Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
- Volume
- 3 (1932-1933)
- Issue
- 3-4 (August 1933)
- Date
- 1933-08-01
- Page
- Seite 219 (sequence 81)
- Language
- German
- Belongs to
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sie durch ein Anstreifen mit dem Fuße an einen Gegenstand dieses Klirren hervorgerufen hätte; sie bückte sich darnach und hob ihre Schlüssel auf. Eilends kehrte sie heim und rief ganz außer Atem und Fassung den Leuten, die ihr in der Judengasse entgegenkamen, zu: „Rabbi Nachum hat mir meine Schlüssel zugeworfen!" Es sammelten sich Leute an und nachdem sie endlich nach vielem Hin und Her, Was und Wie, den Hergang der ganzen Sache zum Ausdruck gebracht hatte, sagte man ihr: „Aber Sprinzl, du hast die Schlüssel in deiner Rocktasche gehabt und sie sind dir gerade, als du dich gebückt hast, herausgefallen." Da schwur sie Stein und Bein, das sei nicht wahr, sie habe alles durchsucht, kein Plätzchen in der Wohnung blieb unberührt, kein Kleid unbefühlt, sie muß die Schlüssel irgendwo verloren haben, denn sie fehlten ihr schon seit zwei Tagen. Es sei nicht anders, Rabbi Nachum habe ihr die Schlüssel zugeworfen. Mit dem hier Erzählten ist der Sagenkreis, der um das Grab des Rabbi Nachum gewoben ist, keineswegs erschöpft und es kann wohl angenommen werden, daß der Rabbi schon bei Lebzeiten der Held so mancher Sage gewesen sein mochte; ragten doch seine Lebensjahre aus dem Mittelalter in die Neuzeit hinüber und der Mensch ist doch nur ein allzu schwaches Rohr für die harten Stürme des Lebens und braucht die Religion als Stütze gegen diese Stürme. Die Religion aber ist eine Schwester der Mystik und kein Mensch, sei er der größte Realist, kann sich des Mystischen erwehren, möge er mit noch so bombastischen Schlagworten um sich werfen und behaupten, es gebe nichts Unbegreifliches und Unnatürliches, er wird, wenn ein altes Mütterchen des Morgens seine Wege kreuzt, sein Ungemach an diesem Tage dieser Begegnung zuschreiben, wie sein Glück dem ihm begegnenden Schlotfeger. Sollten wir da der Menschen spotten, die in ihrer Gottgläubigkeit an wunderbare Einflüsse glauben, sie erbitten, erbeten, erhoffen und erwarten? Das Reich der Mystik ist so groß und tief und gehört zur Kulturgeschichte wie alles andere, was den Menschengeist beschäftigt. Das Grab des Rabbi Nachum erlangte seine Weltberühmtheit erst im Weltkriege, als Tausende und Abertausende Menschen von ihrer heimatlichen Scholle flüchten mußten, nach langem Hin- und 219