Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1833)
- Issue
- Heft 24 (10.12.1833)
- Date
- 1833-12-10
- Page
- Seite 195 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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195 es ihm nicht als seine Bestimmung vorspiegelt, zu herrschen und zu unterdrücken, sondern zu leiden und unterdrückt zu sein. Es fehlt so viel dazu, daß die Eigeuthümlichkeit ihrer religiösen Vorstellungen ten Juden einen höheren Grad von Selbstgefühl eingeflößt hatte, als das Bewußtsein der Menschenwürde einem Jeden von uns billig einflößen soll, daß es vielmehr nüthig war, die Gemächer mit diesem Bewußtsein zu durchdringen und zu stärken, um das rechte Maaß des Selbstgefühls wieder an die Stelle eines Gefühls der Schwache, der Demüthigung und Erniedrigung zu setzen, welches die nur allzulange Dauer des Leidens und der Unterdrückung den Gemächern eingeflößr hat. — Fragen wir hingegen die Vergangenheit, gehen wir zurück zu den dämmernden Anfängen der Geschichte und verfolgen wir ihren Lauf durch die Jahrhunderte, so finden wir allerdings auch an dem Judenthume eine alte Schuld desHochmuths und der Selbsterhebung hastend, falls wir anders nach unseren der Anschauung eines weltgeschichtlichen Lebens entsprossenen Begriffen eine Zeit richten dürfen, in welcher, so wie die Säulen des Herkules das Ende der Welt, so die Granze der Heimath das Ende des Wissens und des Denkens, des Fühlen- und des Verstehens war, eine Zeit, wo man in dem Fremdlinge das Siegel der Menschlichkeit noch nicht zu erkennen, die Empfindungen deS Mitgefühls und der Liebe noch nicht zu ahnen vermochte, sondern in unglückseliger Blindheit den natürlichen Feind in ihm zu sehen getrieben ward. So wie Ihr das Kind nicht unmenschlich nennen werdet, wenn es, in ltzem Alter, wo die ersten unklaren Unterscheidungen der Dinge der Außenwelt in dem dunkeln Sinne aufdämmern, wo es das Eine nur mit allen Faden seines DaseynS empfindet, die Mut' terliebe, — wenn es da den Unbekannten, der sich ihm freundlich und wohlwollend naht, mit ängstlichem Weinen, selbst mit Widerwillen zurückweist und sich nur um so fester an den Schooß der Murtcr klammert: so nennet auch die Völker des Alterthums nicht so, wenn sie eben aus der tiefsten Rohheit auf die erste Stufe der Bildung sich erhebend, in der Liebe zu ihrem Stamme, in der gemeinsamen Vertheidigung des Bodens gegen den Angriff der Fremden, in den Ahnungen der Vaterlandsliebe und der Volksthümlichkeit die erstenfruchtbaren Keime der Veredlung, der Gesittung, der Gesetzlichkeit findend, den Haß der Fremden, der Liebe zu den Ihren eng verwandt, rrn Herzen tragen und selbst die ersten Anfänge ihrer Vorstellungen von einem höheren Dasein in den engen Kreis ihrer Liebe, welcher der Kreis ihres ganzen engen geistigen Seins ist, hineinziehen. Doch Dem sei,'wie ihm wolle; die Schuld fei so groß, wie Ihr sie machen wollet: wenn je eine Schuld in der Weltgeschichte gebüßt worden, so ist es dieft. Sucht nach jenem Hochmuthe in den Strömen Babylons unter den Thranen der Verbannten, welche sich in ihre Fluten gemischt; suchet danach in den Strömen vergossenen Blutes, welche den Boden Europas gedüngt; da möget Ihr vielleicht seine Spuren finden; aber in den Gemüthern werdet Ihr sie nicht finden; in ihnen ist der alte Stolz gebrochen durch die Leiden von zwei Jahrtausenden, und hat einer entsetzlichen Demuth Platz gemacht, die bei'm Himmel der Stärkung und der Erhebung, nicht der Niederbeugung bedarf! Denn Diejenigen unter uns, denen auch Heute Manche ihren Hochmuth vorwersen, weil sie Feigheit und Niedrigkeit lieber an dem Unterdrückten sehen, als Würde *und Selbstgefühl, die sind es fürwahr nicht, , die sich in die Gedanken der Auserwählung und der Erlösung vertiefen! — Unsere Gegner fühlen wohl, daß sie dem Glaubens - Hochmuthe der Juden seit zwei Jahrtausenden keine Thaten vorzuwerfen haben; aber sie sind, — ihr Vorbild, die Inquisition, wo möglich, noch an Harte übertreffend. — in die geheimsten Träume eingedrungen, sie haben die verborgensten Wünsche der Sehnsucht belauscht, um Anklagen daraus zu schmieden. Was haben denn aber jene Traume geträumt, was hat diese Sehnsucht gewünscht, was nicht der herrschende Glaube in lebendiger Wirklichkeit zehntausendfach geübt hätte? Haben sie dem Judenthume -re einstige Herrschaft der Welt zugedacht, daß irdische Gewalt seinen Bekenuern Vorzüge verleihe vor Andersglaubenden? Nun denn, das Christenthum und manche einzelne Sekte desselben hat eine solche Herrschaft geübt lange Zeit auf einem großen Theile der bewohnten Erde und es hat nach ihrer Erweiterung sattsam gestrebt und es übt sie noch jetzt mehr oder weniger in den christlichen Staaten mit Ausnahme