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Der Jude · 1833-07-16 · Heft 12 (16.7.1833) · p. Seite 98

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1833)
Issue
Heft 12 (16.7.1833)
Date
1833-07-16
Page
Seite 98 (sequence 6)
Language
German
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bei noch immer die Frage zu beantworten übrig bliebe, ob er zu einer solchen Repräsentation von Jenen berufen worden. Aber das Eine ist so wenig der Fall wie das Andere. Hr. S tr. hat entweder jene Schrift selbst nicht gelesen oder er rechnet darauf, daß seine Leser fie nicht gelesen haben oder es ist ihm in dem Bewußtsein des Schiffbruchs seiner Sache das zerbrechlichste Argument guc genug um sich für einen Augenblick daran zu lehnen. Da jene für ihre Zeit sehr charakteristische Erscheinung, die dem Geiste der unsrigen durchaus fremd ist, wohl bei den Meisten schon in Vergessenheit gerathen, so wollen wir sie unseren Lesern iu'6 Gedachtniß zurückrufen. Jene Berliner Hausvater nämlich — es war ren außer Friedländer nur noch Einer oder Zwei,! von denen die Sache ausging und das Ganze sollte offenbar mehr eine litterarische Anregung als ein wahrhaft praktischer Versuch sein — wollten vor Allem aus dem Kreise des Judenthums heraustreten und wünschten nun, daß man ein hinlänglich rationales Christenthum für sie veranstalte, damit sie sich mit. gutem Gewissen zu dessen Lehren bekennen könnten*). Sie erklärten sich damit gewissermaßen gegen den Glauben einer jeden der bestehenden Konfessionen, am bestimmtesten aber gegen das Judenthum, da sie ja selbst ihren Versuch, zu ratioualisiren, nicht mit dem eignen nahe liegenden, sondern lieber mit dem christlichen Glauben vornehmen wollten und diesem daher die befremdende, nicht mir Unrecht von allen Seiten. übel aufgenommene Zumuthung machten, daß er sich um der Ansichten Derer willen, ditz, zu ihm übertreten wollten, modificiren solle. Die in ..jenem Sendschreiben enthaltenen Gesinnungen und Bestrebungen verhalten sich zum Judenrhum wie das Glaubensbekenntniß des vicaire Savoyard oder die DM Z Jahren von Kiel ausgegangene Bittschrift an.Deutsche Fürsten sich zum Christenthume verhalt. Daß sich auf solche Grundlagen eine positive Reform dG indischen Gottesdienstes nicht bauen lasse, das ist einem Jeden, der diesen Dingen einiges Nachdenken gewidmet hak, völlig einleuchtend und davon war der BOfaGr des Send- *) Man. hat jenes Beginnen zu seiner Zeit witzig eine . Taufe auf trocknem Wege genannt. - ' .. schreibens so gut überzeugt, wie alle Anderen. Es ist in einer Zeit entstanden, wo die so eben erst zum Bewußtsein gelangte Unabhängigkeit der religiösen Denkwelse von den Banden des Systems, das sie gefangen gehalten hatte, vorerst nur in der möglichst schroffen Losreißung von jeder kirchlichen Gemeinschaft ihre Befriedigung suchen konnte. Es war um dieselbe Zeit ein ähnliches Verhältniß innerhalb der christlichen Kirchen vorherrschend, wenn gleich hier an ein äußeres Heraustreten, zu welchem eine äußere Veranlassung nicht vorhanden war, nicht leicht Jemand dachte.*) Jenes Streben nach Losreißung, nach völligem Heraustreten aus der auf der positiven Religion gegründeten Gemeinschaft von Seiten mehrerer denkenden Köpfe ist auch in der That lange Zeit das mächtigste Hinderniß für die Herbeiführung gortesdieustlicher Reformen gewesen. Alle, die der Entwickelung der Ansichten und der Verhältnisse einigermaßen mit prüfendem Auge gefolgt sind, sind von der Ueberzeugung durchdrungen, daß das tief gefühlte Bedürfniß nach der Belebung des Gottesdienstes durch Einführung der Allen verständlichen Muttersprache, durch Gesang und Rede eben so und vielleicht in höherem Grade eine Reaktion war gegen jenes Losreißen von der religiösen Einigung, als gegen das starre Festhalten an dem Veralteten. Und nun, nachdem der lebendige religiöse Geist, der iti den gottesdienstlichen Reformen waltet, sich in mehr als 20 Lehrbüchern der mosaischen Religion und in vielen Hunderten von gedruckten Predigten kund gegeben und Aller Augen offen vorliegt, will uns Einer, die ganze Reihe von Erscheinungen, die das religiöse Leben einer Generation ausmachen, frech igmrirend, ein verschollenes Produkt einer Richtung, die den Reformen im Wege war, als den einzigen Repräsentanten des Geistes eben dieser Reformen entgegenhalten? Die Gesinnung Derer, die aus dem Judenthume heraustreten wollen und sich deshalb *) Man denke an das Publikum, welches sich Schleiermacher in seinen berühmter Meden über die Religion gegenüber stellt und an seine Charakteristik der §Ge- „ bildeten unter ihren Verächtern." Man denke an den Eindruck, den Chateaubriand’« Genie du Christianisme, wie ein Ton aus einer verschollenen Welt herüberklingend , auf feine Landsleute und Zeitgenossen machte.

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