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Der Jude · 1833-06-18 · Heft 9 (18.6.1833) · p. Seite 73

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1833)
Issue
Heft 9 (18.6.1833)
Date
1833-06-18
Page
Seite 73 (sequence 5)
Language
German
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/ 73 eingreifendsten Wichtigkeit, auf deren Beantwortung Ln dem uns vorliegenden Faste mehr als in irgend mrem anderen ankam. Es war hier dem Staate, »venn er sich zum Werkzeuge der Bekehrung machen wollte, ein größerer Spielraum, eine Hoffnung größerer Erfolge, als je, gegeben. So lange die Aussicht aus eine freiere Bewegung einer Religionsparthei verschlossen ist, fügen sich ihre Mitglieder, so gut sie können, Ln die Beengung; sie richten ihren Lebensplan darnach ein; die Kräfte, die eines edleren Aufschwunges fähig sind, bleiben unentwickelt; ein äußerer Drang nach der Annahme der herrschenden Religion tritt daher nur in wenigen Fällen ein. Hier aöer war eine weite Aussicht eröffnet worden; viele Hoffnungen und eine große Anzahl von Talenten hatten sich ihrer bemächtigt, und hatten, theils im festen Vertrauen auf ein königliches Wort, rheils die Erfüllung einer weniger bestimmten Verheißung von der Güte ihres Monarchen hoffend, ihre ganze Zukunft, ihr ganzes Lebensglück darauf gebaut. Man brauchte ihnen jene Aussicht nur durch ein Machtwort wieder zu entziehen und man fetzte sie in die bedenkliche Lage, auf Ehre, Wirksamkeit und Auskommen zu verzichten oder die herrschende Religion mmehmm zu müssen. Man muß gestehen, daß, wenn der Staat es sich zur Aufgabe gemacht hat, unter einer dissentirenden Religionsparthei Proselyten zu werben., er eine reichere Ausbeute, als ihm die Blüthe des Talents und des Wissens einer ganzen Generation, derselben darbot, nicht finden konnte. Wenn wir nun die Bedeutung, die der Forderung des Religionswechsels und ihrer Gewährung unter solchen.Umständen inwohnt, zu charakterisiren suchen, so müssen wir uns dagegen verwahren, als wenn wir damit die Berurtheilung jener Männer, die in großer Anzahl in Folge ihres Religionswechsels die erwünschte Stellung erhalten haben, — es Hiebt auf den verschiedenen Preußischen Universitäten zwischen 20 und 30 Professoren, die von der jüdischen^ Religion zur christlichen übergegangen sind und außerdem eine verhaltnißmaßige Anzahl von Beamten in allen Zweigen des Staatsdienstes — beabsichtigten. Jede Berurtheilung der Art, jedes Urtheil über die That eines Einzelnen, über welche er nur Gott und seinem Gewissen Rechenschaft schuldig ist. liegt weit außer unserer Sphäre, und man hat uns mißverstanden, wenn man in. früheren Aeußernngen Ae Anmaßung eines solchen Urtheils hat finden wollen. Wir haben es nicht mit dem inneren, moralischen Werthe der Handlung, in so fern sie die des Einzelnen ist, über welchen wir nicht zum Richter berufen sind, sondern wir haben e§ mit ihrer äußeren Geltung und Bedeutung, mit dem Charakter, welchen sie durch die au sie geknüpften Folgen in den Augen der Welt gewinnt, mit ihrer Beziehung zur Religiosität und zur Moralität der Massen zu thun. Es wäre ja denkbar § daß bei allen Denen oder bei dm Meisten, die sich in dem angegebenen Falle befanden, die innere religiöse Ueberzeugung mit dem äußeren Vortheile auf denselben Weg geführt hat: das wäre ein glücklicher Zufall, würde aber die Sache in nichts andern. Wenn auch auf der Folter noch so oft — wie es gewiß der Fall war — und wenn selbst immer die Wahrheit bekannt worden wäre, so würde das die Folter doch nicht rechtfertigen, deren Qualen Lüge so gut wie Wahrheit hätten erpressen können; und im Falle der Lüge wäre es der Folterer, nicht der Leidende, > den wir verdammen müßten. Wenn es ungeziemend ist, die That des Einzelnen, die an sich nicht schlecht ist, deren Charakter vielmehr bloß durch ihre Motive bestimmt wird, durch Verdächtigung ihrer Motive in ein nachtheiliges Licht zu stellen, so sind wir sowohl berechtigt, als verpflichtet, das offene Verfahren des Staates, wenn dieser die ihm zum Heile Aller anvertraute Gewalt mißbraucht zur Demoralisation der ihm Untergebenen, zur Verwirrung der Meinungen über Recht und Unrecht, über Wahrheit und Trug, einer strengen Prüfung zu unterwerfen. — Wenn die Folge jenes Verfahrens in nichts anderem läge, als in den Ansichten über den Religionswechsel, welche sie bei den Betheiligten sowohl als in der öffentlichen Meinung überhaupt erzeugt, so könnten wir scholl mit vollem Rechte sagen, daß es für die Religiosität vergiftend, daß es die Religion, anstatt sie zu heben, zu etwas Gleichgültigem und, wenn es möglich wäre, zu. etwas Verächtlichem zu machen geeignet ist. Die. immer wiederkehrende Beziehung der Religion zu äußerem Vortheil, der m Preußen sich täglich wiederholende Fall, daß die Annahme des Christenthums als die

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