Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1833)
- Issue
- Heft 13 (23.7.1833)
- Date
- 1833-07-23
- Page
- Seite 102 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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102 das Gutachten des unwissendsten Rabbinen, der irgend einen Mißbrauch für herkömmlich und unantastbarerklärte, Ln der Regierungsgewalt eine Stütze finden würde gegen die gründlichste Nachweisung, daß er unwesentlich und der Abänderung unterworfen sei? —Und nun, nachdem durch lange 10 Jahre hindurch, durch ein Jahrzehend, welches für die fortschreitende religiöse Bildung unserer Glaubensgenossen die Bedeutung eines Jahrhunderts hat, das vielleicht einen Wendepunkt bildet, der lange, lange nicht wiederkehren wird, in Preußen jede Verbesserung unterdrückt , jeder Fortschritt gehemmt, jede Regung geistigen Lebens erstickt worden, hat ein Preuße die Keckheit, seinen jüdischen Landsleuten die Mängel ihres herkömmlichen Gottesdienstes, die Unwissenheit ihrer Rabbinen als Hindernisse ihrer bürgerlichen Gleichstellung vorzürücken? Nachdem man den Lebensnerv, in welchem die Kraft und die Bewegung ist, durchschnitten, nachdem man den natürlichen Lebensprozeß der organischen Entwickelung unterbrochen, schreibt man die Schuld des nothwendigen Absterbens auf die Rechnung der ungeschickten Aerzte und verlangt, daß gelehrte Aerzte bei dem Kranken angestellt werden! Wozu aber sollen sie nützen, wenn ihnen die Mittel der Heilung bei Strafe, für Deisten erklärt zu werden, verboten bleiben? Nach jener der finstersten Gesinnung entsprossenen 10 jährigen Unterdrückung alles Besseren erkühnt sich Einer, der entweder selbst dem Werke der Finsterniß gedient und es gebilligt oder der den Much nicht hat, ein freies Wort des Tadels darüber auszusprechen , den Reformator gegen uns zu spielen und in demselben Augenblicke, in wUchem er Grundsätze ausflellt, die jede Verbesserung ÄrMöglich machen, mit erheuchelter Freisinnigkeit die Hüßft des Staates anzurnfen, um uns durch Aufklärung ztzm würdiges Genüsse der bürgerlichen Rechte vorzutzEtrn? Greller noch, als in Mm bisher Angeführten, tritt der Widerspruch zwisHm den Thalsachen der Behandlung der Kultus - Angelegenheiten und den Absichten, welche man vorschützt um M schmähliche bürgerliche Zurücksetzung des Glaubens halber zu beschönigen, in einer anderen Stslle der Schrift des Hm. Str. hervor. Bei Gelegenst des RMivnS-Unterrichts der Jüdischen Kinder sagt er S. 35 — 38 folgendes: „Damit auch der.Staat sich überzeuge, theils, „daß die Kinder der Juden nicht ganz ohne Reli- „gionsunterricht aufwachsen, theils, daß dieser Unter- „richt nicht eine staatswidrkge Richtung nehme, scheint „es nothwendig, zu verordnen, daß jedes jüdische „Kind vor seinem Uebertritt in das praktische Leben „einer öffentlichen Prüfung in seinen religiösen Kennt- „nissen und Ansichten unterworfen werde — eurer „Prüfung, welche die Stelle der christlichen Confir- „mation vertreten würde. In Städten, wo größere „Judengemeinden sind, wird dies sich leicht einrich- „ten lassen. In Distrikten aber, wo die Juden „sporadisch zerstreut leben, würde im Mittelpunkte „eines angemessenen Bezirks eine Art und eine be- „ stimmte Zeit zu dieser Prüfung festzusetzen seyn, web „cher immer ein Beauftragter des Staats beiwohnen „müßte." Wenn wir diese Worte in einer anderen Schrift, als in der des Hrn. Str., läsen, so würden wir unter den gegebenen Umständen darin nichts anderes als eine feine Schmeichelei für die Juden nebst einer versteckten, aber doch ziemlich herben Bitterkeit gegen die Regierung sehen. Wenn es sogar „nothwendig scheint," eine solche Einrichtung zu „Verordnen," was soll man denn zu Mer Regierung sagen, die ganz dieselbe von mehreren Gemeinden freiwillig getroffene unterdrückt hat? Ist aber nur die verordne te Verbesserung von Werth, weil sie den zu Verbessernden seine Unterordnung fühlen läßt, und ist die der freien Erkenntniß, dem inneren Bedürfniß entsprossene werthlos? Ist etwa eine jede freiwillige Abweichung von dem Herkömmliches ein Werk des Deismus, jede gezwungene ein Werk des Glaubens? Unsere Leser werden der oben angeführten gegen die von einigen Westphalischen Gemeinden versuchte Neuerung gerichteten VerMnrrttg des Ministeriums des Innern eingedenk feiri. Har Hr. Str. diese Verordnung nicht gekannt? Har er sich so wenig mit den in vollerKrast befindlichen Regierungsverfügungen, die den Gegenstand, der ihn beschäftigt, betreffen, bekanM zu machen gesucht? Wenn er sie aber kannte, mußte er sich nicht fragen, wer denn höher stehe, eins Religivnsparther, deren Mit-