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Der Jude · 1833-12-31 · Heft 26 (31.12.1833) · p. Seite 209

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1833)
Issue
Heft 26 (31.12.1833)
Date
1833-12-31
Page
Seite 209 (sequence 5)
Language
German
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209 satz selbst zuzugeben. Wir können nichts Lächerlicheres, als jenes Abmeffen einer literarischen Rangordnung nach den körperlichen Dimensionen, jenes vornehme Herabsehen eines Flugschriften-Verfassers auf Zeitungsartikel oder eines Gelehrten, der dicke Bücher schreibt, auf Flugschriften. Es wäre freilich zu wünschen, die Gesetzgebung über die Censur huldigte einer solchen Ansicht, so daß sie den Grad der Wirksamkeit eines Produktes der Presse in ein 'gerades Verhältniß zu dem Umfange desselben fttzte; sie würde dann ihre Präventions-Maßregeln mir dem abnehmenden äußeren Gehalt abnehmen lassen, anstatt sie zu scharfen. Aber sie versteht ihren Vortheil nur zu gut; sie fürchtet den Einfluß des Gedankens da am meisten, wo er auch in der Form am meisten von der Leichtigkeit des Geistes, von der Flüchtigkeit des Lebens beibehalten har und betrachtet die Masse als -den Ballast, der ihrr schwerer macht, aber nicht bedeutender und nicht werthvoller, sondern nur unbeweglicher und ungenießbarer. Darum lasse man doch den dummen Stolz fahren, welcher der periodischen Literatur das Recht der Besprechung ernsterer Gegenstände, höherer Interessen absprechen will! Hr. S tr. will mit dem verächtlich sein sollenden Prädikate der „Tagesschriftsteller" wohl auf die Vergänglichkeit solcher Leistungen hindeuten. Wir wissen nicht, welches Maß von Unsterblichkeit er seiner Brochüre zugedacht hat; aber wir wissen, daß die längere Dauer nicht immer der Prüfstein des größeren Werthes oder der größeren Schönheit ist. Die Rose des Somniers ist auch vergänglich; aber die Nadeln der Tanne überwintern: darum halte es, wer hä will, mit dem Nadelholze und verschmähe den Duft der Rose: Die flüchtigen Erscheinungen der periodischen Presse haben freilich ein kurzes Leben; aber, wenn sie Das sind, was sie sein sollen, so haben sie doch ein Leben und Das ist mehr, als man von manchen dicken Büchern sagen kann, die viel und lange auf Bücherborten gestanden haben mögen, ohne je eine lebendige Empfindung erregt, einen kräftigen Entschluß, eine mulhige Thar erzeugt zu haben. Die periodische Literatur ist das rasche, tägliche Leben der Civilisation, sie ist der stete Umlauf des Blutes und der Säfte des öffentlichen Lebens, des Körpers einer gebildeten Gesellschaft. Was sie aussprichr, das ist das Denken und das Fühlen Aller, die Theilnahme Aller für die Freuden und die Leiden Aller, die Liebe Aller gegen Alke. Sie nennt keine Namen: das ist nichts Zufälliges, noch weniger das Werk einer feigen Scheu; das ist tief in ihrem Wesen begründet. Denn sie kennt keine Persönlichkeit, keine Autorschaft, keinen Ruhm und keine Eitelkeit, wie die Bücherliteratur. 'Ihren Arbeiten giebt der Schriftsteller nur den Ausdruck, die Form, die sie gefällig und anziehend macht; ihr Inhalt ist aus Tausend Blüthön von allen Seiten her gesogen, er' ist dem stillen Denken und Empfinden Tausender abgelauschr und Keiner hat ein Ekgenrhumsrecht daran. In der Form, die ihm angebildet worden, hat der Gedanke nur das flüchtige Dasein eines Tages; dann kehrt er zurück, in Tausend Seeles vertheilt, in den Strom des allgemeinen Lebens, aus dem er hervorgetaucht; Keiner gedenkt mehr seiner oder seines Bildners, der sich gerne vergessen fleht; aber in der Fülle des Gesammtber wußtseins hat er seine Stelle gefunden und vielleicht ist er der in tiefer Brust verborgene Keim eines kühnen Entschlusseseiner rettenden That geworden. Unsere Deutsche Zeitungs-Literatur freilich — die ist nur ein gar mattes Abbild von diesem Bilde, das sie, so dünkt es uns, vor jeder anderen zu verwirklichen im Stande wäre; sie ist wenig mehr, als das tobte Sprachrohr, das ohne eignen Gedanken und eigne Empfindung die vielfachen Töne wiedergiebr, die der Weltgeist und der Zeitgeist ihm einhauchen, wenig mehr, als eine Kopirmaschine der Zeitgeschichte sammt Uebersetzungs- Apparat. Warum sie nicht mehr ist, als Das, brauchen wir keinem Verständigen auseinanderzusetzen. Wenn sie aber in einzelnen Fällen, wie es gerade in dem vorliegenden gewesen, Spuren von Leben und von Mitgefühl für Freude und Leid, für Kränkung und Ehrenrettung an den Tag legt, so schlage man ja nicht solche schüchterne Versuche durch die vornehm narrische Abweisung nieder, daß solche ernste Dinge nicht in ihr Gebiet gehören. Alles gehört in ihr Gebiet, was eine Freude oder einen Schmerz, ein Streben oder ein Mißlingen des Tages angehr: denn sie ist die Stimme des Tages; und wenn dieselbe große Angelegenheit auch von der einen Seite in das Gebiet

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