Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1833)
- Issue
- Heft 24 (10.12.1833)
- Date
- 1833-12-10
- Page
- Seite 193 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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193 normirt ist, daß sie auf die Stammeseinheit der Juden keinen Einfluß üben kann. Man kaffe zwei Rer ligionspartheien selbst, wenn sie ursprünglich von verwandtem Stamme sind, ein Jahrtausend lang unter diesem Verbote nebeneinander leben und sie werdbn sich in zwei getrennte Stayime theilen und als solche neben einander verharren; aber die Erzeugung der Stammessvnderung ist so wenig in diesem, wie ihre Erhaltung in unserem Falle eine Folge oder eine Quelle der Nationalität, sondern sie muß in beiden aus dem zu der Trennung der Religionen hinzugekommenen Eheverbote auf die allernatürlichste und nothwendigste Weise hervorgehen. Es ist die unerhörteste Verhöhnung aller Wahrheit und aller Gerechtigkeit, wenn unsere Gegner uns immer mit dem sinnlosen Gemeinplätze entgegen treten: „Die Juden vermischen sich nicht mit den Völkern, unter welchen sie leben" ohne dabei des auf der Religion und dem finstersten Gewissenszwangs beruhenden Eheverbotes, das jene Vermischung zu einer reinen Unmöglichkeit macht, mit einer Silbe zu erwähnen; wenn sie, zu feige, um über das im Gesetze herrschende Vorurtheil das leiseste Wort des Tadels auszusprechen, darüber hinweggehen und von dem Unterdrückten frech das Unmögliche fordern. — Wir wiederholen es, die Nationalität der Juden lebt nur in der Erinnerung, vielleicht bei einigen im Glauben, in den unklaren Bildern dunkler Träume, die mit dem Leben nichts zu schaffen haben; in der Wirklichkeit ist sie gestorben seit zwei Jahrtausenden, erliegend unter dem unwiderstehlichen Machtgebote der Vorsehung; sie mag friedlich und ruhmgekrönt im Grabe der Geschichte ruhn; denn es ist um sie gekämpft worden mit Heldenmuth und Todesverachtung, wie um eine; aber man soll ihre längst verweste Leiche nicht an's Licht ziehen, um sie, die keinen Anspruch mehr macht auf Leben und Stärke, durch das Schauspiel des Todes und der Ohnmacht dem Hohne preiszugeben. Was .übrig geblieben, was aller Wuth der Zerstörung Stand gehalten und sich bis hieher als unvergänglich bewährt hat, ist die Religion, welcher jene Volksthümlichkeit als eine vergängliche, zerbrechliche Form einst hat dienen müssen; sie ist der einzige Mittelpunkt, das einzig Erhaltende, das Lebensprinzip des jüdischen Lebens, wie es in seiner wirklichen Erscheinung vor unseren Augen steht. Auch sie drückt ihren Bekennern ein scharfes Gepräge der Eigenthümlichkeit in Sitte und Lebensweise auf, das sie kenntlich macht vor Anderen, wo sie sich in der Minderzahl befinden: Das zeigt uns das Beispiel des Christenthums der ersten Jahrhunderte, wo keine Stammesverwanbschaft mit der religiösen Einheit zusammentrifft; Das zeigt uns in unseren Tagen das Beispiel der Brüdergemeinden und ähnlicher Sekten. Solche Eigenthümlichkeiten hat das Gesetz auf keine Weise zu beachten; die Menschlichkeit aber muß sie vor Allem ertragen lehren, ehe sie sie mildern und verwischen kann. Haß und Vorurtheil sondern um Vieles mehr, als alle Verschiedenheit des Stammes und des Glaubens; sie richten eine dichte und undurchdringliche Mauer zwischen den Menschen auf, welche die Natur' mit gleichen Trieben und Neigungen geschaffen; sie weisen die Unterdrückten auf das bei ihren Leidensbrüdern allein zu suchende Mitgefühl an, das ihnen von den Unterdrückern versagt wird; und so muß sich allmälig eine alle Gewohnheiten und Verhältnisse des Lebens durchdringende Trennung erzeugen, welche allerdings in der Religion nicht begründet ist. Die siegende Anerkennung ursprünglicher Menschenwürde hat jene trennende Mauer niedergerissen, hat manchen Sieg über den Haß und das Vorurthell erkämpft; die Gemächer nähern sich, die Sitte gleicht sich aus und ein großer Theil jener Eigenrhümlichkeit schwindet mehr und mehr. Aber, wo und so weit sie noch vorwaltet, wie unerhört hart und ungerecht ist es da nicht, die Schuld derselben den Gehaßten, den Zurückgestoßenen, den aus der Gesellschaft seiner übermüthigen Unterdrücker Verwiesenen tragen zu lassen! Das aber eben ist der Charakter des durchgehenden Verfahrens unserer Gegner, daß sie die ganze Schuld des unmenschlichen Haffes, der Feindschaft zweier Jahrtausende ohne Prüfung auf den Schwächeren wälzen, der unter ihren Streichen geblutet; daß sie da, wo Thorheit und Anmaßung der Gesinnung von beiden Seiten gleich waren, aber thätige Grausamkeit von der einen, ohnmächtiges Leiden von der anderen Seite die Gesinnung offenbarte, nur die letztere mit ihrem Tadel zu treffen wissen, — als sei nur die Schwäche in ihren Augen Verbrechen