Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1833)
- Issue
- Heft 12 (16.7.1833)
- Date
- 1833-07-16
- Page
- Seite 94 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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nigermaßen zurückgekommen oder weil man sich gescheut hat, in die Andacht kindlicher Ctzmüther gewaltsam einzugreifen. Dieser feiner ganzen Gestaltung nach lediglich für Kinder eingerichtete Gottesdienst nun hat bei den Erwachsenen aller Stände und beiderlei Geschlechts die allgemeinste und innigste Theilnahme gefunden und wird jedes Mal von einer so großen Anzahl von Gemeinde-Mitgliedern besucht, als der enge, für diesen Zweck nicht eingerichtete Raum es irgend gestattet. Ich habe im vorigen Winter Gelegenheit gehabt, diesen Gottesdienst zu besuchen und derselbe hat eigenthümliche Empfindungen in mir erweckt. Es hat etwas rührendes, zu sehen, wie die darbenden Eltern sich hinzudrängen, die dürftige geistige Nahrung ihrer Kinder zu (heilen, um nur in dem Zustande der Entblößung, in welchen man sie versetzt, nicht ganz und gar zu verschmachten. So erfreulich ein solches Streben sein würde, wenn es das erste Symptom der aufkeimenden Richtung zum Besseren wäre, so wehmüthig stimmt uns jenes Schauspiel, wenn wir uns erinnern, daß es eine einst in geistiger Beziehung blühende Religionsgemeinde, in welcher vor mehr als einem Menschenalter schon die herrlichsten Vlürhen selbstbewußter und aufgeklärter Religiosität sich entfaltet hakten, in deren Mitte vor 10 Jahren die herrlichsten Talente die Fülle begeisternder Worte in die Herzen andächtiger Hörer auögoffen — daß es Me solche Gemeinde ist, die auf eine so dürftige und gewissermaßen erschlichene Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse beschrankt ist! Kr manchen gewichtigen Betrachtungen finden wir VeranlaMng, wenn wir das in dem bisherigen dargestellte und geprüfte Verfahren der Preußischen Regierung mit gewissen Forderungen zusammenstellen, welche in neuerer Zeit von einigen Regierungsbehörden und Schriftstellern so wie von e i n er ständischen Versammlung atz Mgebliche Bedingung einer vollen Emaneipation an die-Juden gestellt worden. Während hier eine ganze Reche bedeutungsloser und nutzloser Reformen, die Keinem, frommen und deren Keiner bedarf, verlangt wird, bloß damit man die Juden der starren Anhänglichkeit an das Alte, des Mangels an Aufklärung beschuldigen Md damit die -eigne Trägheit iw Fortschreiten, wo es die Freiheit Anderer gilt, die eigne unduldsame finstere Gesinnung bemänteln könne, sehen wir dort die einzige Reform, die wahrhaft Noch thut, die den Gemüthern ein wahrhaftes Bedürfniß ist, mit Gewalt Hintertrieben. Während in dem einen Falle der Gebrauch der Hebräischen Sprache beim Gottesdienste mit totaler Verkennung des inneren Zusammenhanges der Sache, mit unbegreiflicher Uebersehung der schlagenden Analogie der Römischen Liturgie in der katholischen Kirche— als eine Thatfache der Nationalität bezeichnet und seine Abschaffung gebieterisch gefordert wird, wird in dem anderen der Gebrauch der Muttersprache als gefährliche' Neuerung, als zum Deismus führend polizeilich untersagt! *) Befremdend sind uns eben diese Widersprüche nicht und wir wollen uns um ihre Lösung nicht sonderlich bemühen. Nur die Wahrhaftigkeit führt zur Uebereinstimmung. Hier also, wo von beiden Seiten keine Aufrichtigkeit des WollenS und der Motive obwaltet, wo man von beiden Seiten für den Glauben, auf dessen Entwickelung einzuwirken man sich anmaßt, keine Liebe, für sein Bestehen und Gedeihen keine wahre Theilnahme empfindet und empfinden kann, wie sollte es uns da wundern, daß Willkür und Laune die verschiedensten Wege einschlagen? Um eine gegebene Krankheit zu heilen, dazu mag es wohl nur ein rechtes Mittel geben; um eine beliebige zu erzeugen , um auf irgend eine Weise wehe zu thun aber — dazu giebt es tausend. Die ewige Wahrheit aber findet hier eine schlagende Bestätigung, daß ein jedes geistiges Leben nur durch Freiheit gedeihen kann und durch gewaltsame äußere Einwirkungen, sie kommen von welcher Seite und nehmen welche Richtung sie wollen, jederzeit gehttnmk, in seiner Entwickelung gestört und aus feinem inneren Mittelpunkte gerissen wird. Der gütige Schöpfer des Weltalls hat in der moralischen wie in der Körper - Welt ein jedes Ding nach seiner eignen Weise geschaffen und die Keime des Wachsthums und des Gedeihens in seinen Schooß gelegt; die Despo- *) Sehr treffend ist dieser Gegensatz mit specieller Beziehung auf den Leipziger Entwurf dargelegt in dem Blatte der Frankfurter Didaskalia vom 9ten März 1833 in dein Aufsätze: „noch ein Wort über Juden- und cmdere Drdmmgen."