Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1833)
- Issue
- Heft 16 (27.8.1833)
- Date
- 1833-08-27
- Page
- Seite 129 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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129 der Meinung minder kenntlich uüd unterscheidbar nebeneinander : wie Licht und Nacht in dem Chaos, harrend des mächtigen Schöpfungswortes der Freiheit, welches hier eine Welt voll lebendiger, vom Glanze der Sonne beleuchteter Gestalten, dort eine Fülle edler, selbstbewußter, begeisternder Gedanken aus der dunklen Verwirrung an das Licht des Tages bringen soll; wie die Keime des Guten und des Bösen, des Edlen und des Gemeinen in der Natur des Menschen, ehe sie durch die Freiheit des Entschlusses unk der That zu selbstständigem Dasein gereift sind. Wenn wir die öffentliche Meinung bald als Raserei dev Menge, bald als Ausdruck der allgemeinen Vernunft, bald als Geschrei des Pöbels, bald als die Stimme Gottes bezeichnen hören, so müssen wir wohl inne werden, daß in ihr sehr verschiedene Elemente, welche abwechselnd zur Herrschaft gelangen können, enthalten sein müssen. Wenn wir daher die öffentliche Meinung von ganzem Herzen als die wesentlichste Quelle des Gesetzes anerkennen, wenn wir ihr auch die letzte und höchste Entscheidung in unserer Angelegenheit vertrauensvoll anheim stellen, so dürfen wir und müssen wir wohl ^untersuchen, wie jene.Elemente in ihr gemischt sein müssen, aus welchen Bestandrheilen, unter welchen moralischen und politischen Einflüssen sie sich bilden müsse, um jenes Vertrauen zu verdienen. Welcher Mensch möchte wohl sein Schicksal und seine Freiheit in die Hände eines oder mehrerer Anderer gegeben sehen? Wer möchte sie der Meinung Einzelner mit all ihrer Befangenheit, mit all ihrer Selbstsucht, mit all ihrer Beschränktheit und ihrenVorurtheilen anvertraut wissen? Wenn; nun die öffentliche Meinung nichts als die multiplmtten Meinungen der Einzelnen, mit allen jenen Mängeln behaftet,' enthielte, wie sollte sie da wohl für die Wahrung der Rechte und der Interessen Derer eine hinlängliche Bürgschaft gewahren, über welche sie, wie über eine machtlose Minorität, von der eine Vergeltung oder Rückwirkung nicht zu befürchten ist, zu verfügen hat? Wie Mre da die Meinung der Mehrheit, in so fern sie von Einfluß auf die Gesetzgebung ist, ein anders; Berhältniß als das der Gewalt und der UnterlMkirng gegen die Minderheit — fei sie es nun an Zahl' oder an Kraft — erzeugen können? Wenn daher Hr. St r. und andere Schriftsteller in ihren Erörterungen über unsere Angelegenheit ohne weiteres jedes Vorurtheil, jede Abneigung, jede Leidenschaft Einzelner gegen Einzelne, wie sie uns m den Erscheinungen des Lebens Vorkommen, als Bestandtheil der öffentlichen Meinung und mithin als zu den Quellen der Gesetzgebung gehörend anerkennen, so zeigen sie sehr deutlich, — wie es auch die Erfahrung und die Vergleichung mit ihren übrigen Tendenzen bei Allen, die in diese Kategorie gehören, zur Genüge beweist — daß sie die öffentliche Meinung in ihrer wahren, hohen, sittlichen Bedeutung als die Quelle des Gesetzes nicht anerkennen, indem sie sie in ihrer Auffassung auf eine Weise verunstalten und herabwürdigen, daß ihre Einwirkung nur Verwirrung, Zerrissenheit und ewigen Zwiespalt erzeugen könnte, welche in der absoluten monarchischen Gewalt den einzigen Hafen der Ruhe zu finden vermöchten. Jene falschen Politiker haben eine widrige Truggestalt der öffentlichen Meinung untergeschoben, welche die gesetzgebende Gewalt von den heilsamsten Fortschritten abschrecken soll; sie haben ihr die schmutzigen Züge des Neides und der Engherzigkeit geliehen; sie haben sie gebildet nach dem treuen Ebenbilde ihrer Schöpfer; sie haben ihr eine Seele eingehaucht, zusammengesetzt aus den jämmerlichsten Leidenschaften der kleinlichsten Gemüther. Wenn sie aber einmal selber sich erhöbe in ihrer wahren, erhabenen Ürgestalt, mit den schönen Zügen der Freiheitslkebe und der Menschlichkeit, wenn sie mit der gewaltigen, unbesiegbaren Stimme Fortschritte ver- * langte auf der Bahn der Freiheit und der gesetzlichen Gleichheit, wie sie sie immer verlangt Hat, da . wo sie frei sich^ äußern durfte in Wort und That, — wie würden da jene feigen Zauberlehrlinge erschreckt zusammenfahren ob der mächtigen Erscheinung, die ihr unvorsichtig und verwegen ausgesprochenes Zauberwort hervorgerufen! Welcher Mittel würden sie sich nicht gerne statt des bannenden Wortes bedienen, um des gefährlichen Spuckes los zu werden! Was sind denn die mächtigsten Symptome, welche Hr. Str. von dem Dinge, welches ihm für die öffentliche Meinung gilt, anzuführen weiß und deren gefährliche Wiederholung er im Fall einer vollständigen Emancipation zu fürchten vorgiebt?