach Jerusalem mitgenommen und, in soliderer Fortsetzung früherer, seit der Hoskolaizeit unternom-, mener Versuche, die moderne Philosophie der neuhebräischen Sprache wieder nahegebracht, als Dozent der Philosophie an der Universität Jerusalem und als Verfasser zweier umfang» reicher Bücher über Kant und Salomon Maimon in hebräischer Sprache, zugleich aber auch in Fühlung bleibend mit der modernsten Erkenntnistheorie, namentlich in deren Zun sammenhang mit der in weiterem Sinne verstandenen Relativitätstheorie. SoLl ja sogar EinkStein gelegentlich eines Vortrages in Jerusalem bekannt haben, daß Bergmann die populäre Interpretation seiner Theorien besser gelungen sei, als ihm selber. Schließlich hat Bergmann auch das philosophische Gedankengebiet immer sozusagen nach innen zu überschreiten, sich bemüht, im Sinne religiöser Vertiefung in der Richtung der religiösen Zentralgedanken des Judentums, wovon sein Buch „Jawre und Jerusalem", seine „Worte Mosis" und eine leider nur vorübergehende Beschäftigung mit der Kabbala, Zeugnis geben. Andererseits aber entspricht der Tendenz nach „Verwirklichung", die Bergmann im Sinne Bubers immer Lebensrichtung blieb, ein intensiveres Befassen mit den sozialen Formungen des palästinensischen Alltags, das ihn schließlich bis ins Parteipolitische hineinzog. Die Araberex-i zesse im jähre 1929, die auf manche jüdische Illusion in ähnlicher Weise erschütternd wirkten, wie der Ausbruch des Weltkrieges auf die europäische, gab hiefür den Ausschlag, indem von da ab die B'niith Schalom-Bewegung in Kampf und Diskussion des Tages hineingezogen wurde und ihre Vertreter den schwersten Angriffen aussetzte. Daß gerade) Bergmanns Einstellung zum Araberproblem nicht einer defair tistischen Reaktion auf die schweren Ereignisse entsprang, sondern auch schon der Zeit nach längst vorbereitet war, bezeugt z. B. ein Aufsatz, den er im Jahre 1911 über die damals in zionistischen Kreisen noch fest übersehene Araberfrage in der Zeitschrift .,Palästina" veröffentlicht hatte. Es gibt keinen Bogen von größerer Spannwehe, als der vom Religiös-Geistigen bis zum Politischen hinüberführt. Richtige Besonnenheit vermöchte die Spannung in nutzbringende Hairmonie zu verwandeln. Darum wird in dem Chaos! der aus der Tagesleidensichaft emporgetürmten Streitprobleme immer mehr die Stimme derer gehört werden müssen, welche aiuf die Weite der Ziele mit ständiger Besonnenheit bedacht sind'. In dieser Richtung wird, so hoffen und wünschen wir, die lautere Persönlichkeit Hugo Bergmanns an der verantwortungsachweren Geschichtswende, in der wir stehen, uns weiter stärkendes Beispiel und Vorbild bleiben können. Ernst Müller.