Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 11 (1934)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1934)
- Date
- 1934-01-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seke 2. Der ]ü4i*pkt ArWiter. 5. Jänner 1334 Berl Katzenelson: Z)/e Blockade gegen die Histadruth Eine Bewegung, soll ihre Kraft und Bedeutung kennen. Wir haben das Recht, die große Geschichte unserer 13jährigen Arbeit darzustellen Wir könnten, erzählen, wie aus einem Meinen Häutchen einsamer, verlassener, (nicht gehefener üäste wir zu einem groben und vereinigten Liger geworden sind, von dem die Feinde behaupten, daß es die Macht im Zionismus an sich gerissen hat und daß dem Jischira' nicht /anders 'geholfen werden kann, als seine Kraft zu brechen, die Kraft der Arbeiter-„Diktatur". Wir -könnten f unseren Freunden und Feinden erklären, •» d^ iur eine „Macht" ist, die der Arbeiter an sich gerissen hat: die Macht über sich, ülytr das Schicksal seines Lebens! Wir könnten erzählen, wie /Arbeiter, welche oft nicht einmal wußten, wo sk ein Nachtlager finden würden und wer sie in der Zeit einer Reberat^acke pflegen! werde, es unternommen 'Waben, sich gegenseitig Milte zu leisten, bis zur Schaffung einer 'Krankenkasse mit eigenen «Ambulatorien' und Heilstätten; wie Menschen, die nicht wußten, auf welche Art sie dem nächsten 'lag überleben sollen, die Tag für ihre Hände zur Arbeit anboten, eine Gemeinschaft bildeten, welche 'Wirtschaften gründet und sie verwaltet, welche mit eigenen Händen Bauten, härmen und Plantagen aufstellt, und von denen ein großer Teil auf nationalem Boden in1 eigenen Arbeitsvvirtschafien festgewurzelt ist. Natürlich können wir vor unseren Augen ein' schönes Kapitel von Aufstieg und Eroberung aufrollen, aber unter uns ist es nicht notwendig, diese! Dinge zu betonen, welche uns bekannt und selbstverständlich sind. Ich will lieber jene schwachen! Punkte erwähnen, von denen uns Gefahren drohen. Unsere Rechnung ist sehr kompliziert. Marf kann das Beispiel-vom klugen Kranken bringen, der, als man ihn mit den Worten tröstete, daß er immer gesünder und stärker werde, darauf antwor-< tete: „es ist wahr, ich werde stärker, aber meine Krankheit wird auch stärker." Wir sind eine starke und feste Bewegung, aber das wäre kein Beweis; der Stärke, wenn wir die Tatsache verleugneten, daß trotz aller unserer ErrungienSchWtein1 unsere historische Aufgabe noch nicht erfüllt sei. Die Hauptsorgen des Jischuw sind noch nicht verschwunden, die Hauptschwieriglfeiten sind noch nicht beseitigt Einmal hat der palästinensische Arbeiter unten seiner Einsamkeit gelitten. Er war einsam im vollsten Sinne des .Wortes. Allein mit seinen Leiden hat er seine Einsamkeit Tag und Nacht gespürt. Auf der Börse der Kolonien hat er nach Arbeit ausgeschaut, an das Tor des verschlossenen Pardeß geklopft; er hat sich jn schmutzigen Quartieren herumgetrieben, versucht beim Krämer Kredit zu bekommen und in fremden Küchen gegessen. Da^ war die tragische Lebensführung eines Verwaisten1 Renschen, der weiß, daß sein Leben ohne Aufgabe nutzlos ist. Von jener unglücklichen Einsamkeit sind wir schon Lange entfernt, wir, haben sie überwunden durch' die Kraft der Histadruth1, durch ihre ständigen heran sehen Taten. Die Leiden der Arbeiter während ihrer, Einsamkeit sind für uns jetzt nur mehr Erinnerungen. Und doch haben wir uns nicht vollkommen von dem Gefühl des Alleinseins befreit. Im Gegenteil, unsere Einsamkeit ist noch tiefer und schärfer geworden. Nur ist es nicht mehr die Verlassenheit! eines Waisen, es ist die Lage einer Gemeinschaft, welche verurteilt fwiorden |st, in Isoliertheit zu leben, zu arbeiten und zu kämpfen?. Isoliert deshalb, weil sie ihren ersten Prinzipien1 treu geblieben ist und nicht Frieden machen will und sich nicht unterkriegen! läßt von diesen Kräften, welche um sie regieren, deren Macht und Stärke auf Geld und Besitz basiert ist. Diese Einsamkeit ist kein Produkt unserer Schwäche, -- sie ist eine Folge der organisierten und gelenkten Blockade gegen uns, — ein Produkt des Schreckens über unser Wachsen. Die Blockade, die sich gleichzeitig mit unserem Wachsen verstärkt, ist gleichsam eine" Belohnung für unsere Eroberungen. Ohne Uebertreibung können wir behaupten, daß unsere Bewegung Prinzipien und Grundsteine! erneuert und geschalten hat, welche zu nationalem' Eigentum geworden sind. Unsere Bewegung hat viele grundlegende Fragen gelost, welche niemand vofl uns .gelöst hat und nicht einmal versucht hat, lösen. Sie ist stark verbreiteten Hebeln im Jischi nicht aus dem Wege gegangen und hat nicht mit ihnen Frieden geschlossen, wie es viele andere getan! 'üben. Sie hat ihre Gründe gesucht und Heilung gefunden. Noch vor 30 und 20 Jahren war der Gedanke uer jüdischen Arbeit utopistisch und unglaublich1. Er galt nicht nur als Illusion, er war eine närrische Träumerei,. Das war nicht nur die Ansicht des genfosen Kolonisten, der unter der Aufsicht der Verwaltung des Barons die Träume seiner Jugend Be.u-beitung des Bodens völlig vergessen hat, auchi nicht nur die des „zionistischem1" Pardeß-Eigentümers, dessen Aliah (nach hrez-Israel schließlich nur ein Flüchten nach einem Bankrott in der Gallith war, sondern sogar die Großen des Volkes, wie Lilien'blum Ides Landes (und Achad-Haam toben Abistand genommen von der Idee der jüdiscWen Arbeit. Noch vor 20 Jahren hat sich ider Achad-Haamismus die Existenz des jüdischen (Arbeiters als unmögliche Sache vorgestellt. Sie haben den Standpunkt vertreten, daß unsere Erlösung auch ohne Existenz eines einzigen jüdischen Arbeiters erfolgen kann. Und doch kam ein Häuflein Menschen, ohne Besitz und Vermögien, ohne Verdienst in ihrer Vergangenheit und ohne Stellung in der Gesellschaft. Es sind arme in Fetzen gekleidete junge Menschen gekommen und haben auf sich allein die Last genommen, das Rätsel der menschlichen Existenz füll das jüdische Volk zu lösen. Sie haben die große Schande und Unmöglichkeit eines Luftlebens und der Maklerei als Existenzgrundlage für ein ganzes Volk so klar gesehen; wie noch niemand vor ihnen. Und sie haben den Ausweg durch ihr eigenes Fleisch! und Blut gefunden, ihn als einzigen entdeckt und1 ihn den Massen gezeigt: das Leben der Arbeit. Sie haben den Jischuw herausgeführt aus dem Lager der Parasiten, aus der nationalen Schande der Ausbeutung fremder Arbeit. Sie haben die Idee der jüdischen tRenaissanaebewegung befreit von Nichtigkeit und Lüge und haben ihr ihre ursprüngliche Sendung, ihre Wehrhaftigkejt, fhrej materielle Existenzmöglichkeit und yworalische Berechtigung wiedergegeben. Sie haben sie geschaffen und erneuert in der Arbeit und Wirtschaft, in der Sprache und Literatur und in der gesellschaftlichen Organisierung) gemeinsamer Güter, .welche sogar ihren Gegnern als Muster zur Nachahmung dienen. Die Utopie von jüdischer Arbeit ist jetzt ein einstimmig angenommenes Prinzip geworden und sogar die Gegner des jüdischen Arbeiters und seiner Organisation, schwören, dem Prinzip der jüdischen, Arbeit treu zu bleiben. Sogar unsere Forderung (nach! Hachscharah, bev or ins Land fahren, Hachscharah im physischen und geistigem Sinne wurde in allen Kreisen angenommen, welche eine Aliah junger Menschen nach Palästina organisieren. Die Jugend der allgemeinen Zionisteni und die Misrachi-Jugend spricht von Hachscharah,, und sogar die Agudah befreundet sich mit der Chaluziut (und mit dem Hachscharah-Gedamken ihrer Jugend. Das ist das Verdienst der Arbeiterbewegung, daß. sie nationale und soziale Werte schafft, von denen ihre Gegner und Feinde Teile übernommen haben. Aber in der Atmosphäre des Bürgerkrieges, welche jetzt im |ischuw herrscht, wifl uns niemand unsere Rechte zubilligen, wie man es uns nicht eingestehen will, daß wir die Tore fW**Aliah durchbrochen hahfen. und was wir für den Jischuw während der Unruhen und der Krisen bedeutet haben. Aus Haß und Feindschaft vergißt man und leugnet es böswillig ab. Der Haß. ,gegen uns vergewaltigt die Logik, die politische Orientierung und die nationale Rechenschaft. Menschen, welche für unsere politische Linie sind, die es anerkennen, daß bloß unsere politische! Taktik den Jischuw vor Vernichtung bewahrt und ihm die Möglichkeit gibt, sich zu entwickeln, sind bereit, nur aus Haß gegen uns allen Provokateuren, allen, welche auf den Weg der jüdischen Aufbau- Arbeit Minen legen, das Schwert in die Hand zu! geben. Sie sind zu dieser Unterstützung bereit in der Hoffnung, daßi, wenn: der zionistischen kolonisatorischen Arbeit ein Aiujge ausgestochen werden! wird, sie der Histadruth-Haowdim zwei Augen ausstechen werden. Das sind die Menschen, denen der Weg der Histadruth nicht gefällt wegen ihres Arbeiter-Klassencharakters, wegen ihrer Bemühung, in Frieden1 zu lebenmit den benachbarten Volksmassen, wegen! ihres Abstandnehmens von politischen Deklarationen] und Demonstrationen und von einer nationalen' Prestige-Politik — das sind die Menschen, welche nach1 dem „großen Zionismus" immer schreien und für sich Schutz suchen unter eigener Klassenherrschaft und darauf hinarbeiten, die jüdische Aliah und damit die jüdische Arbeit zu begrenzen, indem sie bei etwas Wunderbarer Motivierung sich unter die Regierung! stellen; und so unterstützen sie die Macht, welche Attentate auf Aliah und jüdische Arbeit vollführt., Diese Helden des ^geläuterten, nicht klasssnkämrjferi-t sehen „Nationalismus" hören wohl die Stimmen deri „Vaschaschibis". ein Bündnis zu schließen mit der Macht, um unser Recht zu untergraben — sie öffnen aber nicht den Mund, rühren, keinen Finger dagegen! bereit, tausende Flüchtlinge aus Deutschland und Einwand derer aus anderen Ländern aufzunehmen. Aber diejenigen, d»e die Tore Palästinas bewachen, scheinen nicht unserer Meinung zu sein, äaien ist die Entwicklung des jischuw gleichgültig, sie haben die Einwanderung bis, auf ein unerträgliches Maß begataurt. Trotzdem das Land nach Menschen schreit, wurde die Einwanderung beschränkt. (Darüber hinaus werden die Touristen brutal verfolgt, die im Lande ihren Erwerb gefunden haben und niemandem zur Last fallen, sondern im Lande Produktivkräfte geweckt haben. Zur Abwehr dieser Angriffe wird der Qalut die größte Aktivität entfalten müssen. DerWaad Lentni Aber die Einwanderungsbeschränkung Anlaßlich der Eröffnung der Landeskonferenz der englischen zionistischen Organisation hat der Waad Leumi an diese ein Schreiben mit folgendem Inhalt gerichtet: „Der Jischuw befindet sich gegenwartig in einer Atmosphäre gesetzlicher Beschränkungen, die eine künstliche Krise herbeizufuhren drohen. Sie sind geeignet, die Grundlagen des judischen Nationalheims, die mit so viel Opfern geschaffen wurden, end.gu.ltig zu zerstören. Dank der judischen Immigration hat sich die ökonomische , Position des Jischuw verfestigt, und es wurde eine bedeutende Expansion desselben erreicht. Die Aufnahmefähigkeit ißerordenttich gewachsen. Der Jischuw war Aus dem arabischen Lager Die zwei arabischen Politiker, dk jetzt auf. die arabische Politik den größten Einfluß gewonnen halben, sind Djemal el Husseini und Abdul Hadi. Der Jerusalemer Mufti widmet sich der finanziellem Tätigkeit. Der Mufti agitiert unter den Großgrundbesitzerin und Bauern, daß sie ihren Boden an Juden nicht verkaufen mögen. Sein wichtigstes Argument ist, daß er in Indien Geld gesammelt habe; wenn dieses ins Land fließen werde, werde die Agrarentwicklung einsetzen. Wie mitgeteilt wird, soll der Großmufti letzthin 20.000 Dunaim Boden für den mohammedanischen Rat gekauft haben. Die Bearbeitung wird beginnen, wenn das notwendige Geld zur Verfügung stehen wird. Djemal Hussein» ist der tatsächliche Führer der antijudischen B^ykottbewegung in Palästina. Er steht in direkter Verbindung mit den arabischen Frauen- und Jugendorganisationen. Er bemüht sich, die Boykottbewegung zu verschärfen, jedoch ist ihm dies bisher nicht gelungen. Djemal et Hussein* ist auch der eigentliche Initiator der arabischen Propaganda in England, und Amerika. Er gibt die wöchentlichen Berichte der proarabischen Komitees in England heraus. El Husseini bemüht sich auch, den Kontakt mit den arabischen Emigranten in den verschiedenen Ländern, insbesondere in Amerika anzuknüpfen. Gleichzeitig werden Versuche gemacht, die arabische Oeffentlichkeit zu konsolidieren und insbesondere die zwei wichtigsten Parteien, an deren Spitze der Großmufti und die Familie der Naschaschtbi steht, zu vereinigen. Die anläßlich der letzten Unruhen verhafteten Führer gelioren der Familie des Hussein an, was seine Autorität außerordentlich erhöht. Der Burgermeister von Jerusalem wird nach Ablauf semer Amtsperiode nicht mehr kandidieren, um sich zur Ganze der arabischen Politik widmen zu können. Zeitnotizen i „Brith Schalem" von Rechts. Zu der Horde wildgewordener Verteidiger des von schwerster Marxistengefahr, bedrohte« Zionismus, die in den letztem Wochen alltaglich mach den Köpfen der zionistischen Exekutive schreit, ist ,iun auch Möschen Smilansky gestoßen,, der alte Freund und Förderer der zionistischen Reaktion. In einer ganzen Serie von Artikeln fordert er (was noch nicht weiter verwunderlich wäre) den augenblicklichen Rucktritt der „sozialistischen" Exekutive der zionistischen Weltorganisation. Etwas absonderlich klingt in unseren Ohren freilich die Argumentation. Smilansky, ein blendender Publizist, kann sich mit den Argumenten nicht begmigien, die die armseligen revisionistischen Schreibkuh des Jaboünsky- und Großmann- FLugels zum Ueberdiruß wiederkäuen. Er hat sich etwas besonders Feines ausgesucht, um zu seinem „Carthago est delendfl," zu gelangen: Die Forderung nach „Awodah iwrit", nach judischer Arbeit, hat die Beziehungen zwischen Juden und Arabern und — in der Folge — zwischen den Juden, und der Regierung getrübt. „Schuld" an dieser Parole ist die sozialistische Histadruth. Ihre Forderung muß gebrochen werden. Wenn erst die heutige „sozialistische" Exekutive zurücktritt, wenn das Prinzip der jüdischen Arbeit gebrochen ist, dann wird der große Friede einziehen, die Verbitterung der Araber verschwinden und die jüdische Sache wird in den Augen der Regierung, wieder gewinniem.. Es ist ein herrliches Zukunftsbild, das Smilansky da malt: Wie der judische und arabische Efiendi friedlich Schulter an Schulter mit dem ausgebeuteten Fellachen und dem deklassierten jüdischen Arbeiter im Lande leben., wie die einen,, die judir sehen und arabischen Pardessanim, ihre Gelder häufen, wahrend die Arbeiter elend den nächsten Tag zu überleben versuchen. Not und Ungleichheit — aber Friede! Und im Hintergrund England, nunmehr ohne Sorge, daß die nationale Heimstätte sich in ein „sozialistisches" Experiment verwandeln konnte. Die arabische Frage gelöst. Die jüdische Frage gelöst. England befriedigt. Herr Smilansky hat das „Ei des Kolumbus" entdeckt! Wir gehen herrlichen Zeiten entgegen. Vor allem aber: Fort mit der Exekutive! Bei den anderen Völkern. Unsere revisionistischen Rreunde sehen mit Vorliebe nach dien anderen Völkern^ um richtig zu erkennen, was bei uns nicht in Ordnung ist. Die anderen haben Drill und „Ständeordnumg", leben ohne Parlamente und pflegen den Bizeps — warum nicht auch. ... Wir wollen ihre Auftnerksamkeit in eine Richtung (lenken: Dieser Tage fiel der rumänische. Ministerpräsident Duca einer Mörderkugel zium Opfer. Alle Zeitungen schrieben, der Mörder sei Mitglied der „Eisernen Garde". Und man macht (mit Recht) diese Eiserne Garde für den Revolverschuß des rumänischen Studenten verantwortlich. Noch ehe ein Gerichtsurteil gesprochen ist. Main wagt, diese Bewegung zu brandmarken, die Gewalttaten, predigte, und keine Stimme inner- oder außerhalb Rumäniens erhebt sich zum Protest- Ais die Beweise gegen Herrn Staivsky so lückenlos schienen, daß selbst die Ita die Schlagzeile „Der Mörder Arlosoroffs verhaftet" nicht umgehen konnte, verbaten Sich die Wächter