Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1833)
- Issue
- Heft 11 (9.7.1833)
- Date
- 1833-07-09
- Page
- Seite 88 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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88 ma's, an welchem der Staat Anstoß nehmen, durch die Anmchme neuer Lehren, die er bedenklich finden, dupctz die Gründung einer neuen Religions - Gesellschaft, gegen die er Einwendungen machen könnte, bedingt? Liegt von dem Allen etwas in dem Gebrauch der Muttersprache? Das zunehmende dringende Bedürfniß nach demselben geht zunächst aus dem Umstande hervor, daß das Verständniß der hebräischen Sprache immer seltener, daß beim Jugendunterrichte weniger Zeit und Mühe, als sonst, darauf verwandt wird, was wiederum in der natürlichen Richtung der Geister in unseren Tagen seinen Grund hat. Doch hat jenes Bedürfniß noch einen zweiten tieferen Grund. Jede Religionsgesellschaft hat neben ihrem ersten, wesentlichen Zweck , dem der Befriedigung des religiösen Sinnesder Erweckung der Andacht noch einen zweiten, den sie mit allen irdischen Bestrebungen thetlt, den der äußeren, sichtbaren Gestaltung ihres Daseins mit scharf unterscheidenden Merkmalen und fest zusammenhaktenden Bindungs- Mitteln. Dieses Streben ist allen Religionen von jeher auf gleiche Weise eigen gewesen und, wenn man es bei der Religion der schwächet!, besonders der unterdrückten Minorität, wie bei den Christen der ersten Jahrhunderte, bei den Zuden, seitdem sie unter der großen Mehrheit von Christen leben, *) meist in höherem Grade hat wahrnehmen wollen, so beruht das theils darauf, daß hier die Erhaltung des Bandes größere Anstrengung, größeren intensiven Kratzaufwand vorausseht , theils auf der kindischen Täuschung, daß man selbst die allerpositivsten Formen der RelWn der Mehrheit, als das Natürliche, Allgemeine, sich von selbst Verstehende und die der Minderheit im Gegensätze zu ihr als etwas recht Absonderliches betrachten Diese zweite, auf Selbsterhaltung abgesehene Tendenz nun, die wir das äußere, weltliche, politische Moment des Kirchenlebens nennen möchten, kann mit ftnem inneren, wesentlichen, heiligen Zwecke in Zwiespalt gerathen. Das äußere Bestehen einer Kircheder Glanz oder die Festigkeit ihrer Formen, können ans Kosten ihres lebendigen Geistes befördert werden;»das feste Haus, *) Zur Zeit ihres Staatslebens waren die Juden bekanntlich nur zu geneigt, sich gegen die Einheit des vorgeschriebenen Gottesdienstes aufzulehnen. ' das man der Religion gebam, kann zum Kerker der Empfindung werden, daß fie sich nicht frei regen und bewegen kann, das Gerüste des Glaubens steht dann im äußeren Leben, in der sichtbaren Welt, deutlich und unerschütterlich da; aber die Seele ist daraus gewichen, die Beziehung auf das innere Leben entschwindet mehr und mehr; die Kirche wurzelt nicht mehr im Gemüthe der Menschen. Dieses Verhältnis stellt sich am sthärfsten in der Sprache dar, deren sich der Gottesdienst bedient. Die Kirche war immer geneigteine andere Sprache, als die des gewöhnlichen Lebens zu reden, sich durch ein anderes Organ, durch eine heilige Sprache von der Sprache des profanen Lebens, und von diesem Leben selber aufs schärfste zu sondern, fühlend, daß eine besondere Sprache mehr als irgend ein anderes., ein besonderes Leben zu bilden vermag. Aber diese Sprache ward von den Bekennern des Glaubens immer weniger und weniger verstanden, und so glich das Gebet am Ende dem stummen Ausdrucke der Empfindung, dem erpreßten Seufzer und dem gedankenlosen Angstgeschrei der leidenden Seele; die klare Quelle des verständlichen Worts, die Leberrsquelle der Gedanken der Andacht war versiegt. Die lateinische Messe wie das hebräische Gebet waren nur der Ausdruck der Kirche und der Synagoge, nicht des betenden Gemüthes, das fle nicht verstand; sie glich mehr einem gegebenen Symbole, mit welchem sich ein gegebener Sinn verband, als der freien Ergießung der Seele gegen ihren Schöpfer. Ein solcher Zustand muß aber, so wie das Religiöse sich auf den Gottesdienst zu beschränken anfängt und nicht mehr das ganze Leben in allen seinen RichtMMN durchdringt, zur Abstumpfung des religiösen Gefühls, zur Versiegung der Quelle der Religion in den Gemüthern ihrer Bekenner führen, wenn fie nicht durch eine kräftige Reaktion der Andacht gegen die Form, der Empfindung gegen das Ritual,»des Glaubens gegen die Kirche gerettet würde. - Lme solche Reaktion war innerhalb der christlichen Kirche die Reformation des sechszehnten Jahrhunderts; sie war eine Wiederbelebung des religiösen Elements; welches mit verjüngter Kraft das glänzende Todtenhaus zersprengte, in welchem die kacholische Kirche den Glauben gefangen hielt. W ist daher eine schiefe, oberstäch-