Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1833)
- Issue
- Heft 22 (12.11.1833)
- Date
- 1833-11-12
- Page
- Seite 177 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2542348-2542349-2542372--439-3526959- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
177 „ begründet sein müsse. Wir werden von vorn Herr „ ein finden, daß unmöglich alle Nationen ohne Aus- „nähme diesen Fremdlingen gegenüber Unrecht gehabt „haben können, daß vielmehr die letzrern selbst sie ge- „hindert haben müssen, das Gastrecht gegen sie eben „so, wie gegen andere Fremde und Einwanderer, „walten zu lassen. Es wird uns, selbst ehe wir die „Ursache dieser Erscheinung bestimmt erkannt haben, „nicht zweifelhaft seyn, daß dieselbe Eigenthümlich- „'feit, welche die Völker und Regierungen zu ihrem „Verfahren gegen die Juden bestimmte, auch diele „ letzteren bei Druck und Verfolgung eben so, wie „bei Freiheit und Begünstigung, in der übrigen Staatsgesellschast als Fremde, als besondere Nation „erhielt, während wir, so weit die Geschichte reicht, „allenthalben die Einwanderer aus fremden Landern, „und selbst die Eroberer, nach und nach sich mit den „Einheimischen vermischen und zuletzt mit ihnen völlig verschmelzen sehen." Wir gestehen, daß uns die beispiellose Kühnheit der in diese Worte zusammengedrängten Lüge einigem maßen stutzig macht, daß wir uns, ehe wir zur Widerlegung schreiten, erst wieder Ammeln und besinnen müssen, ob denn etwa die Geschichte der letzten zwei Jahrtausende, so wie sie uns gelehrt worden, ein T^aum oder ein Phantasiegebilde ist und ob die Geschichte, wie sie Hr. Str. vor Augen hat, eine ganz andere Geschichte ist ohne Religionshaß, ohne Glaubenödruck und Glaubenswuth, ohne Fanatismus, ohne Christenverfolgungen, ohne Kreuzzüge und Religionskriege, ohne Ketzer-Ermordungen? Ist es denn wahr und wirklich, was uns jedes Kompendium der Weltgeschichte lehrt, daß die Juden, nachdem sie, wie die Egypter, wie die Parther, wie die Gallier, wie alle uns bekannte Nationen der damaligen Zeit von den Römern unterjocht und ihr Land erobert worden, nachdem ihre Nationalität in der wahren, lebendigen, die Gegenwart umfassenden Bedeutung des Wortes, so wie die jener anderen Völker untergegangen, nachdem der Heldenmüthige Widerstand der hinsterbenden nationalen Freiheit gebrochen war, und nur noch von Zeit zu Zeit augenblickliche schmerzliche Zuckungen des Aufstandes Spuren des erlöschenden Volkslebens zeigten, — daß die Juden nach dem Allen drei Jahrhunderte lang friedlich unter dem unwiderstehlichen Machtgebote des Schicksals mit und unter den Römern lebten, in keiner Rücksicht anders behandelt und minder berechtigt als andere unterjochte und vernichtete Nationen, ohne Haß, ohne Verfolgung, ohne Unterdrückung, höchstens in einzelnen harmlosen Scherzen der Satyriker belächelt und von Historikern getadelt wegen ihrer den heidnischen Gebräuchen der Römer allerdings schroff gegenüberstehenden religiösen Gebrauche? Ist es wahr und wirklich, daß Haß und Verfolgung damals nicht gegen die Juden, sondern gegen die Christen gerichtet gewesen und zwar gerade unter den Vorwänden ihres sich besser dünkenden Glaubens, ihrer hochmüthigen Absonderung, ihres Ungehorsams gegen die Obrigkeit, ihrer Verachtung und ihres Hasses gegen die ganze andersglaubende Menschheit? Ist es wahr und wirklich, daß erst, nachdem die Reihe der weltlichen Herrschaft und der Verfolgungswuth an das Christenthum gekommen, der Fanatismus die lange Reihe der Mißhandlungen und Unterdrückungen der Juden begonnen, welche nicht gegen eine Nation, sondern gegen eine Sekte, nicht gegen Einwanderer — denn sie waren seit Jahrhunderten, wie Millionen Anderer, Bürger der Römischen Welt — sondern gegen Ungläubige , gerichtet worden? Oder tragen in der Weltgeschichte des Hrn. Str. die ersten Symptome der Juden - Verfolgung, die Verböte der christlichen Kaiser Roms, neue Synagogen zu bauen, alte auszubessern, einen nationalen, einen persönlichen Charakter? Ist jene die Religion wie die Menschennatur schändende Bestimmung des eodex theodosianus} daß der zum Christenthum übergetrerene Sohn, der seinen jüdischen Vater mißhandelt, wohl bestraft, aber doch nicht solle" enterbt werden können, „damit er das „doch wenigstens zur Ehre der erwählten Religion „verdient zu haben scheine"*) — ist diese Bestimmung etwa ein Werk der Staatsklugheit und des Mißtrauens gewesen? Wer die erste Quelle alles Haffes und aller Verfolgung und Mißhandlung der Juden erst aussucht und es nicht wissen will, daß sie im Fanatismus, in der Wurh der herrschenden Re- *) yt hoc saltem in honorem electae religionis meruisse videatur.