Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1833)
- Issue
- Heft 10 (25.6.1833)
- Date
- 1833-06-25
- Page
- Seite 79 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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70 nicht vorzugsweise in den höheren Stander; finden. Wenn es eine überaus verächtliche Ansicht ist, welche die positive Religion als eine Sache der weniger gebildeten Stände betrachtet/ welcher die Vornehmeren sehr wohl entrathen körmen, so ist auch die damit nahe zusammenhängende Ansicht nicht minder leer und verwerflich, die es für die gebildeteren Ständen angemessener hält, sich zu der herrschenden Religion zu bekennen. Es ist sicherlich wenig übertrieben, wenn wir behaupten, daß in Preußen kaum eine einzige vom Zudenthume zum Christenthume übergegangene Familie ist, von welcher nicht ein oder das andere Mitglied in der so weit ausgedehnten Sphäre des Staatsdienstes eine Karriere gemacht hat oder zu machen sucht, die ihm sonst verschlossen sein würde, und daß es ganz in der Regel ein solches Verhältniß, eine solche Alternative ist, welche den Uebertritt Einzelner und dann ganzer Familien veranlaßt. So bedeutend daher im Verhältniß die Summe der Intelligenz, des Wissens, der Bildung und des mit diesen durch Familienbande verknüpften Reichthums ist, die allmälig aus dem Zudenthume ausgeschieden, so überaus geringfügig ist die Anzahl der übergegangeyen Individuen, nach dem Maßstabe der Gesammtr zahl der jüdischen Bevölkerung gemessen: so daß sie bei weitem nicht hinreicht, um den gewöhnlichen. Ueberschuß der Geburten über die Sterbefalle auszugleichen: eine Thatsache, über welche in einem Korrespondenzartikel aus Preußen in einem Englischen Joukttal sAr Judenbekehrung (the friend of Israel) vor einigen Jahren eine sehr naive Klage geführt worden ist. So erfolgreich das Streben, Proselyken zu machen, von Seiten der Staatsgewalt gewesen ist, so erfolglos war es, trotz aller aufgewandten Bemühungen, von Seiten des Berliner Bekehrungs- Vereins, welcher seine Thäeigkeit auf die niederen Stände, Ln welchen ihm eine festere, aufrichtigere religiöse Gesinnung entgegentE, richtete: so daß jener Verein gänzlich in Verfall Machen und in diesemAugenblicke als aufgelöst oder der Auflösung nahe zu betrachten ist. Wenn man die Jahresberichte dieses BerMs liest und sich aus dem überaus läppischen Tone, dW in demselben vorherrscht, überzeugt hat/ wie leicht eine Täuschung feiner Emiffaire aus eigennützigen Absichten möglich gewesen wäre, so hat man alle Ursache/ sich zu freuen, daß die rekigröß' Leichtfertigkeit, das gleichgültige Spiel mit Glaubensformen noch nicht von den höheren in die niederen * Stände hinab sich verbreitet hat: es wäre das schrecklichste, was man sich denken kann^ wenn je ein Ver- . fahren, welches bei Jenen den Zwecken des Ehrgeizes dienen muß, von diesen nachgeahmt, gar zu einer Geldspekulation würde. ' * Was nun aber in solchen jüdischen Kreisen^ welchen diejenigen angehörten, deren Ehrtiebe durch das Gesetz von-1812 angeregt und durch dessen Ber^ letzung zur Aenderung des Glaubens genöthigt worden, für eine Gesinnung'und für ein Gemüthszustand in Folge dieser Verhältnisse herrschend geworden — ich wünsche, daß sich Jeder davon durch den Augenschein überzeugen möge, der die Folgen des Systems der religiösen Bevorrechrung nicht kennt. Eine solche Abstumpfung gegen die heiligste Angelegenheit des menschlichen Gemüthes, eine solche frivole Ansicht von jeder kirchlichen Gemeinschaft und Beziehung, eine so^e gründliche Anerkennung des Einflusses äußerer Gewalt und äußerer Interessen über mmat lische und religiöse Ueberzeugrmg, ein solches Uebertäuben der Stimme des Gewissens und der Aufrichtigkeit, durch Sophismen aller Art, wie wir sie hier bei den Meisten wahrnehmen, die nicht Geisteskraft genug besitzen, um ihre Denkweise von der Einwirkung der Verhältnisse und ihrer Umgebungen frei zu erhalten, möchten wir schwerlich irgendwo in dem Maße wiedzrfinden. Dieser Anblick ist um so trauriger, wenn wir uns daran erinnern, daß es gerade die Hauptstadt Preußens war, von welcher vor 50 Jahren der Impuls zu einem mächtigen Fortschritte in der religiösen und intellektuellen Kultur der Juden ausging. Ihr Fortschritt ist durch die traurigsten Einwirkungen gerade hier gehemmt worden.' alle Intelligenz ist gewaltsam losgerissen worden; es fehlt oft an Fähigkeit, an Muth und an Hoffnung, selbst um das vorhandene Gute zu pflegen und zu fördern; auch ist die nothwendigste Verbesserung des Kultus, wie wir später ausführlicher darstellen werdm, gewaltsam unterdrückt worden. Die wenigen Talente, die jeder erfreulichen Existenz entsagt haben und treu geblieben find, sitzen in wundervoller Einsamkeit auf den Trümmern zerstörter Hoffnungen, 11* %