Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1833)
- Issue
- Heft 11 (9.7.1833)
- Date
- 1833-07-09
- Page
- Seite 89 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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89 liche Auffassung, wie jeht auch ziemlich allgemein er? kannt worden, wenn man den Protestantismus für einen Fortschritt in der Richtung des Deismus, für den ersten Schritt einer aus den Banden des Offenbarungs-Glaubens sich befreienden Menschheit hält : ein Wahn, den die Geschichte der letzten hundert Jahre schon dadurch sattsam widerlegt, daß es ein katholisches Land war, in welchem der Deismus Verehrer und Altäre fand, während der im Protestantismus verjüngte positive Glaube ihm mächtigen Widerstand leistete. — Im Wesen der Reformation mußte es daher auch nothwendig liegen, daß sie allenthalben die Landessprache im Gottesdienste einführte, daß sie den belebenden Lehrvortrag in der Muttersprache, der im katholischen Gottesdienste eine ganz untergeordnete Rolle spielte, zu einem der wesentlichsten Theile des ihrigen, machte. Die Reformation hatte nun aber außer diesem. einen Punkte noch vieles Andere hinwegzuräumen und zu bekämpfen; sie hatte es mit dem Systeme des Ablasses, der Ehelosigkeit der Priester, vor Allem aber mir einer übermächtigen äußeren Gemalt in Glaubenssachen zu thun, die durch die Waffe der bloßen Ueberzeugnng nicht zu überwältigen waren; sie war daher zu einem schweren Kampfe und zu einer völligen Losreißung von der Mutterkirche genöthigt. — In unserem Falle nun ist dasselbe Bedürfniß nach Belebung des subjektiven religiösen Elements, welches die starren Formen, die es gefangen halten, nicht unangefochten lassen kann, vorhanden; aber es beschränkt sich dieses Bedürfniß in seiner Aeußerung lediglich auf das Streben nach der Einführung der Muttersprache beim Gottesdienste; jede andere Differenz gleicht sich auf dem natürlichen Wegs der Entwickelung und Verständigung der Ansichten von selbst aus; in jenem einzigen Punkte tritt ein Gegensatz bestimmt hervor und ist eine förmliche Ausgleichung oder ües Herwindung nöthig.. Wir haben uns an einem anderen Orte *) ausführlich darüber ausgesprochen,, wie wir eine eigentliche Reformation in unserer Zeit nicht so wohl für unzulässig, als für unmöglich halten, . *) Man vergliche im ersten Jahrgange dieses Plattes Nr. 6—11 (oder „Kritische Beleuchtung der neuesten ständischen Verhandlungen über die Emancipation der Juden, Altona 1833. ,S. 26—69) auch Nr. 24 u. 25. mil eine bestimmte dogmatische Reform der Freiheit der Geister zu sehr widerstreitet, eine Reform derjenigen Ceremonialgesetze aber, welche die Andacht der Einzelnen angehen, bei der Herrschaft voller Gewissensfreiheit etwas Wesenloses, Scheinbares fein würde. Dieser eine Punkt aber des Gebrauchs einer Allen verständlichen Sprache beim Gottesdienste oder mindestens eines in der Muttersprache zu haltenden Vortrages ist zu einer unerläßlichen und unumgänglichen Lebensfrage geworden, beti sich von stchst ergebenden Fortschritt in diesem Punkte gewaltsam unterdrücken heißt den Gemüthern ihre Andacht, der * Seele ihr Gebet, der Religion ihre Zukunft, ihre Wirksamkeit, ihr Leben rauben, sie zum Tode verdammen. Es handelt sich hier nicht etwa allein um eine Frage der Aufklärung, der Bildung, am allerwenigsten um einen Fortschritt im Sinne des Deismus, sondern um die Erhaltung und Belebung des Geistes der positiven Religion, um die Frage, ob sie eine, lebendige, in den Gemüthern wirksame Kraft oder eine leere, tobte, äußerliche Gestaltung Orr soll, um den Geist und die Seele Der Religiosität- Uv Andacht und Der frommen Empfindm^. Man har, indem man die Sache recht gut zu machen meinte, etwas sehr Verkehrtes und nur dem oberflächlichen Anschein Entsprechendes gesagt , wenn man oft die Meinung geäußert hat, als sei der Demsche Gottesdienst ganz besonders ein Bedikssniß der Gebildeteren unter den Juden, als sei es besonders der Wunftlder Vornehmeren, der auf seine Einführung gerichtet ist, und als fei damit der Masse der Juden wenig gedient. Diese Behauptung beruht zunächst auf einem faktischen Jrrthume. Denn, wenn es gleich hier, wie allenthalben, nach der Natur der Umstände, in der Regel Gebildetere und Bemitteltere sind, die für eine neue gottesdienstliche Einrichtung thätig sind, die sie zuerst begründen und leiten, so hat doch die Erfahrung allenthalben gezeigt, daß es nach dem Verlauf weniger Jahre, nachdem der Reiz der Neuheit verschwunden unb die Lust des Schaffens abgestumpft war, das religiöse Bedürfniß der niederen, weniger gebildeten Klaffen war, das die Tempel und die Andachtssale vorzugsweise füllte. Wenn aber auch Diejenigen, die das Bedürfniß der Veränderung zuerst empfanden, Solche waren, die einen