Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 11 (1934)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1934)
- Date
- 1934-01-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Vttktk. BEI Ertcheint jede« frtftif JUDISCHE ARBEITER Organ öer Piretaigten zionistisUfsozlalis^isitisii Rpfectttrorfmifsafloa fwle Ztoo - Hitamtalii to 0«slwei* Retfaktor und Administration: Wfen, II, ölumauergaese 1 — Postscheckkonto Nr. 17.878 Bezugspreis: ganzjährig S 12.—, halbjährig S 6.~ 11. Jahrgang. 5. Jännner 1934 Der neu drapierte Judenhaß (Bemerkungien zu Emmerich1 Czermaks: „Ordnung in der Judenfrage.") Der Judenhaß hat im Laufe der Jahrzehnte man- Vägfache Wandlungen durchgemacut. Erst sah man" in uns Barbaren, Menschenfresser, die zumindest einmal im Jahre,ihre) rituelle Feier mit dem Blute unschuldiger Christenkindeir 'begehen können, dann warf man :uns Feigheit, Unfähigkeit für das Kriegshandwerk vor, da wir ein degemeriertes Volk sind, dem Untergange geweiht. 'Diese Behauptungen' wurden von der Legende der Ungeheuern1 Macht des Weltjudenrurns, Idas die ganze Welt in Sklaven'ketten legen will, obwohl wir eigentlich als ein minderwertiges oder als das minderwertigste Volk unter den Völkern der Erde dargestellt werden, widerlegt. Diese divergierenden „Theorien" des Judenhasses, "die nichts Mur einander abgelöst, sondern nebmeinander auftauchen, widerlegen äch gegenseitig. Nun versucht; Emmerich Czermak durch Kreuzung eine neue Variante des Judenhasses zu konstruieren. Er will jenen. Antisemitismus, fcler als die Politik des dummen Mannes bezeichnet wurde und darin gipfelt: wir Christen sind so schwach, so ohnmächtig, die Juden aber sind uns auf allen Gebieten derart überlegen, daß wir uns vor ihnen schützen müssen, diese „Theorie" von der '"Schutzbedürftigkeit des christlichdeutschen Volkes wird gepaart mit Hitlers Grundsätzen vom „Judenrecht" und die Ordnung in der Uiderrfragie ist hereesteltt. Wir wollen einigle Sielten aus dem Büchlein des Herrn Czermak hier wiedergeben, um diese neue, Variante des Judenhasses durch ihren Autor selbst erläutern zu lassen: (A... Die einfache Wahrheitsliebe gebietet festzustellen, daßi dem J'udenvolk ein ungewöhnlich hohes Maß von Strebsamkeit innewohnt und daß es sich, gestählt durch den unaufhörlichen: Kampf um seine Existenz und Geltung, eine wichtige, in vielen Fällen führende Rolle in der Geschichte der Völker erobert hat. Des jüdischen Volkes Fähigkeit, sich für alle für die Menschheit wichtigen Belange zu.erwärmen, sich diesen hinzugeben und dafür Opfer zu bringen, mag in mancher Hinsicht ein leuchtendes Beispiel sein. Auch wir Deutsche haben keine Ursache zu leugnen, daß die seit Jahr- 'h'underten unter uns wohnenden Söhne des jüdischen Volkes ihren Teil beigetragen haben zu dem Reichtum und zur Fülle auf allen Gebieten kultureller Leistungen und wirtschaftlichen Aufstieges. Eh wäre aber irrig zu meinen., daß diese Anerkennung jüdischer Lebens- und Gestaltungskraft, jüdischen Forsehungs- und Führertriebes uns verpflichte, unei der schicksalhaften .Unbedingten- Führung durch dasi Judentum gänzlich zu überlassen und letzten Endes herabzusinken zu einem bloßen1 wesen- und willailosen Werkzeug des alles überragenden jüdischen' Genies. A,Wir verlangen von den Juden nur Loyalität! gegen unseren Staat, führen1 wollen wir ihn schon, selber" (Seite 67), „Der Staat, dessen Gefüge und Rechtsordnung vom jüdischen Volke bedingungslos! respektiert wird, wird auch den1 nationalen; Lebenswillen seiner jüdischen Staatsbürger achten und die gegen das jüdische Volk etwa zum Ausdruck kommenden Instinkte zum Schweigen bringen" (Seite/68). Herr Czermak denkt auch nicht daran, den; Juden Minderheitsrechte zu gewähren1, da „das europäische Minderheitenrecht auf die Judenfrage nicht ganz paßt." Die in Hitler-Deutschland für die Juden geplante .„Fremdengesetzgebung" scheint ihm eine günstigere Lösung zu bieten (S. 59). Begreifen die Juden 'Oesterreichs, was hinter dieser geheuchelten .Wertschätzung des jüdischen! Volkes steckt? Wenn sich die Juden als Bürger des Staates entrechten lassen, das Gefüge und die Rechtsordnung des Staates, für den wir unseren „Teil beigetragen haben zu dem Reichtum und zur Fülle auf allen Gebieten kultureller Leistungen und wirtschaftlichen Aufstieges" ^(edingungslos respektieren werden, wind (man uns vor Pogrome durch das sdiiutztiedörffete dhristliCh-deutsche Volk) (,,'Zutei Ausdrück kommende fastitrkte zum Schweigen £$SalSscli« SucjtmJI ■« Not Es ist nunmehr das dritte Jahr, seitdem die Partei diese Aktion ins Leben gerufen hat und die Vergangenheit hat gezeigt, wie unumgänglich notwem-'. dig sie ist. Man vergegenwärtige sich die Situation, in'der sich die jüdische Jugend Oesterreichs befindet. Das Ueberhandinehmen der Arbeitslosigkeit auf diesem kleinen Wirtschaftetet trotz der ständ^j versprochenen Arbeitsbeschaffung von; Seiten der Regierung, wirkt sich auf die Arbeiter- und Angesteil tenschaft speziell im Winter katastrophal aus. Während: im Sommer noch1 eine Reihe.von Saisonberufen zeitweise Beschäftigung haben, hört dies mit dem Einbruch der Kälte automatisch auf. Dazu kommt die spezifisch jüdische Seite diese r Frage. Wir haben er-t vor einiger Zeit an dieser S.telle auseinandergesetzt, wie 'sehr der jüdische Arbeiter, der jüdische Angestellte von dem derzeitigen Kurs in seiner Existenz bedroht wird und wie wenig er Aussicht hat, einmal aus dem Produktionsprozeß ausgeschaltet, wieder in, ihm unterzukommen. Wir haben auch aufgezeigt, welche Kräfte am Werke sind, die Positionen der jüdischen Arbeitnehmer zu zerstören und welchen Anteil selbst die jüdischen Arbeitgeber daran haben. So sehr uns alle diese Tatsache trifft, so sehr sie eine unerhörte und unglaubliche Massenexistenzvernichtung bedeutet, um so härter und unmenschlicher trifft sie die jüdische Jugend. Dieser junge, der Schule entwachsene Mansch findet kaum eine Leh'-rsidk. Und Tut er Sk'-^-S** OHJi^UcJkt »«Midlichgefunden, so fürchtet er den Tag der Freisprechung, weil er genau weiß, daß er an dem Tage, an dem die Behaltsfrist vorüber ist, auf die Straße gesetzt wird. Was früher Wunsch war -..... Freude am ersten Gehilfenlohn — ist heute Fluch — Arbeitslosigkeit, insbesondere bei der jüdischen Jugend. Die Massenaus-, Steuerungen, die in der letzten Zeit vorgenommen! Wurden, treffen die jüdischen Jugendlichen im beisonderen Maße. Kaum lebt ein Jugendlicher im Farnilieinverband und mögen seine Angehörigen selbst noch so hungern, was leider in den meisten Fällen zutrifft, so wird ihm keine Arbeitslosen- oder Notstandsunterstützung mehr gewährt. Er kann somit; seinen Angehörigen: hungern helfen. (Zu dieser materiellen Not gesellt sich1 die seelische. Der Jugendliche sieht die Unmöglichkeit, un- ' rzukommen- und sich als nützliches Glied der Gellschaft fortzubringen. Aussichtslosigkeit und Hoffnungslosigkeit gesellt sich zu seinem Hunger. Sein; Zustand der unsäglichen Not und' des Elends wird 'hm dadurch bewußt. (Was ist für unsere Partei selbstverständlicher, als sich1 dieser jungen jüdischen Menschen anzunehmen und nach ihren Kräften zu \ersuchen, diese Not zu lindern. Diesem Zwecke soll auch die Aktion „Jüdische Jugend in Not" dienen. Junge, verzweifelte Menschen in diesem strengen Winter m einem geheizten Heim tagsüber unterzubringen, si«! mit für sie nützlichen Dingen zu beschäftigen und - ihnen eine warme Mahlzeit zu verabreichen, soll die Aufgabe dieser Aktion sein. Wer wäre berufener, diese gewiß soziale und eigentlich in den Aufgabfenkreis einer Gemeinde fal- . lende Aktion zu begrüßen und nach' Kräften zu fördern und zu unterstützen, als die jüdische Gemeinde? Welche Stellung hat sie jedoch dazu eingenommen? Als unsere Mandatare beim zuständigem Referenten vorstellig wurden und eine Subvention ««■rang dieser Aktion forderten, wurde ihnen der Betrag von monatlich S 100.- (hundert) gewährt. Das ist eine Ironlsiernng, eise Verspottung der gesamten Jüdischen Jugend, die wir ans nicht gefallen lassen wollen und können. Man muß. bedenken, daß diese Aktion die einzige ist, an der sich die Kultusgemeinde für die Jugend im Winter beteiligt. Die Jugend bettelt nicht, sie hat ein Recht darauf, von ihrer Gemeinde zu verlangen, daß sie ihr in ihrer Not beisteht. Unsere Mandatare dürfen sich nicht mit derart Lächerlichen Refägen shspf^sen lasse-n, wenn sie nich t zu gleicher Zeit das Recht verwirken wollen, Sprecher dieser proletarischen Jugend zu sein. Die Kultusgemeinde hat eine Sammlung für die Winterhilfe eingeleitet, die einen; ganz nennenswerten! Betrag erbracht hat. Sie hat damit einerseits einen1 zusätzlichen Betrag zu ihren im Budget vorgesehenen! Erträgnissen eingenommen und andererseits geradedurch diese Sammlung jeder privaten, Sammeltätigkeit für diese Zwecke den Weg versperrt. Wir müssen daher fordern, daß, sie diese Aktion, nicht bagatellisiere, sondern nach Kräften: unterstütze. Denn es ist eine vollkommene Verkennung der Situation, zu meinen, daß diese Aktion eine. Privatangelegenheit einiger Menschen darstellt. Sie ist eine Angelegenheit den ■gesamten Partei und darüber hinaus aller Steuerzahler. Wir werden dafür sorgen, daß diese Forderung solange von der Tagesordnung der jüdischen, öeffentlichkeit nicht verschwindet, hi<j sie erfüllt wird. In dem Maße, in dem die Kultusgemeinde ihren Aufgabenkreis erfüllen wird, im selben Maße wird auch die Stellung der Steuerzahler zu ihr eine Stärkung oder Schwächung erfahren. b. s. bringen") schützen und die Judenfrage auf dem' Wege der „Fremdengesetzgebung" ordnen. Herr Czermak wundert 'sich, warum wir uns verletzt zeigen, wenn man uns derartige Erörterungen des jüdischen Problems vorträgt, wie würde er reagieren,, 'wenn man etwa den deutschen Minderheiten in dem •erschiedenen Ländern Europas das vorschlagen würde, was er den Juden zumutet? Wir sind uns über den Ernst der Situation, über den Einfluß des Herrn Czermak, der Obmann der Christlich-sozialen ''Partei ist, und seiner neu' drapierten Theorien des Judenhasses völlig klar; viir rissen wohl, daß in einem Zeitabschnitte, in welchem 'om „Liberalismus, der als politische Partei vernichtet ist, nur mehr spärliche Reste vorhanden sind" (Seite 25), wir mit Gesetzen vom Geiste des Herrn, Czfermak beglückt werden können, aber verhandeln kann man mit Juden, die ihr Volk und seine Menschenwürde achten, über solche Lösungen nicht. Es ist beschämend, daß. ein Mann wie Oskar Karbach, der sich seit Jahren mit jüdischen politischen Fragen befaßt, mit einem Judenfeind wie Czermak gemeinsame Sache macht. Zur Entschuldigung für Karbach' wird angeführt, daß er vor Erscheinen des gemeinsamen Büchleins den Inhalt von der Arbeit seines Compagnons nicht kannte. Wenn, das der Wahrheit entsprechen sollte, hätten, wir nur noch einen weiteren Beweis, mit welcher UnVerantwortlichkeit v Juden in dieser schwierigen Zeit brennende Probleme unseres Volkes öffentlich behandeln. Es ist aber geradezu empörend, daß die ziouistin sehe Presse in Oesterreich kein Wort des Protestes! gegen die geistige Nachbarschaft. des Herrn Karbach mit Herrn Czermak gefunden hat, daß sie sich vielmehr mit dem ersteren solidarisieren und) Czermaks „Ordnung in der Judenfrage" wohlwollend) erörtern (siehe die Aufsätze in der zionistischen! Stimme" und in Robert Strickers „Neue We4t"). Den Hausjuden des Polenklubs seligen' Angedenkens* genügte es, wenn man ihnen, einige anerkennende Worte gesagt, und wenn man den Juden auch nur das allergeringste Zugeständnis gemacht hat, haben! sie die Rechte und die Würde des jüdischen Volkes mit Füßen treten lassen. Was sind dann Zionisten, die durch einige inhaltslose Worte Anerkennung für die 'nationaljüdischen und zionistischen Bestrebungen, einem Judenhasser wie Emmerich Czermak auf den Leim gehen und sich nicht gegen seine Zumutungen, wehren, wie es die Würde unseres Volkes gebietet'-* Ist es nicht Monistisches Mosctolootentum? Diese Tragik des inneren jüdischen Lebens in Oesterreich verdient unsere größte Aufmerksamkeit. .Wir werden uns mit ihr noch eingehend befassen* Mendel Singer.