Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1833)
- Issue
- Heft 11 (9.7.1833)
- Date
- 1833-07-09
- Page
- Seite 90 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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90 höheren Grad moderner Bildung besaßen, so lag doch bet. Grund jenes Bedürfnisses nicht in dieser ihnM eignen Bildung, sondern vielmehr in dem das mtz zusammentreffenden Mangel jener historisch-religiösen Bildung, welche das Verständniß pener alten gottesdienstlichen Formen und die lebendige Theilnahwe an denselben erfordert hätte: ein Mangel, den die Gebildeten mit den Ungebildeten theilten, wenn er auch Jenen früher fühlbar werden mußte. Nicht weil sie besser Deutsch, sondern weil sie schlechter Hebräisch verstanden, als die frühere Generation, war ihnen die Einführung eines Deutschen Gottesdienstes zum Bedürfniß geworden. Es war ganz das Ln jeder Religion zu Zeiten eintretende Verhaltniß der Nothwendigkeit einer irmigerzm Theilnahme der Laien am GottesdiekAe und einer DLodifieation desselben, uw jene Theilnahme möglich zu machen und zu beleben. Wenn ein Theil jener Laien in anderen Rücksichten, in solchen Kenntnissen und Gegenständen der Ausbildung, die der Religion und dem Gottesdienste ganz fern lagen, weit vorgeschritten und sehr gebil^ det waren, so war das ein zufälliger, ganz unwesentlicher Umstand; ihr Bedürfniß in Beziehung auf religiöse Andacht , ihren Mangel an Bildung und Kenntniß dem Gottesdienste gegenüber theilten sie mit der Masse, und es kam bei ihnen jenes Bedürft niß wohl früher, aber nicht stärker und gewiß nicht auf eine dauerhaftere Weise zum Bewußtsein. Es G daher entweder eine absichtliche Entstellung oder em Beleg für gänzliche Abwesenheit aller Sachkenntniß, wenn Manche, 'den ganzen Standpunkt der Sache verrückend, das Verfahren der Regierung damit beschönigen wollen, daß sie die Sache so darstellen, als habe man nur einigen Vornehmeren und Gebildeteren ein vorübergehendes Spielzeug zerbro, chen, die religiösen Interessen der Massen aber dabei ganz unverletzt gelass^. Nein, man hae einer ganzen Generation ihre Aud«chL, , man hat der ganzen aufkeimenden Jugend die lebendige Liebe zu ihrer Religion, man hat vielen Taufenden von Seelen den einzigen wahren und aufrichtigen Ausdruck ihrer Frömmigkeit. und Gottesverchrung geraubt. Man hat das eben wieder angeknüpste BMd zwischen der Seele und dem Gottesdienste, zwischen heyr Gemüthe und der öffentlichen Andacht gewaltsam Zerbissen und damit die letztere zur vorigen Seelenlosigkeir, zmn ewigen Verharren in einer starren, leblosen Gestaltung verurrheilt. Daß nun aber jene Belebung des Gomsdienstes durch die mehr oder weniger durchgreifende Einführung der Muttersprache, sei es im Vorkrage, im Gesänge oder im Gebete selbst, sehr wohl zu bewerkstelligen war, ohne eine förmliche religiöse Trennung, ohne daß eine „neue Sekte" gebildet würde, ohne daß insbesondre dem Staate irgend ein Nachtheil, irgend eine Unbequemlichkeit daraus erwüchse, das ist allenthalben, wo die natürliche Entwickelung nicht mit Gewalt gehemmt worden, das ist in mehreren nicht Deutschen und fast in allen Deutschen Staaten außerhalb Preußen durch eine schleunige Erfahrung erwiesen worden. Mochte die Form des Gottesdienstes der ganzen Gemeinde einige allmälige Veränderungen erfahren, wie in Wien, in Kopenhagen, in den meisten Gemeinden Baierns und in vielen anderen Staaten, mochte ein Theil der Gemeinde nt einem besonderen Gotteshause nach einem abgeanderten Ritual seine Gebete verrichten, wie in Hamburg und in wenigen anderen Gemeinden; eine eigentlich religiöse Spaltung ist nirgends erfolgt, weil sie nicht in den Verhaltnijfin lag, weil die Elemente dazu nicht vorhanden sind, weil der bloße Gebrauch einer verständlichen Sprache beim Gottesdienste nicht durch eine solche bedingt ist. Es wäre daher eine platte Heuchelei, in den gedankenlos hinzugefügten Wörter: „daß keine neue Sekte unter den Juden geduldet werden solle" einen eigentlichen Grund des Verbots finden zu wollen, um so mehr, da sich ja das Verbot auf einen Fall bezog, wo eine Verständigung zwischen der ganzen Gemeinde zu einem vereinten Gottesdienste bereits stattgefunden hatte und da es ganz allgemein jede Veränderung verbietet ohne selbst den Fall der Uebereknstimmung aller Mitglieder einer Gemeinde auszunehmen. Noch widersinniger ist es, wenn Andere gesagt haben, es sei jenes Verbot ein Werk der Schonung gegen die Gewissen derjenigen Juden, die eine solche Neuermrg im Gottesdienste nach jüdischen Religions - Grundsätzen für unerlaubt hielten. Daß es unter uns Einige giebt, besonders umer Denen, die der Geschichte unseres Kultus und der Modifikationen, die er im Laufe