Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1833-06-18 · Heft 9 (18.6.1833) · p. Seite 75

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1833)
Issue
Heft 9 (18.6.1833)
Date
1833-06-18
Page
Seite 75 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2542348-2542349-2542359--324-3526831
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

75 auf die ersten Jahrhunderte der Geschickte des Christenthums blicken, da es im Widerstande gegen die Machthaber der Erde, ihre Gebote und ihre Verführ ruugen — so wie späterhin und jetzt noch unsere Religion — seinen Werth und seine Standhaftigkeit erprobte; wenn wir sehen, wie es gerade in dem Welttheile, wo es zuerst das Bündniß mit der Gewalt gelüst und sich mit der Freiheit vermählt hat, in Nordamerika, die andächtigsten und eifrigsten Verehrer zählt. Wenn ich ein Christ wäre, ich würde auf diese Erscheinungen für meine Religion stolz sein und „würde mich schämen, von ihrer Herrschaft" in Preußen und anderen Staaten reden zu hören. Wenn wir auf diese Weise das Verfahren einer christlichen Negierung in den Angelegenheiten ihrer Religion zum Gegenstände unserer Beürtheilung zu machen wagen, weil ww diest zur Ehre der Wahrheit nicht umgehn zu dürfen glauben, so werden uns vielleicht Manche einwenden, daß uns der christliche Standpunkt, weicher jene Beurtheilung erfordere, abgehe. Wir können darauf freilich keinen Anspruch machen; indeß glauben wir, daß es einen Standpunkt der Wahrheit, der Sittlichkeit, des religiösen Vewußtseiys.Siebt, den der Christ, wie der^Zude anzuerkennen genöthigt ist, und über den Alle, die es aufrichtig meinen, sich leicht verständigen können. Mag unser besonderer Glaube sein, welcher er wolle, wenn wir mir überhaupt an ein höheres Wesen und an eine Beziehung der Menschen zu ihm glauben, so müssen wir wollen, daß die Aufrichtigkeit und Lauterkeit dieser Buchung durch keine unlautere, niedere Rücksicht getrübt werde, daß. sich Trug und Heuchelei nicht in die heilige Sache der Religion und ihres Bekenntnisses mischen, daß der Akt der Atteikennm^ religiöser Wahrheit nicht durch die mit ihm mindestens zusammentreffenden Motive im Gemüthe selber getrübt und in den Augen der Welt verdächtigt werde. Von diesem einfachen Standpunkte gehen wir bei unserer Beurtheilung aus, und wir wüßten nicht, in wie fern der christliche Standpunkt von diesem abweichen könnte. Daß die Religion geachtet werde, daran ist den Bekennern einer jeden Religion gelegen, uns aber noch aus dem besonderen Grunde, weil an unserer Unterdrückung heutzutage in der That die Religions-Verachtung nicht minderen Antheil nimmt, als der Fanatismus; weil sie nicht nur von Denen festgehalten wird, denen das Dasein einer von der ihrigen abweichenden Religion ein Aergerniß ist, sondern auch von Solchen, denen es überhaupt zuwider ist, daß ein religiöser Glaube mit solcher Treue festgehalten wird und sich den Umständen nicht fügen will, und wir wissen nicht, welcher Widerstand der schwerer zu besiegende ist. Wir sind mithin vielfach dabei betheiligt, der durch jenes Verfahren in hohem Grade geförderten Religions-Verachtung uns entgegenzustellen, und hakten diese nicht für die am wenigsten verderbliche Folge des religiösen Druckes. Meine Verhältnisse haben mir öfter, als den meisten Anderen, Veranlassung gegeben, von den achtbarsten, redlichsten Männern christlichen Glaubens die Ansicht aussprechen zu hören, daß da, wo der Staat an die Annahme der herrschenden Religion die Gewährung einer Stellung im bürgerlichen Leben knüpfe, ohne welche uns jede nützliche Wirksamkeit entzogen sei, — baß wir da Wahrheit und Ueberzeugung Niemanden schuldig sein, daß der Uebertritt da keinen Glauben erfordere und bedeute, sondern nur eine abgedrungene Form fei. Daß diese Ansicht die Gemächer Mancher, die sich in dem bezeichnten Falle befanden, gewinnen mußte, war natürlich; aber wehe, wenn sie um sich griffe, wenn ihre Sophismen es vergessen machten, daß wir die Wahrheit nicht nur den Menschen, sondern auch Gott und uns selber schuldig sind! Die Bürgschaft, welche der Staat in dem religiösen Glauben seiner Angehörigen sucht, würde dann an ihrer Quelle vergiftet, in ihrem innersten Wesen zerstört sein. Wenn der Glaube an objektive dogmatische Wahrheit in religiösen Dingen in unseren Tagen etwas wankend geworden, so ist es um so wichtiger, daß die subjektive moralische Wahrheit der religiösen Ueberzeugung und das Vertrauen auf dieselbe heilig und rein erhalten werden, wenn nicht jedes religiöse Bewußtsein im Strudel der Verhältnisse, in dem überfließenden Strome des Egoismus untergehen soll. Als Furcht und Dogma die Menschen noch in eisernen Banden fesselten, da war dem Leichtsinne wenig Spielraum gelassen; jetzt aber, wenn er nicht durch Gewissem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.